Hirngeschlecht
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zu den Themen Crossdressing, Transgender, Transident...
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NikolaAusR
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Hirngeschlecht

Post 1 im Thema

Beitrag von NikolaAusR »

der neurobiologische Aspekt von trans* Identitäten ist ja immer wieder mal in der Diskussion.

doro hat heute einen themenbezogenen Link zu einer review auf medpub eingestellt.
Das ist aber leider Alles in Englisch :-(
https://www.wo4y.de/2020/08/22/pubmed-i ... n-bekannt/
(meine Sprachkenntnisse sind deutlich zu schlecht um hier etwas zusammenzufassen zu wollen)

Und hat auch einige Artikel in diesem Zusammenhang, z. B. von Dr. Claudia Haupt, nochmals aufgegriffen.
Wer trans* sagt muss auch cis sagen

Klar definier ich mich binär :-)
01000110 % weiblich
Jaddy
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Re: Hirngeschlecht

Post 2 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Also ich hab nicht nur mit dem englischen Paper so meine Probleme, sondern auch mit den verlinkten Texten. Alle behaupten im Grunde einen rein körperlichen, also zwangsläufigen Zusammenhang. Auch wenn tw von Variante geredet wird, ist die zentrale Perspektive doch "Abweichung vom Normal, die körperlich korrigiert werden kann".

Damit wird vollkommen ausgeblendet, dass vieles, was trans Personen belastet - und z.B. zu den 40% Suizidversuchen führt - völlig willkürliche Verhaltenskonventionen, do's and don'ts, für quasi prototypisch idealisierte Männer und Frauen sind. Binär, scharf getrennt. Ich betone völlig willkürlich, weil erstens für quasi alles, was uns als Geschlechtsnorm völlig "normal" erscheint irgendwo auf der Welt oder in der Geschichte Gegenbeispiele existieren (umgekehrt oder gar nicht geschlechtsspezifisch zugewiesen) und zweitens schon bei vielen Studien gezeigt wurde, dass bei angeblich geschlechtsspezifischen Fähigkeiten die Schnittmengen / Überdeckung der (angeblich) "beiden" Geschlechter größer ist, als die Unterschiede. Sprich: Der Großteil dessen, was Menschen in ihrer angestammten Umgebung für völlig normales geschlechtsspezifisches Verhalten halten, könnte auch völlig anders sortiert werden - oder müsste gar nicht. Da gibt es sehr sehr wenige biologische oder neurologische Zwangsläufigkeiten und ansonsten maximal ein paar Tendenzen.

Der Biologismus der Artikel, die den gesellschaftlichen Konformitätsdruck ignorieren, führt zu einer unsinnigen und sogar gefährlichen Verengung der Möglichkeiten auf genau zwei: Such dir das geringere Übel, bzw das was am ehesten passt, Mann oder Frau. Und dann lass dich einfach "umoperieren", dann ist das Problem gelöst. So zum Beispiel der VDGE Beitrag, der trans damit zu einem rein körperlichen Problem reduzieren will.

Wenn du aber gerne Mann bist von Körper und Seele, aber weiblich konnotierte Dinge tragen oder tun willst, bzw den gesellschaftlichen Konventionen angeblicher Männlichkeit nichts abgewinnen kannst, dann bleibst du eben stecken und lebenslang unglücklich. Und wenn dir die willkürlichen Zuordnungen überhaupt nichts sagen, dann hast du nach dem Modell genau keine Lösung.

In dem englischen Paper wird von "true GD individuals" gesprochen, so als ob irgendwann ein medizinischer Test erkennen könnte, ob eine Person wirklich trans ist. Das ist aber wegen der ständigen Veränderung der Konventionen in Zeit und Raum und dem Bedarf nach Gleichstellung und Gerechtigkeit eine ziemlich unsinnige Sache.

Soweit mein eher negativer Eindruck. Trotzdem finde ich die Forschungen interessant. Ich halte sie aber solange für gefährlich, wie ihre Nutzung höchstwahrscheinlich eher in Richtung Verstärkung gesellschaftlicher Normen gehen wird, wie oben beschrieben, d.h. "Abweichungen" von vorneherein zu verhindern - die Anti-Trans-Pille in der Schwangerschaft? - oder das Gatekeeping ins scheinbar rationale Extrem zu treiben - nur 75% trans im Neuroscan, sorry, nicht trans genug.

Der bessere Weg wäre, Menschen mit einem nicht normgerechten Verhältnis zum aktuellen Genderkatalog einfach zu akzeptieren - und überhaupt anderen Menschen weniger unnötigen Druck zu machen.

Variatio delectat, I.D.I.C. usw.
Momo58
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Re: Hirngeschlecht

Post 3 im Thema

Beitrag von Momo58 »

Dass es Untersuchungen gab, die bei Transfrauen bei einem Gehirnscreening ein Gehirn entdeckten, das in Aufbau und Funktion dem Gehirn einer Frau ähnlich ist, ist erst mal Fakt. Aber das war's dann schon. Ob man hier von einer Variante der Geschlechtsentwicklung sprechen kann ist für mich trotzdem fraglich, obwohl ich selbst auch schon diese Bezeichnung verwendet habe. Mir ist die von der WHO eingeführte Bezeichnung Geschlechtsinkongruenz lieber. Auch wenn ich so ein Gehirn habe, bleibt der Weg der körperlichen Angleichung bestehen. Die Gesellschaft wird lernen müssen, mich als transidente Frau so zu akzeptieren wie ich bin, egal ob ich eine GAOP durchführen lasse oder nicht.

