Ostwind
Ostwind - # 13

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Antworten
Simone 65
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2252
Registriert: Mi 9. Mär 2016, 09:05
Geschlecht: Ich bin ein Mensch
Pronomen: Frau
Wohnort (Name): Reichenbach an der Fils
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 181 im Thema

Beitrag von Simone 65 »

Anne-Mette , ich hoffe deine Batterien sind bald wieder gefüllt . Aber ich kenne das auch .
LG Simone
Ich weiss ,ich bin ein Mensch und nur Das zählt.
Ich bin nur ein kleines Licht , aber ich leuchte .
Alle Menschen sollen mich sehen .
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 26979
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 176 Mal
Danksagung erhalten: 1983 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 182 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Das Tageslicht bringt zwar die Gewissheit, dass die Welt sich noch dreht und ein neuer Tag beginnt,
aber die ersten Blicke in das feindliche Grau verheißen nichts Gutes.
Ausgerechnet auf der Pastorenwiese sind etliche Schafe ertrunken; nur wenig haben die rettende Anhöhe erreicht, obwohl das ganz einfach gewesen wäre. Sie sind wohl zu lange bei ihrem Futtertrog geblieben, der unten in der Senke stand.
Die ole Hex hat nur dorthin ihren Blick gerichtet, wo sie Not und Elend sieht; denn sie will sich niederlegen zum Sterben, wie sie dem Postboten erzählt. Der ist mit seinem Fahrrad über den ganzen Ostteil der Insel gekommen und muss von großen Schäden berichten.
In manchen Häusern wird dafür gesorgt, dass die Berichterstattung immer mehr durch Dichtung ergänzt und schließlich ersetzt wird; denn es gibt einen Köm für fast jede schlechte Nachricht.
Am Ende seiner Tour muss er sein Fahrrad schieben, so betrunken ist er. Schließlich wird ihm selbst das Schieben zu mühevoll und er wirft seinen Drahtesel in den Chausseegraben.

Bürgermeister und Deichvogt fahren zusammen über die Insel und erstellen ein Protokoll über die Schäden. Die Westseite, den Naturgewalten besonders ausgesetzt, hat es am schlimmsten erwischt. Die Promenade, die jeden Sommer zum Verlustieren einlädt, ist auf die halbe Länge geschrumpft. Die hölzernen Teile wurden zerbrochen, als hätte eine riesige Axt zugeschlagen.
Einige Häuser, die an der Dünenkante standen, sind der Schwerkraft gefolgt und liegen nun in Trümmern bis fast zur neuen Wasserkante.
Die Dörfer auf der Ostseite der Insel sind besser davongekommen.
Einige Dächer sind abgedeckt worden, die klapprige Scheune von Jessen steht auch nicht mehr — aber im Großen und Ganzen kann der Bürgermeister notieren: "Schäden, die zu reparieren sind!"

Hedwig entdeckt starke Abbrüche an der Grundstücksseite, die direkt zum Watt führt.
Ein paar Haltevorrichtungen für die Reusen wird sie wohl auch erneuern müssen, aber Haus und Netzschuppen haben den Sturm recht gut überstanden.
Einige Nachbarn haben es nicht so gut getroffen, aber Kurt von der inseleigenen Gebäudeversicherung hat versprochen, eher "gut zu rechnen", was immer das auch heißen mag.
Nur bei einigen Familien aus dem Dorf hilft kein "gut rechnen"; denn sie hatten kein Geld für die Versicherungsprämie.
Kurt ist aber kein Unmensch: es wird gerechnet und geschrieben, vordatiert und rückdatiert, entgegengenommen und quittiert, dann wieder ausbezahlt"¦
Schließlich kann jeder über ein kleineres oder größeres Sümmchen verfügen, um sich an die Reparatur von Dach und Wänden zu machen.
Den Rest wird die Saison bringen, sind sich alle Dorfbewohner sicher.

