Jaddy hat geschrieben: So 8. Mär 2020, 21:06
Du willst das vielleicht nicht, doch genau so kommt das an. Bei mir und bei anderen. Genau so ein Satz wie "Typische frauliche Sehnsüchte eben". Der hat nämlich normierende Aussagen in mehrere Richtungen. Zum einen "wenn du als Frau
nicht so fühlst, bist du keine". Ja ich weiss, keine "typische" wenigstens, aber das ist bereits eine Form von Abwertung der Selbstverortung einer Frau, die nicht so fühlt. Und in die andere Richtung: "Wenn du so fühlst bist du typisch Frau (und damit insbesondere kein Mann)". D.h. für Frauen: "verhalte dich gefälligst so" und für Männer: "verhalte dich keinesfalls so".
Genau solche Sätze verfestigen die Rollenbilder und führen direkt zu dem, was du geschildert hast: "Und da haben die Männer ganz klar Pech gehabt. Die machen das nämlich nicht. Die wollen sich nämlich nicht die Blösse geben und markieren lieber den starken, obwohl sie eigentlich zur Mama weinen gehen wollen. Tja, Pech gehabt!"
Du hast ja den Kern vollkommen richtig erfasst: "Es ist aber gemeinhin so, dass diese Bedürfnisse meistens Frauen zugeschrieben werden, und das nicht ohne Grund, auch gerade deshalb, weil sie diese Bedürfnisse viel eher nach aussen tragen." Aber es fehlt der nächste Schritt, den Grund zu hinterfragen, warum sie das tendenziell mehr tun und Männer tendenziell weniger.
Dieser Grund sind nun mal die Zuschreibungen von aussen, von anderen, wie sich ein echter Mann(tm) (und umgekehrt eine echte Frau(tm)) zu verhalten habe, um keine soziale Ächtung zu riskieren. Wir alle sind durch diese Schule gegangen und praktizieren und multiplizieren es täglich. Wir nehmen nicht zuerst Menschen wahr, sondern schliessen von ihrem Äusseren auf den ganzen kompletten Satz an genderspezifischem Verhalten. Und wir sind irre gut darin, das scheinbar logisch zu begründen, obwohl sich praktisch alle Annahmen über biologische Unterschiede in Hirn und Verhalten in Experimenten in Nichts auflösen, und als absolut wichtigstes, verhaltensnormierendes Element die Zuschreibungen, Erwartungen und folgenden belohnenden, bestrafenden Interaktionen anderer übrig bleiben.
Und dann wundert sich irgendwer, dass das Zusammenleben so kompliziert ist.
Ich habe es dir schon mal gesagt, und ich sage es gerne noch 150 Mal: Nimm doch bitte nicht einzelne Aspekte heraus und nutze sie für dich derart, wie du es gerne hättest!
Also, wenn ich Freunde, Bekannte Arbeitskollegen oder Wildfremde bitte, mir typische frauliche Sehnsüchte in der Partnerschaft zu nennen, bekomme ich ganz schnell etliche Beispiele geliefert. Da ist niemand dabei, der sagen würde: Hmm, gibt es das überhaupt? Ausser hier, bei dir und den von dir genannten anderen, ist das scheinbar anders. Gut, dann ist das so. Das heisst aber nicht, dass man von dir/euch automatisch auf den Rest der Welt schliessen muss. Bei mir kommen deine Aussagen nämlich folgendermassen an: Sag sowas nicht, denn dadurch disrespektierst du mich und alle anderen auf der Welt. Dass ich damit dich nicht respektiere, ist bei mir angekommen - schon länger. Aber musst du JEDES mal so einen Heibo draus machen? Anscheinend schon, denn es geht hier in erster Linie um dich und nicht um all die anderen. Oder gibt es eine Liste von Leuten hier, die exakt wie du denken und glücklich sind, in dir einen Fürsprechx für ihre Angelegenheiten gefunden zu haben?
Kommen wir noch mal auf die typischen fraulichen Eigenschaften, Sehnsüchte, Verhaltensweisen, whatever zurück. Und wenn es sich nicht an den von mir genannten Sehnsüchten/Eigenschaften ausmachen lässt, dass es sich um eine Frau handelt, dann in den 12.786 anderen. Es bleiben noch unzählige andere Attribute übrig, die einen Menschen eindeutig als Frau oder Mann stilisieren. Mach doch mal eine empirische Umfrage unter Partnern, wo gefragt wird, mit welchen Attributen sie ihren jeweiligen Partner als typisch weiblich oder männlich beschreiben würden. Ich bin mir sicher, dass dieses Ergebnis dermassen eindeutig ausfallen wird. Dennoch wird dir das als Argument nicht reichen. Denn für sich sind das ja nur Zuschreibungen von aussen und entsprechen überhaupt nicht dem wahren Menschen.
Nehmen wir mal die typisch weibliche Eigenschaft "fürsorglich". Meine Tochter war 2, da hatten wir Freunde mit einem Neugeborenen da. Ohne Aufforderung ging sie zu ihr, wollte sie beruhigen, als sie geweint hat, wollte ihr die Falsche geben usw. Meinen 3-jährigen Sohn hat das nicht die Bohne gejuckt. Im Gegenteil, der machte ein mürrisches Gesicht, hat sich die Ohren zugehalten und ist in sein Zimmer. Hast du Kinder? Hast du schon mal die geschlechtlichen Unterschiede in diesem und anderen Verhalten hautnah mitbekommen? Und sagst du dann immer noch, dass das Fremdzuschreibungen sind? Wenn du sagst, dass sich das alles wissenschaftlich auseinander dividieren lässt, dann liegt das mMn nur an der Tatsache, dass man die Experimente derart aufbaut, um an dieses Ergebnis zu kommen. Ist ja auch klar, wenn ich jemanden isoliere und dann anschaue, wie er sich sozial entwickelt, werde ich zu dem Ergebnis kommen, dass er/sie, weder männliche noch weibliche Eigenschaften entwickelt.
Was ich mich auch schon mehrfach gefragt habe, warum von dir nicht zu beinahe jedem Thema, das sich mit weiblichen Verhalten befasst, ein Aufschrei und ein Sturm der Entrüstung kommt.
Wie schaffe ich es, wie eine Frau zu laufen, mich hinzusetzten. Wie verhält sich eine Frau dabei, was macht sie bei der Gelegenheit etc. pp. 100 Themen hier sind doch voll von derlei Fragen. Warum sehe ich dich da nicht laut schreien: Hey, was ist denn so typisch an einer Frau, dass ihr das erlernen möchtet??? Seid doch einfach ihr selbst! Denn ihr wisst doch, dass es gar nicht DIE FRAU und DEN MANN gibt!