Bei Frau Dr. Claudia Haupt aus der Schweiz bin ich extrem vorsichtig geworden. Irgendwie leidet die unter Größenwahn. Sie will unbedingt ein weltweites Netz an Peerberatungsstellen für Trans*Menschen aufbauen. In Deutschland soll das der Verein VDGE e.V. durchführen. Ich persönlich halte viele dieser Peerberaterinnen für ungeeignet. Schon allein dieses größenwahnsinnige Vorhaben ist für mich unseriös uns spaltet die Trans*Community genauso wie das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und Trans*Menschen.

Liebe Grüße
Manuela
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Jaddy
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Re: Hirngeschlecht

Post 4 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Momo58 hat geschrieben: So 23. Aug 2020, 09:10Dass es Untersuchungen gab, die bei Transfrauen bei einem Gehirnscreening ein Gehirn entdeckten, das in Aufbau und Funktion dem Gehirn einer Frau ähnlich ist, ist erst mal Fakt. Aber das war's dann schon.
Errrm, jain :)
  1. ist das Gehirn wahnsinning plastisch. Es verändert sich durch die Nutzung. Bei Taxifahrer"¢innen (ohne Navi...) sind die Areale für Orientierung überproportional groß und aktiv. Das bildet sich aber über die Berufspraxis und ist nicht etwa strukturelle Voraussetzung. Hier irrt also "GATTACA".
    Frage: Ab wann waren denn die trans Gehirne "männlicher" oder "weiblicher"? Wenn du langjährig stereotypengerecht im Zielgeschlecht lebende trans Menschen analysierst kriegst du natürlich eine gewisse Übereinstimmung mit ebenso langjährig lebenden cis Menschen. Und nicht stereotypisch lebende cis Menschen sind dann was? Messfehler? Closeted trans? Irgendwie falsch?
  2. gleiches Problem mit der Referenzgruppe. Wenn du jahrzehntelang entsprechend sozialisierte cis Menschen analysierst kriegst du ein Abbild ihrer Hinrnutzung, ihres Lebens und bildest einen Durchschnitt, weisst aber noch lange nicht, wie und warum sie sich dahin entwickelt haben.
  3. kriegst du wegen dieser beiden Probleme schon mal keine Info über angeborene männliche, weibliche oder nicht-binäre Gehirne. Ich bin nicht mal sicher, ob das über langjährige Reihenuntersuchungen mit repräsentativen Querschnittsgruppen ab der Kindheit erforschbar wäre. Der Einfluss von Erziehung und Umwelt müsste da irgendwie berücksichtigt werden. Will sagen: Es ist nicht nur ein neurologisches Thema.
  4. müsste bei der Qualifikation der Vergleichsgruppen irgendeine Messlatte für cis/trans angelegt werden. Woran soll die festgemacht werden? An der Selbstauskunft? Am prozentualen Grad der Kongruenz mit den lokal vorherrschenden Stereotypen?
  5. entscheidend für mich ist aber, dass solche Untersuchungen immer nur ziemlich kleine Tendenzen zu Tage fördern. Die allermeisten VP landen in einem breiten Mittelbereich, bei dem in einem Doppelblind-Setting nicht sicher unterscheidbar ist, ob da ein Männchen oder Weibchen im MRT liegt, egal ob selbstverortet oder genetisch oder hormonell oder sonstwie.
    Überspitzt gesagt haben die meisten Menschen ein eher binär undefiniertes Gehirn mit leichten Tendenzen, obwohl sie sich selbst natürlich geschlechtlich eindeutig - zumeist binär - verorten.
    Was hiesse das für trans Personen? Nur valid ab einer Abweichung >x% vom Mittelwert? Auch wenn z.B. eine Menge cis Männchen einen viel höheren "weiblich"-Score erzielen und umgekehrt?
  6. Großes Problem ist und bleibt der Versuch, trans rein physisch zu betrachten. Wenn ein Mensch aus welchem Grund und mit welchem Hirn auch immer sich entscheidet, aus den für ihn von der Umgebung vorgesehenen Verhaltensset auszusteigen und ein beliebiges anderes anzunehmen, weil das einfach besser passt und zufriedener macht, dann muss das möglich sein, ohne dass er mittels irgendeines Teststreifens oder Hirnscans für ungültig, nur eingebildet oder spinnert in das alte Muster zurück verdammt wird.
Ich will auf keinen Fall abstreiten, dass zum Beispiel Hormone die erwähnten Tendenzen beeinflussen. Dazu habe ich meine eigenen wunderbaren Erfahrungen damit. Aber nicht im Sinne eines binären Schalters, sondern eher modulierend. Für mich - N=1... - kann ich sagen, dass nach Umstellung einige Eigenschaften zurückgingen, die mich schon immer gestört hatten, während andere hervorkamen, die ich als deutlich angenehmer empfinde. Ob das eine rein biochemische Sache war oder auch durch die gleichzeitige bewusste und offensive Abkopplung vom alten Zuweisungsgeschlecht beeinflusst wurde, kann ich aber nicht definitiv sagen. Ich bin auch ziemlich sicher, dass das nicht so einfach zu differenzieren wäre. Siehe Neuroplastizität. Vielleicht hatteich ja einfach eine psychische Testosteronallergie :)

Dadurch bin ich aber immer noch nicht kompatibel mit einer der binären Kisten. In beiden sind zu viele andere positive und negative Dinge, die aus meiner Sicht überhaupt nicht gegendert werden müssten und von denen ich je nach Situation manchmal welche mag und andere nicht. Ein Gefühl "als Mann" oder "als Frau" oder eine Zugehörigkeit habe ich immer noch nicht, Hormone hin, OP her. Und wer mich trotzdem in eine der Schubladen stecken will kriegt richtig Ärger mit mir, egal ob durch blossen Anschein oder mit irgendeinem Scannerbild.
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