Das Haus der olen Hex hat keine Schäden davongetragen.
Auch müsste sie wieder lebendiges Dorfleben sehen, wenn sie aus dem Fenster blickt: Lastwagen bringen Baumaterial, Handwerker sind überall bei der Arbeit — und der Postbote hat fast nur gute Nachrichten zu überbringen oder zu verteilen.
Die ole Hex hat sich trotzdem niedergelegt. Sie isst nicht mehr und trinkt nicht mehr und will nicht mehr auf dieser Welt sein.
Sie öffnet die Tür nicht mehr, ist vielleicht sogar schon zu schwach dazu.
Als Bürgermeister und Schutzmann schließlich nach ihr sehen, liegt sie kalt und steif, aber milde lächelnd in ihrem Bett.
Sie trägt ein Kleid, in dem sie auch bestattet werden möchte, wie sie mit klarer Schrift verfasst und niedergelegt hat.
Als der Bürgermeister und der Schutzmann das Haus verlassen, ist der Bestatter mit seinem Pferdefuhrwerk vorgefahren. Der Bürgermeister nickt ihm zu und der Mann in Schwarz weiß, er kann und darf seine Arbeit machen.
"Die ole Hex liegt in der Leichenhalle", macht es die Runde und bald weiß es das ganze Dorf.
Die Einen mutmaßen: "die hat wohl selbst Hand angelegt", aber Andere sind sich sicher: "keinesfalls - dann dürfte sie nicht in der Leichenhalle auf dem Kirchhof liegen!"

Hedwig liegt lange wach, ist ins Grübeln geraten.
Schließlich kommt ihr ein Gedanke: der Tod der olen Hex müsste doch zu etwas nütze sein.
Könnte sie nicht das unheilvolle Buch aus dem Bunker holen und in den Sarg legen, so dass es mit der ursprünglichen Eigentümerin beerdigt wird?
Es ist spät. Alle schlafen, als Hedwig sich aus dem Haus schleicht.
Sie ist lange nicht im Bunker gewesen, aber das Buch findet sie im Schlaf.
Merkwürdig: es hat seine Wärme verloren; es strahlt keine Energie aus, wie es sonst immer zu fühlen war, wenn sie es in den Händen hielt.
Es riecht ein wenig muffig; aber im Lampenschein sieht Hedwig, dass das Buch unter der Feuchtigkeit kaum gelitten hat.
Lange überlegt sie, was das zu bedeuten hat und ob das Buch seine unheilvolle Wirkung verloren haben könnte.
"Nun aber los!", treibt sie sich selbst an: "so eine günstige Gelegenheit, es endgültig loszuwerden, kommt so schnell nicht wieder".
Auf dem Friedhof fühlt sie sich klein und ängstlich wie damals, als sie an einem dunklen Winterabend an der Hand ihrer Mutter lief und diese auf die kleine Kapelle an der Nordseite des Friedhofes zeigte und meinte: "dort wohnen die Toten!"
Noch heute kriecht ihr ein Schauer über den Rücken, wenn sie daran denkt.
Der hohe Kirchturm wirkt drohend, als wollte er sagen: "Hedwig, was Du machen willst, ist nicht recht, versündige Dich nicht!"
Trotzig hat sie aber schon die schwere Pforte am Eingang zum Friedhof aufgestoßen und bewegt sich im flackernden Schein ihrer Lampe auf die kleine Kapelle zu.
Die Tür ist nicht verschlossen. Wer soll auch den Toten etwas stehlen?
Ein Windhauch — oder eine Geisterhand bringt die Kerze zum Verlöschen, nachdem sie kurz aufgeflackert ist und schemenhafte Bilder an die Wand geworfen hat.
Hedwig fummelt nach den Streichhölzern, aber findet sie nicht in ihrer Jacke.
Die Taschen sind kaputt, sodass kleine Teile die Taschen verlassen und sich im Futter der Jacke verstecken.
Egal: Hedwig muss es hinter sich bringen. Sie hat sich gemerkt, wo der Sarg steht.
Gleich darauf ertastet sie das grob gearbeitete Holz.
Sie drückt den Deckel so weit nach oben, dass sie das Buch durch den engen Spalt drücken könnte, aber sie will es nicht einfach wie einen Brief in einen Briefkasten werfen.
"Eine Hand zu wenig", denkt sie.
Sie lässt den Sargdeckel wieder in seine Position fallen.
"Ganz schön schwer", sagt sie, aber niemand hört ihr Bedauern.
Sie muss sich etwas suchen, um den Deckel offen zu halten, aber findet die Streichhölzer nicht und will keinesfalls im Dunklen suchen.
Schließlich könnte sie unbeabsichtigt gegen die Werkzeuge des Küsters geraten, die könnten umfallen und der Lärm würde sie verraten.

