Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen
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Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Diva
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Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 1 im Thema

Beitrag von Diva »

I.
Ich bin Yara und wurde vor über einhundert Jahren am Meeresgrund zur Welt gebracht. Meine Mutter Perlenglanz war die Schönste der Meerfrauen im Umkreis eines Waltages. Weshalb sie sich dann ausgerechnet den dicken, tollpatschigen Kühlegrund als Mann erwählte, konnte noch nicht einmal die schlaue uralte Steinkoralle beantworten. Jedenfalls waren sie glückliche Eltern — bis zu dem Tage, an dem sie bemerkten, dass mit ihrer Tochter — also mit mir — etwas nicht stimmte. Mein Haar war weniger üppig und goldlockig, meine Haut weniger weiß und vor allem meine Stimme weniger glockenhell als die aller Schwestern. Perlenglanz grämte sich sehr, dass sie als Schönste ein hässliches, merkwürdiges Kind geboren hatte. Mein Vater versuchte, mich vor ihrem Zorn zu beschützen. Doch durch seine ungeschickten Bemühungen verschlimmerte er Mutters Zorn, dass sie mich eines Nachts in schrecklicher Finsternis an Land brachte und mich verließ.
Hilflos lag ich im kalten Sand, bis ein großes Licht hoch oben emporstieg, mich wärmte und ringsum alles hell werden ließ. Verzweifelt versuchte ich, mit meiner Schwanzflosse zu schlagen, um zurück ins Meer zu kommen. Doch als ich an mir herab blickte, hatte ich mich verändert. Ab dem Bauchnabel abwärts war ich kein Fischwesen mehr, sondern mein Körper teilte sich in zwei lange, weiße Stängel, die in platte Verbreiterungen mündeten, an denen jeweils fünf kleinere Dinger festgewachsen waren. Ohne nachzudenken, wollte ich damit von der Stelle kommen, aber es gelang nicht. Mühsam zog ich mich mit den Armen durch den Sand.
Ein Fisch kam mit der Brandung herangetrieben und rollte die Augen: -»Yara, du bist nun in der Welt der Menschen, weil dich deine Mutter verstoßen hat. Du bist anders als alle anderen und darfst nicht mehr in deiner Heimat im Meer bleiben. Du kannst an Land überleben, wenn du jeden Abend ein Bad im Meerwasser nimmst. Vergiss das nicht, sonst stirbst du den qualvollen Tod einer Nixe. Aber jetzt benutze deine Beine, steh auf und lauf fort, bevor dich die Menschen entdecken und einsperren! Sofort!-« Der Fisch grunzte und wurde von der nächsten Welle zurück ins Meer geschwemmt.
Beine? Das sollten wohl die Dinger sein, die mir statt meiner Flosse gewachsen waren? Ich richtete mich auf, schwankte, knickte ein und versuchte es so oft, bis ich mich langsam fortbewegen konnte.

II.
Natürlich entdeckten mich die Menschen und selbstverständlich sperrten sie mich ein. War ich schon am Meeresgrund eine Schande für die Wasser-Gesellschaft, so erging es mir an Land nicht viel anders. Hier war alles umgekehrt: mein Haar zu üppig und goldglänzend, meine Haut zu weiß und meine Stimme zu hell. Alle merkten sofort, dass mit mir etwas nicht stimmte.
Ich wuchs auf in einem Kinderheim, wo Kinder und Erwachsene merkwürdige Dinge mit mir machten, die sehr weh taten, obwohl ich sie nicht verstand. Schlimm wurde es, als sie herausfanden, dass ich nachts im Meer schwamm, denn sie sperrten mich im Zimmer ein. Im letzten Moment sprang ich aus dem dritten Stock, kam unversehrt zum Stehen und rannte zum Strand. In dieser Nacht kehrte ich nicht ins Heim zurück. Ich saß am Meer in der Finsternis, zog die Knie unters Kinn und weinte. Zwischendurch war mir, als hörte ich ein Grunzen, bis ich in tiefen Schlaf fiel.
Ich erwachte in einem weißen, weichen Berg von Kissen. Ein Fischer und seine Frau hatten mich gefunden und mit zu sich nach Hause genommen. Ich ahnte, dass der grunzende Fisch dahinterstecken musste. Die beiden waren die Ersten, die mich zu verstehen schienen. Es bedurfte keiner Worte. Sie liebten mich, so wie ich war, vielleicht wie ein eigenes Kind. Ich besuchte die Schule, machte Abitur, bekam ein Stipendium und wuchs zu einer schönen Frau heran.
Vor allem lernte ich, alle meine äußerlichen Makel, welche die Menschen verunsicherten, wirkungsvoll zu verbergen. Ich schminkte und frisierte mich, bis ich es perfekt beherrschte. Rasieren musste ich mich auch, weil mir an Land plötzlich einige winzige dunkle Haare über der Oberlippe und ein paar am Kinn sprossen, die zu einem kleinen Bart wurden, wenn ich sie nicht entfernte. Dadurch brauchte ich jeden Morgen zwei Stunden im Bad, bis ich nach draußen konnte. Mittags musste ich das Make-up erneuern und irgendwann abends oder nachts mein Bad im Meerwasser nehmen. Das alles war anstrengend und ich machte es selbst noch schlimmer, denn ich wollte perfekt sein. Die Menschen sollten mich so schön finden, wie damals die Meeresbewohner meine Mutter Perlenglanz!

