Das erste mal in der Öffentlichkeit
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Helga
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Das erste mal in der Öffentlichkeit
Samba Karneval Bremen
Das erste Mal unter Leuten.
Ich bin zwar vorher einige Male in Frauenkleidern draußen gewesen, habe es aber immer vermieden anderen Leuten nahe zu kommen. Wann diese Idee entstanden ist weiß ich nicht mehr so genau. Im Norden ist man eigentlich nicht so Karneval- affin Rosenmontag ist ein normaler Arbeitstag, Umzüge finden am Samstag oder Sonntag statt.
Meine Frau ist zunächst verwundert ("seit wann interessierst du dich für Karneval") dann besorgt ("wenn dich jemand erkennt"), ist aber nachdem Sie einen offensichtlich sehr gelungenen Mädels- Abend verbracht hatte der Meinung ich solle auch mal was für mich tun.
So mache ich mich am Samstag, den 23.02.2019 gegen 11:00 zunächst auf den Weg in unser Wochenend- Domicil um mich zu schminken und umzuziehen. Ich meine es besonders gut, zwei Lagen Abdeckstift gegen Bartschatten und das komplette Gesicht mit Camouflage abgedeckt. Irgendwie komme ich Heute mit dem Lipliner überhaupt nicht klar und muss mir zweimal das Kinn abwischen und neu schminken bis ich mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden bin. Trotz mehrfachen nachpuderns glänzt mein Gesicht wie eine Speckschwarte. Resigniert sage ich mir nach etwa einer Stunde Gesichtsbehandlung: "Für Karneval muss es reichen", ziehe mich an und mache mich mit dem Auto auf den Weg nach Bremen.
Ich sinniere: Mein Führerschein steckt in der Türtasche da er zu groß für jede Brieftasche ist, zudem ist er aus altmodischer grauer Pappe, im Innern das Bild eines 16 jährigen Jungen mit blondem Pilzkopf. Selbst ungeschminkt und ohne Perücke weise ich hiermit kaum noch Ähnlichkeit auf. Ich werde hoffentlich nicht in die Situation kommen ihn vorzeigen zu müssen.
Mein linker Arm liegt auf der Türverkleidung, die linke Hand bei neun Uhr am Lenkrad, der rechte Arm lässig auf der Mittelarmlehne- typisch Mann! So fährt keine Frau. Lenkrad auf zehn vor zwei, das sieht weiblicher aus.
Mist ich habe vergessen mir die Handrücken zu rasieren. Wollte ohnehin Handschuhe tragen.
Ich erreiche das Parkhaus Herdentor, das aufgrund seines großzügigen Zuschnitts für Fünfmeterkombis erste Wahl ist. Ich betrachte mich kritisch im Spiegel und pudere nochmal nach. Vor Nervösität versuche ich auszusteigen ohne mich abzuschnallen. Ich nehme wie immer die Treppe um das Parkdeck zu verlassen. Fast unten angelangt kommen mir zwei Frauen und ein Mann entgegen. Eine der Frauen mustert mich, ich sehe ein kurzes Lächeln aufblitzen, die anderen beiden nehmen keine Notiz von mir. Ich verlasse das Gebäude und entscheide zunächst dem Rembertiring zu folgen wo wenige Passanten unterwegs sind.
