Ein Forum im allgemeinen Sinn ist ein realer Ort oder ein virtueller Raum, wo Fragen gestellt und beantwortet werden und Menschen miteinander Ideen und Meinungen austauschen können.
Inspiriert durch einen anderen Thread wo ein allgemeiner Austausch zum Wohle aller nicht erwünscht war, veröffentliche ich hier eine Art Leitfaden - von mir der rote Faden genannt- als Orientierungshilfe für Personen mit transidenten Hintergrund / Geschlechtsinkongruenz.
Ich lade Euch herzlichst dazu ein, gemeinsam über dieses Thema zu schreiben.
Die Datei steht hier für Alle, also nicht nur Mitglieder dieses Forums, öffentlich als PDF zum Download bereit. (Updates und reuploads in neuen Beiträgen, wegen der fehlenden Möglichkeit den Beitrag nach gewisser Zeit zu editieren.)
Eingeleitet wird die Orientierungshilfe mit einer Grafik, welche ich hier noch einmal als Bild teile.
Quelle: https://cdn.discordapp.com/attachments/ ... /guide.pngAbgerundet wird der Leitfaden durch eine ausführliche und dennoch kurz gehaltene visuell aufgehübschte Erklärung, welche ich einfacher Weise hier noch einmal in Textform anfügen werde.
Vorwort
Dieser Leitfaden verzichtet bewusst auf zeitliche Vorgaben, weil der Weg einer jeden Person individuell und unterschiedlich verlaufen kann.
Auch ist in der Reihenfolge bei der Abarbeitung dieser Liste ein gewisser Spielraum gegeben. Zu beachten sind hierbei jedoch bestimmte Vorgaben durch Richtlinien oder andere Voraussetzungen, welche erfüllt werden müssen. Mehr dazu aber in den Detailerläuterungen.
Auch muss nicht jeder Schritt gegangen werden.
Entscheidung
Damit ist die Entscheidung gemeint, etwas im eigenen Leben ändern zu wollen. Hier muss noch niemand für sich wissen ob eine Transsexualität vorliegt, sondern kann sich noch auf der Suche nach einer Antwort befinden.
Entscheidungen müssen auf dem Weg viele getroffen werden. Einige früher, einige später und einige mit weitreichenden Folgen.
Es gibt Entscheidungen, welche nicht immer leichtfallen. Nehmt Euch die Zeit, die Ihr für eure Entscheidungen benötigt und scheut nicht davor Hilfe in Anspruch zu nehmen!
Outing im engen Kreis
Die ersten kleinen Coming Outs sind wichtig. Verbündete mit auf die Reise zu nehmen macht alles etwas schöner und einfacher.
Beschränkt Euch auf engere Freundschaften und Familie. Auf Personen, die Ihr gut kennt und Euch im Gegenzug auch gut kennen.
Mit deren Hilfe bietet sich auch die Möglichkeit zur Reflektion. "Wie werde ich wahrgenommen, was könnte ich tun?" Ein direktes Umfeld kennt die Menschen, Beziehungen und Möglichkeiten besser und ist im Bedarfsfall besser erreichbar als Selbsthilfegruppen und Profiberatung.
Die Akzeptanz dieser Personen ist häufig kein Problem, auch wenn diese Coming Outs die schwierigsten sind. Eine Garantie für Erfolg gibt es hier nicht. Aber diese gibt es auf unserem Weg sowieso nicht.
Von kleineren Rückschlägen sollte man sich nie entmutigen lassen.
Ich wünsche Euch hierbei alles Gute!
Therapeutische Begleitung
Mit therapeutischer Hilfe sollte nicht gezögert werden, denn auf unser Thema spezialisierte Psychotherapeuten sind gute Ansprechpartner in allen Punkten einer Transition. Die Therapie also nur für ein Indikationsschreiben zu nutzen ist verschwendetes Potential, denn sie hilft dabei die persönlichen Ziele während einer Transition zu erreichen.
Die Therapeuten stellen nach aktueller Leitlinie nach spätestens 18 Monaten die Indikation aus. In der Praxis geht dies jedoch häufig deutlich schneller. Es gibt Therapeuten, welche einen Alltagstest wünschen, auch wenn dieser nicht mehr vorgeschrieben ist.
Allgemeines Outing
Wenn ein erfolgreicher Alltagstest angestrebt wird kommt man um ein Outing nicht herum.
Dies ist das Coming Out gegenüber der erweiterten Familie, Job, Nachbarschaft und Öffentlichkeit. Es muss nicht auf einmal erfolgen und sollte im Einzelfall gut vorbereitet werden.
Ohne Alltagstest kann man sich alle Zeit lassen mit dieser Art Coming Out. So kann z.B. gewartet werden, bis der Bart dauerhaft entfernt wurde, bis die Haare lang gewachsen sind. Oder bis die Stimme tiefer geworden ist und ein deutlicher Bartwuchs eingesetzt hat.
Alltagstest
Für viele ist schon der Gedanke daran reinste Folter. Aber ich kann euch versichern, dass das alles halb so wild ist. Über den Sinn lässt sich streiten, ich persönlich bin gegen einen Alltagstest. Jede Person sollte sich erst festigen und Selbstvertrauen tanken, bevor man öffentlich die "soziale Geschlechterrolle" wechselt.
Denn bei Start der Transition sind längst nicht alle auf dem gleichen Stand. Glücklicherweise ist der Alltagstest keine Pflicht mehr und das Thema erübrigt sich in den meisten Fällen. Nach der bald gültigen neuen Leitlinie können Maßnahmen wie Hormonbehandlung, Bartepilation oder Brustentfernung bereits unterstützend zum Alltagstest erfolgen.
