wie soll ich hier am besten anfangen? Grundsätzlich soll es hier um Asperger Autismus gehen und den Zusammenhang zur (Geschlechts-)identität und natürlich um den allgemeinen austausch zu dem Thema.
Erstmal ganz allgemein für alle, die es noch nicht kennen:
Asperger Autismus gehört zu den hochfunktionierenden Autismus Störungen und viele betroffene wissen auch nicht, das sie dies haben, weil es wenig bis keine Alltagseinschränkungen gibt. Der Grad dieser Autismus Störung ist auch bei jedem unterschiedlich ausgeprägt, nicht jede/r hat eine Hochbegabung, auch ist es so, das man nicht automatisch in Naturwissenschaften gut ist. So gibt es viele, die sind in Kunst und anderen Dingen sehr begabt.
Beim Asperger Autismus ist es so, das die betroffenen keinen Wahrnehmungsfilter im Kopf besitzen und alle Umwelteindrücke ungefiltert auf das Gehirn einprasseln, man sagt auch, das das Gehirn im Wachen Zustand ständig auf hochtouren läuft. Das macht es auch am Ende des Tages recht müde und man ist sehr erschöpft. Wenn man etwas vom Asperger Autismus auch ein wenig witzig verpackt erfahren möchte, kann man sich Big Bang Theory ansehen, viel interessanter ist es aber "echte Menschen" zu erleben und dazu empfiehlt sich Youtube, dort gibt es verschiedene Dokus dazu, wenn ich es nicht vergesse, verlinke ich auch noch ein paar Videos später.
Leider gibt es nicht sehr viele Informationen und vieles kann ich auch nur von mir selber berichten, was ich auch lange selber nicht wahrgenommen habe, weil ich es ja nicht anders kannte.
Hier nochmal zusammengefasst ein paar Eigenschaften, wie andere, die mich kurz oder länger kennen, beschreiben würden.
Ich bin ruhig. Wenn ich etwas sage, ist es meistens sehr wichtig. Viele sagen ich wirke "traurig". Einige sagen, ich scheine Gefühlslos oder sehr nüchtern zu sein. Manche sagen zu mir, das ich reserviert wirke.
Wenn man mich fragt, worüber das Gespräch, das ich gerade geführt habe, ging, sage ich meistens, das ich es nicht weiß, ich aber voll anwesend war und auch alles verstanden habe, das ist keine Abwertung, es fällt mir nur umheimlich schwer Gespräche, Geschichten, Gedichte und andere Dinge zusammenzufassen und zu interpretieren. Wenn es aber darum geht ein hochkomplexes technisches Gerät zu zerlegen, den Fehler zu suchen und anschließend wieder funktionsfähig und fehlerfrei zusammen zu bauen, kann ich das auch nach mehreren Stunden noch, ohne das ich mir notizen oder andere Hilfen angefertigt habe. Das war auch in ähnlicher Form in der Kindheit so. Ich sage von mir selbst, das ich wenig bis keine Fantasie habe, ich kann ber Dinge exakt nach Anleitung zusammenbauen und sei sie noch so schlecht (IKEA - haha). Oft ist es sogar so, das ich nichtmal eine Anleitung benötige, weil mir die Schritte offensichtlich auf der Hand liegen. Das war früher weniger der Fall, ist heute ausgeprägter, weil ich wohl einfach mehr Erfahrung im Zusammensetzen von Sachen habe.
Dadurch das mein Gehirn die ganze Zeit auf hochtouren läuft kann ich auch mehr oder weniger 2-3 Gesprächen folgen und passende Antworten geben, das merke ich oft, wenn ich in größeren Runden zusammensitze. Ich kann auch sehr viele Dinge beobachten, ohne diese bewusst zu beobachten. Ich habs auch mit Zahlen und Kopfrechnen und höherer Mathematik (Kurvendiskusionen, 3 dimensionales Koordinatensystem), dort sind mir oft die Lösungen auch offensichtlich, jedenfalls annährend, weil ich die Muster erkennen kann. Ich bemerke auch immer wieder das ich recht verschachtelt formuliere, was es leider manchmal für viele schwer macht, meinen Sätzen zu folgen, insbesondere im schulischen Umfeld hatte ich damit viele Probleme in Fächern wie "Deutsch", was aber kein Problem war, wenn man in allem anderen gut ist.
Einige witzige Sache ist z.b. auch, das ich die Uhrzeit oft recht präzise vorhersagen kann, ich muss nur einmal zu einem Zeitpunkt x auf die Uhr geguckt haben. Selbst wenn ich abends vor dem einschlafen auf die Uhr gucke, wach ich nachts auf und weiß wie spät es ist, ohne auf die Uhr geguckt zu haben. Warum das genau so ist, weiß ich nicht, ich erkläre es mir zumindestens folgendermaßen: Mein Ruhepuls hat etwa 60 Schläge pro Minute und offenbar zählt mein Unterbewusstsein irgendwie mit oder kann es dadurch besonders gut abschätzen. Wenn ich z.b. in Arbeit vertieft bin, kann ich aber auch völlig die Uhrzeit und alles andere um mich herum vergessen, bis mich irgendwann nach Stunden mal jemand fragt, ob ich nicht etwas essen möchte und da merke ich dann plötzlich, oh ja, ich hab ja hunger.
