Jaddy hat geschrieben: Do 20. Sep 2018, 14:57
Das ist der zentrale Punkt. Für den praktischen Alltag ist es schlichtweg egal, ob es ein psychisches Geschlecht gibt und falls ja, wie viel Genetik, Epigenetik, Hormonschwankungen oder Erziehung bei dessen Ausprägung eine Rolle spielen. Auch ob es an den eigenen Körper und bestimmte Vorstellungen wie er sein sollte gebunden ist, spielt keine Rolle. Es geht um individuelle Freiheitem, die wirklich niemand anderem schaden.
Hallo Jaddy,
Bei meiner Therapie und Begutachtung ging es als Fazit am Ende ganz konkret darum, ob ich als "Mann" - trotz Weiterlebens in der öffentlich männlichen Rolle (das stand für mich nie ernsthaft in Frage) mir weibliche Brüste machen lasse: eine Entscheidung, die erstens viel Geld kostete (das die KK bezahlt hat), die zweitens der Chirurg von der ärztlichen Indikation her nachvollziehen können mußte (Stichwort ärztliche Ethik, aber auch forensische Gründe), und die drittens für mich selber einen heftigen Eingriff in meine körperliche Integrität bedeutete und schwer einschätzbare, möglicherweise katastrophale Auswirkungen auf mein ganzes, weiteres Leben (Beruf, Alltag, Beziehungen) haben würde. Da ging es eben NICHT bloß um irgendwelche "individuelle Freiheiten" (dazu weiter unten gleich mehr), sondern um ein ganzes Lebenskonzept im sozialen Kontext, wegen dessen Tragweite ich um diese Entscheidung jahrelang schwer mit mir selber gerungen habe. Therapeuten und Gutachter waren mir dabei eine unverzichtbare Hilfe.
Hintergrund (hier jetzt nur mal der wichtigste Aspekt): bei meinen Beziehungen bis dahin war ich ausnahmslos immer und immer wieder an Frauen geraten, die von mir erwarteten, dass ich den "Kerl" markiere - und schwer enttäuscht waren, wenn ich das dann (nicht nur beim Sex, sondern in der gesamten Beziehung) weder sein konnte noch wollte. Schon die Anbahnung war für mich ein Dauerdrama gewesen, NUR verkrampft über Zeitungsannoncen überhaupt möglich, dann ein hässlicher, trauriger Fehlschlag nach dem anderen, dazwischen immer wieder Jahre der trostlosen, ungewollten Einsamkeit. Der Gipfel war dann eine fünfjährige Hölle von erster, in Torschlusspanik geschlossener Ehe, in der ich nahezu täglich physisch und psychisch misshandelt wurde, bis hin zu ärztlich behandlungsbedürftigen Verletzungen. Warum ich das 5 Jahre lang mit mir machen ließ? Frag das mal von Männern misshandelte Frauen: die Ursachen waren EXAKT dieselben - bloß die Hilfsangebote für solche Fälle gab's für mich als "Mann" nicht (gibt's bis heute nicht), stattdessen bloß jede Menge Häme und Spott noch obendrauf. Der Teufel scheisst bekanntlich immer auf den höchsten Haufen. Das war meine Lebenssituation zu Beginn der Therapie.
Glaubst Du wirklich, eine solche Lebenssituation könnte man einfach bloß mit individueller Freiheit bewältigen?
"Such dir halt eine, die zu dir passt" - Hoppla, da gehören aber ZWEI dazu.
"Sei einfach der, der du bist" - Ja schön, wer bin ich denn?
"Sei zufrieden mit dem, was geht" - nach DER bisherigen Lebensbilanz???
Um aus dieser verfahrenen Situation endlich rauszukommen, mußte ich
1.) kapieren, dass mein Selbstbild nur zum Teil auf Selbsterfahrung beruhte, dass es da auch massig gesellschaftliche Introjekte gab, die gar nicht wirklich zu mir gehörten - die musste ich erst mal rausschmeissen ("Mhm..." meint dazu die Feministin vom Dienst