In Erinnerung an Tips im Forum versuche ich keine zu großen Schritte zu machen und die Füße möglichst in einer schmalen Spur zu setzen. Gleichzeitig versuche ich mich möglichst aufrecht zu halten und die Arme dicht am Oberkörper. Ich trage schwarze Stiefel aus dem Deichmann Onlineshop mit flachen Absätzen in Größe 44 mit denen ich gut laufen kann. Außerdem ein Vivienne Caron Etuikleid ebenfalls in 44 mit schwarz- weißem Hahnentritt Muster, das eine Handbreit über dem Kniei endet, einen etwas kürzeren braunen Ledermantel in Wildlederoptik mit Kunstfell- Futter und Kapuze in Größe 44 von Rino und Pelle, unter dem Kleid eine hellblaue Bluse mit Trompetenärmeln. An den Beinen habe ich eine blickdichte schwarze Strumpfhose, drunter wegen der ungewohnten Kühle der nach unten offenen Oberkleidung zwei Schlüpfer übereinander sowie einen BH in 95 B mit zwei Luftballons die mit jeweils ca 50 ml Wasser die Illusion eines beweglichen Busens hervorrufen sollen. Eine graublonde kurzhaarperücke mit etwas Volumen von Gisela Meyer, die etwa meiner natürlichen Haarfarbe entsprechen dürfte rundet das Bild nach oben ab. Auf der Nase trage ich eine riesige Sonnenbrille von DM hinter der ich mich gut verstecken kann. In der rechten Hand trage ich eine Wildleder- Handtasche die ich von meiner Frau geborgt habe. In der Handtasche ist neben Puder, Lipliner, Spiegel und etwas Bargeld auch eine Ersatzperücke für den Fall das ein Witzbold meint mich bloßstellen zu müssen.
Mir kommt ein Pärchen entgegen, beide beachten mich nicht. An der nächsten Ecke steht ein junger Mann, südländischer Typ, einen Kopf kleiner als ich. Auch er beachtet mich nicht. Ich biege nach rechts in die Rembertistraße um zum Contrescarpe zu kommen. Dicht hinter mir laufen ein Mann und eine Frau, schließlich überholen sie mich, keiner dreht sich um. Am Contrescarpe gibt es zwei Möglichkeiten in das Bremer Viertel zu kommen: Diesseits oder jenseits des Befestigungsgrabens. Auf beiden Seiten sind sehr viele Passanten unterwegs. Mir bleibt nichts anderes übrig als mich mitten in das Getümmel zu stürzen. Auf einer Bank sitzen zwei Männer mit Bierflaschen, die hier vermutlich ihren Stammplatz haben. Nur Ihr Hund sieht mich an, gibt aber keinerlei Unmutsäußerung ab. Ein kleines Kind kommt mir entgegengelaufen. Vor meinem geistigen Ohr höre ich bereits die Frage: "Mama ist das eine Frau oder ein Mann?" Ähnliches ist mir vor vielen Jahren mit meiner eigenen Tochter passiert, damals war es tatsächlich eine Frau mit tiefer Raucherstimme. Doch nichts dergleichen, das Kind läuft einfach an mir vorbei. Die Mutter, die mit der Buggy folgt musterte mich und schenkt mir ein wissendes Lächeln. Ich komme jetzt direkt an den Karnevalsumzug. Direkt vor mir sind Kameras von Radio Bremen aufgebaut, die den Umzug übertragen. Ich bleibe eine Weile stehen und sehe mich um. Einige Zuschauer tragen bunte Perücken oder Papphüte, wenige Kostüme, die meisten haben sich nicht einmal ansatzweise dem Anlass entsprechend gekleidet. Andere Crossdresser kann ich nicht ausmachen.
Das Motto des Umzugs ist "Laune der Natur". Falls jemand fragen würde: Ich bin eine Laune der Natur. Ein Mann der gerne Frauenkleider trägt. Es fragt aber niemand.
Ich laufe dem Umzug entgegen in Richtung Innenstadt, bleibe hier und da stehen und sehe mich um. Etwas abseits am Rande einer Grünfläche ist eine freie Bank. Ich verspüre ein gewisses Ruhebedürfnis, gehe rüber und setze mich. Ich hätte mir gerne die Nase geputzt, fürchte aber um mein Make-up und tupfe nur vorsichtig die Tröpfchen weg. Ein Pärchen von Anfang der zwanziger kommt auf mich zu. Ich meine von der Frau zu hören: "Ist das ein Mann?" Er antwortet nicht und setzt sich neben mich, worauf auch sie sich setzt. Die beiden setzen ihre Unterhaltung fort, in der ich nicht vorkomme. Trotzdem ist mir unbehaglich. Ich bleibe noch einige Zeit etwas verkrampft sitzen, stehe dann auf und gehe in Richtung Innenstadt. Da der Zug jetzt zuzende ist kann ich die Straße überqueren. Da mir auch als Mann Menschenmassen unangenehm sind will ich runter zur Weser. Bei 12 Grad Celsius und strahlendem Sonnenschein ist aber auch die Weserpromenade gut besucht. Ich stelle mich an das Geländer. Ein leichter Wind weht mir die Haare ins Gesicht. Wie sich das anfühlt habe ich mit meiner natürlichen Haarpracht seit bald dreißig Jahren nicht mehr erlebt.
