Vielen Dank für die umfangreichen Posts!
In meinen Kopf braut sich eine Idee zusammen, die schwer in Worte zu fassen ist.
Geschlecht spielt sich auf zwei Ebenen ab. Zum einen die rein körperliche. Das ist die Ebene, auf der klassischerweise die Geschlechtszuordnung von außen stattfindet, die allen Variationen zum Trotz bei mehr als 90% aller Menschen relativ eindeutig ist.
Dann gibt es aber eine psychische Ebene. Auch auf dieser Ebene findet Geschlecht statt. Weiter vorne habe ich bereits geschrieben, dass ich den Ausdruck "Geschlechtsempfinden" eher unglücklich finde. Ich würde lieber von "geschlechtlicher Selbsteinordnung" reden. So wie andere uns anhand äußerlich wahrnehmbarer Kriterien in das binäre Geschlechtersystem einordnen, sortieren wir selbst uns dort auch ein. Die Kriterien sind teilweise die selben, teilweise sind sie aber für Andere garnicht wahrnehmbar und selbst für uns nur schwer bis garnicht zu benennen.
Wir haben in den vorangegangenen Posts viel über das Gehirn gelesen und vielleicht auch im Video gesehen. In anderen Posts war auch davon die Rede, dass ein bestimmtes Gen Transsexualität begünstigen würde. Ich verstehe durchaus, dass bei einigen der Wunsch nach einer absoluten, unumstößlichen und diagnostizierbaren Ursache besteht, die zwangsläufig zur Transsexualität führt. Die gibt es nach meiner Einschätzung aber nicht. Wenn Hormonchaos während der Schwangerschaft zur Transsexualit führt, dann müßten Zwillinge eigentlich immer cis- oder immer trans sein. Es gibt zwar einige Berichte über transgender Zwillinge, die diese These stützen würden, die relativ geringe Zahl lässt aber vermuten, dass es deutlich mehr Zwillingspaare gibt, die cis- und trans gemischt sind. Auch das Gen scheint mir nicht ganz plausibel. Gene sind vererblich. Ist TransX vererblich? Es mag Anhaltspunkte geben, aber im Zweifel wäre dies ein Gen, welches sich selbst ausrottet.
Ich vermute die Hintergründe sind wesentlich komplexer. Hormonchaos im Mutterleib mag eine Rolle spiele, Gene auch, natürchlich auch unsere Chromosomen, aber es sind noch wesentlich mehr Faktoren, die unsere geschlechtliche Selbsteinordnung bestimmen. Sozialisierung, Schlüsselerlebnisse, gespiegelte Außenwahrnehmung, körperliche Merkmale, Signale des Körpers, Identifikationsfiguren... .
Die Idee lässt sich am besten mit einem Bild beschreiben. Den Begriff "Mosaikstein" möchte ich hierfür nicht verwenden. Ein Mosaik fügt sich zusammen, was wir erleben läuft eher chaotisch ab:
Irgendwo in einer tieferen Bewusstseinsebene, tief genug, dass wir sie nicht aktiv beeinflusses können, aber nicht so tief, dass wir sie nicht ohne Tiefenpsychologie wahrnehmen könnten, gibt es eine große weiße Leinwand. Auf diese Leinwand werden (gegenstandslose) Farbkleckse geschleudert. Rote oder blaue. Sieht die Leinwand im Gesamtüberblick blau aus ist die geschlechtliche Selbstwahrnehmung männlich. Ergibt die Gesamtschau ein rotes Bild, ist die Selbstwahrnehmung weiblich.
Wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt, ist die Leinwand zunächst weiß, es sei denn, dass Hormonchaos und Gene möglicherweise bereits pränatal die ersten Farbkleckse erzeugt haben.
Solange ein Kind noch nicht verstanden hat, dass es selbst ein Individuum ist, macht eine geschlechtliche Selbstwahrnehmung gar keinen Sinn. Wenn im Laufe des dritten Lebensjahres die "Ich- Erkenntnis" einsetzt, erfolgt in der Regel auch bald die Zuordnung zu einem der Hauptgeschlechter, wobei sich diese Zuordnung vermutlich in erster Linie auf sehr deutliche Hinweise durch Dritte stützt. (ein sehr ausführlicher Artikel, den ich nicht in jedem Punkt teile, der aber wichtige Anhaltspunkte aufführt
https://www.eltern-bildung.at/expert-in ... i-kindern/). In der jetzt beginnenden Sozialisierungsphase ist das Kind darauf angewiesen immer wieser bei anderen abzuschauen und sich an diesen zu orientieren.