III.
Doch ich wurde trotz aller Bemühungen nie wirklich von den Menschen angenommen. Sie beneideten mich ebenso, wie sie mich hassten. Ich sah viel jünger aus als die anderen Frauen meines Alters, war stets gepflegt und sehr modisch gekleidet, hatte in kurzer Zeit viele Erfolge und wurde eine der jüngsten Vorgesetzten in der Firma. Als hätte die Abneigung noch nicht gereicht, geschah ein Missgeschick. Bei einer Betriebsfeier wurde es sehr spät und ich begann, mich zu verändern, weil ich nicht rechtzeitig in mein Meerwasserbad kam. Einige meinten, Schuppen auf meiner Haut zu erkennen und Fischgeruch in der Nase zu haben, dass sie kreischend davonrannten.
Seitdem wurde ich erst recht gemieden. Die neuen Kollegen, die mich zumeist anflirteten, wurden schnell aufgehetzt, sodass sie mich keines Blickes mehr würdigten. Ich durfte noch nicht einmal mit Kollegen am selben Tisch zu Mittag essen. Als Chefin musste ich die Leute regelrecht zur Mitarbeit zwingen, Termine setzen und mit Druck durchsetzen. Jeden Morgen, wenn ich mir auf der Firmentoilette das Finish aus Puder und Rouge verpasste, sprach ich zu meinem Spiegelbild: -»Yara — schau dich an! Auch heute wirst du das schönste Monster im ganzen Hause sein!-«
Es ging mir von Tag zu Tag schlechter. Der Fischer und seine Frau waren vor vielen Jahren gestorben. Seitdem lebte ich allein in der Hütte, Freunde hatte ich nie. Obwohl mir äußerlich nichts anzusehen war, spürten die Menschen, dass ich anders war und zogen sich dann zurück.
Schließlich kam es soweit, dass ich jeden Abend meinen rosafarbenen Walfisch fragte: -»Warum soll ich denn überhaupt in die Badewanne gehen? Dann sterbe ich eben, wenn ich kein Meerwasser bekomme — na und? Es ist niemand da auf der Welt, der es bemerken würde. Alle hassen mich.-« Doch mein Walfisch aus Plüsch antwortete nicht. Deshalb ging ich eines Abends zu Bett, ohne zuvor gebadet zu haben ...
Anfangs durchströmte mich angenehme Wärme, die jedoch zu sengender Hitze anschwoll. Ich hatte das Gefühl, bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Schreiend wälzte ich mich im Bett, fiel heraus auf den Boden und kroch mit letzten Kräften ins Bad. Es dauerte Stunden, bis ich wieder zu Kräften kam.
Nein — so konnte es nicht weitergehen. Das Leben war mir unerträglich geworden, weil ich erkannte, für immer als Außenseiterin gemieden und verachtet zu werden. Es war vollkommen egal, wie schön ich war: Irgendwann bekamen es alle heraus, die es nicht ohnehin schon wussten, dass mit mir etwas nicht stimmte. Und dann war ich wieder alleine. Doch der Tod war zu schmerzhaft. Noch einmal wollte ich nicht versuchen, auf mein Bad im Meerwasser zu verzichten. Deshalb bat ich abends meinen rosafarbenen Walfisch: -»Bitte, lieber Fisch, du bist doch der Einzige, auf den ich mich verlassen kann! Mach, dass Yara stirbt und am Morgen nicht aufwachen muss!-«
Ich wandelte wie eine Tote umher, als wäre ich aus meinem Grab gekommen, um den Lebenden ein letztes Mal einen Besuch abzustatten, um zu sehen, wie sie ein normales Leben lebten, das ich niemals haben würde.
Doch da geschah etwas Unvorhergesehenes ...

(Fortsetzung folgt?)
- Diva
Diva
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 2 im Thema

Beitrag von Diva »

Ich danke euch für die Danksagungen! Dann wird wohl die traurige Meerjungfrau mit ihrem rosafarbenen Walfisch demnächst weiter schwimmen müssen ...

LG
-Diva
Helga
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 3 im Thema

Beitrag von Helga »

Hallo Diva,
den traurigen Teil der Geschichte kannten ewir ja schon.
Ich bin jetzt wirklich gespannt wie es weitergeht.
Liebe Grüße
Helga
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
Drachenwind
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 4 im Thema

Beitrag von Drachenwind »

Danke für deine Geschichte

Kurz gesagt: Weiter so!
Lorelai74
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 5 im Thema

Beitrag von Lorelai74 »

Sehr schöner erster Teil.
Dankeschön und schreib bitte weiter.

Viele liebe Grüße
Lorelai
Männlich / Weiblich: das sind doch bürgerliche Kategorien.
Diva
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 6 im Thema

Beitrag von Diva »

IV.
Wenn ich etwas unendlich viel hatte, waren das Zeit — und Traurigkeit. Um mir wenigstens ein paar Glücksmomente zu bescheren, fuhr ich zwei bis drei Mal pro Woche in die Stadt zum Shopping. Dort traf ich unvoreingenommene Leute, die mich normal behandelten. Entweder füllte ich meine Kosmetik- und Beauty-Vorräte auf oder schaute nach Röcken, Oberteilen, Bodys. Meist kaufte ich nur wenig, aber ich war einige Stunden abgelenkt und freute mich, wenn ich ein neues Outfit hatte.
War das Wetter schön, lief ich den weiten Weg von der Arbeit bis nach Hause zu Fuß. Das allgegenwärtige Meer erinnerte mich ständig daran, woher ich eigentlich kam. Doch es zog mich nicht dorthin, denn meine eigene Mutter hatte mich herzlos ausgesetzt. Das könnte ich ihr niemals verzeihen. Außerdem würde ich die Sonne vermissen, die hier oben an Land so viel heller und wärmer strahlte als im grünen Schimmer der Tiefe.
Endlich wurde es Frühling. Ich brauchte jetzt die Wärme ebenso wie die Menschen, fror im Winter fürchterlich und litt unter Kälte und Dunkelheit. Der erste warme Tag des Jahres versetzte mich in einen Taumel von erwartungsvoller Leichtigkeit. Ich kam am Golfplatz vorüber, der sich bis ans Meer erstreckte. Heute waren sogar Leute zu sehen. Auf dem lebensfrohen Grün tummelten sich weiße Flecken, krümmten sich zusammen, streckten sich empor und bewegten sich in Etappen weiter. Begeisterung erfasste mich. Auf einmal wusste ich, wie ich der lebensmüden Stimmung entkommen könnte: Ich würde mir eine Freizeitbeschäftigung suchen! Ich musste das Alleinsein überwinden, den kranken Wahnsinn in der Firma wenigstens für einige Stunden in der Woche vergessen und Kontakt zu anderen Menschen aufbauen!
Im Gegensatz zum Schwimmen wäre das der richtige Sport für mich, denn im Wasser verdarb ich nicht nur Frisur und Make-up, sondern offenbarte meine Eigenheiten, deren Entdeckung zur Katastrophe führen würde.
Am Parkplatz flatterten lustige Flyer an den Bäumen: An diesem Sonntag würde der erste Schnupperkurs des Jahres veranstaltet. Ohne weiter nachzudenken, zog ich mein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer vom Zettel.