Ich gehe ein Stück die Promenade entlang und durchquere dann den Tunnel, der in das Schnoor- Viertel führt. Ich wähle die Straße auf der weniger Getümmel ist und komme auf der Domsheide an. Jetzt wende ich mich in Richtung Marktplatz wo der Abbau der Eröffnungsveranstaltung in vollem Gange ist. Auch hier alles voll von Menschen aber auch unter den Rathausarkaden nimmt niemand besonders Notiz von mir. Vor mir liegt der monumentale Bau des Kaufhauses Karstadt. Was würde eine Bio- Frau jetzt machen? Natürlich- ohne zu zögern gehe ich hinein. Eine Bio- Frau wäre jetzt instinktiv in des erste Obergeschoss gefahren, typisch Mann muss ich erst nach einem Wegweiser suchen. Ich fahre in die Abteilung für Damenbekleidung und schaue mich nach Abendkleidern um. Ich spiele mit der Idee ein Ballkleid anzuprobieren. Die Kleider die es hier gibt entsprechen aber so garnicht meinen Erwartungen, die mehr in Richtung Prinzessin oder altersgerecht Königin gehen. Eine Phase die offensichtlich jede Frau durchmacht, egal ob Bio-, Vollzeit oder Teilzeit.
An einem Ständer nebenan ist eine Verkäuferin mit Einsortieren von Kleidern beschäftigt. Sie nimmt von mir keine besondere Notiz. Da ich aber auch kein "kann ich helfen" provozieren will schlendere ich weiter. Ich sehe mich in der Abteilung um, finde aber nichts was mich besonders interessiert und nehme dann die Rolltreppe ins Erdgeschoss um das Gebäude zu verlassen.
Wenige hundert Meter weiter komme ich zu C&A. Zielstrebig gehe ich in die Abteilung für Damenbekleidung. Hier bestätigt sich ein Eindruck, den ich bereits bei Karstadt hatte: Damenbekleidung besteht immer weniger aus Kleidern. Das Angebot besteht in der Hauptsache aus Oberteilen und Hosen, selbst lange Mäntel haben Seltenheitswert. Ich freue mich immer wenn ich dennoch gelegentlich mal eine Frau im Kleid sehe. Vielleicht ist dies der Grund dafür dass ich selber gerne Kleider trage?
Auch bei C&A ist das Angebot an Ballkleidern eher enttäuschend. Meine Vorstellung von seidig glänzendem, rascheligem Taft, ausladenden bodenlangen Röcken können auch hier nicht bedient werden, so nehme ich mir ein nett aussehendes, Apricot- farbenes Altagskleid von Jessica in Größe 44 vom Ständer und gehe in die Umkleidekabine. Das Kleid ist von 29,99 auf 19,99 reduziert. Bei Sonderangeboten kann keine Frau widerstehen.
Es steht mir überhaupt nicht. Weder die Farbe, noch der Schnitt und wie die meisten Kleider ist es mir bei 178cm Körpergröße auch zu kurz. Immerhin kann ich den großen Spiegel in der Umkleidekabine nutzen um mein Make-up zu überprüfen. Wie erwartet hat die Nasenspitze gelitten und die Brille hat Spuren auf dem Nasenrücken hinterlassen. Sonst hat es sich gut gehalten. Mein Gesicht glänzt nicht mehr und obwohl die Rasur mittlerweile 6 Stunden zurückliegt drängen sich noch keine Bartstoppeln an die Oberfläche. Die Fehlstellen werden nachgepudert. In der Kabine neben mir sind zwei etwa 15 jährige Mädchen, die sich gegenseitig mit Kleidern zum anprobieren versorgen. Ich höre wie ein Mädchen sich beklagt, dass Sie mit den Verschlüssen nicht klarkommt und das Kleider nichts für ihre Altergruppe sind.