)
2.) kapieren, dass es da auch eine tiefere, WIRKLICH eigene, eben deshalb UNVERÄNDERLICHE (sonst wär's längst nicht mehr die eigene) Schicht mit trotzdem sehr spezifischen Eigenschaften in meiner Psyche gibt ("Hm...?" fragt die Feministin und wiegt skeptisch den Kopf)
3.) kapieren, dass diese unveränderliche, tiefere Schicht sehr zentral und umfassend mit dem angeborenen Geschlecht zu tun hat ("Nö, alles anerzogen!" sagt die Feministin, tippt sich an die Stirn und verweigert sich kategorisch jeglicher, weiterer Diskussion)
4.) kapieren, dass diese originäre, unveränderbare, psychische Geschlecht NICHT notwendigerweise mit dem körperlichen Geschlecht übereinstimmen muß - und es prompt in meinem Fall auch nicht tut (auf weitere, feministische Kommentare, kann ich ab hier gut verzichten

)
5.) kapieren, dass ich nicht nur im x-beliebigen Raum "irgendwie ich und irgendwie anders", sondern sehr konkret KEIN MANN bin, dass das unverrückbar feststeht und ich es bei aller Bemühung nicht ändern kann, und dass der Versuch, das zu ändern, sogar ausgesprochen kontraproduktiv ist
6.) kapieren, dass es nicht genügt, mein eigenes Selbstbild entsprechend zu korrigieren; damit es im sozialen Umfeld klappt, muß ich auch anderen Menschen - vor allem potentiellen Partnerinnen - klarmachen, dass das übliche Bild "Mann" auf mich nicht zutrifft.
7.) kapieren, dass ich KEINE Chance habe, das anderen Menschen auf der verbalen Ebene (oder sonst auf einer Verhaltensebene - Kleidung z.B.) beizubringen. Die Feministin vom Dienst glaubt mir ja eh schon seit Punkt 3 nix mehr

Einzige, reale Möglichkeit: mein Körper muß für mich sprechen. Brüste...
Das war mein langer, aber notwendiger (und im Ergebnis nun schon seit 20 Jahren durchschlagend erfolgreicher) Erkenntnis- und Entscheidungsweg, bei dem mir die Gutachter unverzichtbare, sehr effektive Hilfe geleistet haben. Ab diesem Punkt sind mir meine Partnerinnen einfach so über den Weg gelaufen, ab diesem Punkt hatte ich erstmals harmonische, rundum befriedigende Partnerschaften - und seit 11 Jahren bin ich glücklich verheiratet
Mit Deiner Sicht der Dinge wäre ich bereits an Punkt 3 gescheitert. Bloß irgendwie "individuell frei sein" hätte mir da GARNIX geholfen. Wirkliche Freiheit (die ich mir dann ja auch genommen habe) setzt eine realistische, detaillierte Kenntnis der Möglichkeiten - und vor allem auch deren Grenzen - voraus. Die sind alles andere als egal.
Zum Abschluss noch eine herzliche Bitte an Dich und ein paar Andere hier: hört doch mal auf, gegen jeden, der irgendwo Euer Weltbild nicht teilt, gleich mit der großen, politisch-moralischen Keule zu fuchteln. Ich glaube nicht, dass ich auch nur in einem einzigen meiner mittlerweile 45 Texte hier irgendeinen Anlass geliefert habe, mir eine auch nur im Ansatz autoritäre, bevormundende, zwangsnormierende Haltung zu unterstellen. Und angesichts des Ernstes und der Tiefe dieser Debatte finde ich eigentlich auch die Überschrift unangemessen, unter der wir hier diskutieren: ich wüßte wirklich nicht, was das mit Hass zu tun haben soll.
Und wo finde ich jetzt den Smilie mit den Hörnern und dem Bocksbein?
Herzliche Grüße
Wally