Sie hat nicht bemerkt, dass vor der Friedhofsmauer ein Auto angehalten hat.
Plätschern hört sie, als sie die Tür der Kapelle vorsichtig öffnet. Ein Mann singt, während er sich an der Mauer erleichtert.
Die schlecht geölten Scharniere der Tür schreien, als Hedwig die Tür weiter öffnet.
Der Mann lässt sich anstecken, singt nicht mehr, sondern schreit auch — und Hedwig nutzt das Durcheinander, um den Tatort zu verlassen.
Mit Riesenschritten läuft sie auf die große Pforte zu. Sie stolpert über eine niedrige Hecke, kann sich aber wieder aufrappeln.
Ihr Herz bummert wie ein Schiffsdiesel, als sie endlich auf der anderen Seite der östlichen Mauer in Sicherheit ist. Sie hört, wie in Auto mit quietschenden Reifen davonfährt.
Das Buch hält sie immer noch in der Hand.
Den Weg hinunter ans Watt findet sie im ersten zarten Lichtschein des neuen Tages.
online52
Beiträge: 18
Registriert: Mi 10. Aug 2016, 17:13
Geschlecht: M
Pronomen:
Wohnort (Name): Schwelm
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 183 im Thema

Beitrag von online52 »

Schön das es weitergeht, Danke dafür.
L.G.
Online
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 26979
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 176 Mal
Danksagung erhalten: 1983 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 184 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Das ganze Dorf ist in Aufruhr.
Die Einen behaupten: "die ole Hex ist wieder aus dem Sarg geklettert und davongelaufen. Ein Autofahrer, der am Friedhof kurz anhalten musste, hat es miterlebt".
Die Anderen sprechen von einer dreisten Freveltat auf dem Kirchhof.
"Jemand wollte wohl ihre Goldzähne stehlen!"
Magda fragt: " Hedwig, wo bist Du eigentlich in der Nacht gewesen?"
"Am Watt", antwortet sie, wohl wissend, dass das nur die halbe Wahrheit ist.
"Na denn", meint Magda und zeigt ein spöttisches Lächeln, "dann hast Du ja nichts zu befürchten!"
Die Obrigkeit glaubt wohl eher an eine Freveltat und nicht an die Auferstehung der olen Hex.
"Die werden den Kerl schon finden", hat der Schutzmann entschlossen verkündet.
Auf dem gerade frisch geharkten Friedhofsweg wurden Spuren von grobem Schuhwerk entdeckt.
"Der Frevler hat sogar die knöchelhohe Hecke an einer Stelle niedergerissen, mit der das Grab des Direktors der Spar- und Leihkasse eingefasst ist", empört sich Magda.
Hedwig versucht, möglichst unbeteiligt zu wirken, sagt halbherzig: "das ist nicht schön!".
"Nicht schön", äfft Magda sie nach, "das ist eine abscheuliche Tat, der war doch immer so nett und gut zu den Leuten!"
Hedwig muss raus. Sie schlüpft in ihre Holzschuhe, greift sich den Werkzeugkasten, in den sie schnell das Buch gesteckt hat und verabschiedet sich: "ich muss kurz zum Bunker und die Tür reparieren, sonst gehen die Kinder wieder hinein, wenn ihnen nach Abenteuern zumute ist!"
Schon ist sie draußen und hat schnell den kurzen Weg zum Bunker zurückgelegt.
Das Buch kommt wieder an seinen sicheren Aufbewahrungsort. Auch heute geht keine Wärme von ihm aus. Fast erliegt Hedwig der Versuchung, darin zu blättern, doch sie hat ein neues Vorhängeschloss in ihrem Werkzeugkasten. Das findet seinen Platz an der Vorrichtung der Tür und sie hat damit wieder etwas für ihre Lüge-Wahrheit-Balance getan.
Munter pfeifend tritt sie den Heimweg an.
Das alte Schloss legt sie auf den Küchentisch, als käme es auf einen Beweis an.

