Hi Toni,
ich kann Deinem Beitrag gut folgen.
Toni Smith hat geschrieben: Do 14. Mär 2019, 12:37
Die Honeymoonphase die man am Anfang der Transition hat, setzt Glückshormone frei. Diese Phase entsteht allein durch die Erkenntnis das man sich aus seiner Situation selbstständig befreien kann. ... Man gesteht sich nun Dinge zu die man vorher sich nicht zugestanden hatte. (Sind meine Erfahrungen und auch von vielen anderen mit denen ich gesprochen habe)
Ich teile diese Erfahrung. Aber sie ist nicht Trans spezifisch. Immer, wenn ich klare Entschlüsse gefasst und gehandelt habe, hatte ich dieses Gefühl. Z.B. als ich durch den ersten Hausbau knapp bei Kasse war, habe ich mich aufgemacht, um über Nebeneinnahmen die Situation zu verbessern. Damit hatte ich zwar keinen Erfolg, das Angebot wurde nicht angenommen, aber allein die Tatsache, dass ich entschlossen agiert habe, hat in mir Glücksgefühle ausgelöst. Ich bin nicht Opfer einer Situation, sondern Handelnder. Daraus lässt sich enorm viel Kraft gewinnen. Jemand gab einmal auf die Frage, wie man glücklich werden kann, die Antwort: "Lebe aktiv".
Toni Smith hat geschrieben: Do 14. Mär 2019, 12:37
Dadurch allein kann es dann schon zu Veränderungen des Hormonhaushaltes kommen, ...
Ich glaube der Hormonhaushalt ist ständig dynamisch im Wandel. Da auch jede Wahrnehmung im Gehirn Spuren hinterlässt, sollte es mich wundern, wenn Einflüsse aus Hormonveränderungen nicht auch das Gehirn verändern. D.h. in dem Augenblick, in dem ich entschlossen Dinge anpacke, verändere ich mein Gehirn, daraus resultieren Hormonveränderungen, die Glücksgefühle auslösen (Serotonin, ... ?). Das verändert wieder mein Gehirn. Ein Kreislauf kommt in Gang, die neuen Verhaltensweisen stabilisieren sich und können, intensiv genug gelebt, auch mein Gehirn so stark verändern, dass es zu einer Haltung wird. D.h. es wird zu einer Instanz im Unbewussten und wir handeln automatisch danach. So könnte ein Mechanismus aussehen, der eine tiefe Bewußtseinsänderung bewirkt. Konkret gesprochen, aus einem als spektakulär empfundenen Erleben des "Geschlechtswechsel" beim Dressen, wird mit innerer Zufriedenheit gelebte normale Verhaltensweise.
Toni Smith hat geschrieben: Do 14. Mär 2019, 12:37
Es ist ähnlich wie mit dem Pawlowischen Hund. Ich bin davon überzeugt, dass man sich in einem gewissen Rahmen konditionieren kann um gewisse Hormone auszuschütten.
Klar kann man sich konditionieren. Aber die Konditionierung hinterlässt, wie beschrieben, Spuren im Gehirn. D.h. Wir sind nicht mehr diesselben, wir vor der Konditionierung. Man kann sich Glücksgefühle via körpereigene Hormone verschaffen, aber es ist zunächst nicht von Dauer bzw. durch die Gehirnaanpassungen wird eine immer stärkere Dosis verlangt. Das ist der typische Effekt bei "sensation seekers". Eine Handlung gibt einen Kick (Hormone), das Gehirn passt sich an und es wird "normal" und beim nächsten Mal, muss noch etwas intensiveres her, um wieder eine Ausschüttung von Hormonen zu bekommen. Das kann bis zur Selbstzerstörung gehen. Erst durch eine Änderung im Bewusstsein kann es zu einer Stabilisierung kommen, was bei den meisten Menschen aus stattfinden wird. Z.B. wird beim Skilaufen der Fokus von dem reinen Rasen auf die bewusste Wahrnehmung der Umgebung gelenkt und mit Zufriedenheit wahrgenommen.
Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass es allein mit meinem Willen gelungen ist, die Wahrnehmung meines Körpers erheblich zu steigern. Ich habe aufgehört, meinem Körper einzureden, er habe männlich zu sein, sondern spüren wollen, was er mir gerade sagt. Was ich heute empfinden kann, ist weit mehr als früher. Teilweise spüre ich ihn seit dem erst.
Toni Smith hat geschrieben: Do 14. Mär 2019, 12:37
Das wird zwar keine HRT im Effekt ersetzen aber kann schon eindeutige Ergebnisse bringen,
...
Darum ist ein "Alltagstest" auch nicht verkehrt, weil er quasi den Körper ebenfalls schon auf X konditioniert und damit Veränderungen antriggert, die dann durch die HRT verstärkt werden.
Wozu die HRT ? Was erwartet man davon ? Geht es um körperliche Entwicklungen oder spielen die Wirkungen, die die Hormone auf das Erleben haben eine Rolle ? Das wäre für mich eine zentrale Frage. Brauche ich das wirklich und was bringen die Veränderungen mir, was ich nicht schon haben kann ? Eine Antwort muss man für sich selber finden. Steckt es tief in mir oder ist es vielleicht doch nur eine Art "sensation seeking" ? Ich stimme Dir zu, ein Alltagstest halte ich auch für sinnvoll, um heraus zu bekommen, was für mich wirklich wichtig ist. Aber muss das erzwungen werden oder hat es nur freiwillig Sinn ? Das ist eine Kardinalfrage zum aktuellen TSG.
Auch halte ich eine psychologische Begleitung bereits im Vorfeld auch für sinnvoll. Aber auch hier ist die Frage, erzwungen oder freiwillig ? Mit meinem heutigen Wissen kann ich für mich sagen, dass ich freiwillig einen Alltagstest und eine psychologische Begleitung haben wollte, wenn eine HRT oder ähnlich weit reichende Maßnahmen für mich in Frage käme. Natürlich gefiele mir ein weiblicher Körper besser und die Empfindungen, die mit einer Hormonveränderung verbunden ist, würde mich sehr reizen, aber ich bin mir relativ sicher, dass nach einer Euphoriephase die Beschränkungen des Alltags einholen könnten.
Alltagstest und Beratung wären sicher auch für betroffene Menschen sehr sinnvoll, die sich heute absolut sicher fühlen. Ich fühlte mich in meinem Leben schon mehrfach absolut sicher und musste erkennen, dass diese Sicherheit trügerisch war und eine andere Haltung mir viel besser getan hätte. Ich glaube es ist unabdingbar, dass man sich durch die genannten Maßnahmen helfen lassen will. Wenn ich das nicht möchte, nützt es nichts und es werden Wege gesucht, das zu umgehen, bzw. Erkenntnisse aus diesen Prozessen werden nicht erkannt. Man kann Menschen nicht zum Glück zwingen. Das müssen sie selber erkennen.