Ich verlasse die Kabine und hänge das Kleid auf die Stange für Ware zum wegräumen. Ich schaue mir die Abendkleider an. Direkt neben mir steht eines der 15jähriges Mädchen, das durch meine Gegenwart in kleinster Weise gestört zu sein scheint. Überhaupt sind in den Kaufhäusern alle einschließlich des Verkaufspersonals sehr mit sich selbst beschäftigt. Während meiner Shoppingtour hat bislang noch niemand auch nur ansatzweise ein Zeichen gegeben, das ich deplatziert wirke.
Dennoch verlasse ich jetzt auch das C&A- Gebäude. Ich gehe durch einen Nebenausgang in einer Seitenstraße. Gegenüber ist ein Geschäft mit Brautmoden und Ballkleidern.
Frau muss sich noch etwas für die nächste Tour aufheben. Ich habe seit dem Vormittag nichts getrunken um nicht in die Verlegenheit zu kommen eine öffentliche Toilette benutzen zu müssen. Langsam zieht es mich wieder nach Hause.
Auf dem Weg zu Parkhaus kommen mir 4 junge Männer zwischen 20 und 30, Typus Muckibude entgegen. Wie es sich für das Alter gehört schreiten sie weit ausladend alle nebeneinander. Zum Glück ist die Promenade hier so breit dass ich ausweichen kann. Auch diese 4 scheinen an mir nichts besonderes zu finden.
Beim Ausparken hätte ich mir beinahe den rechten Außenspiegel an einem Pfeiler abgerissen. Typisch Frau.
Auf der Fahrt zurück zum Wochendendhaus ziehe ich Resümee:
Habe ich das jetzt wirklich erlebt? Ich wurde weder zusammengeschlagen, noch angespuckt, noch nicht einmal angestarrt. Ich wurde lediglich auf eine Weise angelächelt wie ich es als Mann nie erlebt hatte.
In mir steigt ein wohliges, warmes Gefühl auf. Auch mit 51 kann man noch völlig neue Erfahrungen machen.
An alle die sich bislang noch nicht rausgetraut haben: Karneval ist jetzt leider vorbei. Ihr habt jetzt ein knappes Jahr Zeit euch vorzubereiten. Verfeinert eure Schminkkünste, sucht mit Bedacht eine Perücke aus, die in Haarfarbe und Frisur zu eurem Typ und eurem Alter passt, wählt schöne feminine Kleidung aus, die eine Frau euren Alters tragen würde.
Wir sehen uns dann zum Bremer Samba- Karneval 2020 oder zum Umzug in Braunschweig, Hannover, Osnabrück oder wo auch immer. Das eine Mal im Jahr sollte Frau sich Ausgang gönnen.
Ich werde wohl nicht solange warten.
Liebe Grüße
Helga
Das erste Mal unter Leuten.
Ich bin zwar vorher einige Male in Frauenkleidern draußen gewesen, habe es aber immer vermieden anderen Leuten nahe zu kommen. Wann diese Idee entstanden ist weiß ich nicht mehr so genau. Im Norden ist man eigentlich nicht so Karneval- affin Rosenmontag ist ein normaler Arbeitstag, Umzüge finden am Samstag oder Sonntag statt.
Meine Frau ist zunächst verwundert ("seit wann interessierst du dich für Karneval") dann besorgt ("wenn dich jemand erkennt"), ist aber nachdem Sie einen offensichtlich sehr gelungenen Mädels- Abend verbracht hatte der Meinung ich solle auch mal was für mich tun.
So mache ich mich am Samstag, den 23.02.2019 gegen 11:00 zunächst auf den Weg in unser Wochenend- Domicil um mich zu schminken und umzuziehen. Ich meine es besonders gut, zwei Lagen Abdeckstift gegen Bartschatten und das komplette Gesicht mit Camouflage abgedeckt. Irgendwie komme ich Heute mit dem Lipliner überhaupt nicht klar und muss mir zweimal das Kinn abwischen und neu schminken bis ich mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden bin. Trotz mehrfachen nachpuderns glänzt mein Gesicht wie eine Speckschwarte. Resigniert sage ich mir nach etwa einer Stunde Gesichtsbehandlung: "Für Karneval muss es reichen", ziehe mich an und mache mich mit dem Auto auf den Weg nach Bremen.