Der Rest des Tages wird mehr oder weniger vertrödelt. Sie spielt mit den Kindern, wartet auf Adelheid und ist nur einen Moment beunruhigt, als der Schutzmann kommt und nach ihren Stiefeln fragt.
"Die sind im Netzschuppen", sagt sie, "oder sie hängen noch an der Wand des Schuppens, weil ich sie noch saubermachen muss".
"Die müssen nicht sauber sein", meint der Schutzmann, "es ist sogar ganz gut — und unverdächtig, wenn sie nicht sauber sind!"
Darauf kann Hedwig sich keinen Reim machen.
Sie begleitet die Amtsperson zum Netzschuppen.
Da hängen die Stiefel an Fleischerhaken. Gut zur Hälfte sind sie mit Schlick bekleistert und zeugen vom Weg direkt am Wattsaum entlang.
Von der Erde des Friedhofweges ist nichts zu sehen.
"Ich war mir schon vorher sicher, dass Du das auf dem Kirchhof nicht warst", verkündet der Schutzmann, "aber wir müssen jeden Dorfbewohner befragen, der in Frage kommen könnte - und wir werden den Kerl schon finden!"
Hedwig sagt lieber nichts dazu und hofft, dass die Ermittlungen — wie so oft — im Sande verlaufen.
Diana.65
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1302
Registriert: Mo 2. Mai 2016, 00:27
Geschlecht: TG MzF
Pronomen: du
Wohnort (Name): Rudolstadt
Hat sich bedankt: 473 Mal
Danksagung erhalten: 174 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 185 im Thema

Beitrag von Diana.65 »

Na das ist ja 'n Ding. Erst hast du uns sooooo lange auf eine Fortsetzung warten lassen, und nun in zwei Tagen gleich zwei hintereinander. Ein großes Danke, Anne-Mette.
Ich hoffe, das du uns nicht wieder so lange auf die Folter spannst.

Liebe Grüße,
Diana.
Ich bin und bleibe ich.
Und ... genieße mein neues Leben.
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 26979
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 176 Mal
Danksagung erhalten: 1983 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 186 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Mit der Wartezeit tut es mir leid.
Ich will versuchen, wieder regelmäßig zu schreiben, damit der Fluss nicht verlorengeht.
... und irgendwie ist das Schreiben ja auch Therapie (smili)


Es kehrt Ruhe ein im Dorf. Bald ist die Angelegenheit fast vergessen.
Die Ermittlungen sind im Sande verlaufen — von den Einen befürchtet — und von den Anderen erhofft.
Es gibt viel zu tun.
Hedwig ist froh, dass Konrad und Wilhelmine endlich in ihr eigenes Heim ziehen; ihr fällt eine Last von der Seele. Der Bürgermeister hat Wort gehalten. Konrad kann und darf seine Arbeitskraft nun für seinen eigenen Wände einsetzen. Er ist stolz und glücklich.
"Daraus machen wir ein Schmuck-Kästchen", erzählt er jedem, der ihm zuhört.
"Da müsste schon ein Wunder geschehen", denken die meisten Leute, "wie soll sonst aus einer Hütte ein Schmuck-Kästchen entstehen?"
Sie beneiden ihn jedoch um das schöne Grundstück.
"Abreißen und neu bauen", sagt Konrads Chef — aber das ist laut Vertrag verboten.
Das Angebot von Wilhelmine, "die Kinder können ja trotzdem zusammen spielen", beantwortet Hedwig halbherzig mit "vielleicht".
Sie ist erst einmal nur froh, dass sie die Gäste gut wieder los ist.
Wenn sie im Haus wieder für sich und alleine sind, wird es vielleicht sogar mit Adelheid wieder so schön, wie es mal war.
Eines muss man den scheidenden Gästen lassen: sie haben die Kammern gut und sauber hinterlassen. Wilhelmine lässt sogar die Vorhänge und Gardinen hängen und sichert zu: "Ich habe noch mehr von den Stoffen. Wenn Du magst, nähe ich Dir Passendes für die anderen Zimmer".
Das kommt Hedwig gerade recht.
Der Professor hat sich angemeldet — und sie hat schon zwei Anfragen von anderen Gästen für die neue Saison. Es wird Zeit, dass die Kammern gerichtet werden!
Alle packen mit an. Wenn es sein muss, arbeitet Magda wie ein Pferd. Hedwig muss sie bremsen: "lass für mich auch noch Arbeit übrig!"
Der Aufbruch ist auch in den anderen Häusern zu spüren. Das Geld von der Versicherung erweist sich als Segen und wird zum Erwerb von Baumaterial umgesetzt. Nur einige Dorfbewohner sind so dumm und tragen das Geld zum Kaufmann. Einige Zeit geht es "fein" zu bei ihnen: Fleisch kommt auf den Tisch, abends gibt es reichlich Wurst und Käse — und reichlich Bier zum Feierabend.
Dabei haben sie kaum Recht auf Feierabend; denn sie haben noch nichts geschafft.
Als sie merken, dass das Geld langsam bedrohlich weniger wird, ist es für manche schon zu spät.
Einige Häuser haben schon einen neuen Außenanstrich bekommen — und in etlichen Vorgarten steht ein Schild "Fremdenzimmer zu vermieten".
"So könnte es immerzu weiter gehen", denkt Hedwig, "wenn wir endlich mit den Zimmern fertig sind, kann ich mich wieder der Fischerei widmen".
Ulli ist ordentlich gewachsen und wuselt ihr zwischen den Beinen herum.
Ein munteres Kind!