Ich bringe zur Erläuterung einige Beispiele aus meiner eigenen Vita:
In der Grundschule bekamen wir eine neue Klassenlehrerin. Diese ließ die Klasse eine Vorstellungsrunde machen. Als mein Tischnachbar fertig war blickte Sie mich an und sagte als Aufforderung mich vorzustellen "Nachbarin?" Sie hatte mich glatt für ein Mädchen gehalten, was mit Blick auf alte Klassenfotos und einheitliche Pilzkopffrisuren im Nachhinein durchaus verzeihlich erscheint. Dieser völlig belanglose Vorfall stellt eine der wenigen Erinnerungen an meine Grundschulzeit dar, er dürfte einen kräftigen roten Klecks auf meiner Leinwand hinterlassen haben.
Die Fußballweltmeisterschaft 1974 löste bei den heranwachsenden Jungen einen wahnsinns Hype aus. Sobald sich mehr als zwei irgendwo trafen, wurde Fußball gespielt. Keine Fensterscheibe, keine Dachpfanne, kein Aussenspiegel war vor den kleinen Seelers und Beckenbauers sicher. In jeder Pause und auch im Sportunterricht, sobald das Pflichtprogramm absolviert war, musste Fußball gespielt werden. Wer etwas auf sich hielt war selbstverständlich im Fußballverein. Ich konnte dafür wenig Interesse und noch weniger Talent aufbringen. Wenn von den Alphafussballern abwechselnd die Mannschaftsmitglieder ausgewählt wurden, kam ich regelmäßig als letzter dran. Wenn die Mannschaften anschließend nicht gleichgross waren, kam es oft genug vor, dass ich mit den Mädchen Völkerball spielen musste. Schon wieder rote Kleckse.
Weil es an der Grundschule nur einen einzigen männlichen Lehrer gab, der gleichzeitig Direktor war, aber auch zwei linke Hände hatte, gab es keinen Werkunterricht sondern Handarbeiten für alle. Für mein selbstbesticktes Nadeletui wurde ich von der Handarbeitslehrerin vor der ganzen Klasse gelobt. Ein roter Klecks.
Mit Neid lese ich hier immer wieder Erzählungen, dass mensch als Junge von Mutter/ Schwester/ Freundin zu Fasching zum Mädchen "gemacht" wurde. Ist mir leider nie widerfahren, reicht aber mit Sicherheit für einen riesigen roten Klecks.
Es gab natürlich auch blaue Kleckse. Wenn ich, weil alle Stürmer sein wollten, im Tor stand und tatsächlich mal einen Ball aufgehalten habe, wenn die Alphafussballer anerkennend mein erstes selbstgebautes Baumhaus bestaunt haben oder wenn ich, weil einfach nichts verfügbar war, was als Fussball zu gebrauchen gewesen wäre, mit ein oder zwei Klassenkameraden einfach mal ein "Jungsabenteuer" erlebt habe.
Das klingt jetzt alles sehr klischeehaft. Aber aus meiner Sicht haben wir uns in der Sozialisierungsphase an den damals gängigen Geschlechterklischees orientiert, uns dort irgendwie eingeordnet und unsere Leinwand entsprechend bestückt.
Mit der Pubertät beginnt der Körper dann sehr deutliche Farbkleckse zu erzeugen. Die erste Erektion, die erste Menstruation. Anders als in der Sozialisierungsphase ist der Mensch nicht mehr auf äußerliche Hinweise angewiesen, sondern spürt ein Geschlecht (oder zumindest etwas, was einem Geschlecht zugeschrieben wird), direkt im eigenen Körper. Testosteron oder Östrogen setzen deutliche Zeichen, auch wenn Hormonchaos gerade in dieser Phase auch nicht ausgeschlossen ist. Zwischenmenschliche Beziehungen oder die ersten sexuellen Erfahrungen geben ihr Übriges dazu.
Mein Erstkontakt mit weiblicher Kleidung mit etwa 14 Jahren hat dann wohl doch wieder deutliche Rotakzente gesetzt. Diese erste Crossdressing- Phase, war mit 16 allerdings schon wieder vorbei, als ich mich heftig in eine Mitschülerin verknallte, was für eine längere blaue Phase sorgte, der erst mit Mitte 20 und sturmfreier Bude eine heftig rote Phase folgte. Diese Phase war dann mit Ende 20 wieder vorbei, als ich meine Frau kennenlernte und sich alsbald die Kinder dazugesellten.
