Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
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Blossom
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Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
-»Es gibt Dinge, die sind so bescheuert, dass sie schon wieder gut sind-«, murmle ich mit einem kopfschüttelnden Lächeln auf den Lippen vor mich hin, indessen ich — nebenbei ein "ºYoutube"¹-Video anschauend — mir nach dem Feilen noch abschließend meine Fingernägel poliere, um meinem eigentlichen Ziel näherzukommen: dem Lackieren der selbigen. Zehn sich wiederholende Vorgänge, die meine volle Konzentration und mein ganzes handwerkliches Geschick benötigen werden, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß. Inzwischen habe ich die Frage abgehakt, warum ich mir etwas, wie dieses beknackte "ºPeticure"¹ anschaue, denn im Grunde genommen, wollte ich mich während des fein säuberlichen Auftragens der hochglänzenden Farbe mittels süßer Katzenvideos in eine Art der Tiefenentspannung bringen wie sie Swami Vishnu gelehrt hat — einen Zustand, den ich aus gewissen Gründen bei dieser Tätigkeit sehr bevorzuge.
Im ersten Augenblick wollte ich direkt losschreien. Doch schon beim zweiten Blick stellte ich fest: Es ist genial! -»Ist nicht wahr!-«, war mir zunächst aufstöhnend entfleucht, als mir bewusst wurde: Es gibt neuerdings jede Menge Menschen, die ihren Katzen die Krallen lackieren, dass die Farbe Neon gerade richtig angesagt ist und sogar Gel-Kunstnägel!
Mein Blick fällt wie beiläufig auf das Fläschchen vor mir - Bordsteinschwalben-Rot - dessen genaue inhaltliche Zusammensetzung mir nicht bekannt ist. Vermutlich steht auf dem Sockel: "ºKann Spuren von Hetären enthalten"¹. Ich verdränge den Gedanken daran, ob der Hersteller dieser Lackfarbe für das "ºEinstöpseln"¹ des Pinsels demnächst eine horizontale Öffnung auf den Markt bringen oder es bei der schon immer gebräuchlichen, bewährten "ºVanilla"¹-Variante des obigen Einführens bleiben wird.
-»Gelkrallen? Ernsthaft jetzt?-«, stöhne ich heraus, derweil ich mich polierend auf meine linke Hand zu konzentrieren versuche, die mir als Rechtshänderin nicht ganz so präzise arbeitet wie die andere. -»Es gibt tatsächlich Leute, die ihrer Katze Kunstkrallen auf die Krallen kleben?-« Gelkrallen als Pendant zum Gelfingernagel, der bei einem bestimmten Typ Frau schon seit Jahren beliebt ist, geht es mir durch den Kopf, und, einmal mit Heißkleber befestigt, so fest sitzt, dass man ihn nicht wieder runterkriegt, nicht mal mit den Reißzähnen.
Neugierig geworden unterbreche ich kurz die Politur meiner bereits diamanten schimmernden Nageloberflächen und folge auf Instagram dem Haustierkrallentrend unter dem Hashtag "ºpeticure"¹. Als Englischlehrerin verstehe ich natürlich direkt das Wortspiel: "ºpedicure"¹ und "ºpet"¹. Allerdings muss ich bei den Treffern diejenigen aussortieren, die gar nicht ihr Haustier meinen, sondern einfach nur ein Problem mit der englischen Rechtschreibung haben.
Gleich darauf zeigen sich mir Bilder, die auf den ersten Blick verstörend sind. Ich sehe Katzenkrallen in allen möglichen und unmöglichen Farben: Rosa, Hellgrün, Blau "¦ Und zumeist passen die Krallen perfekt zu irgendetwas: Zum Beispiel zur Handtasche der Halterin, zur Augenfarbe der Katze oder zum Futternapf der Mäuse, die zum "ºBarfen"¹ im gleichen Haushalt gehalten werden.
Schnell stelle ich fest, dass dieser Trend nicht nur Freunde hat, im Gegenteil. Er hat fast nur Feinde! Fast jeder, der die lackierten Nägel seines Tieres fotografiert und gepostet hatte, wurde von irgendwem für einen sehr dummen Tierquäler gehalten und von der Netzgemeinde hart angegangen. Auf gewisse Weise taten sie mir trotz der Absurdität leid.
Ich seufze, wissend wie schwer es schon ist mir selbst die Nägel zu lackieren. Einmal durch die Haare fahren, "¦ alles ist ruiniert! An der Tür angestoßen, "¦ futsch! Händewaschen, auf allen vieren durch den Hochflorteppich krabbeln, "¦ und die frischen Nägel sind sofort ein Fall für den Nagellackentferner. Es ist und bleibt eine richtige Fisselarbeit!
Ich betrachte meine Finger und denke an Topsy, meine imaginäre Hausmietze. Ja, ich weiß, dass mich deshalb jeder der mich näher kennt für durchgeknallt hält. Aber was sollte ich schon machen. Eines Tages klingelte es an der Haustür und sie stand da. Sie erklärte mir, dass sie gelernte Bibliothekarin und ich doch Schriftstellerin sei, sie ihr Zuhause verloren und ich doch ganz sicher ein kuscheliges Plätzchen in einem meiner Bücherregale für sie hätte, weshalb sie nun für immer bei mir wohnen würde. Nun, "¦ wie auch immer: Jeder, der wie ich auch einen Stubentiger sein Eigen nennt, weiß nur zu gut, dass so eine Fellnase immer genau das macht, was Frauchen nicht will. Zudem habe ich Haare auf dem Kopf, meine Samtpfote hat sie aber überall, auch direkt neben den Krallen. Ich, die es kaum schaffe meine eigenen Nägel vernünftig zu lackieren, würde jedem, der es schafft, einer Katze ohne Vollnarkose die Krallen zu lackieren, keine Verachtung schenken, sondern höchste Bewunderung. Solch eine Person ist zu Höherem berufen und sollte eigentlich sofort abgeworben werden — sollte als Chirurg arbeiten, vielleicht sogar in der Mikrochirurgie. Ideal wäre auch ein Einsatz als Kunstschmied, als Hochzeitstortenbäcker oder auch als Zahnarzt. Wer einer Katze die Krallen lackieren kann, kann alles. Auch Brillanten schleifen oder die "ºISS"¹-Raumstation reparieren!
