Eigentlich sollte dies "mein Jahr" werden. Der Beginn war auch recht vielversprechend. Das erste Treffen mit- einer Forumsfreundin in Oldenburg mitte Januar war wirklich ein tolles Erlebnis. Kurz darauf stand schon wieder der Sambakarneval- vor der Tür. Ich bin keine Karnevals- Anhängerin, aber zum Sambakarneval 2019 war mein erster Ausflug in die Öffentlichkeit. Dieser Meilenstein ist mit vielen schönen Erinnerungen verbunden und hätte eigentlich das Zeug für eine ganz persönliche "Traditionsveranstaltung". Außerdem findet der Umzug in der Bremer Innenstadt traditionell an einem Samstagvormittag statt, womit sich eine anschließende Shoppingtour geradezu aufdrängt.
Doch dann gab es in der Familie einen Unfall, kurz vor dem Sambakarneval. In der Situation hatte ich nicht die Ruhe mal eben für einen Tag zu verschwinden und habe auf den Besuch des Umzuges verzichtet. Dem Familienmitglied geht es zum Glück wieder besser.
Natürlich hatte ich den Hintergedanken, dass ich keinen Karneval mehr brauche um als Frau rauszugehen. Also einen Wochentagstermin festgelegt und im Kalender blockiert. Hatte in der Woche aber sehr viel zu tun und irgendwie nicht das Bedürfnis nach Crossdressing, deshalb den Termin wieder gelöscht. Neuen Termin festgelegt. Der hätte gepasst, aber dann kam Corona. Alle Shopping- Center geschlossen. Mensch geht auch so schon mit schlechtem Gefühl nach draußen und wird aufgrund der obrigkeitlich verordneten Sozialparanoia bereits als scheinbarer cis- Mensch feindselig angeschaut. En femme würde ich in dieser Situation keinerlei Entspannung finden und bleibe lieber zu Hause.-
Also zurück zu den guten alten Zeiten als Stubentranse.-
Am Sonntag gegen 2:00 aufgewacht. Auch für das stille Kämmerlein wird das volle Programm durchgezogen: Schminken, Pölsterchen und die neue Lace- Front Perücke. Das- Augenmakeup machte etwas Probleme,- zweimal die Wimperntusche ins Auge gerammt, dafür sitzt der Lippenstift auf Anhieb.
Was macht Frau statt Shopping? Party feiern (sorry für das Klischee). Meine persönliche Corona Party. Wie es sich gehört ganz allein. Also das blaue Cocktailkleid angezogen und O-Saft eingeschenkt. Die Party wird natürlich fotografisch dokumentiert, die Bilder sind wirklich sehr süß geworden, das Makeup ist gelungen, es wirkt sogar, als hätte ich rehbraune Augen.-
Irgendwann beginnt es hell zu werden. Ich schminke mich ab und mache Frühstück für die Familie. Die Party war wirklich nett. Es gibt wesentlich unangenehmere Möglichkeiten sich selbst um den Nachschlaf zu bringen.-
Am nächsten Tag hat ein guter Freund Geburtstag. Corona- bedingt fehlen die Gäste und das Telefongespräch wird etwas länger. Leider hat es ein (zum Glück mittlerweile aufgeklärtes) Missverständnis gegeben und er muss ohne seine Lebensgefährtin feiern. Wir sprechen über Männerthemen wie Ex- Freundinnen, Ex- Frauen, verpasste Gelegenheiten, selbst- versaute Chancen und Ähnliches.-
Das Telefongespräch bleibt auch bei mir nicht ohne Wirkung. Auch ich muß über Dinge nachdenken die waren oder (meist) nichts wurden und über das, was schließlich ist.
Mit 15 oder 16 las ich über den Platonschen Mythos der Kugelmenschen, die ursprünglich Wesen mit 4 Beinen, 4 Armen und zwei Köpfen waren, merkwürdig von Gestalt aber glücklich und erfüllt vom Wesen. Nachdem sie durch die Götter in zwei Hälften geteilt wurden, irren sie (klar, wir Menschen) durch das Leben auf der Suche nach- der- fehlenden- Hälfte, mit der sie sich wieder glücklich und vollkommen fühlen zu können.
In dem Zusammenhang hatte ich einen Traum. Ein Traum von der Art deren Intensität mit Worten nicht zu beschreiben ist, weswegen sie uns ein Leben lang begleiten: Es ist Dunkel, eine schwach beleuchtete Gasse oder Straße, (im Nachhinein habe ich diese Szene wohl aus romantischen Gründen in Paris angeordnet), ich treffe eine Frau, von der ich weder Gesicht, noch Haarfarbe, Frisur oder Figur erkennen kann. Sie spricht zu mir: "Endlich hast du mich gefunden. Ich warte schon so viele Jahre auf dich!" Dieser Traum war für mich eine Verheißung. Nicht weniger als die fehlende Hälfte, bei der- alles passt wie ein Puzzleteil in das andere, mit der ich den Rest des Lebens verbringen würde, war mir mit dieser Verheißung versprochen. Eigentlich wie im kitschigen Liebesfilm, aber warum soll das Leben nicht wie im Film ablaufen?
Leider ließ der Traum jegliches Datum offen. So wurde gesucht, geschaut und probiert. Es passte nicht. Irgendwann kam eine, die schien zu passen aber mit der Zeit zeigte sich, dass die Puzzleteile an einigen Stellen anecken, an anderen viel zu weit entfernt sind. Die Passung reicht damit das Bild zusammenhält, vielleicht sogar bis ans Lebensende. Aber die Verheißung ist damit nicht erfüllt. Das Gefühl der Vollkommenheit stellt sich nicht ein, die Kombination ergibt keinen vollkommenen Kugelmenschen. So wurde diese Idee- irgendwann in das Reich der Phantasie verwiesen. Das Leben ist halt weder ein griechischer- Mythos noch ein amerikanischer Liebesfilm.]
Gedankenverloren schaue mir dabei die Bilder der nächtlichen Fotosession an. Ich- sehe eine hübsche Frau.- Sie- lächelt mich an. Irgendwann scheint sie- zu mir zu sprechen. Sie- sagt: "Du hast mich endlich angenommen. Ich werde dein ganzes Leben lang bei dir sein!"-
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War es das, was die Verheißung ausdrücken wollte?-
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Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Helga
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Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
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