Hormonersatztherapie (HET/HRT)
Um einen Termin bei einem Endokrinologen sollte sich rechtzeitig gekümmert werden, denn die Wartezeit beläuft sich nicht selten bei ca. sechs Monaten.
Diese Fachärzte wollen häufig das Indikationsschreiben der Therapeuten als Absicherung sehen, denn mit der Zugabe von dem gegengeschlechtlichen Sexualhormon und ggf. Blockern, greift man enorm in einen gesunden Körper ein.
Allgemein ist jedoch gesagt, dass Hormone auch von jedem Hausarzt verschrieben werden könnten, viele machen es nur einfach nicht, weil sie sich auf diesem Gebiet nicht ausreichend auskennen.
Die Einnahme von Hormonen sollte unter ärztlicher Aufsicht erfolgen, wobei die Gesundheit regelmäßig überprüft wird.
Was die einzelnen Hormone mit dem Körper machen und nicht machen können, werde ich hier bewusst nicht thematisieren, denn die jeweiligen Ärzte werden Euch ausreichend darüber informieren!
Ergänzungsausweis
Euer äußeres Erscheinungsbild wird sich deutlich verändern zum Beispiel wenn ihr ab dem allgemeinen Coming Out oder im "Alltagstest" durch Kleidung, Haare, Makeup oder Binder eure Identität deutlich macht. Und das kann zu Problemen führen, wenn man seinen alten Ausweis vorzeigt.
Für solche Fälle kann man sich von der DGTI einen Ergänzungsausweis (Kosten: 19,90 €) ausstellen lassen.
Es ist kein amtliches Dokument und man bleibt somit der Toleranz von Behörden und Einrichtungen ausgeliefert. Erfahrungsberichte zeigen, dass ein Ergänzungsausweis sehr hilfreich sein kann, aber kein Muss ist.
Genaue Infos erhaltet Ihr unter:
https://dgti.org/ergaenzungsausweis.html
Training der Stimme
Eine durch Testosteron gereifte Stimme wird durch Zugabe von Östrogenen nicht auf zauberhafte Art engelsgleich. Mit der gezielten Einnahme von Testosteron hingegen wird die Stimme tiefer. Das bedeutet nicht, dass man in diesem Fall nicht auch zusätzlich an der Stimme arbeiten kann.
Stimmtraining kann entweder auf eigene Faust erfolgen oder es besteht die Möglichkeit auf fachliche Hilfe durch Logopädie, welche sogar von den Krankenkassen bezahlt werden kann.
Das ist ein sehr langwieriger Prozess, verliert nicht den Mut. Ich habe tolle Ergebnisse zu hören bekommen. Stimmtraining ist etwas Persönliches und nicht Notwendiges. Jede Person sollte wissen, ob es wert ist diese Mühen einzugehen.
Ich wünsche viel Erfolg dabei!
Kosmetische Maßnahmen
Hierunter verstehen sich Maßnahmen wie Bartepilation. In diesem Fall übernehmen die Krankenkassen diese Behandlung. Oft jedoch mühsam über Kostenrückerstattungsanträge oder im Vorfeld über Kostenvoranschläge.
Lasst Euch durch Absagen erst einmal nicht entmutigen. Berufung einlegen und oder ggf. zusätzlich ein anderes Studio oder einen anderen Arzt aufsuchen, welcher eine solche Behandlung anbietet.
Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung
Dies ist ein aktuell noch über das Transsexuellengesetz (TSG) geregelter Ablauf.
https://www.gesetze-im-internet.de/tsg/ ... 40980.html
Alle grundlegenden Informationen könnt Ihr dem Gesetz entnehmen.
Zusätzlich besteht jedoch die Möglichkeit beide Gutachter selber zu bestimmen.
Rechtlich aktuell eine Grauzone aber auch eine Möglichkeit bietet hier das Personenstandsgesetz (PStG) - -§ 45b
https://www.gesetze-im-internet.de/pstg/__45b.html
Operative Maßnahmen
Vorneweg: Auch ohne angleichende Operationen kann Euch niemand euer Geschlecht absprechen.
Jede Person muss für sich selber wissen, ob eine Operation das Leben lebenswerter macht.
Gemeint sind hier folgende Operationen:
Mastektomie (Entfernung von Brustgewebe)
Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter)
Orchiektomie (Entfernung der Hoden)
Brustaufbau
Allgemeine Schönheitsoperationen
Und sonstige chirurgisch angleichenden Operationen wie Penoid oder Neovagina.
In Deutschland werden die Kosten in der Regel von den Krankenkassen übernommen. Hierfür muss ein Antrag gestellt werden, welcher dann vom MDK geprüft und freigegeben wird. Die Gutachten für die VÄ/PÄ können hierfür hilfreich sein. Die Krankenkassen haben auch hier grobe Richtlinien: mindestens sechs Monate Hormontherapie, eineinhalb Jahre Therapie und Alltagstest.
Wartezeiten sind relativ lange, Geduld zwingend erforderlich!
Persönliche Ziele
Eine Transition ist niemals wirklich beendet. Für den Rest des Lebens müssen von außen die passenden Hormone zugeführt werden. Die Reise ist keineswegs mit erfolgreicher angleichender Operation und neuem Personenstand inklusive Namensänderung abgeschlossen. So ist es für ein glückliches Leben wichtig sich weiterhin Ziele zu setzen. Ein toller Beachbody zum Beispiel!
Macht etwas aus der Chance, die Euch gegeben wird!
Ich habe das Ganze mit einem CC belegt. Genauer gesagt CC-BY-NC-SA
https://creativecommons.org/licenses/by ... .0/deed.de