matthias55 hat geschrieben: Mo 24. Aug 2020, 19:07
Na, ich weiss nicht. Viele von uns sind aufgewachsen mit den zehn kleinen Negerlein, mit Negerküssen und Mohrenköpfen. Mit Zigenuersauce, früher auf den Rechnungen der xxl-Restaurants abgekürzt als Zigeneuersau. Aber sind deshalb aus uns allen Rassisten geworden?
Wer wirklicher Rassist ist, der ist es nicht auf der Grundlage von ein paar Begriffen, der kann einen Neger oder einen Schwarzen oder einen Farbigen diskriminieren.
Im Artikel wird das Paar geschildert, das dem Inhaber nicht geglaubt hat, wirklich "der Chef" zu sein. Die halten sich bestimmt nicht für rassistisch, weil sie ja zB ihre Empörung wegen des Namens geäussert haben. Aber in ihrer Praxis demonstrieren sie trotzdem rassistisches Denken, weil sie gar nicht glauben können, dass ein Schwarzer Mensch ein Restaurant führt, und dann auch noch mit diesem Namen.
Genau so funktioniert unterschwelliger Rassismus, der meist so tief in uns verwurzelt ist, dass wir uns selbst nie als rassistisch denkend und handelnd bezeichnen würden. Wir doch nicht. Wir sind doch die Guten. Ja, wollen wir sein, aber aufgrund unserer (fehlenden) Erfahrungen kriegen wir gar nicht mit, wie unsere Sprache und Handlungen von den Betroffenen als herabsetzend, vorurteilsbehaftet und diskriminierend wahrgenommen wird.
Beispiele, die so immer wieder geschildert werden:
"Ausländisch aussehende" Menschen werden besonders langsam, laut, mit "Baby-Sprache" angeredet oder auf englisch, weil nicht dran gedacht wird, dass sie von klein auf hier sozialisiert wurden. Oder es wird sich an die "deutsch aussehende" Begleitperson gewandt und über die ander Person geredet.
Wenn eine "deutsche" (d.h. weiss) und eine "ausländische" (insb. nicht-weisse) Person beisammen stehen, wird die weisse Person generell als gebildeter, kompetenter eingeschätzt. D.h. wenn zum Beispiel eine Expertin wie
Marylyn Addo oder
Mo Asumang und ein beliebiger weisser Dude beisammenstehen, wird der weisse Dude erst mal für fähiger gehalten, egal ob der überhaupt Ahnung hat.
Gleiches gilt übrigens für Glaubwürdigkeit. Wer nicht "weiss-deutsch" aussieht, wird für weniger glaubhaft gehalten. Im Alltag, bei Fachfragen, bei der Polizei, ...
Das Problem mit den alten Wörtern und Begriffen ist, wie bei der geschlechterdiskriminierenden Sprache auch, dass mit ihrer Verwendung auch die damaligen Vorurteile ständig wieder aktiviert und am Leben gehalten werden. Die M*-Köpfe mit dem Bimbo-Image (siehe entsprechende Werbung aus den vergangenen Jahrunderten). Die Z*-Sosse und die Vorurteile über Menschen gewisser Ethnie und was sie angeblich böses tun.
Diese Aktivierung passiert auf beiden Seiten. In den Köpfen weisser Menschen führen sie zu eben der Denke dieses Paares im Restaurant oder meinen Beispielen, und in den Köpfen nicht-weisser Menschen kommt all das hoch, was sie seitihrer Kindheit an Diskriminierung erlebt haben.
Das heisst, zusammengefasst:
1. Dein Argument in der Richtung "uns hat es ja auch nicht geschadet" ist leider falsch. Uns wurde rassistische Denke beigebracht, wir haben rassistisches Handeln erlebt und erlernt. Wir replizieren das und denken und handeln deshalb im Endeffekt rassistisch, auch ohne es zu wollen.
2. Um dies zu durchbrechen hilft zum einen viel persönliche Erfahrung mit Betroffenen, zuhören, eigene Meinung hintanstellen, sich selbst beobachten.
3. Gerade wenn wir wirklich nicht rassistisch handeln wollen, wäre es zum anderen schon mal das einfachste, auf jene Begriffe und Handlungen zu verzichten, von denen Betroffene immer wieder berichten, dass sie bei ihnen herabsetzend ankommen. Mindestens ne gute Übung, praktizierter Respekt und ich bin sicher, dass es auch wahrgenommen wird.