V.
Am Freitag konnte ich kaum den Feierabend erwarten. Endlich hatte ich etwas vor! Dieses Mal würde ich mich nicht daheim verkriechen, die Vorhänge zuziehen, um als Einziges Hausputz zu erledigen und auf dem Sofa hinzudämmern. Ich wollte beweisen, dass die Sonne nicht nur für Normale — sondern auch für mich schien!
Ich hatte mich schick gemacht, aber dieses Mal nicht business-like, sondern sportlich. Zum weißen Spaghetti-Top mit zarter Spitze am Dekolleté trug ich meinen schwarzen Tellerrock, puderfarbene Strumpfhosen und eine schwarze figurbetonte Sportjacke, die ich offen ließ. Mein Haar schmückten an den Seiten zwei kleine und hinten eine größere Seerose aus Seide.
Das Weiß des Clubhauses blendete im Sonnenlicht, ich kniff die Augen zusammen und hörte mein Herz klopfen. Leichtfüßig durchschritt ich die Tür und ging in die geräumige Lobby. Mein Blick fiel zuerst auf ein riesiges Meerwasser-Aquarium, in dem auch zwei Seepferdchen schwammen. Sie kamen ganz nah an die Scheibe und sprachen:
-»Du musst Yara sein! Wir haben deine Aura schon gespürt, als du noch draußen warst. Sei schlau und halte dich zurück — dann wirst du dir hier etwas Neues aufbauen können. Etwas, das den Tod in deiner Seele vertreiben kann. Aber vertraue niemals einem Menschen!-«
Doch die ungewohnte Atmosphäre dieses weißen Ortes ließ die Worte der Seepferdchen an meinen Ohren vorübergleiten wie Luftblasen aus einer Muschel, sodass die Tierchen beleidigt in den Pflanzen verschwanden.
-»Guten Tag, herzlich willkommen! Ich bin Herold!-« Mir blieb keine Zeit, meine Gedanken zu ordnen. Auf einmal stand er vor mir — der Golftrainer. Ich schaute zu ihm auf, blickte in gefährliche graugrüne Augen. Er ähnelte einem Schiffskapitän, den ich vor langer Zeit einmal vom Wasser aus gesehen hatte. Ein Lächeln glitt über sein bartloses Charaktergesicht. Meine Hand verschwand in der seinen, obwohl meine Hände genau wie die Füße etwas größer als die einer Menschenfrau waren. Mein Herz vollführte einen Sprung, ich wusste nur nicht wohin.
Mit vier weiteren Leuten machten wir uns auf den Weg zum Übungsgelände. Es war wie im Traum. Die roten Pflasterwege schlängelten sich zwischen weiten Rasenflächen, bunte Fähnchen flatterten im Wind, weiß gekleidete Menschen kamen mit Caddies oder kleinen Wagen, auf denen die Bags mit den Schlägern standen — und grüßten ausnahmslos. Nicht nur den voranschreitenden Herold, sondern auch uns Neulinge. Bald kam in mir der Verdacht auf, dass ich wohl weit und breit die einzige Lady im Rock wäre. Das Interesse der Herren schien enorm und so mancher Schlag ging daneben, wenn ich vorüberging.
Der Trainer erklärte pausenlos, verteilte Schläger und glühte vor Begeisterung für seinen Sport. Der Wind zauste Herolds volles weißgraues Haar und ich bemerkte einen goldenen Ring an seiner linken Hand, der sich tief ins Fleisch gefressen hatte. Was wir auch übten und ausprobierten, er ließ kein Auge von mir. Ich fühlte mich frei, blickte über das endlose Grün, das sich unter dem strahlend blauen Himmel wölbte. Schloss ich die Augen, roch ich das Meer und hörte das Rauschen der Brandung.
Niemand nahm Anstoß an mir. Ich genoss die heitere Stimmung, Herolds Aufmerksamkeit und fühlte mich unbeschwert wie ein kleines Kind. Nach all den Schmerzen, den tausend Tränen, Gemeinheiten und Verletzungen des letzten Winters schien jetzt mein Frühling zu beginnen. Oh ja, das sollte meine Rettung werden! Ich würde der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung die Stirn bieten. Das war eine neue, unvoreingenommene Welt — und ich wollte sie erobern. Deshalb wollte — musste — ich wiederkommen und meldete mich für einen Dreimonats-Kurs an.
-»Herzlich willkommen!-« Herold reichte mir zum zweiten Mal heute die Hand und strahlte. Doch viel mehr strahlte mein Herz — und ich wusste, dass er es ebenso spürte wie ich.

VI.
Heute sollte mein Training beginnen. Es schien zwar die Sonne, aber es waren nur acht Grad. Seit Sonntag stürzten die Temperaturen neuerlich in den Keller, wogegen ich mich wappnen musste. Auf gar keinen Fall würde ich auf mein Röckchen verzichten! Das stellte quasi mein Markenzeichen dar und ich wollte es etablieren. Eine Hose kam gar nicht in Frage, schon allein deshalb, weil ich keine besaß. Also zog ich über eine 80 DEN Klimastrumpfhose noch eine schwarze Strickstrumpfhose und dann den geliebten Tellerrock. Oben rum trug ich das neue Wärmeunterhemd und einen weißen gerippten Pullover. Dann noch meine schwarze schicke Sport-Allwetterjacke und so musste es funktionieren!
Trotz aller Vorbereitungen war ich zu früh. Zehn Minuten lang zog ich draußen meine Kreise um die Driving Range und kämpfte gegen die Kälte. Der Wind wehte und zu allem Überfluss schob sich eine fette böse Wolke vor die Sonne. Endlich kam der Golftrainer heran. Schon von weitem strahlte er übers ganze Gesicht, streckte die Hand aus:
-»Hallo Yara, es freut mich wirklich sehr!-«
-»Mich freut es auch, Herold-«, erwiderte ich.
Noch vier weitere Leute trafen ein: eine Asiatin, ein älterer, etwas bärbeißiger Herr mit seiner Frau und ein einzelner junger Mann. Alle fuhren stolz mit ihren Caddies umher und ich hatte noch nicht mal einen einzigen Schläger. Witzig war nur, dass sich im Laufe des Trainings herausstellte, dass sie ebenfalls alles andere als Topspieler waren. Das vereinte uns während der Übungsstunde und am Ende half mir der Bärbeißige sogar dabei, meinen leeren Ballkorb loszuwerden, ohne nochmals über den halben Platz zu rennen.
Wir übten chippen, zielten auf bunte Ringe und ich traf immerhin ein paar Mal den Rand. Beim Weitschlagen lief es dagegen richtig super, dieses Mal nicht vom Grün, sondern von der Matte mit durchgestecktem Gummi-Tee. Bumm — da flogen die Bälle! Herold war begeistert. Im Übrigen stellte das die richtige Übung dar, um der ansteigenden Kälte zu trotzen.
Dennoch begann ich zu frieren. Unruhe überkam mich. Im gleichen Maße, wie sich der Wind in wilden Böen auf mich stürzte, zerrte etwas an meinem Herzen. Ich hielt dem inneren Druck und der aufsteigenden Kälte nicht länger stand und legte den restlichen Weg ins Clubhaus rennend zurück. Noch außer Atem lief ich Herold in die Arme. Ich erstarrte, ehe er anfing zu reden:
-»Yara, gut, dass ich dich unter vier Augen treffe.-«
Ich erschrak. Meine ohnehin angeknackste Fröhlichkeit zersprang in tausend Scherben, als ich in seine traurigen Augen blickte. Das war das Ende. Ich spürte es, auch wenn ich keine logische Erklärung fand. Die folgte umgehend:
-»Ich muss dich etwas fragen. Bitte nimm es mir nicht übel, es ist nur — -«
Er schluckte.
-»Ich war früher lange Zeit zur See und habe viel gesehen. Yara, ich muss es wissen ...-«
Ich war den Tränen nahe, brauchte alle Kraft, um antworten zu können anstatt zu heulen.
-»Herold ... ich verstehe die Frage nicht. Du hast mich von Anfang an wie eine Lady behandelt, ohne jeglichen Zweifel. Was sollte ich denn anderes sein, als eine Frau? Schau mich doch an, wie ich vor dir stehe!-«
Er sah betroffen zu Boden.
-»Okay, das war eine dumme Frage — bitte entschuldige das!-«
Ich verabschiedete mich, verbiss die Tränen und stürzte an den kichernden Seepferdchen vorüber hinaus. Bei der Heimfahrt umklammerte ich das Lenkrad, als müsste ich zusammensacken. Nein, er hatte es keinesfalls böse gemeint. Aber wie konnte ich mich derart täuschen? Es gab zuvor nicht das kleinste Anzeichen eines Zweifels bei ihm. Ich redete mir ein, dass ich die Sache abhaken konnte, ohne mir deshalb schwere Gedanken zu bereiten. Aber es kam viel, viel schlimmer ...

