Kapitel 7; Frust und Langeweile
Endlich sind Weihnachten -
das Familienfest ohne Familie - und der Jahreswechsel -
mit den jedes mal sinnlosen guten Vorsätzen - vorbei. Nun ist zwischen den Festen
Michelle, meine aufblasbare Sex-Gummipuppe, zum Leben erwacht und geistert nun abwechselnd mit Nicole durch das Haus. Inzwischen ist es nicht mehr so spannend und aufregend, wenn Nicole nach draußen geht, also will jetzt Michelle nach draußen, damit das Prickeln meiner zweiten Pubertät erhalten bleibt. Zum Fensterläden Schließen war sie schon draußen, aber das reicht ihr nicht. Sie hätte es gerne, wenn draußen ein Video von ihr gedreht würde. Mein "Kameramann" verzieht beim Gedanken daran nur sein Gesicht. Im Moment ist sowieso nicht das richtige Wetter dafür. -
Obwohl: im Latexanzug wird es beim Schwitzen immer innen nass, da ist es eigentlich egal, wenn es auch noch von außen drauf regnet. Nur mein Cousin, der "Kameramann", denkt anders darüber.
Sonst bedeuten für mich Feiertage vor allem Langeweile. Hier im Dorf fährt kein Bus und die Läden sind geschlossen. Wo soll Nicole also hin? Und dann müsste sie auch noch zu Fuß gehen. Da wäre nur die Dorfkirche, wo sie sich als Heidin nicht so richtig wohl fühlt. Also ist zu hause bleiben und Langeweile schieben angesagt - Obwohl eigentlich mehr als genug zu tun wäre. Wenn man von verwilderten Garten - der bei dem Regenwetter sowieso keine Option darstellt - einmal absieht, wäre da das ganze Gerümpel, das meine Mutter über die Jahrzehnte im Haus gestapelt hat. Eine Folge dessen ist auch Nicoles "Kampfstuhl".
Zur Erklärung für alle, die nicht gedient haben: Um bei plötzlichem Alarm schnell antreten zu können ist es bei der Bundeswehr - zumindest bei der Panzertruppe des Heeres - üblich alle Kleidungsstücke nach einem ganz bestimmten Schema auf einem Stuhl zu platzieren. Das nennt man Alarm- oder Kampfstuhl. In der Grundausbildung wird der immer aufgebaut, später nur bei einer Bereitschaft.
Warum braucht also Nicole einen Kampf- oder Alarmstuhl, obwohl sie doch nicht in den Krieg zieht? - Ganz einfach: Wo soll sie mit ihren Sachen hin, wenn alle Schränke mit Mutters und Nikolaus' Klamotten zu gemüllt sind? Wie vorher schon Nikolaus ist Nicole in ihrem eigenen Haus nicht wirklich zu hause. Die Schränke waren immer unter Mutters Fuchtel, auch die für Nikolaus! - Was machte also Nikolaus: Alles was er anziehen wollte, wühlte er aus dem Chaos heraus, das Mutter in den Schränken immer anrichtete, und verstaute es Reisetaschen oder Kartons, die neben den Werkzeugkisten im Keller untergebracht wurden. Dort waren die Sachen vor Mutters Chaos weitgehend sicher. Jeder Versuch, sich selbst um die Sachen in den Schränken zu kümmern war sinnlos. Mutters Argument: "Wenn ich dir deine Wäsche hin stellen würde, stände sie nach drei Tagen immer noch im Korb herum." - Es wäre wohl auch so gewesen. In einem Korb ist es ähnlich unübersichtlich wie in einem Karton oder einer Tasche. Und das war Nikolaus ja schließlich gewohnt. - Also wozu die Schränke einräumen?
Nun suche ich soziale Kontakte. Dazu gehört auch die neue Selbsthilfegruppe. Das ist mir jetzt wichtig - und nicht Ordnung oder Sauberkeit im Haus. Mich besucht sowieso fast niemand. Für wen soll ich also aufräumen oder putzen? Außerdem macht Dreck definitiv nicht krank. Im Gegenteil. Er stärkt das Immunsystem und verhindert Allergien. Krank werden vom Dreck nur solche Leute, die übertriebene Sauberkeit gewohnt sind. Ein Haus oder eine Wohnung ist nun einmal kein Krankenhaus oder Operationssaal. Dort ist Sauberkeit natürlich erstes Gebot. Also gibt es bei mir beispielsweise einen großen Haufen mit Herren-Unterhosen, der auf die Waschmaschine wartet. Statt aber die Waschmaschine in Betrieb zu setzen, nimmt Nicole bei ihren Einkäufen immer ein paar Damenschlüpfer mit, die sie dann anzieht. Eigentlich wäre es ja egal, was da unter dem Rock ist, aber neue Schlüpfer Kaufen ist bequemer als Wäsche Waschen.