-»Ja-«, flüstere ich, derweil ich zum Nagellackfläschchen greife, um zur Tat zu schreiten, gedankenvoll vor mich hin, -»wer dazu fähig ist, dem gehört die Welt ... Aber jetzt los, Blümchen, du hast schon viel zu lang getrödelt.-« Ich drehe das Fläschchen an der Kappe auf, um meine Nägel ihrer wahren Berufung zuzuführen, sie nicht schlicht weiter nur dem Schutz der darunter befindlichen Fingerkuppe zu überlassen. Nun gut, ich gestehe ein, dass man mit ihnen noch viele andere interessante Sachen machen kann: zum Beispiel beim tiefen "ºIn-sich-Gehen"¹, insbesondere beim Riechorgan, das Letzte aus sich herauszuholen.
Voll konzentriert beginne ich die Finger der linken Hand zu lackieren, was ganz gut gelingt, wenngleich ich weiß, dass der Lack nicht lange vorhalten wird. Vielleicht sollte ich mir das ganze schenken. Ich denke daran, dass der natürliche Rohstoff "ºFingernagel"¹ nicht so schnell nachwächst, und es mir fast regelmäßig gelingt, dass er mir bei so unsinnigen Arbeiten wie Hausputz einreißt oder sogar abbricht. Inzwischen verstehe ich meine Ex-Partnerinnen, die, wenn ihnen eben dieses Unheil widerfuhr, zumeist verärgert reagiert hatten. -»Genau deshalb wurden hinterrücks und klammheimlich in irgendwelchen Hinterhoflaboratorien Fingernägel geklont-«, lautete meine Antwort darauf regelmäßig, verbunden mit einem spöttischen Lächeln und mit einem hinweisenden Blick zur kleinen durchsichtigen Schachtel auf dem Schminktisch, in der diese armen Nagelklone in Zehner-Grüppchen gepfercht waren. -»Nun befrei' sie schon! Sie warten nur darauf, mit ihren echten Geschwistern, wiedervereint zu werden!-«
Mittlerweile bin ich selbst Frau geworden und ein bekennender Nageljunkie. Meine letzte Freundin ist daran schuld, geht es mir durch den Kopf, indessen ich beim letzten Finger angekommen bin, zwei Tropfen Nagellack die Oberfläche meines Schminktisches zieren, durch die ich dummerweise auch noch mit der rechten Handfläche gewischt habe. -»Hätte die sich nicht jede Staffel von "ºGermanys Next Topmodel"¹ reingezogen, in der Heidi ihre Mädchen immer wieder für gepflegte Hände und Füße sensibilisierte und hätte nicht so manches Mädchen zuerst beschämt in die Kamera und später zu Boden geschaut, um am nächsten Tag sofort ins Nagelstudio zu rennen"¦wer weiß, ob wir Frauen uns heute noch die Nägeln machen würden-«, brumme ich, nicht ganz unzufrieden mit dem vorläufigen Ergebnis, vor mich hin — unzufrieden weil ich, obwohl er direkt vor mir steht, den klaren Basislack vergessen habe. Aber so ist das eben, wenn man sich von all diesen Krallenlackier-Videos und Fotos ablenken lässt.
Waren früher künstliche Fingerklone und das entsprechende, spezielle Nageldesign eher ein Hinweis auf eine prollige Herkunft und einen furchtbaren Geschmack, so kann es heute gar nicht schrecklich genug sein: Kleine Grablichter auf den Fingern - klassisch roter Nagellack, mit Goldrand an den Fingerkuppen-, bunte Steinchen, Ringe durch den Nagel oder der letzte Schrei: die sogenannten "ºMINXnails"¹: künstliche Nägel, die von kreativem Design nur so strotzen. Den Finger- und Fußnägeln werden keine Grenzen gesetzt. Immer wenn man meint, schlimmer geht"™s nicht, wird man eines Besseren belehrt. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es nicht noch mehr Nagelstudios gibt. Denn laut der offiziellen Statistik gibt es so viele Mädels, die sich tagtäglich ihre Nägel lackieren, da sollte es doch auch viel mehr professionelle Studios geben, geht es mir durch den Kopf, während der erste Strich an der rechten Hand auch schon recht zittrig gerade noch einmal gut gegangen ist. Der Bedarf ist allemal vorhanden.
