Hallo Vicky,
das von dir genannte Problem sehe ich auch. Ich hab es in einem Vortrag mal 'trans* Paradox' genannt und nicht von allen Seiten Beifall dafür bekommen. Aber das heisst nicht, dass man sich damit nicht auseinandersetzen sollte, denke ich.
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 10. Mär 2020, 07:23Wie kann es sein, dass es kein Ordnungssystem, hier am Beispiel des Geschlecht, geben soll, andererseits Geschlecht im gleichen Atemzug genannt wird, in das der mensch sich selber wählen kann, es also doch eine Art Kategorie darstellt ?
Wenn man es so formuliert wird es ein Widerspruch in sich, da hast du Recht. So möchte ich meinen Ansatz aber nicht verstanden wissen. In das, was ich meine, kann ein Mensch sich nicht selbst 'hineinwählen', weil es nicht in einer 'betretbaren' Form existiert. Ein Hineinwählen oder ein Beitritt ginge ja tatsächlich nur, wenn gruppenbildende Kategorien existieren und auch definiert sind. Was ich meine ist eine Aussage eines Menschen über sich selbst, die für andere keinerlei zwingende oder erwartbare Bedeutung hat. Also eine Aussage, der der Kategoriewert weitestgehend fehlt. Im Grunde würde man damit eine Aussage über sich selbst treffen, die dem Wissensregime der Gesellschaft bzw. jedes anderen Menschen entzogen ist. Das käme, nach meiner Ansicht, dem neueren Stand des wissenschaftlichen Verständnisses von Geschlecht, als keineswegs eineindeutigem Zustand, recht nahe.
Und es gäbe keine Möglichkeit, das auszudrücken, nämlich Geschlecht, was wir heute ausdrücken können.
Drücken wir denn wirklich ein Geschlecht aus? Oder nur ein erlerntes Verständnis dessen? Oder ist es Individualität? Oder die Einordnung von Individualität in ein erlerntes Verständnis? Ich weiss es nicht.
Wir haben neulich schon mal dort angesetzt, sind aber leider nicht drangeblieben (d.h. ich bin nicht drangeblieben, sorry): Man würde sich mit der Trennung vom Kategoriewert des Geschlechts jedenfalls von dem frei machen können, was in der Aushandlung mit der Gesellschaft historisch an Bedeutungen, Erwartungen, Zuweisungen usw. bezüglich des 'Geschlechts' entstanden ist. Und zwar ohne gleichzeitig das Dilemma mit den real existierenden Geschlechtsverständnissen (es gibt ja mehrere, einander zum Teil widersprechende) vollständig lösen zu müssen.
Das Geschlecht, bzw.
die eigene Aussage darüber der Umgang damit, würde damit der Aushandlung in individuellen Beziehungen zwischen Menschen unterliegen. Es wäre der gesellschaftlichen d.h. überindividuellen Deutungshoheit und der Fremdbestimmbarkeit entzogen. Das halte ich für einen sinnvollen Umgang mit der Sache, solange niemand sagen und beweisen kann, welche Merkmale und Wirkungen eindeutig geschlechtlich oder geschlechtsbezogen sind (und über die Fortpflanzungsfunktion hinausgehen) oder bis endgültig klar ist, dass es Geschlecht, als identitätsstiftende, definierte Kategorie in dieser erweiterten Form gar nicht gibt. Ich weiss nicht, welches Ergebnis am Ende herauskommt. Aber auch solange dieses Ergebnis nicht vorliegt, brauchen wir einen verträglichen Umgang mit diesem Komplex. Es gibt nunmal Menschen, die sich ein Geschlecht zuschreiben (wollen) und es gibt die Wirkungen des historischen Geschlechtsverständnisses. Mit beidem müssen wir als Gesellschaft m.E. möglichst gut umgehen.
Das ein Mensch sich ein Geschlecht (nach seinem Verständnis) zuschreibt, ist für sich genommen erstmal kein Problem. Das Problem entsteht erst, wenn an diese Selbstzuschreibung Erwartungen an andere geknüpft werden und die Erfüllung der Erwartungen auf Basis von Kategoriedefinitionen (die betreffend das oft postulierte Geschlecht aber offenbar niemand liefern kann) auch noch eingefordert weird*. Oder wenn umgekehrt eine Fremdzuschreibung einschliesslich der zugehörigen Erwartungen erfolgt.
Es ist -ich bitte darum, den folgenden Vergleich als ein Beispiel für eine möglichen Ansatz zu verstehen und nicht inhaltlich aufzugreifen- ähnlich wie mit dem Glauben. Die Existenz Gottes ist nicht bewiesen. Die Nicht-Existenz Gottes ist auch nicht bewiesen. Für den Umgang damit haben moderne Gesellschaften die Religionsfreiheit und die Möglichkeit des Freiseins von Religion geschaffen. Und sie haben betreffend diesen Teil der individuellen Selbstbestimmung einen recht gut funktionierenden Umgang gefunden, indem dem Glauben eines Menschen der Kategoriewert recht weitgehend entzogen wurde. Das schliesst keineswegs aus, dass es Gruppen 'Gleichgäubiger' und 'Andersgläubiger' gibt. Die jeweilige Zugehörigkeit unterliegt in modernen Gesellschaften aber weitgehend nicht mehr der Fremdbestimmung, sondern der jeweiligen (individuellen) Aushandlung und hat darüber hinaus keine besonderen Wirkungen. Man kann für sich allein glauben oder als Teil einer Gruppe, mit der man eine (Teil-)Identität (d.h. Übereinstimmung) ausgehandelt hat. Unterschiedliche Gruppen können intern unterschiedliche (Teil-)Identitäten aushandeln. All das geht, aber niemand wird zu irgendwas gezwungen, zumindest zu nichts, aus dem er sich nicht frei machen können sollte.
So ungefähr stelle ich mir das mit dem Geschlecht auch vor. Und wenn dann die Wissenschaft eines Tages unisono sagt, sie hätte die Sache mit dem Geschlecht endgültig und eindeutig geklärt und auch die Existenz Gottes bewiesen .... nun ja, dann sehen wir weiter. Bis dahin halte ich Religionskriege für keine gute Idee. Und Geschlechterkämpfe auch nicht.
Geschlecht als konstante Kategorie mit fest definierten Eigenschaften gibt es nicht
Das sehen nicht wenige Menschen anders. Sie behaupten steif und fest, dass es das gibt. Allerdings blieben sie bisher den Beweis schuldig, dr für ihre daran aufgehängten Forderungen unabdingbar ist.
Trotzdem steckt sie so tief im Kopf, dass man sie nicht los wird.
Das war beim Glauben auch mal so.
Aber das Gefühl für Geschlecht scheint irgendwie fix zu unserem Leben zu gehören, denn wir können (scheinbar ?) nicht darauf verzichten.
Ich glaube nicht, dass man sich nicht davon lösen kann. Aber sei's drum, muss ja niemand. Der Kategoriewert ist das Problem. Und wer auf den nicht verzichten kann oder will, muss sich die Frage stellen lassen, warum nicht; und sollte auch darauf antworten.
Hab es gut
Marielle
*) Das war erst ein Schreibfehler. Den habe ich stehengelassen, weil ich persönlich ihn dann doch sehr passend finde.
PS 21:41: Das durchgestrichene ist natürlich Quatsch. Ich sollte meinen Kram besser noch öfter lesen, bevor ich auf 'Abschicken' drücke.