Ich sinniere: Mein Führerschein steckt in der Türtasche da er zu groß für jede Brieftasche ist, zudem ist er aus altmodischer grauer Pappe, im Innern das Bild eines 16 jährigen Jungen mit blondem Pilzkopf. Selbst ungeschminkt und ohne Perücke weise ich hiermit kaum noch Ähnlichkeit auf. Ich werde hoffentlich nicht in die Situation kommen ihn vorzeigen zu müssen.
Mein linker Arm liegt auf der Türverkleidung, die linke Hand bei neun Uhr am Lenkrad, der rechte Arm lässig auf der Mittelarmlehne- typisch Mann! So fährt keine Frau. Lenkrad auf zehn vor zwei, das sieht weiblicher aus.
Mist ich habe vergessen mir die Handrücken zu rasieren. Wollte ohnehin Handschuhe tragen.
Ich erreiche das Parkhaus Herdentor, das aufgrund seines großzügigen Zuschnitts für Fünfmeterkombis erste Wahl ist. Ich betrachte mich kritisch im Spiegel und pudere nochmal nach. Vor Nervösität versuche ich auszusteigen ohne mich abzuschnallen. Ich nehme wie immer die Treppe um das Parkdeck zu verlassen. Fast unten angelangt kommen mir zwei Frauen und ein Mann entgegen. Eine der Frauen mustert mich, ich sehe ein kurzes Lächeln aufblitzen, die anderen beiden nehmen keine Notiz von mir. Ich verlasse das Gebäude und entscheide zunächst dem Rembertiring zu folgen wo wenige Passanten unterwegs sind.
In Erinnerung an Tips im Forum versuche ich keine zu großen Schritte zu machen und die Füße möglichst in einer schmalen Spur zu setzen. Gleichzeitig versuche ich mich möglichst aufrecht zu halten und die Arme dicht am Oberkörper. Ich trage schwarze Stiefel aus dem Deichmann Onlineshop mit flachen Absätzen in Größe 44 mit denen ich gut laufen kann. Außerdem ein Vivienne Caron Etuikleid ebenfalls in 44 mit schwarz- weißem Hahnentritt Muster, das eine Handbreit über dem Kniei endet, einen etwas kürzeren braunen Ledermantel in Wildlederoptik mit Kunstfell- Futter und Kapuze in Größe 44 von Rino und Pelle, unter dem Kleid eine hellblaue Bluse mit Trompetenärmeln. An den Beinen habe ich eine blickdichte schwarze Strumpfhose, drunter wegen der ungewohnten Kühle der nach unten offenen Oberkleidung zwei Schlüpfer übereinander sowie einen BH in 95 B mit zwei Luftballons die mit jeweils ca 50 ml Wasser die Illusion eines beweglichen Busens hervorrufen sollen. Eine graublonde kurzhaarperücke mit etwas Volumen von Gisela Meyer, die etwa meiner natürlichen Haarfarbe entsprechen dürfte rundet das Bild nach oben ab. Auf der Nase trage ich eine riesige Sonnenbrille von DM hinter der ich mich gut verstecken kann. In der rechten Hand trage ich eine Wildleder- Handtasche die ich von meiner Frau geborgt habe. In der Handtasche ist neben Puder, Lipliner, Spiegel und etwas Bargeld auch eine Ersatzperücke für den Fall das ein Witzbold meint mich bloßstellen zu müssen.