Vielleicht sollte ich da auch einmal hingehen und mir diesen Stress ersparen, ziehe ich grübelnd in Erwägung, derweil mir beim Eintauchen des Pinselchens fast das Fläschen umgekippt und ausgelaufen wäre. Ich spüre, wie meine Unsicherheit wächst, was sich in einem vermehrten Zittern bemerkbar macht. Es gibt ja solche und solche Studios, denke ich weiter und versuche mich zusammenzureißen, derweil ich bemerke, dass ich dem "ºFünfzig-Sekunden-Trocken-sein-soll-Lack"¹ an der linken Hand wohl zwei Sekunden zu wenig zum Aushärten gewährt habe, was direkt zwei irre Schlieren an den Nägeln meines linken Zeigefingers und Daumen nach sich gezogen hat. -»Warum bin ich dazu einfach zu blöd?-«, zische ich mit einem gepressten Grummeln ungehalten vor mich hin. -»Vermutlich liegt das an dem chemischen Lack- und Klebegeruch!-«, höre ich mich direkt laut hinzufügen und frage mich, warum sich abhängige Tütenschnüffler noch nicht mit Nageldesign selbstständig gemacht haben. Denn dann könnten sie ihre Sucht offen und ausgiebig ausleben. Jeder würde es verstehen und vor allem: Keiner würde es merken.
Unwillkürlich schiebe ich den Gedanken ein "ºsolches"¹ Nagelstudio aufzusuchen beiseite. Da würde es mich nicht wundern, meine Fragen entweder gar nicht oder nur mit einem Kopfnicken beantwortet würden. Für mich steht fest, dass es daran liegt, dass manche dieser Nagelkünstler der gängigen Sprache nicht mächtig sind beziehungsweise es höchstwahrscheinlich schon wären, sich aber nur sehr undeutlich und rudimentär artikulieren können. Weshalb ich mir bewusst mache, dass es im Fall der Fälle ratsam wäre, die nonverbale Kommunikation genauestens zu studieren oder im Internet nach den Antworten zu suchen. -»Vielleicht sollte ich ein teures Nagelstudio in Erwägung ziehen-«, seufze ich, derweil ich mein bisheriges Ergebnis missmutig bestaune. Die rechte Seite erinnert mich an meine bunten Pfoten nach zwei Stunden Kunstunterricht in der Schule, wo die Farbe auch immer überall nur nicht auf dem Zeichenblock war.
Nichtsdestotrotz, denke ich, indessen mir schwant, gleich noch einmal von vorne anfangen zu müssen, falsche Fingernägel müssen himmlisch sein. Ich müsste mich sehr viel weniger mit dieser nervigen Krallenpflege auseinandersetzen ... Keine Ahnung, wie andere Frauen das sehen, aber ich habe die Nagelpflege, kürzen, feilen, pflegen, immer vor mir hergeschoben. Habe meine Nägel so kurz gemacht, dass allein der Anblick schon wehtat, um mich dann zu fragen, weshalb meine Hände im Vergleich zu anderen Frauenhänden wie Kinderhände wirken. Ich muss grinsen, weil ich mir immer eingeredet habe, dass meine Hände eine Lackierung nicht vertragen würden, da es dann aussehen würde, als hätte eine Fünfjährige sich die Hände mit Filzstift angemalt. Also nicht anders wie jetzt!
Nachdem ich vor einigen Monaten, dank meiner Ex-Freundin und Heidi, auf die Idee kam, ich könnte es ja auch mal mit längeren, natürlichen Nägeln und Nagellack probieren, kam ich schnell der Schwelle des Wahnsinns näher. Nägel können brechen, wenn man unvorsichtig ist, das Lackieren will gelernt oder zumindest geübt sein — und vor allem braucht man verdammt viel Geduld und Muße! Und an ersterer mangelt es mir in dieser Sekunde so langsam. Ich bin genervt, weil es mir schon deutlich besser gelungen ist.
Ich erinnere mich an meinen ersten Lack, der Bläschen warf. Stundenlang durfte ich mich nicht bewegen, immerzu musste mir jemand die Tür aufhalten, in die Jacke helfen, Geld vorstrecken — mit frisch lackierten Nägeln kann man definitiv nicht nach Kleingeld suchen — und ich erwartete, dass mein Umfeld ausreichend Verständnis für meine schwierige Situation aufbrachte. Ja, ich hatte das Zeug zu einer wahren Tussi und das Glück, geduldige Mitmenschen zu kennen. Im Nachhinein glaube ich, dass einige, obwohl sie gern so taten, als seien sie von meinen Starallüren genervt, es schon ziemlich toll fanden, dass sie mir endlich beweisen konnten, was für charmante Menschen sie doch waren und wie großartig es war, dass ich ausgerechnet sie für meinen Freundes- und Bekanntenkreis ausgewählt hatte. Tja, was Nägel alles so bewirken können"¦, grinse ich keck vor mich hin, derweil ich, noch einigermaßen die Ruhe selbst, dazu übergehe nach dem Nagellackentferner zu suchen, weil ich von vorne anfangen muss.
Vielleicht arbeitete ich konzentrierter, wenn ich mich an eine schwierigere Herausforderung wage. Schließlich wachse ich schon immer mit den Aufgaben, hatte ich mir vor drei Wochen eingeredet, ehe ich mich einem lackbedingten Nervenzusammenbruch hingeben musste. "ºFrench Manicure"¹, die Königsdisziplin. Drei verschiedene Lackfarben, Klebefolie für die Nagelenden, sauberes Lackieren.
Seit dieser Zeit bin ich übrigens Single ohne Freundeskreis.
Was überhaupt nicht schlimm ist, denn die letzte meiner Freundinnen fragte mich, ob der Nagellack wasserfest sei, was ich mit einem ausgiebigen Wassertest beweisen musste. Sie war ziemlich beeindruckt von dieser genialen neuen Technologie und ihre fanatische Begeisterung für Lacke machte mir Angst. Zumal sie Geisteswissenschaftlerin war. Praktische Lackiererfahrung zu sammeln ist schön, aber muss man deshalb gleich eine systemtheoretische Grundlage schaffen?, hatte ich sie gefragt.