Der mit Aufräumen, Putzen oder Waschen verbundene Frust war schon immer da. Das mit der Langeweile ist aber neu. Nikolaus flüchtete sich immer einfach in seine Hobbys - Basteleien, Modellbau, Computerprogramme Schreiben oder ähnliches - wenn ihn die Mutter immer wieder ermahnte dies oder das zu tun. Nun ermahnt niemand mehr und die ganzen Hobbys sind nicht mehr interessant. Aber statt sich auf den Frust mit den Dingen einzulassen, die üblicherweise zu tun wären, erträgt Nicole lieber die Langeweile. Dabei schreibt sie dann im Forum Beiträge wie diesen hier. Sie ist offensichtlich von ihrer weit entfernten Galaxie im Hier und Jetzt noch nicht wirklich angekommen. Im Haus von Nikolaus und beim Geist seiner Mutter ist sie - die Traumfrau, die Nikolaus liebt - immer noch nur Gast. Und jetzt ist da auch noch Michelle, die lebendig gewordene Gummipuppe, die ebenfalls von Nikolaus geliebt werden möchte.
Wenn ich das alles, was ich eben geschrieben habe, meinem Psychiater erzähle, kommt der wahrscheinlich zu folgender Diagnose:
zweifache Schizophrenie und Aufräum-, Putz- und Waschphobie. Dazu vielleicht noch Paranoia (die Angst vor einem leeren und aufgeräumten Haus). Oder er würde das abwechselnde Nichtstun zu hause und die intensive Aktivität außerhalb als bipolare Störung (manisch-depressiv) ansehen. Aber das ist bestimmt wieder alles nur Kopfkino. Jedenfalls hat er mir noch keine Pillen - die man ja üblicherweise verschreibt, wenn solche Diagnosen vorliegen - angeboten. Was die Pillen angeht, bin ich froh. Aus Erfahrungen in meinem Bekanntenkreis weiß ich, dass die vor allem nur starke Nebenwirkungen haben. Und sie helfen in der Regel nicht den Betroffenen, sondern nur denen, die deren extreme Gefühlsausbrüche ertragen müssen - gewissermaßen wie eine chemische Zwangsjacke. Der Betroffene fühlt sich dabei - ähnlich wie mit Alkohol - nur eingenebelt und außerdem noch fremdgesteuert.
Die Sache mit der Ordnung, die bei mir jeder vermisst, nur ich nicht, ist schwierig. Offensichtlich versteht außer mir niemand mein Problem. Wenn ich irgend ein Teil gebraucht habe und an dieser Stelle fallen lasse, kann ich mich an die Tätigkeit mit diesem Teil und damit auch an den Ort des Fallen Lassens erinnern. Räume ich das Teil aber geordnet weg, löscht mein Unterbewusstsein sofort aus meinem Gedächtnis, wo ich das Teil hin geräumt habe. Ich habe aus dem Chaos meiner Mutter gelernt:
wer Ordnung hält, muss suchen. Und danach handelt mein Unterbewusstsein konsequent. Bei dem Kampfstuhl brauche ich nur daran zu denken, wann ich das gesuchte Teil gekauft oder zum letzten mal an hatte. Daraus ergibt sich ziemlich genau die Schicht auf dem Stuhl, in der ich nachsehen muss, und ich werde schnell fündig. Für einen ordnungsliebenden Menschen mag das unmöglich erscheinen, aber so ist es.
Wie soll ich es mit Nicoles Sachen jetzt einrichten? In meiner Wohnung in Essen, die ich hatte, als ich als Ingenieur arbeitete, hingen in den Schränken vor allem Frauenkleider und ein paar Jacken und Mäntel. Die Frauenkleider trug ich nur selten und sie wurden daher nicht gewaschen. Die Männersachen, die ich immer anzog, waren in den Wäschekörben, in die ich sie beim Abnehmen von der Leine geworfen hatte. Die schmutzigen Sachen gelangten - nach weiß, bunt und Waschtemperatur sortiert - ebenfalls in Körbe oder Kartons. Vielleicht sollte ich es mit Nicoles Sachen jetzt auch so machen. Irgendwann müssen die ja auch mal gewaschen werden. Zur Zeit kauft Nicole lieber neue Sachen. Irgendwie muss ich Mutters Geist aus dem Haus jagen. Und was mache ich mit Michelle, deren Gummihaut an einem Kleiderbügel an der Tür zum Schlafzimmer hängt?
Warten wir es also ab, wie lange es dauern wird, bis Nicole in ihrem eigenen Haus zu hause sein wird. Und wird sie dann Michelle hinaus werfen? Das hängt sicher auch davon ab, wie lange der Nikolaus in mir seine lebende Sex-Gummipuppe noch braucht. - So, und jetzt Schluss mit Frust und Langeweile.
Eure Nicole