Mir kommt ein Pärchen entgegen, beide beachten mich nicht. An der nächsten Ecke steht ein junger Mann, südländischer Typ, einen Kopf kleiner als ich. Auch er beachtet mich nicht. Ich biege nach rechts in die Rembertistraße um zum Contrescarpe zu kommen. Dicht hinter mir laufen ein Mann und eine Frau, schließlich überholen sie mich, keiner dreht sich um. Am Contrescarpe gibt es zwei Möglichkeiten in das Bremer Viertel zu kommen: Diesseits oder jenseits des Befestigungsgrabens. Auf beiden Seiten sind sehr viele Passanten unterwegs. Mir bleibt nichts anderes übrig als mich mitten in das Getümmel zu stürzen. Auf einer Bank sitzen zwei Männer mit Bierflaschen, die hier vermutlich ihren Stammplatz haben. Nur Ihr Hund sieht mich an, gibt aber keinerlei Unmutsäußerung ab. Ein kleines Kind kommt mir entgegengelaufen. Vor meinem geistigen Ohr höre ich bereits die Frage: "Mama ist das eine Frau oder ein Mann?" Ähnliches ist mir vor vielen Jahren mit meiner eigenen Tochter passiert, damals war es tatsächlich eine Frau mit tiefer Raucherstimme. Doch nichts dergleichen, das Kind läuft einfach an mir vorbei. Die Mutter, die mit der Buggy folgt musterte mich und schenkt mir ein wissendes Lächeln. Ich komme jetzt direkt an den Karnevalsumzug. Direkt vor mir sind Kameras von Radio Bremen aufgebaut, die den Umzug übertragen. Ich bleibe eine Weile stehen und sehe mich um. Einige Zuschauer tragen bunte Perücken oder Papphüte, wenige Kostüme, die meisten haben sich nicht einmal ansatzweise dem Anlass entsprechend gekleidet. Andere Crossdresser kann ich nicht ausmachen.
Das Motto des Umzugs ist "Laune der Natur". Falls jemand fragen würde: Ich bin eine Laune der Natur. Ein Mann der gerne Frauenkleider trägt. Es fragt aber niemand.
Ich laufe dem Umzug entgegen in Richtung Innenstadt, bleibe hier und da stehen und sehe mich um. Etwas abseits am Rande einer Grünfläche ist eine freie Bank. Ich verspüre ein gewisses Ruhebedürfnis, gehe rüber und setze mich. Ich hätte mir gerne die Nase geputzt, fürchte aber um mein Make-up und tupfe nur vorsichtig die Tröpfchen weg. Ein Pärchen von Anfang der zwanziger kommt auf mich zu. Ich meine von der Frau zu hören: "Ist das ein Mann?" Er antwortet nicht und setzt sich neben mich, worauf auch sie sich setzt. Die beiden setzen ihre Unterhaltung fort, in der ich nicht vorkomme. Trotzdem ist mir unbehaglich. Ich bleibe noch einige Zeit etwas verkrampft sitzen, stehe dann auf und gehe in Richtung Innenstadt. Da der Zug jetzt zuzende ist kann ich die Straße überqueren. Da mir auch als Mann Menschenmassen unangenehm sind will ich runter zur Weser. Bei 12 Grad Celsius und strahlendem Sonnenschein ist aber auch die Weserpromenade gut besucht. Ich stelle mich an das Geländer. Ein leichter Wind weht mir die Haare ins Gesicht. Wie sich das anfühlt habe ich mit meiner natürlichen Haarpracht seit bald dreißig Jahren nicht mehr erlebt.
Ich gehe ein Stück die Promenade entlang und durchquere dann den Tunnel, der in das Schnoor- Viertel führt. Ich wähle die Straße auf der weniger Getümmel ist und komme auf der Domsheide an. Jetzt wende ich mich in Richtung Marktplatz wo der Abbau der Eröffnungsveranstaltung in vollem Gange ist. Auch hier alles voll von Menschen aber auch unter den Rathausarkaden nimmt niemand besonders Notiz von mir. Vor mir liegt der monumentale Bau des Kaufhauses Karstadt. Was würde eine Bio- Frau jetzt machen? Natürlich- ohne zu zögern gehe ich hinein. Eine Bio- Frau wäre jetzt instinktiv in des erste Obergeschoss gefahren, typisch Mann muss ich erst nach einem Wegweiser suchen. Ich fahre in die Abteilung für Damenbekleidung und schaue mich nach Abendkleidern um. Ich spiele mit der Idee ein Ballkleid anzuprobieren. Die Kleider die es hier gibt entsprechen aber so garnicht meinen Erwartungen, die mehr in Richtung Prinzessin oder altersgerecht Königin gehen. Eine Phase die offensichtlich jede Frau durchmacht, egal ob Bio-, Vollzeit oder Teilzeit.