VII.
"ºLiebes Team,
nach einem wundervollen Sonntag beim Probetraining war ich noch lange erfüllt von Glück und Hoffnung. Dieser Sport sollte mein Ausweg werden, eine Chance. Ich wollte als "Normale" unter "Normalen" ganz "normal" Golfspielen lernen. Aber nach der gestrigen ersten Trainerstunde ist mir klar geworden, dass das leider eine Illusion ist und ein Traum bleiben wird. Wenn eurerseits Zweifel bestehen, ist kein entspanntes Trainieren mehr möglich. Ich mag nicht auf den ersten Zwischenfall auf dem Platz oder im Club warten. Schweren Herzens sehe ich ein, dass ich nicht zu euch passe und nie dazugehören kann. Es tut mir sehr leid, dass ich deshalb den Kurs beende und den Club verlasse.
Ich hoffe, niemand fühlt sich meinetwegen peinlich berührt oder verletzt. Das ist nicht meine Absicht. In jedem Fall bedanke ich mich für die überaus freundliche Aufnahme und eine schöne Illusion, die ich für ein paar Tage haben durfte.
Lebt wohl!
Yara"¹
Ich tippte die Zeilen in das Kontaktformular des Golfclubs. Noch ahnte ich nicht, dass es wirklich ein Abschiedsbrief sein würde. Zwischendurch kamen mir die Tränen, sodass ich pausieren und den Kopf in den Nacken legen musste. Herolds Frage hatte in weniger als vierundzwanzig Stunden meine Seele aufgefressen. Die tödlichen Zweifel des Golflehrers, der mich doch stets wie eine Dame behandelte, warfen mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel komplett aus dem Gleichgewicht.
In meinem Kopf breitete sich in rasender Geschwindigkeit die zwanghafte Gewissheit aus, dass mich alle als Monster sehen würden — nicht nur die auf der Arbeit, auch im Club, auf der Straße. Einzig die abgedroschene Tatsache, niemals angepöbelt oder ausgelacht worden zu sein, passte nicht in dieses Bild. Inzwischen war ich jedoch bereit, den Unfug zu glauben, dass ich zufällig ausschließlich auf gleichgültige oder tolerante, freundliche Menschen traf. Der Verstand setzte komplett aus.
Als ich nach Feierabend heimfuhr, sah ich den Tod vor mir. Die Sonne schien, doch Kälte lähmte mich, dass ich kaum das Lenkrad halten konnte. Was sollte ich nur tun? Mein letzter Ausweg war zerstört. Nun blieben mir nur noch die Hölle auf Arbeit und die schreckliche Einsamkeit — bis ans Ende meiner Tage. Ein normales Leben war endgültig zur Illusion geworden.
In der Hütte angekommen, warf ich die Tür zu, sank zu Boden, den Rücken gegen das Holz gepresst, bis es schmerzte. Ich langte an meine Halskette, fühlte die scharfe Kante des Muschelanhängers. Jetzt wusste ich, wie ich es anstellen müsste. Mühsam rappelte ich mich auf, ging ins Schlafzimmer.
-»Lieber Fisch — bitte gib mir die Kraft, es dieses Mal zuende zu bringen!-«
Ich streichelte den rosafarbenen Plüsch-Wal, schloss die Augen, atmete den salzigen Geruch der verlorenen Heimat und setzte den Rand der Muschel an meinen Unterarm ...

(Ende?)
Bibi Melina
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 7 im Thema

Beitrag von Bibi Melina »

ende? Auf diese Weise?

ich finde gibt es eine andere lösung ich bin mir sicher dir fällt da was ein

lg die Hexemelina
Glaube an Wunder, Liebe und Glück! Schaue nach vorn und niemals zurück! Tu was du willst, und steh dazu, denn dieses Leben lebst nur du
Diva
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 8 im Thema

Beitrag von Diva »

VIII.
Eine Weile lang fühlte ich mich schwerelos. Alle Qualen und Verzweiflung fielen von mir ab. Ich entließ einen enormen Seufzer der Erleichterung, der meinen Körper erbeben ließ. Egal, wohin ich nun auch käme, fest stand, dass es weder in der Welt der Menschen noch des Wassers einen Platz für mich gab. Ich schlief ein mit der Gewissheit, niemals mehr erwachen zu müssen. Das verschaffte mir eine nie zuvor empfundene Ruhe und Zufriedenheit.

Doch irgendwann schreckte ich hoch. Die Schmerzen waren nicht auszuhalten. Einerseits brannte der Schnitt in meinem Arm wie Feuer, andererseits schrie mein gesamter Leib nach Meerwasser. Es kostete mich enorme Überwindung, die Wunde anzuschauen. Es hatte aufgehört zu bluten. Der Kopf wollte sterben, der Körper nicht. Schreiend wälzte ich mich aus dem Bett, kroch ins Bad und zog mich mit letzten Kräften in die Badewanne.

