Also, ich verdiene mir ja meine Euros mit Software machen

Von daher kenne ich den Kram. Ich kenne durch meinen Job auch die Prozesse und wie sie häufig gar nicht miteinander verknüpft sind.
Aktuelles Beispiel: Raiffeisen-Shop.de, wo ich letzte Woche Pellets bestellt habe.
- Bestelleingabe, Profil anlegen, da ist die binäre Abfrage (die ich gleich danach per Kontaktformular gemeldet habe)
- Die automatische Bestätigung der Bestellung: Keine Anrede
- Die Versandmeldung: "Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde,", im Block Lieferadresse ohne Anrede
- Die Rechnung - und hier wird es lustig - "Sehr geehrte/r Frau/Herr <Nachname>"
- Das angehängte PDF der Rechnung: Adressblock ohne Anrede
- Ah und Klarnas Bestätigung der Direktüberweisung: "Lieber Kunde". Ich hatte bei Raiffeisen "Frau" angekreuzt...
Im ganzen Vorgang wird die abgefragte Anrede also überhaupt nicht verwendet. Amazon, Paypal und viele andere fragen es daher schon länger gar nicht mehr ab.
Raiffeisen ist damit nicht allein. Bei Esprit hatte ich das auch. Zwangsabfrage, die ich inzwischen nach Münzwurf beantworte, und auf dem Mailverkehr und selbst dem Adressaufkleber der Pakete steht "Herr/Frau <Vorname> <Nachname>". Also gut für nix.
Gerade weil sehr viele Prozesse gar keinen Gendermarker übertragen, mogeln sich die weiter flussabwärts liegenden Software-Teile zwangsweise darum herum.
Zum Teil liegt es wohl auch daran, dass es ja kein einheitliches Format gibt. Ob jetzt wie in Deinem Beispiel binär gespeichert wird, d.h. "1 = männlich", "0 = alles andere", oder als Zeichen ("m", "w"? "M", "W"? "H", "F"?), groß oder klein, oder vielleicht SAP-Style als Indexzahl auf eine Systemtabelle, etc. ist vollkommen offen und wird meistens je Prozessentwicklung festgelegt.
Von einer Partei, deren Support hilfreicherweise meinen Gendermarker intern manuell geändert hat, bekomme ich Post aus der Bundesorganisation mit "Unbekannt <Vorname> <Nachname>". Wenn sie Daten an den Landesverband geben, wahlweise "U <Vorname> <Nachname>" oder "Frau <Nachname>".
Bei letzterem ist klar, dass jemand nicht aufgepasst hat beim Übernahmeskript und dachte "Och, alles mit Kennzeichen "M" kriegt "Herr", alles andere "Frau". Die einfach gedachte straight-forward-Lösung.
Das "U" ist vermutlich schon schlauer. "Wenn "M" dann "Herr", wenn "W" dann "Frau", ansonsten weiss ich nicht und geb es einfach so aus wie es kommt". Ein vorsichtiger Mensch
Und beim "Unbekannt" haben sie wohl immerhin eine Stringtable dahinter. Nützt aber ja auch nix
Sowohl der vorsichtige Mensch, wie auch die mit dem "Unbekannt", hätten das Problem ganz einfach und zufriedenstellend lösen können: Wenn es nicht eindeutig ist, anderen Textbaustein nehmen mit "Guten Tag <Vorname> <Nachname>". It's that easy.
Bei Strato hat mich diese Abwimmelei aufgreregt. "Kann ich nicht, Ende". Das kennen wir hier aber schon. Der Strato Support wird vermutlich nach Anzahl Antworten bezahlt. Bloss nicht zu lange damit beschäftigen. Die armen Leutchen haben meist gar keine echten Hilfsmöglichkeiten, können nicht rückfragen, nichts einsteuern. Und wenn sie von sich aus eskalieren, erzeugen sie erhöhte interne Kosten. Manche Firmen lagern das sogar extern aus, da ist dann alles zu spät.
Meine Antwort aktivierte dann vermutlich automatisch die zweite Ebene, die auch eine leicht aufgepeppte Standardmail verschickte - "Wenn Kund*in insistiert: Ticket aufmachen, Standardmail mit Freitextzusatz ("wann die gewünschte Anrede...") zurücksenden". Aber dass da oben wieder "Herr ..." stand zeigt eben, wie wenig sich die Leute inhaltlich mit den Anfragen beschäftigen. Und das betrifft ja nicht nur Anreden, sondern auch technische und vertragliche Probleme.