Als weiblicher Single ohne Freunde muss man sich — vor allem im Winter — sehr gut organisieren, bevor man sich die Nägel lackiert. Mein persönliches Highlight erreichte ich am letzten Wochenende, an dem ich, kurz bevor ich zu Rosi und Miriam wollte, beschloss, noch mal "ºschnell"¹ die Fingernägel zu lackieren. Es ist Winter und es herrschten deutlich reduzierte Grade. Dass meine Hände draußen einen Kälteschock erleiden würden, war reine Nebensache. Wer schön sein will, muss eben leiden. Gibt es eigentlich einen einzigen Mann auf dieser Welt, der diesen Spruch jemals von seiner Mutter oder sonst wem zu hören bekommen hat?
Während ich meine Nägel ablackiere, um einen neuen Anlauf zu nehmen, erarbeite ich mir ein vernünftiges Nagellack-Management, direkt in mein Smartphone sprechend, damit ich nichts vergesse:
-»1. Frühzeitig mit den Nägeln anfangen. Niemals spontan oder auf den letzten Drücker starten.
2. Alle Taschen, Schlüssel und diverse Kleinsachen müssen fertig gepackt und mit einem möglichst langen Henkel versehen sein.
3. Jacken, Mütze und Schal vorher anziehen "¦ auch wenn es in der beheizten Wohnung schweineheiß ist.
4. Auf das obligatorische Tür-abschließen sollte ich verzichten und die Türen, Türklinken et cetara allesamt vorsichtshalber offen lassen.
5. Eingepackt in warmer Kleidung vorsichtig an den Tisch setzen und mit dem Lackieren beginnen.
6. Smartphone-Klingeln ignorieren, denn das ist tief unten in der bereits präparierten Tasche.
7. Nach dem Lackieren ein paar Minuten warten und dann vorsichtig die Tasche mit dem langen Henkel über die Armbeuge streifen.
8. Losgehen. Türe vorsichtig schließen, im Treppenhaus das Gleichgewicht halten, damit die Tasche nicht verrutscht, sich auf keinen Fall durch die Haare fahren. Haustür öffnen.
9. Hände schön vor sich herschieben und aufgrund der Eiseskälte handbezogen kein Weichei sein.
10. Für den Fall, dass ich mit der Bahn fahre, einsteigen und bloß kein Ticket ziehen. Hoffen, dass, wenn überhaupt ein Schaffner kommt, es eine Schaffnerin ist. Denn jede Frau hat vollstes Verständnis dafür, dass man sich die Nägel doch nicht ruinieren kann, nur um ein schnödes Ticket zu kaufen.
11. Wenn es nicht anders geht, einen Fahrgast bitten, dass er vorsichtig das Portemonnaie aus der Tasche holt und einen Fahrschein zieht. Randnotiz: Erfahrungsgemäß sind Geschlechtsgenossinnen hier viel hilfsbereiter und verständnisvoller als Dreibeiner. Denn sie wissen, was es für ein Stress sein kann, wenn man sich einen Nagel kaputt macht. Männer nehmen in dieser Hinsicht eher die Haltung kopfschüttelnder, grinsender Voyeure ein. Sie sind hier überhaupt keine Hilfe.
12. Gehst du in eine katholische Kirche, muss du dich beim Händeschütteln eben weigern, nett und höflich zu deinen Mitmenschen zu sein. Scheiß auf den Friedenswunsch. Fingernägel gehen vor!!!
13. Nicht enttäuscht sein, wenn der Lack sämtliche Temperaturunterschiede zwischen überhitzter Wärme und Eiseskälte nicht verträgt und anfängt zu schrumpeln. Im schlimmsten Fall gibt es noch den Nagellackentferner.
14. Anmerkung: Wünsch' dir zu Weihnachten zum Nagellack proforma immer auch Nagellackentferner. Nur für den Fall, dass nach dem Kälteschock, dem Kirchgang oder aufgrund der vielen Umarmungen die alte Lackierung hinüber ist.-«
Mit einem zufriedenen Lächeln beende ich das Memo an mich selbst und denke an früher und den Lack an meinem Wagen. Da bin ich auch bei jedem minimalen Kratzer ausgerastet und verzweifelt zusammengebrochen. Und war das nicht völlig natürlich. Klar war ich schockiert und bin verzweifelt zu Boden gesunken, wenn ich eine minimale, rostige Schramme an meinem Liebling, meinem Baby, meinem Ein und Alles, entdeckt habe. Und ist das nicht einem Krater ähnlich? Würde mein Auto nicht unsäglich unter diesem verschandelten Erscheinungsbild leiden und sich am liebsten weigern, auch nur einen Meter zu fahren? Wundert es da irgendjemanden, frage ich mich, dass so manch ein Autobesitzer dazu neigt, depressiv zusammenzubrechen, weil eine blöde Narbe sein Auto zerstört hat? Nein. Wer hätte dafür kein Verständnis? ... Eben, nicke ich mir selbst zu und spüre, wie sich meine vorprogrammierte Lackdepression bessert. Warum sollte es mir als Frau mit meinen Nägeln anders gehen? Alles wird gut ..., denke ich noch, indessen aus dem Radio gerade Eminem ertönt: -»"¦ Nails in the Coffin "¦-«
Im ersten Augenblick wollte ich direkt losschreien. Doch schon beim zweiten Blick stellte ich fest: Es ist genial! -»Ist nicht wahr!-«, war mir zunächst aufstöhnend entfleucht, als mir bewusst wurde: Es gibt neuerdings jede Menge Menschen, die ihren Katzen die Krallen lackieren, dass die Farbe Neon gerade richtig angesagt ist und sogar Gel-Kunstnägel!