An einem Ständer nebenan ist eine Verkäuferin mit Einsortieren von Kleidern beschäftigt. Sie nimmt von mir keine besondere Notiz. Da ich aber auch kein "kann ich helfen" provozieren will schlendere ich weiter. Ich sehe mich in der Abteilung um, finde aber nichts was mich besonders interessiert und nehme dann die Rolltreppe ins Erdgeschoss um das Gebäude zu verlassen.
Wenige hundert Meter weiter komme ich zu C&A. Zielstrebig gehe ich in die Abteilung für Damenbekleidung. Hier bestätigt sich ein Eindruck, den ich bereits bei Karstadt hatte: Damenbekleidung besteht immer weniger aus Kleidern. Das Angebot besteht in der Hauptsache aus Oberteilen und Hosen, selbst lange Mäntel haben Seltenheitswert. Ich freue mich immer wenn ich dennoch gelegentlich mal eine Frau im Kleid sehe. Vielleicht ist dies der Grund dafür dass ich selber gerne Kleider trage?
Auch bei C&A ist das Angebot an Ballkleidern eher enttäuschend. Meine Vorstellung von seidig glänzendem, rascheligem Taft, ausladenden bodenlangen Röcken können auch hier nicht bedient werden, so nehme ich mir ein nett aussehendes, Apricot- farbenes Altagskleid von Jessica in Größe 44 vom Ständer und gehe in die Umkleidekabine. Das Kleid ist von 29,99 auf 19,99 reduziert. Bei Sonderangeboten kann keine Frau widerstehen.
Es steht mir überhaupt nicht. Weder die Farbe, noch der Schnitt und wie die meisten Kleider ist es mir bei 178cm Körpergröße auch zu kurz. Immerhin kann ich den großen Spiegel in der Umkleidekabine nutzen um mein Make-up zu überprüfen. Wie erwartet hat die Nasenspitze gelitten und die Brille hat Spuren auf dem Nasenrücken hinterlassen. Sonst hat es sich gut gehalten. Mein Gesicht glänzt nicht mehr und obwohl die Rasur mittlerweile 6 Stunden zurückliegt drängen sich noch keine Bartstoppeln an die Oberfläche. Die Fehlstellen werden nachgepudert. In der Kabine neben mir sind zwei etwa 15 jährige Mädchen, die sich gegenseitig mit Kleidern zum anprobieren versorgen. Ich höre wie ein Mädchen sich beklagt, dass Sie mit den Verschlüssen nicht klarkommt und das Kleider nichts für ihre Altergruppe sind.
Ich verlasse die Kabine und hänge das Kleid auf die Stange für Ware zum wegräumen. Ich schaue mir die Abendkleider an. Direkt neben mir steht eines der 15jähriges Mädchen, das durch meine Gegenwart in kleinster Weise gestört zu sein scheint. Überhaupt sind in den Kaufhäusern alle einschließlich des Verkaufspersonals sehr mit sich selbst beschäftigt. Während meiner Shoppingtour hat bislang noch niemand auch nur ansatzweise ein Zeichen gegeben, das ich deplatziert wirke.
Dennoch verlasse ich jetzt auch das C&A- Gebäude. Ich gehe durch einen Nebenausgang in einer Seitenstraße. Gegenüber ist ein Geschäft mit Brautmoden und Ballkleidern.
Frau muss sich noch etwas für die nächste Tour aufheben. Ich habe seit dem Vormittag nichts getrunken um nicht in die Verlegenheit zu kommen eine öffentliche Toilette benutzen zu müssen. Langsam zieht es mich wieder nach Hause.
Auf dem Weg zu Parkhaus kommen mir 4 junge Männer zwischen 20 und 30, Typus Muckibude entgegen. Wie es sich für das Alter gehört schreiten sie weit ausladend alle nebeneinander. Zum Glück ist die Promenade hier so breit dass ich ausweichen kann. Auch diese 4 scheinen an mir nichts besonderes zu finden.