Die ole Hex ist beerdigt worden.
Bürgermeister, Schutzmann und der Totengräber haben sich davon überzeugt, dass sie noch in ihrem Sarg liegt. "Ist doch Quatsch", stellen sie nüchtern fest, "wo sollte sie auch sonst sein?"
Der Schutzmann bekommt Order, nur noch mit halber Kraft nach dem Schuldigen zu suchen. Es ist doch nichts passiert - eigentlich!
Da er eh schon mit halber Kraft ermittelte, was bei fast bei jeder Tätigkeit seine Gewohnheit ist, müsste er schon über den Schuldigen stolpern, um ihn zu fassen.
So scheint alles in bester Ordnung. Hedwig wiegt sich in Sicherheit.
Nie würde sie darauf kommen, dass in Angelegenheiten der olen Hex noch etwas geschieht.

Doch eines Tages ist er da: ein amtlicher Brief von der Kreisverwaltung.
Hedwig soll sich binnen 14 Tagen bei einem Notar in der Stadt einfinden.
Ausweispapiere und die Geburtsurkunde soll sie zum "Nachweis der Berechtigung" mitbringen.
Sie kann sich keinen Reim darauf machen.
"Berechtigung" hört sich nicht nach "Schuld und Sühne an", aber ein amtliches Schreiben bedeutet selten etwas Gutes.
Es wird sie doch wohl niemand verraten haben?
Fast ist sie versucht, die Angelegenheit mit Willi zu besprechen, aber dann entscheidet sie sich, alles selbst zu regeln. Sie lässt sich von Magda die Geburtsurkunde und den Ausweis geben, leiht sich von Willi das Auto, ohne zu sagen, wo es hingehen soll — und fährt in die Stadt.
"Ich bin bald zurück", hat sie Magda noch zugerufen.
Mehr für sich selbst fügt sie hinzu: "hoffentlich".
Svenja80
schau
Beiträge: 65
Registriert: Mo 22. Aug 2011, 21:32
Pronomen:
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 187 im Thema

Beitrag von Svenja80 »

Wieder ein schöner Clifhanger ;)
Sie hat doch nicht etwa geerbt?
Bianca D.
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3048
Registriert: Fr 1. Mai 2009, 18:02
Geschlecht: weibl.
Pronomen:
Wohnort (Name): Schacht Audorf
Hat sich bedankt: 6 Mal
Danksagung erhalten: 5 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 188 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Moin Anne-Mette,

freut mich sehr, daß du wieder Zeit und Muße gefunden hast, an der Geschichte weiter zu schreiben.

LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 26979
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 176 Mal
Danksagung erhalten: 1983 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 189 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Die düstere Kanzlei des Notars zeigt mit Wucht und Nachdruck, dass hier wichtige und mächtige Entscheidungen getroffen werden.
Hohe Regale sind bis unter das Dach vollgestopft mit Aktenordnern und Schriftstücken und geben selbst in den großen Räumen ein Gefühl von bedrohlicher Enge.
Hedwig meldet sich bei einer jungen Dame, die in ihrer hoch geschlossenen weißen Bluse und einem schwarzen Faltenrock hinter einem Schreibtisch sitzt.
Die nickt nur kurz, sagt dann "Aktenzeichen?"
Damit kann Hedwig nichts anfangen, stammelt erst ein wenig herum — und reicht ihr dann das Schreiben, das sie mit der Post bekommen hat.
Die Frau macht sich ein paar Notizen, nickt dann in die Richtung eines Raumes, dessen Tür offen steht und sagt schließlich: "Nehmen Sie bitte einen Moment Platz. Sie werden aufgerufen, wenn der Herr Notar Zeit hat".
Hedwig zögert einen Moment. Sie ist neugierig und würde am liebsten fragen, um welche Angelegenheit es sich handelt, die sie hier ins Haus geführt hat.
"Ist noch was?" Die Bürodame guckt skeptisch, ja, fast abweisend.
"Nein, danke"; Hedwig begibt sich ins Wartezimmer.
Auf einem der unbequemen Stühle mit abgewetzter Ledersitzfläche nimmt sie Platz.
Zigarrenrauch dringt aus einem der Nachbarzimmer zu ihr vor.
Nach ungefähr zehn Minuten wird eine Schiebetür geöffnet und ein anderes "Fräulein" in weißer Bluse und Faltenrock bittet sie "zum Herrn Notar".
Zufrieden pafft der behäbige Mann weiter seine Zigarre.
Seine Brille mit dicken Gläsern lässt stechende Augen überdeutlich hervortreten.
Mit einer Begrüßung hält er sich nicht lange auf. Ein mehr oder weniger geknurrtes, ja hingeworfenes "Moin" muss reichen.
Er ruft "Fräulein Hansen", die sofort mit einem Schreibblock und einem Bleistift erscheint.
Sofort diktiert er: "Vor dem unterzeichnenden Notar ist erschienen"¦".
Er lässt sich von Hedwig das Schreiben und ihre Geburtsurkunde geben und meint dann:
"Das tragen wir nachher ein!"
Er öffnet einen großen Briefumschlag, der ein wenig verwittert ist und sagt:
"Sie haben Glück, Sie erben!"
Dann liest er vor, was die ole Hex ihr vermacht hat.
Es geht um "bewegliche Güter", die auf einem Extrablatt verzeichnet sind.
Hedwig kann sich so recht keinen Reim darauf machen. Was sind bewegliche Güter?
Allerdings soll sie vorher dem Notar durch Vorlage nachweisen, dass "ein gewisses Buch" noch in ihrem Besitz ist.
Sie muss also noch einmal in die Stadt kommen und das Buch zeigen.
"Wie gut, dass ich es nicht mit der olen Hex beerdigen ließ", denkt sie und muss in sich hineinschmunzeln.
"Nun freuen Sie sich mal nicht zu sehr und zu früh, kleines Fräulein", meint der Notar, "reich werden sie durch die Erbschaft sicherlich nicht!"
Er vertieft sich wieder in den langen Brief, ohne ein Wort zu sagen.
Hedwig will schon aufstehen und gehen; denn die Angelegenheit scheint abgeschlossen.
Endlich schickt der Notar eine besonders dicke Tabak-Wolke an die Decke, formt den nächsten Ausstoß zu Ringen und sagt dann fast genüsslich: "da wäre dann auch noch die Angelegenheit mit dem Haus!"
Er hält einen längeren Vortrag über ein Kind Ulli, über Verwaltung bis zur Volljährigkeit und nennt ein "Nutzungsrecht bis zum Zeitpunkt der Entgegennahme, das einer Stiftung zur Erholung von bedürftigen Kindern einzuräumen ist".
Er überlegt eine Weile, bis er schließlich sagt; "die Kindesmutter muss natürlich hier erscheinen und wird von mir geladen!"
"Kindesmutter?"
"Das bin doch wohl ich", will Hedwig sagen, aber beißt sich auf die Zunge.
Ihr ist gerade eingefallen, dass noch so einiges in ihrem Leben ungeordnet ist.
"Das war alles", bricht der Notar den Termin ab, "lassen Sie sich von Fräulein Hansen einen Termin geben und kommen sie mit dem Buch!"
Er steht nicht auf, um sich zu verabschieden, meint aber noch: "falls sie das Buch überhaupt noch haben!"
online52
Beiträge: 18
Registriert: Mi 10. Aug 2016, 17:13
Geschlecht: M
Pronomen:
Wohnort (Name): Schwelm
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 190 im Thema