Es ist mir noch nicht ganz klar und vermutlich individuell unterschiedlich welche Faktoren rote Kleckse machen und welche blaue.
Was passiert mit Jungen, die einen prügelden, saufenden, als Vorbild völlig ungeeigneten Vater haben? Was passiert mit Jungen, die ohne Vater nur mit Mutter und Schwestern aufwachsen. Neigt ein Kind, das behütet und verhätschelt aufwächst zu roten Kleckes, während ein anderes, das früh auf sich allein gestellt ist, sich durchschlagen und behaupten muss eher blaue Kleckse bekommt?
Gewinnen ist gemäß Rollenklischee eine typisch männliche Zielsetzung, Nachgeben eine typisch weibliche Eigenschaft. Gibt das bunte Kleckse?
Sicher erscheint mir aber Folgendes: Wenn wir jung sind und nur wenige Kleckse auf der Leinwand haben, ist das Bild übersichtlich, eindeutig. Die Farben sind kräftig und unverwässert. Daher fällt es Kindern so leicht ohne Zweifel ihr Geschlecht zu bestimmen, auch wenn dieses mit dem Eintrag in der Geburtsurkunde vielleicht nicht übereinstimmt.
Es kommen das ganze Leben über neue Kleckse dazu, aber die Größe nimmt ab, die Farben vergrauen und verwässern. Die kräftigen Kleckse aus der Kindheit schimmern immer durch.
Bei Trägern des Y Chromosoms kommt ein Effekt dazu, der relativ wenig Beachtung findet: Der Testosteronspiegel erreicht irgendwann zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr seinen Höhepunkt und nimmt danach stetig ab. Auch Männer kommen in die Wechseljahre, ohne dies allerdings bewusst zu erleben, da dies ein langsam schleichender Prozess ist und kein abruptes Ereignis wie bei cis- Frauen. (
https://www.gesundleben-apotheken.de/co ... 00811.html). Was häufig abwertend als "Midlife- Crises" bezeichnet wird, wirkt sich nicht nur auf Körper und Psyche, sondern auch auf unsere eigene Geschlechtszuordnung aus. Durch den rückläufigen Testosteron- Spiegel sendet unser Körper keine blauen Kleckse mehr aus, rückläufige Sexualaktivitäten, der Rückgang von Muskelmasse, das (unter) Bewußtsein als Partner für die Fortpflanzung nicht mehr interessant zu sein etc. führen zu einer deutlichen Zunahme der roten Kleckse und dazu, dass das Bild anfängt zu kippeln. Möglicherweise leisten auch Konflikte im Beruf oder im sozialen Umfeld hierbei einen Anteil, indem sie ein Gefühl der Überforderung erzeugen vor den Aufgaben, die nach den gängigen Geschlechterklischees noch zu erledigen sind.
Aus dem Mischmasch von blau und rot zu lila, zu grau lässt sich kein klares Ergebnis mehr ablesen. Es gibt Menschen, denen das egal ist, andere fangen an sich bewusst mit ihrem Geschlecht auseinanderzusetzen.
Das soll keineswegs bedeuten, dass Crossdressing oder Transsexualität "Midlife- Crises- Phänomene" sind. Es bedeutet vielmehr, dass diese Phase im Leben eines Menschen völlig unterschätzt wird.
Interessanterweise erfolgen gefühlte 80% der Neuanmeldungen hier im Forum im Alter von 50 +/-5 Jahren. Ich zähle mich explizit dazu.
Wenn wir jetzt mit +/- 50, seit langer Zeit mal wieder, oder sogar zum ersten Mal, weibliche Kleidung anziehen, Makeup und Perücke anlegen, uns so im Spiegel betrachten und dabei dieses unbeschreiblich gute Gefühl haben, dann gibt es nochmal einen schönen burgunderroten Klecks. Die eigene Geschlechtszuordnung schlägt deutlich nach weiblich aus.
Soweit die "Farbkleckstheorie". Es ist sicherlich noch nicht alles schlüssig und bedarf der Überprüfung, dennoch würde ich den Entwurf einfach mal zur Diskussion stellen.
Liebe Grüße
Helga