Falls es ein höheres Wesen gibt, dann frage ich dich: Was hast du mit mir vor, dass du mich nicht einfach gehen lässt? Wozu soll ich mich Tag für Tag weiter quälen, Illusionen hinterher rennen, bis ich neuerlich vor Verzweiflung zusammenbreche?
Ich schaffte es irgendwie, mich aufzurappeln, zu verbinden, anzuziehen, zu schminken und zu frisieren. Blut und Tränen waren überall. Es würde Tage dauern, das Haus sauberzumachen ...

Kaum war ich in der Firma angekommen, musste ich den Verband wechseln. Der Schnitt klaffte kleinfingerbreit auseinander und begann bei der kleinsten Bewegung zu bluten.
Gegen Mittag klingelte mein Handy. Die Nummer war nicht unterdrückt, aber ich kannte sie nicht. Es klingelte und klingelte. Das nervte mich und ich drückte den Anruf weg.
-»So ein Blödsinn. Keiner will was von mir. Ich kenne niemanden!-«
Es klingelte schon wieder. Dieses Mal drückte ich sofort weg. Ich suchte die Nummer im Internet — und bekam Fotos von Golfplätzen, Bällen und Schlägern als Antwort. Als ich genauer hinschaute, gab es genau einen Volltreffer: Herold, PGA Golfprofi. Sofort schossen mir die Tränen in die Augen und mein Herz schlug wie wild. Er war es. Das hatte ich ganz, ganz geheim gehofft, ohne daran zu glauben. Aber woran glaubte ich denn überhaupt noch? Einzig an den Tod.
Ich rannte zur Toilette und rief ihn zurück.
-»Yara, ich bin ja so froh, dass du anrufst und mich nicht wieder wegdrückst. Du hast mir mit deiner Nachricht ... das Herz gebrochen.-«
Wir schwiegen.
-»Ich muss es dir erklären, dass ...-«
Ich unterbrach ihn und fragte, wann sein Training heute vorbei wäre. Das könnten wir unmöglich am Telefon besprechen, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass ich in den Club kommen würde. Wir verabredeten uns für vier Uhr nachmittags.
Yara hatte das erste Mal Herzklopfen. Ich war ihm also nicht gleichgültig. Der enorme Schmerz, den er mir mit seiner Frage zugefügt hatte, begann weniger stark zu brennen. Nach dem Essen beim Neuschminken musste ich mir mit Gewalt einreden, mich nicht für ihn hübsch zu machen, sondern wie immer ausschließlich für mich selbst. Ich erwischte mich beim Gedanken, meinen Kopf an seine starke Schulter zu lehnen und einfach nur neben ihm zu sitzen — unschuldig und schweigend.

Ich schaffte es trotz Nachholens meiner suizidbedingten Versäumnisse Tanken und Einkaufen, zehn Minuten früher da zu sein. Im Auto wechselte ich in die hochhackigen Charlestonschuhe, die ich extra von Arbeit aus meinem Büro-Schuhschrank mitgenommen hatte. Keinesfalls sollte irgend etwas nicht perfekt an mir sein, wenn ich ihm gegenübertrat. Sicher lief ich auf den High-Heels die paar Meter vom Parkplatz übers Pflaster. Den Mantel ließ ich im Auto liegen, um meinen Auftritt ohne störenden Ballast zu inszenieren.

Ich schritt durch die Tür, den langen Teppich entlang, ignorierte die flüchtenden Seepferdchen — und er sah mich an. Herold stand im Büro hinterm Counter und hatte nur Augen für mich. Langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, ließ die Volants meines schwarzen langen Rocks die Knöchel umspielen. Die Arme hielt ich durchgestreckt an den Seiten, die Hände leicht abgespreizt. So kamen meine Schultern und die Brüste unter dem seidenschwarzen Wickeloberteil besonders reizvoll zur Geltend. Als sich Herold aus der ersten Starre gelöst hatte, hob er langsam die rechte Hand und winkte einen vorsichtigen Gruß. Ich erwiderte kokett-spielerisch mit Spitzenhandschuh-umspannten Fingern.
Nun, da die verabredete Zeit noch nicht heran war, ging ich ohne Eile zur Toilette. Viel musste ich nicht nachschminken. Er sollte meine glänzend-roten Lippen regelrecht spüren, wenn er mich ansah ... Ich wollte zum ersten Mal mit allen Waffen einer Frau kämpfen, die moralisch vertretbar wären.

