http://www.bento.de/future/transsexuell-im-beruf-arbeiten-in-der-steuerkanzlei-2227737/ hat geschrieben:
...
Die junge Frau, von der ich euch erzählt habe, arbeitet heute wirklich in einer Steuerkanzlei. Regelmäßig muss sie Kunden am Telefon erklären, dass sie nicht Herr, sondern Frau Soundso ist — nachdem sie Namen und Anrede gesagt hat. Immer wieder.
Aber wer sagt schon Nein zu einer unbefristeten Festanstellung in einem "seriösen" Beruf? Dass ihre Kollegen sie am ersten Tag mit der vermeintlich subtilen Frage "Ist das ein Männer- oder ein Frauenname?" begrüßten und sie zwölf Stunden am Tag nichts trinkt, um während der Dienstzeit nicht aufs Damenklo zu müssen — geschenkt.
Soviel zum Thema "normaler" Alltag eines personenstandsrechtlich nicht als Frau geborenen Menschen, der dennoch konsequent seinen Weg geht und als Frau lebt - allen Schwierigkeiten zum Trotz.
Obwohl ich selbst dagegen im öffentlichen Dienst quasi unter "paradiesähnlichen" Verhältnissen arbeiten darf, mich am Telefon nicht erklären muss, weil sich meine Stimme recht gut der gesamten Feminisierung anpasst, und ich literweise Tee trinken kann, weil ich problemlos die Damentoilette besuche, bin ich von "normal" weit entfernt.
Jenina hat geschrieben: Mo 14. Mai 2018, 08:07
Wir sind sehr wohl erklärungsbedürftig. Und zwar ist erklärungsbedürftig, dass wir eben
normal SIND. Und solange wir noch nicht mal hinbekommen uns selber unser eigenes Sein zu erklären und auch richtig zu benennen ohne tagelang in kleinlichen Streit zu verfallen um des Kaisers Bart (oder ob nun Transvestit ein Schipfwort ist oder was auch immer).
Vor allem helfen da eben keine linguistischen Spitzfindigkeiten und die 61. Bezeichnung für eine Identität die nur wir selber kennen. Wenn wir wollen dass wir als normal angesehn werden müssen wir uns auch so verhalten und so sprechen. Mit klarem Vokabular und klarem Standpunkt.
Und da scheint mir auch völlig richtig dass solche Konstrukte wie "im falschen Körper geboren" oder "ich war schon immer Frau" da nicht sehr hilfreich sind. Einfach weil man dann wieder erklären muss wie man das eigentlich meint. Also wird praktisch alles doppelt erklärt und es klingt tasächlich wie eine Rechtfertigung.
Als einzige Trans*-Person (sicher stößt auch diese Bezeichnung bei irgendwem auf Kritik) unter 300 Mitarbeiter_innen stehe ich auf der Arbeit unfreiwillig im Fokus und gelte unangenehmer Weise automatisch für die meisten als "DIE
Transfrau", weil sie sonst keine vergleichbaren Menschen kennen. Desssen bin ich mir bewusst und versuche deshalb, sprachliche Spitzfindigkeiten und Redewendungen wie vom "falschen Körper" zu vermeiden. Es ist nach meiner Erfahrung genau so, wie es Jenina oben schreibt. Meine Kolleg_innen können mit dem gesamten Vokabular nichts oder wenig anfangen. Haarspaltereien um Begrifflichkeiten, wie sie z.B. im Forum ausgetragen werden, wären ihnen fremd und sie würden noch nicht mal begreifen, woran sich dabei die Gemüter eigentlich aufreiben.
Leider lassen sich nicht alle einschlägigen Bezeichnungen vermeiden, zumal die Fernsehsender innerhalb der letzten 12 Monate jede Menge Berichte und Reportagen über die Trans*-Thematik gesendet und dadurch einiges Vokabular verbreitet haben. Dann wähle ich für mich in jedem Fall "transident" statt "transsexuell", denn Letzteres ist im Volksmund einfach zu sexlastig verknüpft und hat m.E. dadurch einen negativen Touch, so als ob jemand seine "Perversionen" nun auch öffentlich ausleben würde, während das andere nur im abgedunkelten Schlafzimmer tun. Um derlei Irrglauben gar nicht erst im Kopf anderer dämmern zu lassen, vermeide ich "transsexuell".
