Carry hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 16:26
Jaddy hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 15:49
Es ist vielleicht schwer vorstellbar für dich; ich nehme bei dir eine starke Verhaftung in den tradierten Konzepten wahr, aber ja, ich wünsche mir ganz ganz generell, dass das persönliche Gendergefühl jedes Menschen einfach SEIN darf. Gleichberechtigt und parallel mit allen anderen. Dass niemand das eigene oder das Mehrheitsgefühl als "natürlich" hinstellt, sondern das maximal interessierte Fragen nach persönlichem Stil kommen, aber kein Beurteilungen und keine Befürchtungen, deswegen ausgegrenzt zu werden.
Nein, das ist keineswegs schwer vorstellbar für mich, denn das nimmst Du ja absolut richtig wahr - ich bin tatsächlich sehr verhaftet in den tradierten Konzepten - absolut richtig. Und ich kann - für mich ganz persönlich - auch gar nichts schlimmes daran finden.
Das schließt nämlich nicht aus, dass ich jeden Menschen, der anders tickt als ich, respektieren und annehmen kann, so wie er ist.
Mir ist es, gelinde ausgedrückt, auch völlig egal, welches Gendergefühl jemand hat, oder auch nicht - außer bei meinem Sexualpartner - da ist es mir natürlich nicht egal, denn das hat ja auch große Auswirkungen auf mich ganz persönlich und auf mein Gendergefühl.
Aber jeder kann herzlich gerne so sein, wie er/sie/es mag. Für mich sind alle Menschen GLEICHWERTIG und damit Gleichberechtigt - aber eben nicht gleich!
Mit all meinen Ausführungen und Erläuterungen zu Prä-Historie, Kulturhistorie etc pp wollte ich immer nur deutlich machen, WARUM ich so denke und fühle, und die meisten anderen Menschen nunmal auch, wie ich es tue - WARUM ich bipolar denke, handel und fühle.
Du empfindest das nur immer als Angriff Deiner ureigenen Genderempfindung!
Ja, das ist die Crux, da hast du recht. Ich empfinde so, weil gerade dein Ansatz zum WARUM durch diese Bezüge auf Historie oder Biologie oder gar Religion oder Metaphysik nicht nur als Erklärung für dein Selbstgefühl rüber kommt, sondern quasi als allgemeingültige Weltsicht "normal" hinstellt in dem Sinne, dass alles andere unormal und deshalb nicht gleichwertig sei. Motto: "So wie ich bin ist es richtig(er), denn seht, ich habe die korrekte Herleitung". Ich kann auch verstehen, wenn du nicht begeistert bist, wenn ich keine deiner Herleitungen als logisch valide akzeptiere. Wie Wally schrieb: Wenn all das wegfällt, was bleibt dann noch? Nun, die Frage ist, ob da überhaupt was bleiben muss. Braucht es eine Erklärung WARUM oder reicht das SEIN an sich nicht aus? Selbst wenn niemals eine schlüssige Begründung für Gender gefunden würde?
Ich habe bei sehr vielen Menschen sehr lange und verzweifelte Versuche zur Selbstlegitimation durch Ursachenforschung erlebt. Nicht nur im Bereich Gender, auch sexuelle Orientierung, Fetische, wasauchimmer. Es hat nie wirklich geklappt. Einige haben sich quasi aus dem Treibholz ihrer untergegangenen Überzeugungen ein morsches Floss gebaut. Pseudoerklärungen, die offensichtlich nicht sturmfest waren. Bei niemandem hat es für die alltägliche Bewältigung irgendetwas gebracht zu glauben WARUM sie so sind. Das mal so als Tipp, wo sich Eifer vermutlich eher nicht lohnt.
Auf der anderen Seite kann ich nur sagen, wie das "normale" Verhalten eben bei mir ankommt, und dass dein Anspruch der gleichwertigen Behandlung mindestens hier und mindestens schriftlich bei mir sich nicht gleichwertig anfühlt, auch wenn du das nicht beabsichtigst. Das sind so Nadelstiche wie das "er/sie/es" oben. Subtext: Es gibt die binären Menschen wie dich und dann die "es"-Dinge. Ja, übersensibel interpretiert, aber so empfunden. Es ist mir sofort beim lesen aufgestossen. Vielleicht so wie dir vor ein paar Wochen, als ich im anderen Thread von "deine*r Partner"¢in" oder "Partnx" geschrieben habe, bis du das klargestellt hattest. Ich könnte noch viel mehr Beispiele finden, wo dieses "normal" zum binären Konformitätsdruck wird. Wo Annahmen und Zuschreibungen als selbstvertändlich formuliert werden. Alles nur Kleinigkeiten und Mückenstiche. Aber ab wie vielen Mückenstichen beginnt eine allergische Reaktion und nach wie vielen ist ein Mensch tot?