Er führte mich in einen ziemlich kühl temperierten Besprechungsraum. Ich maulte, weil es so kalt war und ich mich zudem sofort an Arbeit erinnert fühlte und es aussah, als hätte ich gleich eine IT-Sitzung.
-»Entschuldige, aber anderswo sind wir nicht ungestört.-«
Ich verzieh mit einem Lächeln und setzte hinzu: -»Wir werden uns sicher rasch warm reden.-«
Und so geschah es. Ein paar Minuten später spürte ich mein Inneres förmlich kochen und ich meinte, Herold müsse meinen Herzschlag hören, der mich bis in die Haarspitzen erbeben ließ. Der riesige, starke Mann in seinem modischen Sportdress schien tatsächlich verlegen zu sein. Meinetwegen — einer labilen, emotional ausgehungerten Frau voller Schmerz, die dennoch so unglaublich stark war, dass sie bislang ihren täglichen Kampf gegen die ungeheure Verzweiflung gewann. All das spürte er — dessen war ich mir sicher, auch wenn er es nicht aussprechen konnte.
-»Yara, ich habe deinen Brief bestimmt tausendmal gelesen, bis ich — geweint habe. Es tut mir so unendlich leid. Ich war nur das Sprachrohr für diese dumme Frage. Bitte glaube mir!-«
Ein Blick aus seinen graugrünen Augen genügte vollends, um so ziemlich alles zu glauben. Meine Güte, ich stand ja in Flammen. Aber das machte mich nicht kopflos. Im Gegenteil, ich blühte auf zu völliger Selbstkontrolle, setzte mich ihm schräg gegenüber, zeigte die Schulter und fixierte ihn mit Unschuldsmiene, bis er die Lider niederschlug.
-»Ich habe niemals, in keiner Sekunde, an deiner Weiblichkeit gezweifelt.-«
Herold schluckte einen Kloß herunter.
-»Es war eine Mitarbeiterin vom Counter, die meinte, ein grünliches Schimmern auf deiner Haut gesehen zu haben — nur eine Sekunde lang. Sie ließ keine Ruhe. Dann blieb es an mir hängen. Oh Gott, es tut mir so leid, was ich ausgelöst habe.-«
Er schien ehrlich betroffen und hatte die Folgen dieser an sich harmlosen Frage ebenso wenig wie ich selbst nur im Ansatz vorausgeahnt. Der Golfprofi senkte den Kopf.
-»Ich glaube dir-«, hauchte ich und entsandte eine Brise Meeresduft in seine Richtung.
Er sah auf.
-»Ich habe jedes Wort, was du sagst, genauso empfunden. Du hast mich von Anfang an behandelt, wie es ein Gentleman bei einer Dame tut. Da war kein Zögern, Stutzen, Zweifeln. Glaub mir, meine Antennen für so etwas sind überempfindlich und ich habe nichts bemerkt. Deshalb hat mich die Frage aus deinem Mund getroffen wie ein Blitzschlag, mir den Boden unter den Füßen fortgezogen, mich in weniger als vierundzwanzig Stunden aufgefressen. Jeder andere hätte die Frage stellen dürfen, nur du nicht.-«
Herold fuhr sich durch sein graues, dickes Haar, schwieg und atmete schwer.
-»Yara, du machst mich sprachlos. Und das passiert wirklich äußerst selten! Dein Brief, deine Zeilen — meine Güte, ich hätte das niemals so schreiben können.-«
Hatte ich tatsächlich sein Herz berührt? Das beruhte inzwischen auf Gegenseitigkeit. Ich erzählte ihm von meinem täglichen Kampf, was ich auf Arbeit auszustehen hatte, wie ich mich selbst mit zwanghaften Denkmustern quälte, bis ich abstürzte.
Ich erspähte ein Schimmern in seinen Augen und er wendete sich kurz ab.
-»Yara, ich möchte, dass du dir hier bei uns im Club eine — Oase schaffen kannst. Ich habe beim Training deine ungeheure Begeisterung gespürt, deine Fröhlichkeit. So sollst du sein. Du wirst diesen Sport ebenso lieben lernen wie ich selbst, da bin ich mir ganz sicher.-«
Herold lächelte versonnen.
-»Und ich muss sagen: Du hast tatsächlich Talent. Ich kann das beurteilen und es ist die Wahrheit. Man braucht richtig dosierte Power für einen guten Schlag — und bei dir flogen die Bälle — hintereinander weg! Und du hast die Leute auf dem Platz stark beeindruckt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich am Sonntag mit Fragen bestürmt wurde. Eine Golferin im Rock ... Das war ... phantastisch.-«
-»Danke, du machst mich noch ganz verlegen. Die Oase- ja, du sprichst mir aus der Seele. Das ist es, was ich wirklich suche. Du verstehst mich sehr gut.-«
Er schlug die Augen nieder. Herold hatte sichtlich zu kämpfen, das Gesagte zu verdauen. Einer Frau wie mir war er garantiert noch niemals zuvor begegnet. Er riss sich aus den schweren Gedanken: -»Yara, wollen wir ins Restaurant gehen? Brauchst du auch so dringend einen starken Café wie ich?-«

Der Trainer versuchte ein Lächeln. Statt einer Antwort erhob ich mich, bog meinen schlanken Leib, ging in Richtung Tür. Er war schneller und öffnete mir. So nahe wie jetzt waren wir uns noch nie gekommen.
-»Ist es nicht vollkommen gleichgültig, als was ich geboren wurde und woher ich komme?-«
Seine Arme streiften meine Brüste.
-»Oh ja, es ist mir egal, Yara — du bist ...-«

Herold legte zärtlich die großen Hände an meine Wangen, beugte sich herunter — und küsste mich. Es war, als schlug die Brandung über uns zusammen. Mein Herz hämmerte wie wild, das Blut schoss mit Hochdruck durch meinen glühenden Körper. Er schob den linken Ärmel über meinen Verband und küsste auf die Stelle, unter der die frische Wunde klaffte.
-»Mach so etwas nie wieder, versprich es mir! Du darfst mich nicht verlassen!-«
Herold strich mir durchs Haar, berührte dabei meine seidenen Seerosenblüten. Ich hatte das Gefühl, unter seinen Berührungen zu schmelzen. Als er mit den Händen meine Brüste bedeckte und sanft zudrückte, stöhnte ich leise.

Lärmende Stimmen rissen uns zurück in die Wirklichkeit. Wir fuhren auseinander. Doch was mit uns geschehen war, konnte jeder sehen. Als wir das Clubrestaurant betraten, richteten sich alle Blicke auf uns und ich konnte in den fragenden Gesichtern lesen: "ºWer zur Hölle ist diese Frau?"¹

Es funkte derart gewaltig, dass das gesamte Lokal in einen verklärten Schein gehüllt schien: überall wohlwollende Mienen, Lächeln, freundliche Worte. Wir saßen nebeneinander, Herold hielt meine Hand, strich zaghaft über den Verband. Ich akzeptierte die Wunde als Teil von mir, als Symbol des vorläufigen Sieges über den Tod; zugleich als Gewissheit, dass ich es früher oder später zuende bringen würde. Ich lehnte den Kopf an Herolds starke Schulter; unschuldig, schweigend. Nie sollte der Moment vergehen, denn ich wusste, dass sich mein winziges Maß an Glück bereits in diesem Augenblick vollständig aufgebraucht hatte ...
Diva
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 9 im Thema

Beitrag von Diva »

Diva hat geschrieben: Fr 31. Mai 2019, 22:03 V.
...
Ich hatte mich schick gemacht, aber dieses Mal nicht business-like, sondern sportlich. Zum weißen Spaghetti-Top mit zarter Spitze am Dekolleté trug ich meinen schwarzen Tellerrock, puderfarbene Strumpfhosen und eine schwarze figurbetonte Sportjacke, die ich offen ließ.
...
IMG_6161T.jpg
In Märchenbüchern gibt es ja auch Abbildungen, zwar meist Zeichnungen, aber Drachen, Zwerge und anderes Gewimmel sind offenbar lichtscheuer als Seejungfrauen. Auch wenn die Qualität saumäßig ist, lässt sich der selige Schein auf dem Antlitz dieses Wasserwesens gut erkennen. Nach einem beinahe tödlichen Winter ging es euphorisch steil nach oben, um gaaanz tief zu fallen. Das Foto ist mindestens 100 Jahre alt - ebenso endlos weit weg wie die damaligen Gefühle.
Was bleibt, sind Zerstörung und ein Meer von Tränen - aber ist ja nur ein Märchen, denn was sollten Erinnerungen anderes sein - als Märchen ...