Mein Blick fällt wie beiläufig auf das Fläschchen vor mir - Bordsteinschwalben-Rot - dessen genaue inhaltliche Zusammensetzung mir nicht bekannt ist. Vermutlich steht auf dem Sockel: "ºKann Spuren von Hetären enthalten"¹. Ich verdränge den Gedanken daran, ob der Hersteller dieser Lackfarbe für das "ºEinstöpseln"¹ des Pinsels demnächst eine horizontale Öffnung auf den Markt bringen oder es bei der schon immer gebräuchlichen, bewährten "ºVanilla"¹-Variante des obigen Einführens bleiben wird.
-»Gelkrallen? Ernsthaft jetzt?-«, stöhne ich heraus, derweil ich mich polierend auf meine linke Hand zu konzentrieren versuche, die mir als Rechtshänderin nicht ganz so präzise arbeitet wie die andere. -»Es gibt tatsächlich Leute, die ihrer Katze Kunstkrallen auf die Krallen kleben?-« Gelkrallen als Pendant zum Gelfingernagel, der bei einem bestimmten Typ Frau schon seit Jahren beliebt ist, geht es mir durch den Kopf, und, einmal mit Heißkleber befestigt, so fest sitzt, dass man ihn nicht wieder runterkriegt, nicht mal mit den Reißzähnen.
Neugierig geworden unterbreche ich kurz die Politur meiner bereits diamanten schimmernden Nageloberflächen und folge auf Instagram dem Haustierkrallentrend unter dem Hashtag "ºpeticure"¹. Als Englischlehrerin verstehe ich natürlich direkt das Wortspiel: "ºpedicure"¹ und "ºpet"¹. Allerdings muss ich bei den Treffern diejenigen aussortieren, die gar nicht ihr Haustier meinen, sondern einfach nur ein Problem mit der englischen Rechtschreibung haben.
Gleich darauf zeigen sich mir Bilder, die auf den ersten Blick verstörend sind. Ich sehe Katzenkrallen in allen möglichen und unmöglichen Farben: Rosa, Hellgrün, Blau "¦ Und zumeist passen die Krallen perfekt zu irgendetwas: Zum Beispiel zur Handtasche der Halterin, zur Augenfarbe der Katze oder zum Futternapf der Mäuse, die zum "ºBarfen"¹ im gleichen Haushalt gehalten werden.
Schnell stelle ich fest, dass dieser Trend nicht nur Freunde hat, im Gegenteil. Er hat fast nur Feinde! Fast jeder, der die lackierten Nägel seines Tieres fotografiert und gepostet hatte, wurde von irgendwem für einen sehr dummen Tierquäler gehalten und von der Netzgemeinde hart angegangen. Auf gewisse Weise taten sie mir trotz der Absurdität leid.
Ich seufze, wissend wie schwer es schon ist mir selbst die Nägel zu lackieren. Einmal durch die Haare fahren, "¦ alles ist ruiniert! An der Tür angestoßen, "¦ futsch! Händewaschen, auf allen vieren durch den Hochflorteppich krabbeln, "¦ und die frischen Nägel sind sofort ein Fall für den Nagellackentferner. Es ist und bleibt eine richtige Fisselarbeit!
Ich betrachte meine Finger und denke an Topsy, meine imaginäre Hausmietze. Ja, ich weiß, dass mich deshalb jeder der mich näher kennt für durchgeknallt hält. Aber was sollte ich schon machen. Eines Tages klingelte es an der Haustür und sie stand da. Sie erklärte mir, dass sie gelernte Bibliothekarin und ich doch Schriftstellerin sei, sie ihr Zuhause verloren und ich doch ganz sicher ein kuscheliges Plätzchen in einem meiner Bücherregale für sie hätte, weshalb sie nun für immer bei mir wohnen würde. Nun, "¦ wie auch immer: Jeder, der wie ich auch einen Stubentiger sein Eigen nennt, weiß nur zu gut, dass so eine Fellnase immer genau das macht, was Frauchen nicht will. Zudem habe ich Haare auf dem Kopf, meine Samtpfote hat sie aber überall, auch direkt neben den Krallen. Ich, die es kaum schaffe meine eigenen Nägel vernünftig zu lackieren, würde jedem, der es schafft, einer Katze ohne Vollnarkose die Krallen zu lackieren, keine Verachtung schenken, sondern höchste Bewunderung. Solch eine Person ist zu Höherem berufen und sollte eigentlich sofort abgeworben werden — sollte als Chirurg arbeiten, vielleicht sogar in der Mikrochirurgie. Ideal wäre auch ein Einsatz als Kunstschmied, als Hochzeitstortenbäcker oder auch als Zahnarzt. Wer einer Katze die Krallen lackieren kann, kann alles. Auch Brillanten schleifen oder die "ºISS"¹-Raumstation reparieren!
-»Ja-«, flüstere ich, derweil ich zum Nagellackfläschchen greife, um zur Tat zu schreiten, gedankenvoll vor mich hin, -»wer dazu fähig ist, dem gehört die Welt ... Aber jetzt los, Blümchen, du hast schon viel zu lang getrödelt.-« Ich drehe das Fläschchen an der Kappe auf, um meine Nägel ihrer wahren Berufung zuzuführen, sie nicht schlicht weiter nur dem Schutz der darunter befindlichen Fingerkuppe zu überlassen. Nun gut, ich gestehe ein, dass man mit ihnen noch viele andere interessante Sachen machen kann: zum Beispiel beim tiefen "ºIn-sich-Gehen"¹, insbesondere beim Riechorgan, das Letzte aus sich herauszuholen.
