Ich bin Ingenieurin im Elektronik und IT Umfeld. Und ja, ich kann leider auch bestätigen, dass man in diesem Umfeld ebenso anders behandelt wird, je nachdem ob da ein Mann oder eine Frau auftritt - ich kenne ja nun beide Seiten persönlich

Doch so wirklich lustig ist das nicht. Das geht dann schon soweit, dass ich mir sehr genau überlege, was ich anziehen werde, je nachdem wohin ich gehe. Wenn ich zu technischen Meetings gehe, dann weiß ich genau, dass ich da nicht besonders feminin auftreten kann, denn sonst habe ich sofort jeden Respekt und Ernsthaftigkeit verspielt. Ist leider so. Und wenn man dann auf einer Technik Messe einen solchen Messestand sieht, dann wird einem auch schnell klar, was man dort von Frauen hält:
Quelle: https://www.dpin.de/nf/wp-content/uploa ... m-1024.jpg
(ich hoffe das Bild sieht man dann im Post? Ich füge so selten Bilder ein...)
Grundsätzlich merke ich, wie ich in technischen Gesprächen lange nicht mehr so ernst genommen werde, wie früher. Organisatorisches ist noch OK, doch wenn es tief ins Technische geht, dann werden schnell die anderen Männer angeschaut und nicht mehr ich - und das obwohl ich CTO bin! (CTO = Chief Technology Officer, auf Deutsch etwa technische Direktorin). Das ist saumäßig ärgerlich, da es mich tatsächlich in meiner Arbeit behindert, davon abgesehen, dass ich mich in solchen Situationen automatisch aufregen muss, aber auch versuchen muss, meine Gefühle zu bändigen und den Kerlen nicht gleich "Sexistischer Idiot!" ins Gesicht brüllen kann. Leider nützt es auch nichts, mit besonderer Expertise oder Sachverstand zu glänzen, da kommen sich die Herren dann gleich angegriffen vor. Das Einzige was bleibt, ist ruhig bleiben, die Situation aushalten und ggf. Alternativen suchen - wenn der Kerl es nicht kapiert und mich K*cke behandelt, dann suche ich mir eben einen anderen. Nur leider ist das nicht immer möglich.
Ich kann mal drei solche Erlebnisse schildern. Das erst habe ich auch hier im Forum beschrieben:
viewtopic.php?f=36&t=11506
Zweites krasses Erlebnis war auf der gleichen Messe, auf der auch obiges Bild entstand. Bei einer Chip Firma fragte ich nach einem sehr speziellen Anwendungsfall. Zuerst habe ich gemerkt, dass der Typ mir anfangs gar nicht richtig zuhörte, weil er ganz offenbar nicht davon ausging, dass ich so tiefe technische Fragen stellen könnte. Also alles nochmal erzählt. Während ich redete, schaute er mich nicht einmal an, auch nicht, als er dann leicht am Thema vorbei irgendwelchen Kram absonderte. Er wollte mit mir nichts zu tun haben, weil er mich ganz offenbar nicht ernst nahm und schon gar nicht, als potentielle Entscheidungsträgerin für eine Bauteilauswahl. Schwerer Fehler, denn ich kaufte später einen anderen Chip, der zwar weniger konnte, aber von einer Firma, die mich ernst genommen hat. In zwei Wochen werde ich wieder Besucherin auf dieser Messe sein und ich werde wieder im langweiligen Hosenanzug dahin gehen, leider - Im Kostüm mit Pencil Rock und Pumps ist man sonst sofort als Messe Hostesse abgestempelt, dann kann ich mir den Besuch gleich sparen.
Drittes Beispiel war erst kürzlich wieder. In unserem Büro in USA kam der Chef einer befreundeten Firma mit einem hochrangigen Executive eines Chip-Herstellers vorbei, damit ich ihm erklärte, was wir dort machten. Das habe ich auch redlich versucht, doch wann immer der Typ eine Rückfrage hatte, schaute er besagten Chef der anderen Firma an, nicht mich! Sage mal!? Bin ich Luft? Nicht da? Habe ich gerade minutenlang in die Luft geredet? Nein, der hat mich nicht ernst genommen. Das tut schon weh und ärgert mich.
Jetzt bin ich durch mein Alter quasi privilegiert. Klingt seltsam? Was ich meine ist, wenn ich jetzt 25 wäre und am Anfang meiner Karriere, dann würde ich mir ernsthaft Sorgen darüber machen, wohin mich das bringen würde und welche Grenzen ich wohl dabei erfahren müsste. Ich glaube, mir würde das wirklich sehr zuschaffen machen, denn es ist völlig offensichtlich, dass ich nicht die gleichen Chancen wie ein Mann haben würde. Jetzt bin ich aber schon fast doppelt so alt und habe den größten Teil meiner Karriere schon eher hinter mir und konnte, Dank des Privilegs einen großen Teil davon als Mann machen zu können, einiges an Reputation sozusagen vorarbeiten. Ich habe keine Ahnung, wohin mich das gebracht hätte, wenn ich als Frau in meinen Beruf gestartet wäre. Ich bin mir fast sicher, dass ich heute nicht in einer Führungsposition wäre - doch das muss ich auch sagen, bei meinem jetzigen Arbeitgeber habe ich bereits als Frau angefangen, d.h. den hat das glücklicherweise nicht interessiert.
Nuja, so ist das eben, Gleichberechtigung my ass
Liebe Grüße
nicole