Beitrag von online52 »

Hallöchen
Wollte nur mal anfragen ob der Ostwind ganz abgeflaut ist oder hoffentlich noch mal auffrischt.
Hoffnungsvolle grüße
online
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 26979
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 176 Mal
Danksagung erhalten: 1983 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 191 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Guten Abend,

ja, der Ostwind soll wieder Fahrt gewinnen.
Im Moment bin ich weiterhin sehr eingespannt - und wenn ich das mal nicht bin, dann muss ich mich erholen.

Es ist aber eines meiner Ziele, die Geschichte wieder aufzunehmen, wachsen und werden zu lassen - und dann mal als Buch zu veröffentlichen.
Ich würde mich freuen, wenn von mir mal "etwas übrig bleibt" (smili) - auch wenn's auch nur (m)eine Geschichte ist (888)

Herzliche Grüße und ein großes DANKE an meine treuen LeserInnen
Anne-Mette
Valerie Bellegarde
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1718
Registriert: Mo 8. Feb 2016, 16:44
Geschlecht: Part time lady
Pronomen: Mal so, mal anders
Hat sich bedankt: 84 Mal
Danksagung erhalten: 136 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 192 im Thema

Beitrag von Valerie Bellegarde »

Anne-Mette hat geschrieben: Di 15. Jan 2019, 19:37 Guten Abend,

ja, der Ostwind soll wieder Fahrt gewinnen.
Ich würde mich freuen, wenn von mir mal "etwas übrig bleibt" (smili) - auch wenn's auch nur (m)eine Geschichte ist (888)

Anne-Mette
Ahhmm ... was sind denn das für seltsame Gedanken, Anne-Mette?

Obwohl...ich kann die Überlegung eigentlich schon nachvollziehen. Im Grunde geht es mir genauso. Auch ich schreibe, um die Zeit festzuhalten oder besser gesagt, damit irgendetwas übrigbleibt. Obwohl das wahrscheinlich Illusion ist. Also: Solidarischen Gruß. Und ich kann nur wiederholen, was ich schon anlässlich deines kürzlichen Geburtstags schrieb: Mit diesem Forum hast du etwas auf die Beine gestellt, das über uns alle hinausreicht.

Liebe Grüße, Valerie
Inga
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3843
Registriert: Mo 19. Jul 2010, 00:32
Pronomen:
Hat sich bedankt: 109 Mal
Danksagung erhalten: 185 Mal
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 193 im Thema

Beitrag von Inga »

Hallo, Änne-Mette und Valerie,

o, was sind das für ungewohnte Töne? Da macht frau sich um euer allgemeine Wohlbefinden ernsthaft Sorgen oder zumindest Gedanken. Zu recht?

Liebe Grüße
Inga
JanaH
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 574
Registriert: Di 10. Okt 2017, 07:13
Geschlecht: Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Leipzig
Hat sich bedankt: 88 Mal
Danksagung erhalten: 16 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ostwind

Post 194 im Thema

Beitrag von JanaH »

Ganz klares Nein, liebe Inga.
Ich glaube, das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, etwas hinterlassen zu wollen.
Ich würde dies keinesfalls mit dem Gedanken an "Ende" in Zusammenhang bringen.
ich bin sehr sicher, da machst Du Dir unnötige Gedanken.
Anne-Mettes Geschichte ist für mich etwas sehr besonderes, ich lese auch andere Geschichten hier seh gerne,
aber dies ist doch sehr einmalig.

Ich hoffe sehr auf eine Fortsetzung, jedoch soll sich die Autorin bitte nicht unter Druck gesetzt fühlen,
das bekommt der Geschichte bestimmt nicht.

Liebe Grüße

Jana
Antworten

Zurück zu „(Eigene) Berichte und Geschichten“