Voll konzentriert beginne ich die Finger der linken Hand zu lackieren, was ganz gut gelingt, wenngleich ich weiß, dass der Lack nicht lange vorhalten wird. Vielleicht sollte ich mir das ganze schenken. Ich denke daran, dass der natürliche Rohstoff "ºFingernagel"¹ nicht so schnell nachwächst, und es mir fast regelmäßig gelingt, dass er mir bei so unsinnigen Arbeiten wie Hausputz einreißt oder sogar abbricht. Inzwischen verstehe ich meine Ex-Partnerinnen, die, wenn ihnen eben dieses Unheil widerfuhr, zumeist verärgert reagiert hatten. -»Genau deshalb wurden hinterrücks und klammheimlich in irgendwelchen Hinterhoflaboratorien Fingernägel geklont-«, lautete meine Antwort darauf regelmäßig, verbunden mit einem spöttischen Lächeln und mit einem hinweisenden Blick zur kleinen durchsichtigen Schachtel auf dem Schminktisch, in der diese armen Nagelklone in Zehner-Grüppchen gepfercht waren. -»Nun befrei' sie schon! Sie warten nur darauf, mit ihren echten Geschwistern, wiedervereint zu werden!-«
Mittlerweile bin ich selbst Frau geworden und ein bekennender Nageljunkie. Meine letzte Freundin ist daran schuld, geht es mir durch den Kopf, indessen ich beim letzten Finger angekommen bin, zwei Tropfen Nagellack die Oberfläche meines Schminktisches zieren, durch die ich dummerweise auch noch mit der rechten Handfläche gewischt habe. -»Hätte die sich nicht jede Staffel von "ºGermanys Next Topmodel"¹ reingezogen, in der Heidi ihre Mädchen immer wieder für gepflegte Hände und Füße sensibilisierte und hätte nicht so manches Mädchen zuerst beschämt in die Kamera und später zu Boden geschaut, um am nächsten Tag sofort ins Nagelstudio zu rennen"¦wer weiß, ob wir Frauen uns heute noch die Nägeln machen würden-«, brumme ich, nicht ganz unzufrieden mit dem vorläufigen Ergebnis, vor mich hin — unzufrieden weil ich, obwohl er direkt vor mir steht, den klaren Basislack vergessen habe. Aber so ist das eben, wenn man sich von all diesen Krallenlackier-Videos und Fotos ablenken lässt.
Waren früher künstliche Fingerklone und das entsprechende, spezielle Nageldesign eher ein Hinweis auf eine prollige Herkunft und einen furchtbaren Geschmack, so kann es heute gar nicht schrecklich genug sein: Kleine Grablichter auf den Fingern - klassisch roter Nagellack, mit Goldrand an den Fingerkuppen-, bunte Steinchen, Ringe durch den Nagel oder der letzte Schrei: die sogenannten "ºMINXnails"¹: künstliche Nägel, die von kreativem Design nur so strotzen. Den Finger- und Fußnägeln werden keine Grenzen gesetzt. Immer wenn man meint, schlimmer geht"™s nicht, wird man eines Besseren belehrt. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es nicht noch mehr Nagelstudios gibt. Denn laut der offiziellen Statistik gibt es so viele Mädels, die sich tagtäglich ihre Nägel lackieren, da sollte es doch auch viel mehr professionelle Studios geben, geht es mir durch den Kopf, während der erste Strich an der rechten Hand auch schon recht zittrig gerade noch einmal gut gegangen ist. Der Bedarf ist allemal vorhanden.
Vielleicht sollte ich da auch einmal hingehen und mir diesen Stress ersparen, ziehe ich grübelnd in Erwägung, derweil mir beim Eintauchen des Pinselchens fast das Fläschen umgekippt und ausgelaufen wäre. Ich spüre, wie meine Unsicherheit wächst, was sich in einem vermehrten Zittern bemerkbar macht. Es gibt ja solche und solche Studios, denke ich weiter und versuche mich zusammenzureißen, derweil ich bemerke, dass ich dem "ºFünfzig-Sekunden-Trocken-sein-soll-Lack"¹ an der linken Hand wohl zwei Sekunden zu wenig zum Aushärten gewährt habe, was direkt zwei irre Schlieren an den Nägeln meines linken Zeigefingers und Daumen nach sich gezogen hat. -»Warum bin ich dazu einfach zu blöd?-«, zische ich mit einem gepressten Grummeln ungehalten vor mich hin. -»Vermutlich liegt das an dem chemischen Lack- und Klebegeruch!-«, höre ich mich direkt laut hinzufügen und frage mich, warum sich abhängige Tütenschnüffler noch nicht mit Nageldesign selbstständig gemacht haben. Denn dann könnten sie ihre Sucht offen und ausgiebig ausleben. Jeder würde es verstehen und vor allem: Keiner würde es merken.
