Kapitel 13. Faire l"™amour (Liebe machen)
Als Valerie am nächsten Morgen in einem fremden Bett erwachte, lag sie auf dem Rücken, blickte an die Decke und hatte zunächst Orientierungsschwierigkeiten. Im Halbdunkel des Raums war wenig zu erkennen, nur an der Decke ein paar kleine Lichtstreifen, offenbar der Widerschein der Leuchtreklame auf der Straße. Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Buntes Neonlicht, die Stadt, die Kneipen, das Künstlerviertel. Sie lag in Narbonne im Bett mit einem Mann, der ebenso nackt war wie sie selbst. Denis, der Maler. Sie horchte auf seinen Atem, er schien zu erwachen, sie spürte seine Hand, die versuchte, sie zu sich heranzuziehen, er sprach aber nichts. Sie ließ es geschehen, rückte ein wenig zu ihm heran, zögerte dann, sperrte sich...
Shit, dachte sie, merde alors, scheisse, ich habe es wieder getan. Ohne es eigentlich zu wollen. Oder etwa doch?? Hab ich es gewollt oder nicht?? Sie wusste es im Augenblick wirklich nicht. Egal, dachte sie, es ist jetzt, wie es eben ist, es ist geschehen. Bin wieder einmal mit einem fremden Mann zusammen ins Bett gestiegen.
Mehr fiel ihr im Augenblick nicht ein. Sie wusste, es war Denis, aber sie wusste nicht, ob sie jetzt etwas zu ihm sagen sollte, wie er anzusprechen war, ob sie überhaupt sprechen sollte. Wieder mal war ihr Kopf ganz leer. So seltsam es klingt, aber ihr fiel in dieser Minute, als sie zur Decke starrte, kein passendes Gesprächsthema ein. Was tut man, in so einer Situation? Sie wartete erst einmal ab, streckte sich dann, schaute zu seinem Kopf hinüber: Ein dunkler Lockenkopf, ja es war Denis, und er schien auch wach zu sein. Beide schwiegen noch eine ganze Weile.
"Tu as bien dormi?" (hast du gut geschlafen?) fragte er dann leise. Klar, was soll man sonst fragen im grauen Halbdunkel eines Morgens, wenn man zum erstenmal zusammen mit einem neuen Partner aufwacht und noch nicht so richtig wach ist, aber doch dem anderen doch zeigen will, o.k., man ist wach, ich bin da, ich habe dich wahrgenommen, also gibt man irgendein kurzes Lebenszeichen und sagt was, irgendetwas belangloses.
Wieder streckte sie ihren Körper, berührte ihn, spürte seinen nackten Leib, seine Wärme war ihr angenehm. Immerhin kannte sie seinen Namen, Denis, der Maler. Und es war die eigene Entscheidung gewesen. Ja, ja, doch, sicher, was sonst, es war ihre eigene Entscheidung gewesen, mit ihm raufzufahren in den vierten Stock. Sie erinnerte sich jetzt genau. Der ruckelige alte Aufzug, das Schild an der Türe: Denis Jardinier, peintre artiste.
Sein Atelier hatte er ihr noch zeigen wollen gestern Abend, einige seiner neuen Arbeiten. Richtig eingeredet hatte er auf sie.
"Ich spüre, wir haben was gemeinsam. Du bist auch so eine, die immer etwas sucht, was sie nicht erklären kann. Immer unzufrieden, immer auf der Suche, hab ich Recht?". Er habe es gleich bemerkt, sie hat den Zugang zu seiner Kunst, sie wisse genau was ihn als Künstler antreibt, sie seien zwei Seelenverwandte. Valerie sagte nichts, wusste keine Antwort.
Sie bekam überhaupt nicht mehr viel mit von seinen vielen Worten gestern Nacht, sie wußte nur noch, wie sie sich intensiv und lange geküsst und dabei gegenseitig ausgezogen hatten, besser gesagt sie rissen sich im Stehen die Kleidungsstücke vom Leib, er stolperte, fand dann aber irgendwie aus seiner Hose und dann hatte sie seinen Penis in der Hand; ein prächtiger Schwanz, sie ging vor dem Mann in die Hocke, kniete vor ihm und hatte sein edelstes Teil im beiden Händen, er grunzte vor Vergnügen. Dann hatte sie es endlich geschafft, den Reißverschluß in ihrem Rücken unfallfrei herunterzuziehen, das Kleid glitt runter und fiel zu Boden wie alles, was sie dann noch am Leib hatte.
Jetzt in ihrer Nacktheit musste sie natürlich in die Offensive gehen und die Frage stellen. Und genau diese Frage stellte sie auch jetzt wieder, am nächsten Morgen nach dieser Liebesnacht:
"Alors comment tu trouves de baiser une transsexuelle..?" (also sag schon, wie findest du es, eine Transsexuelle zu vögeln?) hatte sie dann ganz provokativ gefragt, und diese Frage wiederholte sie jetzt: "c"™était bon pour toi ou non?" (war das gut für dich oder nicht?)
Dann fragte sie weiter, in scharfem, fast aggressivem Ton: " Dis-donc, comment as-tu su, que je suis si"¦speciale par-là ?", und deutete mit einer Hand auf ihren Unterleib. (sag mal, woher hast du eigentlich gewusst, dass ich dort so"¦ speziell bin?)
Er blieb cool. Sie habe schon eine gewisse Bekanntheit in Narbonne, zumindest in den Künstlerkreisen, in denen er sich bewegt. Du bist schon bekannt in Künstlerkreisen, sagte er, man weiß Bescheid über dich in der Szene, aber deshalb habe ich dich gewiss nicht raufgebeten zu mir, das kannst du mir glauben. Und übrigens haben wir gar nicht richtig Liebe gemacht, nur so ein klein wenig, so rumgespielt, richtig gevögelt haben wir nicht"¦
Das war"˜s erst mal für heute. Was Denis mit seiner Bemerkung meinte, und wie es überhaupt weitergeht zwischen den beiden, erfahrt ihr frühestens in einer Woche, wie immer hier in diesem Theater.
Liebe Grüße,
Valerie