Also nimm das bitte einfach als Spiegelung, dass dein Normalverhalten bei einigen Menschen nicht wertschätzend ankommt.
Damit zusammen hängt auch meine Vermutung, dass trotz deiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema und bestem Willen deinerseits, dein Partner auch nicht ganz unbelastet von diesen Nadelstichen ist:
Carry hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 16:07Jaddy hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 15:49Nicht nur für stark damit hadernde Menschen wie deinen Partner und mich
Du tust es schon wieder ....kennst Du meinen Partner persönlich? Hat er Dir erzählt, dass er stark hadert?
Tut er gar nicht....wie kommst Du darauf?
Ich komme drauf, weil ich deine Beiträge gelesen habe und darin u.a. dies gefunden habe:
Kurz vor dem anstehenden Umzug vor ca 5 Monaten kam dann - gezwungener Maßen - das Outing. Aus Angst, ich könnte nun in einer gemeinsamen Wohnung mal etwas finden, was mich falsche Gedanken haben lassen könnte, beichtete er mir, dass er gerne Frauenkleider trägt und sich darin dann selbst befriedigt.
[...]
Für ihn muss es höllisch gewesen sein, mir das zu sagen...
[...]
meinen Mann hat das eine Menge Überwindung gekostet, weil er sich schämt, weil er Angst hat, dass ich geschockt bin, weil er selbst sagt, er wisse ja, dass er in den Sachen nicht gut aussieht, weil weil weil ...
[...]
Ich hatte ihn zum Beispiel gebeten, mir vielleicht mal ein paar Sachen zu zeigen, ohne dass er sie in dem Moment trägt, damit ich ein reelles Bild bekomme und damit vielleicht all die Bilder in meinem Kopf mit der Realität abgleichen kann. Bislang konnte er sich dazu noch nicht durchringen, er sagt, er habe Angst, dass dann etwas zwischen uns kaputt gehen könnte.
[...]
Ich glaube auch, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, will er sich mir nicht zeigen! Er hat Angst vor meiner Reaktion - und ehrlich gesagt, ich auch!
[...]
Ganz klar liegst Du richtig, dass er noch ganz viele Probleme mit dem Selbstwert und Selbstbild hat, dass er sich schämt - vor sich selbst und vor mir, und ja genau, klassische ebenfalls katholische Erziehung genossen hat, stinknormales Hetero-Elternhaus, behütet und völlig Gesellschaftskonform aufgewachsen...
[...]
Die Angst vor der zufälligen Entdeckung durch mich, wenn wir zusammenziehen, oder dass ich denken könnte, er hätte was mit anderen Frauen, wenn ich mal zufällig über irgendwelche Sachen stolpern würde, trieb ihn dann dazu, sich mir zu öffnen. In unseren Gesprächen bislang wurde mir immer bewusst, dass er sich damit entweder für sich selbst auch noch nie wirklich auseinandergesetzt hat, oder sich nicht traut, mir seine wahren Gefühle zu sagen.
[...]
Wenn es mir schlecht geht, wenn ich in seinem Armen deswegen mal wieder weine, kommen manchmal so Sprüche wie: "Hätte ich besser nie was gesagt!"....dann sage ich immer, dass ich das anders sehe, dass es gut und richtig ist, dass er sich geoutet hat, denn wenn er das weiter völlig verdrängen und verstecken müsste, wie sollte er denn dann jemals eine wirklich authentische, aufrichtige und ehrliche, glückliche Beziehung führen?! Wir MÜSSEN darüber reden und das immer wieder thematisieren, auch wenn ich manchmal denke, ihm ist das noch unangenehmer, als mir.
[...]
Ebenso berührt mich sein Schmerz, den er schon so viele Jahre mit sich ausmachen musste und hoffe inständig, dass alleine die Tatsache, dass er sich mir anvertrauen kann, ihm ein bisschen Erleichterung bringen kann. Es tut mir unfassbar leid, dass er sich mit all diesen Dingen herumschlagen muss und nicht einfach nur glücklich sein kann.
Es wäre wirklich ungut, wenn dein Wunsch, ihn völlig zu akzeptieren, von diesen unbewussten Nadelstichen konterkariert würden.