Unwillkürlich schiebe ich den Gedanken ein "ºsolches"¹ Nagelstudio aufzusuchen beiseite. Da würde es mich nicht wundern, meine Fragen entweder gar nicht oder nur mit einem Kopfnicken beantwortet würden. Für mich steht fest, dass es daran liegt, dass manche dieser Nagelkünstler der gängigen Sprache nicht mächtig sind beziehungsweise es höchstwahrscheinlich schon wären, sich aber nur sehr undeutlich und rudimentär artikulieren können. Weshalb ich mir bewusst mache, dass es im Fall der Fälle ratsam wäre, die nonverbale Kommunikation genauestens zu studieren oder im Internet nach den Antworten zu suchen. -»Vielleicht sollte ich ein teures Nagelstudio in Erwägung ziehen-«, seufze ich, derweil ich mein bisheriges Ergebnis missmutig bestaune. Die rechte Seite erinnert mich an meine bunten Pfoten nach zwei Stunden Kunstunterricht in der Schule, wo die Farbe auch immer überall nur nicht auf dem Zeichenblock war.
Nichtsdestotrotz, denke ich, indessen mir schwant, gleich noch einmal von vorne anfangen zu müssen, falsche Fingernägel müssen himmlisch sein. Ich müsste mich sehr viel weniger mit dieser nervigen Krallenpflege auseinandersetzen ... Keine Ahnung, wie andere Frauen das sehen, aber ich habe die Nagelpflege, kürzen, feilen, pflegen, immer vor mir hergeschoben. Habe meine Nägel so kurz gemacht, dass allein der Anblick schon wehtat, um mich dann zu fragen, weshalb meine Hände im Vergleich zu anderen Frauenhänden wie Kinderhände wirken. Ich muss grinsen, weil ich mir immer eingeredet habe, dass meine Hände eine Lackierung nicht vertragen würden, da es dann aussehen würde, als hätte eine Fünfjährige sich die Hände mit Filzstift angemalt. Also nicht anders wie jetzt!
Nachdem ich vor einigen Monaten, dank meiner Ex-Freundin und Heidi, auf die Idee kam, ich könnte es ja auch mal mit längeren, natürlichen Nägeln und Nagellack probieren, kam ich schnell der Schwelle des Wahnsinns näher. Nägel können brechen, wenn man unvorsichtig ist, das Lackieren will gelernt oder zumindest geübt sein — und vor allem braucht man verdammt viel Geduld und Muße! Und an ersterer mangelt es mir in dieser Sekunde so langsam. Ich bin genervt, weil es mir schon deutlich besser gelungen ist.
Ich erinnere mich an meinen ersten Lack, der Bläschen warf. Stundenlang durfte ich mich nicht bewegen, immerzu musste mir jemand die Tür aufhalten, in die Jacke helfen, Geld vorstrecken — mit frisch lackierten Nägeln kann man definitiv nicht nach Kleingeld suchen — und ich erwartete, dass mein Umfeld ausreichend Verständnis für meine schwierige Situation aufbrachte. Ja, ich hatte das Zeug zu einer wahren Tussi und das Glück, geduldige Mitmenschen zu kennen. Im Nachhinein glaube ich, dass einige, obwohl sie gern so taten, als seien sie von meinen Starallüren genervt, es schon ziemlich toll fanden, dass sie mir endlich beweisen konnten, was für charmante Menschen sie doch waren und wie großartig es war, dass ich ausgerechnet sie für meinen Freundes- und Bekanntenkreis ausgewählt hatte. Tja, was Nägel alles so bewirken können"¦, grinse ich keck vor mich hin, derweil ich, noch einigermaßen die Ruhe selbst, dazu übergehe nach dem Nagellackentferner zu suchen, weil ich von vorne anfangen muss.
Vielleicht arbeitete ich konzentrierter, wenn ich mich an eine schwierigere Herausforderung wage. Schließlich wachse ich schon immer mit den Aufgaben, hatte ich mir vor drei Wochen eingeredet, ehe ich mich einem lackbedingten Nervenzusammenbruch hingeben musste. "ºFrench Manicure"¹, die Königsdisziplin. Drei verschiedene Lackfarben, Klebefolie für die Nagelenden, sauberes Lackieren.
Seit dieser Zeit bin ich übrigens Single ohne Freundeskreis.
Was überhaupt nicht schlimm ist, denn die letzte meiner Freundinnen fragte mich, ob der Nagellack wasserfest sei, was ich mit einem ausgiebigen Wassertest beweisen musste. Sie war ziemlich beeindruckt von dieser genialen neuen Technologie und ihre fanatische Begeisterung für Lacke machte mir Angst. Zumal sie Geisteswissenschaftlerin war. Praktische Lackiererfahrung zu sammeln ist schön, aber muss man deshalb gleich eine systemtheoretische Grundlage schaffen?, hatte ich sie gefragt.
Als weiblicher Single ohne Freunde muss man sich — vor allem im Winter — sehr gut organisieren, bevor man sich die Nägel lackiert. Mein persönliches Highlight erreichte ich am letzten Wochenende, an dem ich, kurz bevor ich zu Rosi und Miriam wollte, beschloss, noch mal "ºschnell"¹ die Fingernägel zu lackieren. Es ist Winter und es herrschten deutlich reduzierte Grade. Dass meine Hände draußen einen Kälteschock erleiden würden, war reine Nebensache. Wer schön sein will, muss eben leiden. Gibt es eigentlich einen einzigen Mann auf dieser Welt, der diesen Spruch jemals von seiner Mutter oder sonst wem zu hören bekommen hat?
Während ich meine Nägel ablackiere, um einen neuen Anlauf zu nehmen, erarbeite ich mir ein vernünftiges Nagellack-Management, direkt in mein Smartphone sprechend, damit ich nichts vergesse:
-»1. Frühzeitig mit den Nägeln anfangen. Niemals spontan oder auf den letzten Drücker starten.