-Diva
(Foto ist übrigens mies genug, um unretuschiert und absolut silikonfrei zu bleiben)
Helga
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 10 im Thema

Beitrag von Helga »

Hallo Diva,
das gute an Märchen ist dass sie, anders als moderne Romane nicht mitten in der Handlung aufhören sondern stets ein stets einen Abschluss haben der in der Regel mit "sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" endet. Von daher bin ich sicher dass das Märchen von der Seejungfrau an dieser Stelle noch nicht vorbei sein wird. Märchen lassen sich bekanntermaßen viel Zeit. Bei Dornröschen waren es 100 Jahre. Ich bin zuversichtlich das eines Tages (deutlich vor Ablauf der 100 Jahresfrist) ein Prinz oder Wanderbursche um die Ecke kommt um die Seejungfrau zu erlösen. Da dies ein modernes Märchen ist: vielleicht auch eine Prinzessin oder ein Wandermaedel?
Liebe Grüße
Helga
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
Diva
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 11 im Thema

Beitrag von Diva »

IX.

In den Tagen danach versuchte ich, das schöne Gefühl dieses Abends in mein Herz zu schließen. Es sollte dort gut verwahrt sein wie eine wertvolle Perle im Inneren einer Muschel, tief am Meeresgrund. Zuerst schöpfte ich daraus die Kraft, die Spuren meiner Verzweiflungstat zu beseitigen. Das Blut war überall ... Mein Schlafzimmer sah aus wie ein Schlachthaus. Das meiste war zwischen den Matratzen des Doppelbetts hindurchgelaufen, hatte die Laken durchtränkt und sich auf den Dielen darunter unauslöschlich eingesogen. So viel Blut war aus mir herausgelaufen?

Schloss ich die Augen, spürte ich Herolds Berührungen, seinen Atem, den er tief in mich stieß, als wollte er mich mit seinem Kuss komplett ausfüllen. Er hatte mich so fest an sich angepresst, dass ich blaue Flecken an den Oberarmen bekam. Es entzog sich meiner Vorstellungskraft, wie das mit uns weitergehen sollte. Doch ich war nicht naiv genug, überhaupt an ein uns zu glauben. Wir kamen aus unterschiedlichen Welten. Ich lebte als eine Verstoßene, eine Außenseiterin, die darum kämpfen musste, jeden einzelnen Tag zu überstehen. Herold hatte dagegen seinen festen Platz in der Welt der Menschen, teilte sein Zuhause mit Frau und Kind und war anerkannter Golfprofi. Da gab es keinen Platz für mich. Ich wollte nicht das Gift sein, dass Herolds intaktes Leben unterwanderte. Es berührte mich tief, dass ihm meine Herkunft und der Umstand, dass ich niemals wie eine geborene Menschenfrau sein könnte, gleichgültig waren und er mich so mochte, wie ich war. Doch es würde keine gemeinsame Zukunft für uns geben. Ich beschloss, mich niemals wieder von ihm berühren oder küssen zu lassen. Er war mein Trainer - und so sollte es bleiben. Kostete es auch alle Kraft, meine Gefühle für diesen großartigen Mann im Zaume zu halten, würde es mir gelingen, mir die Liebe zu ihm strengstens zu untersagen.
Aus diesem Verbot entsprang neue Verzweiflung. Nun hatte ich endlich einen Menschen gefunden, bei dem gegenseitige Zuneigung, ja Leidenschaft brannte - und es blieb einzig der Verzicht.

Doch neuerlich hatte ich die gängigen Verhaltensmuster der Männer vollkommen unterschätzt. Dabei sprang mir jeden Tag auf Arbeit der blanke Hass derer entgegen, die mich - unwissend über meine Herkunft - angeflirtet und sich dann beleidigt abgewendet hatten. Männer waren so. Sie konnten in ihrer Hilflosigkeit, ihre Gefühle nicht kontrollieren zu können, nur mit Aggressionen reagieren. Ein sympathischer ruhiger Kollege, der eine Freundin hatte, sich dennoch monatelang für mich interessierte, war auf einer Betriebsfeier ausgerastet, im Vollrausch auf mich losgegangen und hatte mich geschlagen. Daran litt ich noch heute, konnte seitdem kaum noch etwas essen, bekam Angst-Attacken, wenn ich das Klirren von Bierflaschen hörte oder Betrunkenen begegnete.
Trotz allem war ich so dumm zu glauben, dass Herold anders wäre und die Situation in den Griff bekäme ...

Da mich der Trainer in den Club zurückgeholt hatte, erhielt ich nun mein eigenes Bag mit einem Halbsatz von sechs Schlägern für die Dauer des dreimonatigen Kurses. Wir redeten kein einziges Wort über den Abend, weder über das emotionale Gespräch noch über den Kuss. Es schien eine stillschweigende Übereinkunft zwischen uns zu bestehen, dass wir so taten, als wäre nie etwas geschehen. Zufrieden über seine Disziplin nahm ich es nicht übel, dass er mich mied, die persönlichen Unterweisungen auf ein notwendiges Übel reduzierte.
Das ging so lange gut, bis mein Anfängerglück verebbte. Als ich nach drei Wochen keinen einzigen Schlag mehr hinbekam und bei jedem Training mit allem von vorne anfangen musste, gab es auch keine Glücksmomente mehr, denen ich beim Sport so gierig hinterher jagte. Das ging aber nicht, denn für mich war das der einzige Weg, um die Schikanen auf Arbeit, meine schweren psychischen Probleme und die furchtbare Einsamkeit wenigstens ein klein wenig besser zu ertragen.
Ich stand auf dem Übungsgelände beim Abschlag, bat Herold darum, sich meine Haltung, dann den Bewegungsablauf anzuschauen. Zum zwanzigsten Mal bekam ich den Ball nicht in die Luft. Er verzog das Gesicht, machte eine tiefsinnige Miene:
-»Es sah alles gut aus. Es muss in deinem Kopf sein!-« Ohne meine Reaktion abzuwarten, drehte er sich um und ging.

In meinem Kopf? Im Gegensatz zu allen anderen im Club wusste er eine Menge darüber, was sich in meinem Kopf abspielte. Dass ich beinahe gestorben wäre, weil ich meine Probleme nicht lösen konnte. Doch hier auf dem Platz genoss ich jede Sekunde, sog die salzige Luft ein, die vom Meer über die sanften grünen Hügel streifte und fühlte mich frei und unbeschwert. Sogar mit meinen Sportsfreundinnen und Freunden verstand ich mich sehr gut, umarmte mich mit vielen von ihnen und hoffte, dass es noch lange dauerte, bis sie hinter mein "Geheimnis" kämen.
Also warum sollte ausgerechnet hier, am einzig positiven Ort für mich, mein Kopf plötzlich etwas Schönes verhindern?

