Lesen fällt mir heute schwer, da meine Gedanken mich immer wieder in die Vergangenheit ziehen.
Es zu realisieren das sich mein Independenceday heute zum sechsten mal jährt, lässt mich manchen Moment fassungslos vor mich her starren.
Zur Zeit schießen die Bilder der Vergangenheit, manchmal im Sekundentakt vor meinem inneren Auge hin und her. Manches begleitet mit tiefsten Emotionen die mich aufwühlen.
Ein einzigster Tag in meinem Leben (08.11.2012), zeigt mir, wie unterschiedlich der Morgen und der Abend ist. An diesem Vormittag vor 6 Jahren hatte ich entschieden meinen Mann zu verlassen, nachdem er am Abend vorher mir seine ganze Kraft, Macht und Aggressivität wieder mal präsentiert hatte, nur hatte ich an diesem Abend den Mut und/oder wahrscheinlich eher genug Verzweiflung in mir, meinen Bruder anzurufen. Ich höre heute noch, wie meine Schwägerin zu meinem Bruder sagte, dass ich das von meiner Schwiegerfamilie zu spüren bekommen werde, weil ich sie (meinen Bruder und Frau) anrief. Sie hatte recht behalten, am nächsten Morgen standen meine Schwiegereltern vor der Tür. Ich bin lautstark und einschüchternd von allen drein runter gemacht wurden, was ich mir denn einbilde "fremde" Leute davon zu erzählen, was Familienangelegenheiten sind. Ich weiß es nicht mehr, wie lange ich diese Beschimpfungen und Beleidigungen ertrug. Irgendwann rannte ich aus der Wohnung zielstrebig zum Jobcenter. Seit Monaten bat ich meinen Mann auszuziehen, was ihn kalt lies. Ich erhoffte mir vom Jobcenter Hilfe, mit den Kids alleine eine Wohnung zu bekommen. Als die Sachbearbeiterin mir sagte, sie könne mir nicht helfen, bekam ich einen Zusammenbruch ich war am Ende meiner Kräfte. Sie war sehr mitfühlend mit mir, rief sofort im Frauenhaus (FH) an und schickte mich im selben Moment dort hin. Ich hatte keine Wahl und hörte auf sie. In der Beratungsstelle vom FH saß ich eine Ewigkeit im Gespräch...nicht zum ersten mal, da ich schon zwei Anläufe hinter mir hatte. Ich höre zwei bedeutende Worte von der Mitarbeiterin bis heute noch glasklar und deutlich in meinem Ohr.....ZÖGERE NICHT!
Wir planten für die folgende Nacht, wenn mein Mann Nachtschicht hat, meinen Einzug mit den Kids ins Frauenhaus. Immer wieder predigte sie mir im Gespräch, bei der kleinsten Kleinigkeit die er sich womöglich noch leisten würde, solle ich den Notruf wählen und mich nicht scheuen die Polizei zu rufen.
Immer wieder sagte sie: " ZÖGERE NICHT! ... ZÖGERE NICHT! ... ZÖGERE NICHT! ... ZÖGERE NICHT!" Sie gab mir Telefonnummern und eine Liste mit, die ich im Notfall abzuarbeiten hatte.
Wie ferngesteuert holte ich die Kids ab und fuhr dann später nach Hause. Mein Mann hatte gekocht für uns, wollte gute Stimmung damit verbreiten. Als wir am Tisch saßen kam es zur Eskalation. Unsere Tochter mag kein zu dunkel gebratenes Fleisch. Die Schnitzel die er gebraten hatte, waren ihr zu dunkel. Sie sagte dass sie es nicht essen wolle, woraufhin er ausflippte. Wie gewohnt flog das Essen und andere schnell greifbare Gegenstände auf mich. Er schnappte sich den Arm meiner Tochter, wo ich sofort rot sah und wieder dazwischen ging. Wir bekamen Getränke und Gläser ins Gesicht geschmissen und wurden wie gewöhnlich mal wieder angespuckt. Irgendwie kamen wir mit wenig Blessuren aus der Zwickmühle raus, ich schnappte mir das Telefon und beide Kids, wir verkrochen uns wie üblich im Zimmer meiner Tochter hinter ihrem Bett und ich rief zum ersten mal in meinem Leben die Polizei und auch den Notruf des Frauenhauses. Die Kids saßen zitternd um mich herum und Ani fragte und fragte und fragte: "Mama wann kommen sie, wann kommen sie, wann wann wann?" Es waren mehrere Autos die in unserer Straße fuhren, das blaue Licht machte die ganze Straße soooo hell, ich werde diesen Anblick niemals vergessen. Das erlösende Klingeln und ich rannte zur Tür, öffnete und zwei Männer, zwei Frauen in Uniform standen vor mir. Einer der Herren hob seine Hand, strahlte und grüßte laut, freundlich und deutlich, meinen Mann der hinter mir stand mit seinem Spitznamen...sie kannten sich vom Training. Dieser Moment war unfassbar für mich, und mein Mann war total locker.