2. Alle Taschen, Schlüssel und diverse Kleinsachen müssen fertig gepackt und mit einem möglichst langen Henkel versehen sein.
3. Jacken, Mütze und Schal vorher anziehen "¦ auch wenn es in der beheizten Wohnung schweineheiß ist.
4. Auf das obligatorische Tür-abschließen sollte ich verzichten und die Türen, Türklinken et cetara allesamt vorsichtshalber offen lassen.
5. Eingepackt in warmer Kleidung vorsichtig an den Tisch setzen und mit dem Lackieren beginnen.
6. Smartphone-Klingeln ignorieren, denn das ist tief unten in der bereits präparierten Tasche.
7. Nach dem Lackieren ein paar Minuten warten und dann vorsichtig die Tasche mit dem langen Henkel über die Armbeuge streifen.
8. Losgehen. Türe vorsichtig schließen, im Treppenhaus das Gleichgewicht halten, damit die Tasche nicht verrutscht, sich auf keinen Fall durch die Haare fahren. Haustür öffnen.
9. Hände schön vor sich herschieben und aufgrund der Eiseskälte handbezogen kein Weichei sein.
10. Für den Fall, dass ich mit der Bahn fahre, einsteigen und bloß kein Ticket ziehen. Hoffen, dass, wenn überhaupt ein Schaffner kommt, es eine Schaffnerin ist. Denn jede Frau hat vollstes Verständnis dafür, dass man sich die Nägel doch nicht ruinieren kann, nur um ein schnödes Ticket zu kaufen.
11. Wenn es nicht anders geht, einen Fahrgast bitten, dass er vorsichtig das Portemonnaie aus der Tasche holt und einen Fahrschein zieht. Randnotiz: Erfahrungsgemäß sind Geschlechtsgenossinnen hier viel hilfsbereiter und verständnisvoller als Dreibeiner. Denn sie wissen, was es für ein Stress sein kann, wenn man sich einen Nagel kaputt macht. Männer nehmen in dieser Hinsicht eher die Haltung kopfschüttelnder, grinsender Voyeure ein. Sie sind hier überhaupt keine Hilfe.
12. Gehst du in eine katholische Kirche, muss du dich beim Händeschütteln eben weigern, nett und höflich zu deinen Mitmenschen zu sein. Scheiß auf den Friedenswunsch. Fingernägel gehen vor!!!
13. Nicht enttäuscht sein, wenn der Lack sämtliche Temperaturunterschiede zwischen überhitzter Wärme und Eiseskälte nicht verträgt und anfängt zu schrumpeln. Im schlimmsten Fall gibt es noch den Nagellackentferner.
14. Anmerkung: Wünsch' dir zu Weihnachten zum Nagellack proforma immer auch Nagellackentferner. Nur für den Fall, dass nach dem Kälteschock, dem Kirchgang oder aufgrund der vielen Umarmungen die alte Lackierung hinüber ist.-«
Mit einem zufriedenen Lächeln beende ich das Memo an mich selbst und denke an früher und den Lack an meinem Wagen. Da bin ich auch bei jedem minimalen Kratzer ausgerastet und verzweifelt zusammengebrochen. Und war das nicht völlig natürlich. Klar war ich schockiert und bin verzweifelt zu Boden gesunken, wenn ich eine minimale, rostige Schramme an meinem Liebling, meinem Baby, meinem Ein und Alles, entdeckt habe. Und ist das nicht einem Krater ähnlich? Würde mein Auto nicht unsäglich unter diesem verschandelten Erscheinungsbild leiden und sich am liebsten weigern, auch nur einen Meter zu fahren? Wundert es da irgendjemanden, frage ich mich, dass so manch ein Autobesitzer dazu neigt, depressiv zusammenzubrechen, weil eine blöde Narbe sein Auto zerstört hat? Nein. Wer hätte dafür kein Verständnis? ... Eben, nicke ich mir selbst zu und spüre, wie sich meine vorprogrammierte Lackdepression bessert. Warum sollte es mir als Frau mit meinen Nägeln anders gehen? Alles wird gut ..., denke ich noch, indessen aus dem Radio gerade Eminem ertönt: -»"¦ Nails in the Coffin "¦-«
Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
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Re: Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
Ach Blümchen,
wenn dieses Buch erscheint - es kommt in mein Bücherregal..
Wieder hast du mich zum Lachen gebracht...
Ganz lieben Dank für diese Beiträge
Liebe Grüße
Lisa
PS: Danke für deine privaten Lesungen - einfach nur schön

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Jasmine
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Re: Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
Liebes Blümchen, du hast dir viel Mühe gegeben und ich danke dir für die schönen Zeilen.
Liebe Grüße Jasmine
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Blossom
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Re: Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
Freut mich, Lisa ... hihi ... aber bis das mal ein Buch wird, dauert es noch ein Weilchen.Engelchen hat geschrieben: Di 22. Dez 2020, 10:44 wenn dieses Buch erscheint - es kommt in mein Bücherregal..
Wieder hast du mich zum Lachen gebracht...
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Re: Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
Liebe Jasmine,
freut mich riesig, wenn ich dir mit dem Text am frühen Morgen ein Lächeln bescheren konnte ... knickse dankend mit einem frechem Grinsen ... Blümchen
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Topsy
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Re: Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
Wie war das noch gleich: Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig?
Topsy
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Re: Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Krallenpflege
genau ... so steht es immer geschrieben ... kicherTopsy hat geschrieben: Di 22. Dez 2020, 19:02 Wie war das noch gleich: Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig?
Blümchen
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