Das war's aber auch schon mit den Begrifflichkeiten.
Jenina hat geschrieben: Mo 14. Mai 2018, 08:07
Eine Patentlösung habe ich nicht parat, dazu bedürfte es wohl eines "höheren Wesens". Ich kann nur dafür werben dass wenigstens wir unter uns einig sind über unser Sein und unseren Platz in der Gesellschaft. Denn das scheint mehr im argen zu liegen als die eingeforderte Akzeptanz der "normalen" (...da ist es wieder...).
Jenina
Das zuweilen arge Hickhack untereinander dürfte "draußen" (zum Glück) relativ unbemerkt bleiben, da die Kenntnis über Trans* generell kaum verbreitet ist. Ansonsten würde es zur Akzeptanz wohl eher nicht beiträgen.
Eine Patentlösung wäre schön. Doch die wird niemand liefern können.
Für mich war es von Anfang an wichtig, die angestrebte "Normalität" zu
leben. Dazu musste ich raus ins "wirkliche" Leben jenseits von Trans*Enklaven wie speziellen Bars, Stammtischen und Treffen. Diese Dinge haben zweifellos ihre Daseinsberechtigung und können insbesondere am Anfang hilfreich sein, aber wer sich irgendwann im Alltag zurechtfinden will, muss sich abnabeln. Leider gelingt eine Integration nicht immer, weil Widrigkeiten unterschiedlichster Art
sehr verletzen können. Ich hab einige Menschen kennengelernt, die sich deshalb frustriert, verwundet und verzweifelt erneut zurückgezogen hatten. Dabei gab es 2 verschiedene Strategien: Entweder die Rückkehr in den trauten Schoß der Trans*Reservate und damit weitgehende Abkapselung vom "Leben da draußen" oder der Rückzug in sich selbst mittels Versuch der totalen Ignoranz ("
Ich interessiere mich nicht für die anderen und beachte keinerlei Reaktion auf mich."). Die "Lösungen" kranken nach meiner Auffassung daran, dass wir nicht alleine auf der Welt leben und immer auch andere "normale" Menschen um uns herum sein werden, ob man nun davonläuft oder riesige Scheuklappen anlegt.
Beides hat meiner Meinung nach wenig mit gelungener Integration zu tun. Das zeigt, wie enorm wichtig es ist, täglich neu um seine "Normalität" zu kämpfen. Manchmal gibt es sogar ein Feedback, wenn das gelungen ist. Dazu ein Beispiel:
Meine Premiere im
Rock - ein schlicht-elegantes Business-Teil - zur Arbeit zu gehen, war spannend. Ich fühlte mich rundum wohl und sicher. Mein Selbstverständnis, als Frau auch mal einen Rock zu tragen, war unerschüttert. Dennoch hatte ich keine Ahnung, wie die Reaktionen ausfallen würden. Ausgerechnet an diesem Tage gab es eine große Veranstaltung, bei der mich nun mehr oder weniger
alle sahen. Über die Kommentierungen, die mich am nächsten Tag über zig Ecken "Buschfunk" erreichten, hab ich mich gefreut: Es war vielen zunächst überhaupt nicht aufgefallen, weil es so
normal wirkte!
Akzeptanz lässt sich nach meiner Erfahrung dadurch erarbeiten, indem man in erster Linie mit sich selbst im Reinen ist (es fällt mir manchmal nicht leicht - besonders nach Verletzungen - meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, doch bislang hat es schlussendlich funktioniert), unaufdringlich daherkommt, selbstbewusst und authentisch auftritt (das ist ein langer Lernprozess, der vermutlich ewig währt), den anderen Zeit gibt - denn auch dort bestehen Ängste und Unsicherheiten - und die Kraft, bei Widrigkeiten nicht zu verzweifeln, aus dem Glück schöpft, ohne Versteckspiel seine Identität zu leben.
Und dabei helfen vermutlich keine Wortklaubereien.
LG
Semele