Auf dem großen Platz ging es mit den Misserfolgen weiter. Während sich Herold bei jedem Schlag der anderen neben sie stellte und alles analysierte, stieg er bei mir auf sein Fahrrad, zuckte von weitem mit den Achseln und fuhr rasch davon. Ich verzweifelte. Komplett demotiviert schlich ich hinterdrein. Kurz vorm Ziel schlug ich zu allem Überfluss auch noch in eine abschüssige Sandgrube. Herold winkte entgegen der Gepflogenheiten meine Mitspieler weiter zur nächsten Bahn, noch bevor ich meinen Ball ins Loch spielen konnte. Was sollte das? Verweigerte er mir jetzt jegliche Unterstützung?
Wie konnte ich mir denn meine "Oase" schaffen - von der er so treffend gesprochen hatte - wenn ich in einem fürchterlichen Formtief keine Hilfe bekam? Ohne das positive Gefühl nach Hause fahren und am nächsten Tag arbeiten gehen zu müssen, zerstörte jeden noch so kleinen Lichtblick.
Mein Kopf schmerzte, mir schwindelte und ich bekam das Gefühl, zerbersten zu müssen. Zuerst dachte ich, dass ich weinen würde. Doch aus meinen Augen liefen keine Tränen, sondern es schossen abgerundete spitze Feuersteine heraus. Ich erreichte den Rand der Grube, kurz bevor diese überquoll von Donnerkeilen. Herold - du nimmst mir das Letzte, das ich besaß, das ich gerade erst begonnen hatte aufzubauen!

In der nächsten Woche tranierte ich über zwanzig Stunden lang - meine gesamte Freizeit. Ich nahm an jeder Trainerstunde teil, auch wenn sie mir nichts mehr nutzte, und übte dann alleine oder mit anderen. Ohne es zu wollen, baute ich einen gewaltigen Druck auf. Wenn ich es endlich geschafft hatte, wieder gute Schläge zu machen, begann ich am nächsten Tage von Neuem. Ich war nur noch ein Nervenbündel und kämpfte verzweifelt darum, die wenigen Glücksmomente in mein Leben zurückzuholen. Wenn das nicht gelang, stand ich erneut am Ende. Das durfte ich nicht zulassen!
Diva
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Re: Der Traum der Seejungfrau — ein nicht ganz erfundenes Trans*Märchen

Post 12 im Thema

Beitrag von Diva »

X.

An diesem Abend fand ich den Mut, mein Bad im Meerwasser am Strand zu nehmen. Sollte mich ein Mensch in der Dämmerung überraschen, entdecken wie ich war - mir war alles egal. Ich saß im aufgeheizten Sand, ließ die Füße von den Wellen umspülen und blickte zur Sonne, die sich wie ein roter Ball ins Wasser stürzte. Oh ja, auch du stirbst jeden Tag, versinkst im eigenen Blut. Doch am nächsten Morgen erhebst du dich erneut wie eine Königin. Was war ich für eine Königin? Eine Königin der Schmerzen. Niemals würde ich dazugehören, mein Platz war weder im Wasser noch unter dieser Sonne.

Zwischen meinen Zehen bildeten sich zarte Schwimmhäute, ein Kribbeln verwandelte sich in Zittern. Ihr habt alle Recht, alle die ihr mich als Monster, als Kreatur bezeichnet. Ich hab immer dagegen gekämpft, die Wahrheit anzuerkennen. Ich war die Lügnerin, die alle täuschte. Langsam rutschte ich tiefer, bis das Nass meinen Schoß umspülte. Oh Herold, was für ein Glück, dass du niemals entdecken wirst, was sich hinter meiner Schönheit verbirgt. Es war widerlich. Schon ich selbst fand keine Kraft, damit umzugehen. Wie konnte ich da dumm genug sein zu glauben, jemanden zu finden, der mich dennoch akzeptieren - vielleicht lieben könnte, wie ich war?

Im letzten Licht der Dämmerung schrieb ich Verse in den Sand, streckte meinen Leib, der weiß und silbrig schimmerte. Zwischen den Armen wölbten sich meine rosigen Brüste, die nie ein Mensch erblicken würde. Schon stieg der Mond empor, als wollte er sich beeilen, die hereinbrechende Finsternis zu erhellen. Sein fahler Schein war das Element der Jungfrau, die ich allzeit bleiben würde - eine unberührte Unberührbare. Die zurückrollenden Wellen gaben meinen Körper vom Rumpf bis zu den Füßen frei. Nun waren da keine Füße mehr ... Auch das Widerwärtige in meinem Schoß war verschwunden. Doch auch der Anblick der glänzenden geschmeidigen Schuppen schmerzte. Nein, ich war ich kein Fisch - weder ein Mädchen des Meeres noch der Menschen. Ich war nur ein Etwas, das niemand wollte, vor dem alle Abscheu und Ekel empfanden, sobald sie meinten, mein "Geheimnis" zu erahnen.

Während ich mit in den Nacken gelegtem Kopf hinunter in die Wellen glitt, schwoll das Wasser an und der falsche Mondglanz fiel auf die Schrift, bis sie vom Meer fortgewischt wurde:
Still, denn am Ende ist alles egal ...

Hörst du den Möwenkreisch, die Brandung toben,
den Wind flüstern in den Bäumen,
die Lerche zwitschern überm Feld hoch oben,
den stummen Schrei von zerstörten Träumen?
Still — bald ist alles ruhig und leer,
denn am Ende, ja am Ende spielt nichts, gar nichts eine Rolle mehr.


Wunden, die im Leben niemals heilen,
Blut, das aus der Seele rinnt,
Hoffnungen, begraben in kalter Erde weilen,
Trauer um das verlorene Kind.
Still — bald ist alles ruhig und leer,
denn am Ende, ja am Ende spielt nichts, gar nichts eine Rolle mehr.


Zur Sonne hoch richt den gebrochnen Blick,
überlass sie denen, die dazugehören.
Der Körper folgt nur,
wo die Seele längst schon ist.
Still — bald wird alles ruhig und leer,
denn am Ende, ja am Ende spielt nichts, gar nichts eine Rolle mehr.


Zieh an dein schönstes Kleid,
lächle zum ersten Mal,
reif ist die Zeit,
viel zu lang, zu lang bist du bereit ...
Still — bald ist alles ruhig und leer,
denn am Ende, ja am Ende spielt nichts, gar nichts eine Rolle mehr.
Antworten

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