Während ich die Liste vom FH abarbeitete, wie ferngesteuert alles zusammen packte, jedes meiner Kids von einem/einer Polizisten/-in betreut, beobachtet wurde, (weiß ich noch) wie ich immer vor mir her brabbelte "das habe ich nicht gewollt, das habe ich nicht gewollt, das habe ich nicht gewollt...".
Irgendwann war alles in meinem Auto verstaut und wir fuhren los zum geheimen Treffpunkt mit einer Mitarbeiterin vom FH. Irgendwann angekommen im FH in unserem kleinen Wohnbereich für die nächsten Wochen, schlief mein Sohn total übermüdet ein. Meine Tochter hingegen wich mir keinen cm von meiner Seite. Sie hielt dauerhaft Körperkontakt mit mir, weigerte sich im Zimmer bei ihrem Bruder zu schlafen. So blieb mir nix anderes übrig, als mit ihr die Nacht zusammen gekauert auf der Couch zu verbringen. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so unsicher, so verzweifelt gefühlt, wie in dieser Nacht. Es lasteten Tonnen von Sorgen auf mir. Ich hatte keine Ahnung, wie wir über die Runden kommen sollten. Ich hatte keine Ahnung ob ich dieser Aufgabe mich stellen konnte, ob ich dieser Aufgabe gewachsen war. Am nächsten Morgen machte ich die Kids für Schule und Kita fertig, wo auf einmal mein Handy klingelte...."mein Mann"! Ich bekam Panik seine Stimme hören zu müssen....ich ging also nicht ran. Kurze Zeit später bekam ich eine Nachricht, das einzigste wonach der Herr mich fragte, wann sein Zahnarzttermin ist.
Zurück ins Hier&Jetzt ..... Ich weiß meine Geschichte hat absolut null mit euch bzw mit dem Thema Trans usw zu tun. Ich bitte um Entschuldigung, falls ich euch zu viel damit zugemutet habe.
Heute morgen in der Quasselecke entstand die Idee dazu in mir. Und außerdem ging mir der Gedanke ans FH nicht mehr aus dem Sinn. Nachdem ich heute morgen im Café gefrühstückt hatte, nebenbei euch diese ersten Zeilen hier schrieb, entschied ich spontan ins FH zu fahren. Meine Gefühle überschlugen sich. Mit jedem Schritt, was ich mich dem Eingang immer mehr näherte, stockte mein Atem mehr und mehr. Ich sprach zu mir .... "nicht denken, nur tun!" .... und klingelte ... die Tür öffnete sich ... ein erschrockener Blick schaute mich an ... und in der nächsten Sekunde ein breites Strahlen und offene Arme die mich heftigst umschlungen und fest und fester drückten.
Gefühle PUUUR, das könnt ihr euch nicht vorstellen!!!!! Ich war so baff, das ich nach 6 Jahren sofort mit Namen und allen drum und dran wieder erkannt wurde. Die Herzlichkeit die ich erlebte trieb mir die Tränen in die Augen vor Rührung. Man reichte mir Tee und ich erzählte, sitzend auf dem selben Sessel wie vor 6 Jahren, wieviel Glück mittlerweile meine geliebten Raptoren und mich gefunden hat.
So wie es mir heute ein Bedürfnis war EUCH von meiner Vergangenheit zu erzählen, war es mir ein Bedürfnis, meiner Vergangenheit (dem FH) von meinem Hier&Jetzt zu erzählen.
Ich möchte nicht verschweigen, dass beide Damen sich nach meinem neuen Mann erkundigten. Sie hatten ja auch meinen Exmann live und in Farbe und in voller Action (Aggressivität) erleben dürfen.
Ich erzählte mit strahlenden Gesicht und über glücklichen Herzen, das er kein vor Testosteron strotzender Mann ist. Sie erkundigten sich nach der Beziehung zwischen ihm und den Kids und waren sichtlich sehr zufrieden, wie ich beschreiben konnte, dass er sehr liebevoll, geduldig und sehr auf Harmonie achtend um das Wohl der Kids bedacht ist, ebenso seine Eltern. Und sie sahen mir an die Liebe meines Lebens gefunden zu haben.
Ich bin ehrlich dankbar ein Teil eurer Gemeinschaft sein zu dürfen!
Namaste