Gut, dass da oben das Wort _Modell_ steht.
Das Problem mit Modellen wie der TCM: Sie sind übersichtlich, verständlich, daher scheinbar plausibel, aber die angenommene Wirkweise weder statistisch, noch als Wirkmodell selber bewiesen. Anders gesagt: Es fühlt sich einfach so an, als ob da was dran wäre, aber kein Mensch weiss ob überhaupt. Quasi eine medizinische
Deepity[1]
Wir möchten überall Strukturen erkennen. Wir brauchen System in der Welt, denn wenn wir zu wissen meinen, wie die Welt tickt, glauben wir auch Kontrolle zu haben und vor Überraschungen und Risiken geschützt zu sein. Die ständige Frage ist aber, ob unsere Annahmen, die Modelle tatsächlich zutreffen.
"Traditionelle" Medizinmodelle gehen meistens drei von fünf Schritten zu wirksamer Medizin:
1. Zufallsfund / Korrelation ("oh, ich hatte X, hab Y gemacht, jetzt geht's mir besser"),
2. Modellbildung ("X und Y könnten aufeinander wirken weil A (=beliebige Idee)"),
3. Modellerweiterung ("Wenn Y auf X wirkt weil A, dann müsste auch W auf U wirken, weil auch A").
Das funktioniert für TCM inkl. Akupunktur, Homöpathie und ihre Variante für Faule, Schüssler-Salze, auch Bachblüten, Ayurveda, alle Arten von Geistheilung inkl. Reiki, sowie für Gesundbeten, Wallfahrten und andere (schamanische) Rituale aus aller Welt und so weiter.
Es fehlen aber die Antworten auf die ständige Frage:
4. Tatsächliche Wirksamkeit / Kausalität im Einzelfall ("es ist tatsächlich genau Y, was da wirkt - und U ebenso")
5. Modell verifizieren ("Die Idee A kann als Wirkungsmechanismus auf biologischer, chemischer Ebene nachgewiesen werden. Es ist kein isoliertes Phänomen, sondern passt zu anderem bekanntem Wissen")
Und da scheitern die oben aufgezählten Modelle allesamt, d.h. wenn alle anderen Faktoren wie Suggestionen, Placebo/Nocebo-Effekt, normale Selbstheilung asugeschlossen werden.
Was bleibt sind einzelne Zufallsfunde, aus denen sich bei objektiv-kritischer Untersuchung tatsächlich wirksames herausholen lässt. Birkenrinde gegen Schmerz: Aspirin (aber magenverträglicher). Fingerhut und Tollkirsche wirken aufs Herz: Digitalis- und Atropin-Präparate (aber verdünnt, sonst tödlich). Arnika bei Verletzungen und Entzündungen (aber nicht zu konzentriert und nicht zu verdünnt). Rituale können Menschen in Trance versetzen und dann gehen tolle Dinge: Hypnotherapie, Placebo-Verstärkung, etc. (aber ohne unrealistische, magische Versprechen).
Also nichts gegen Zufallsfunde (Anekdoten), aber Vorsicht bei Verallgemeinerungen (Modellen). "Für jedes Problem existiert eine Lösung, die einfach ist, plausibel - und falsch" (A.Einstein).
Wenn es um persönliche Lösungen geht, auch Orientierung, also private Modellbildung, finde ich Selbstbeobachtung super sinnvoll. Also: eigene Ankedoten sammeln, Wirksamkeit experimentell überprüfen und zwar immer wieder. Häufig funktionieren Ansätze ein paar Mal, aber dann nicht mehr, weil sich irgendwas geändert hat. Es geht ja nicht um triviale Mechanik wie einen Knochenbruch, sondern um extrem persönliche Mechanismen mit viel eigener Biografie und Lebensumständen. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, alle Modelle von aussen äusserst kritisch zu prüfen, ob sie für einen selbst funktionieren. Und persönliche Modelle auch als persönliche wahrnehmen und bezeichnen. "Für mich funktioniert aktuell A. N=1[2], YMMV[3]". Je generalisierter und abstrakter die Modelle, um so mehr. Sonst landet eins in der Toni-Falle.
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Nachsatz TCM etc.: Dazu sollte eins wissen, dass TCM ein Sammelsurium verschiedenster Lehren, Modelle und Methoden ist, aus verschiedenen Zeiten und Kulturen. Bei weitem kein einheitliches, konzises Konzept. Dass sie im Westen so Furore macht liegt zum einen am großen Vorsitzenden Mao, der sie damals gepusht hat, um Kosten zu sparen, die Chinesen von ausländischer (=europäisch-US-amerikanischer) Medizin abzubringen, und dann am aktiven Marketing der Folgeregierungen, die ausserhalb Chinas tolle Absatzmärkte aufgebaut haben.
Dazu vielleicht mal
Wiki
Ich bezweifle, dass vergleichbare Modelle und Methoden wie "Vier Körpersäfte", Aderlass, etc. aus den gleichen Zeiten unserer Weltregion das auch hinkriegen könnten. Der Exotikfaktor fehlt wohl. Die "Neue Germanische Medizin" (R.G.Hamer & Co.) ist allerdings recht erfolgreich in extrem völkisch-rechten Kreisen und die Homöopathie wurde aus den gleichen Gründen von den Nazis gefördert, wie die TCM von Mao: National denken = Kosten sparen. Das Heilpraktikergesetz in D kommt genau deswegen aus der Zeit. Nachdem aus Kliniken, Unis und Praxen alle Menschen entfernt worden waren, die nicht zur Ideologie passten, musste irgendwoher schnell Ersatz kommen. Auf Wirksamkeit wurde (und wird) dabei ebensowenig geachtet wie auf Risiken durch Verschleppung etc.
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[1] Deepity. Ein Satz, der scheinbaren Tiefgang hat, aber einer kritischen Betrachtung nicht standhält. Er besteht zumeist aus einem trivialen Statement, das auf einer zweiten Bedeutungsebene interpretiert eine weltbewegende Weisheit wäre, aber beim näheren Hinsehen entweder bedeutungslos oder schlicht falsch ist. Beispiele in englischer Sprache hinter dem Link.
[2] "N=1": Studie mit nur einer Person, d.h. "Getestet nur für eine Person: mich"
[3] "
Your mileage my vary": "Funktioniert für mich. Deine Erfahrungen mögen anders sein"