Ja super könnte man sagen, was will man mehr. So schön wie das klingt ist es leider oft nicht, denn es gibt auch viele Seiten, die es mir schwer machen. Ich kann z.b. keine Emotionen lesen und auch kaum welche wiedergeben oder deute vieles falsch. Es gibt große defizite im sozialen Bereich, mir erschließt sich oft der Sinn von informationslosem Smalltalk nicht. Ich habs nicht so mit "nähe" und habe gerne meinen "Abstand", also meine Blase um mich herum, wobei sich das schon gebessert hat. Ich habe sehr wenige, dafür aber "richtige" Freunde und mir fällt es absolut schwer neue zu finden. Bis vor einem Jahr hatte ich recht viele Routinen, besonders morgens, wann ich aufstehe, wann ich im Auto sitze, wann ich bei der Arbeit bin und auch welchen Parkplatz ich habe, deswegen bin ich oft schon 5 Min. früher losgefahren. Mein Tag hat dann etwas gelitten, wenn es irgendwelche außerplanmäßigen "Störungen" gab und ich hab mich die ganze Zeit unruhig gefühlt, auch wenn es nicht wollte.
Ich bin sehr ehrlich und direkt, womit einige manchmal ein Problem haben, dabei meine ich es nicht böse, sondern versuche eher "zu helfen". Mir fällt es absolut schwer zu lügen, ich kann das einfach nicht, bevor ich lügen muss, sag ich gar nichts.
Ich habe immerhin keine krassen Ticks, außer das ich beim reden oft Gegenstände in den Händen habe, um mich "festzuhalten" oder meine Hände zu beschäftigen, keine bewussten Zwangsstörungen, ok vielleicht bin ich sehr sauber und ordentlich und hasse es wenn zeug rumliegt, aber auch nicht immer, es gibt Phasen, da ist es mir dann auch einfach egal.
Vieles von dem wie ich auch oft bin, fällt mir gerade nicht ein, kommt aber meist im Gespräch mit anderen Betroffenen raus. Ich habe z.b. einen besten Freund, der auch Asperger hat, mit dem versteh ich mich fantastisch, weil der genau so denkt wie ich und wir haben auch immer viel zu erzählen, ohne deutungen zwischen den Zeilen, sondern immer direkt raus.
Asperger und (Geschlechts-)identität ist leider noch Thema was offenbar wenig erforscht ist und man weiß nicht genau wie das zusammenhängt. Ich habe bei mir gemerkt, das mir Routinen und Dinge immer auf die selbe Weise machen mir Sicherheit und Beruhigung gegeben hat, auch weil ich mit mir selber durchs Trans* sein und insbesondere es nicht wissen immer eigene Unsicherheit verschafft hab. Seit ich das ganze Thema Trans* jedoch für mich so akzeptiert hab, merke ich auch, das ich nicht mehr soviele Routinen hab, allgemein lockerer und auch spontaner bin. Dennoch merke ich, das Dinge wie Beoachtungsgabe und der fehlende Umweltfilter noch da sind und mein Gehirn nicht abschalten kann, solange ich wach bin.
Also vielleicht ist bei mir eine anfangs nur schwache Ausprägung von Asperger durch meine Identitätsstörung verstärkt worden oder es ist genau umgekehrt, das Asperger Menschen eine Neigung dazu haben ihre Identität in Frage zu stellen, das muss aber nicht Zwangsläufig Geschlechtsidentität sein, sondern kann auch die allgemeine Identität sein, so hab ich es jedenfalls irgendwo mal gelesen. Ich habe auch mal gelesen, das Frauen offenbar "anfälliger" dafür sind Asperger Autisten zu sein, was da nun dran ist, kann ich nicht sagen.
Naja, ich bin Gespannt auf den Austausch und hier noch ein paar Videos von betroffenen, die Asperger mal mehr mal weniger haben und auch verschiedene Formen, denn hier ist es so, das es nicht die Schablone für Asperger Autismus gibt.
https://www.youtube.com/watch?v=tTTYaPjCBHk
https://www.youtube.com/watch?v=9SmabgTUId8
https://www.youtube.com/watch?v=L8mLu_OyveA
https://www.youtube.com/watch?v=AkeS-hGMrD0
https://www.youtube.com/watch?v=KUVOGEhyQVE
https://www.youtube.com/watch?v=tJwRIjkTyS4
https://www.youtube.com/watch?v=RSKSN_BCQI4
Viel neues über mich und allgemein Asperger Autismus, ich bin sehr glücklich darüber, das ich hilfreiche Dinge habe, die mich im Job weiterbringen können und keine Dinge, die mich so richtig im Alltag behindern und keine sonstigen schlimmeren Komorbiditäten wie Depressionen oder AD(H)S oder dergleichen. Denkt dran, wenn ihr mich trefft, ich bin nicht emotionslos oder emotionsfrei, auch wenn ich oft ein "Steingesicht" hab.