Der Bezug? Wir hatten das Thema schon häufiger, ob "geschlechtliche Sprache" (oder auch vergeschlechtlichte, gegenderte) die Denkweise beeinflusst. Lera bestätigt (wieder einmal), dass dies der Fall ist:
Quellen müssten sich finden lassen. Vielelicht über Lera Borodistky selbst.Sprachen zeigen allerlei strukturelle Eigenheiten. Hier eine meiner liebsten. Viele Sprachen haben ein grammatisches Genus; jedem Nomen ist ein Genus zugewiesen, oft maskulin oder feminin. Und die Genera sind nicht überall gleich. So ist die Sonne im Deutschen feminin, im Spanischen aber maskulin. Beim Mond ist es umgekehrt. Kann das irgendeinen Unterschied im Denken der Menschen machen? Stellen die Deutschen sich die Sonne irgendwie weiblicher vor und den Mond irgendwie männlicher? Genau so ist es. Bittet man Deutsche und Spanier, z.B. eine Brücke zu beschreiben, wie diese hier -- "Brücke" ist auf Deutsch zufälligerweise feminin und auf Spanisch maskulin -- wird ein Sprecher auf Deutsch eher sagen, Brücken seien "schön" oder "elegant", also stereotypisch feminine Wörter benutzen. Dagegen würden Sprecher auf Spanisch wohl eher sagen, sie seien "stark" oder "lang", solche maskulinen Wörter.
Und dazu natürlich die netten Beispiele mit der Orientierung (die Kuuk Thaayorre) und der umschlagenden Farbwahrnehmung, wenn man von klein auf sprachlich darauf trainiert ist. Ich spekuliere mal, dass auch die binäre geschlechtliche Einordnung wesentlich darauf beruht, dass die allermeisten von uns von klein auf nur zwei Geschlechter kennen. Mal sehen, wie sich das vielleicht in Zukunft ändern wird. Studien in Gesellschaften mit präsenten anderen Geschlechtern wären mal interessant.
Ganz prima finde ich auch ihre Bemerkungen am Schluss, zur sprachlichen Vielfalt:
Hier geht's zum Video und den Transkriptionen (in vielen Sprachen): https://www.ted.com/talks/lera_borodits ... y_we_thinkDas Schöne an linguistischer Vielfalt ist, dass sie uns vor Augen führt, wie erfinderisch und anpassungsfähig der menschliche Verstand ist. Er hat nicht nur eine Sinneswelt erschaffen, sondern 7.000 -- es gibt 7.000 Sprachen auf der Welt. Und wir können mehr erschaffen -- Sprache ist natürlich etwas Lebendiges, etwas, dass wir zurechtfeilen und unseren Bedürfnissen anpassen können. Tragischerweise geht permanent viel von dieser linguistischen Vielfalt verloren. Pro Woche stirbt eine Sprache aus, und Schätzungen zufolge wird in hundert Jahren die Hälfte der Sprachen nicht mehr existieren. Und noch viel bedenklicher ist, dass momentan fast unser ganzes Wissen über den Verstand und das Gehirn des Menschen auf Studien mit englischsprachigen, amerikanischen Studenten basiert. Da bleibt natürlich der Großteil der Menschheit außen vor. Unser Wissen über den Verstand ist unfassbar begrenzt und einseitig, unsere Wissenschaft hat hier Nachholbedarf.
Ich möchte mit einem letzten Gedanken schließen. Ich erzählte, dass Sprecher anderer Sprachen anders denken, aber nicht darüber, wie Menschen anderswo denken. Es geht um Ihr Denken. Es geht darum, dass Ihre eigene Sprache Ihr Denken formt. Und das gibt Ihnen die Möglichkeit, zu fragen: "Warum denke ich so wie ich denke?", "Wie könnte ich anders denken?", und auch: "Was für Gedanken will ich hervorbringen?"