Beim Ausparken hätte ich mir beinahe den rechten Außenspiegel an einem Pfeiler abgerissen. Typisch Frau.
Auf der Fahrt zurück zum Wochendendhaus ziehe ich Resümee:
Habe ich das jetzt wirklich erlebt? Ich wurde weder zusammengeschlagen, noch angespuckt, noch nicht einmal angestarrt. Ich wurde lediglich auf eine Weise angelächelt wie ich es als Mann nie erlebt hatte.
In mir steigt ein wohliges, warmes Gefühl auf. Auch mit 51 kann man noch völlig neue Erfahrungen machen.
An alle die sich bislang noch nicht rausgetraut haben: Karneval ist jetzt leider vorbei. Ihr habt jetzt ein knappes Jahr Zeit euch vorzubereiten. Verfeinert eure Schminkkünste, sucht mit Bedacht eine Perücke aus, die in Haarfarbe und Frisur zu eurem Typ und eurem Alter passt, wählt schöne feminine Kleidung aus, die eine Frau euren Alters tragen würde.
Wir sehen uns dann zum Bremer Samba- Karneval 2020 oder zum Umzug in Braunschweig, Hannover, Osnabrück oder wo auch immer. Das eine Mal im Jahr sollte Frau sich Ausgang gönnen.
Ich werde wohl nicht solange warten.
Liebe Grüße
Helga
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
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heike65
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- Registriert: So 10. Feb 2019, 18:35
- Pronomen: Du
- Wohnort (Name): Kappeln
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- Kontaktdaten:
Re: Das erste mal in der Öffentlichkeit
Was hast du anderes erwartet ?
Schade das deine Frau nicht dabei war
Viel Erfolg für den nächsten Ausflug
Heike
Schade das deine Frau nicht dabei war
Viel Erfolg für den nächsten Ausflug
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Michelle_Engelhardt
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Re: Das erste mal in der Öffentlichkeit
Danke für den schönen Bericht
Einmal mehr bestätigt sich, das es keines Karnevals bedarf um als Frau in die Öffentlichkeit zu gehen (Bremen gehört ja eher zu der "Karnevalsdiaspora"). Klar, es gibt vermutlich ein gewisses Gefühl der "Sicherheit" und man hat direkt die passende Ausrede zur Hand, wenn man auf sein Kostüm angesprochen wird. Sind wir mal ehrlich...mindestens 80% derer, die Rosenmontag als Frau auflaufen, tun das den Rest des Jahres auch....nur dann oftmals zuhause im stillen Kämmerlein. Ich glaube aber, das Dein Erlebnis an jedem x-beliebigem Tag ähnlich verlaufen wäre. Es gibt also keinen Grund bis zum nächsten Karneval zu warten, abgesehen vom Kopfkino. Wer dann noch darauf achtet, wie Frauen sich kleiden und nicht bei Kälte, Wind und Regen mit Rock und Pumps durch die Gegend läuft (bzw. eiert), wird wenig bis kein Aufsehen erregen und kann den Tag unbeschwert genießen.
Liebe Grüße
Michelle
Liebe Grüße
Michelle
Brauchst Du Hilfe oder einfach jemanden zum quatschen? Schick mir 'ne PN!
Weihnachtsmarkt ist das Wacken für Büroangestellte!
Weihnachtsmarkt ist das Wacken für Büroangestellte!
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Nubikalé
Re: Das erste mal in der Öffentlichkeit
Also das verbitte ich mir
Frau nimmt nicht nur den Pfeiler fast mit, Frau kommt mit Polo nicht in ihre Garage ohne sich den kompletten hinteren Kotflügel abzuschleifen.
Schöner Bericht der nach alsbaldiger Wiederholung schreit.
Beim Ausparken hätte ich mir beinahe den rechten Außenspiegel an einem Pfeiler abgerissen. Typisch Frau.
Frau nimmt nicht nur den Pfeiler fast mit, Frau kommt mit Polo nicht in ihre Garage ohne sich den kompletten hinteren Kotflügel abzuschleifen.
Schöner Bericht der nach alsbaldiger Wiederholung schreit.