Teil 8
Kostümparty in der Schule
Der Freitag vor dem Rosenmontag war da.
Am Vortag hatten wir nach der Schule alles vorbereitet, das Frühstück und die Party konnten steigen.
Lauras Mutter brachte ihre Tochter zu uns nach Hause, wo wir uns für die Schule zu Recht machten. Sie anerbot sich auch, uns zur Schule zu fahren, mit dem Hintergedanken mich einmal als Mädchen zu sehen. Den Gefallen konnte ich ihr machen.
"Vergiss die Marmelade nicht!", rief mir Mom zu.
"Die habe ich schon eingepackt."
Im Treppenhaus begegneten wir einer unserer Nachbarinnen, die etwas entgeistert stehen blieb und uns nachschaute. Es war mir in diesem Moment völlig egal, denn auch auf dem Weg zum Auto liefen uns ein paar mir bekannte Gesichter vorbei. Niemand sagte aber etwas, man lächelte sich höflich an.
In der Schule angekommen stiegen wir aus, gingen über den Schulhof. Und da wir die einzige Klasse waren, die eine Kostümparty veranstaltete, waren wir schon der Hingucker für alle anderen. Ich war mir aber nicht sicher, ob mich auch alle wirklich erkannt hatten.
Wir waren fast die letzten, die im Klassenzimmer eintrafen. Was für ein Aufruhr! Anerkennde Zurufe. Aber auch ein paar Sprüche musste ich einstecken. War mir aber völlig egal. Herr Lehmann kam auf uns zu und meinte: "Daniel? Dich hätte ich auf der Strasse nicht erkannt. Du siehst grandios aus." Das tat gut. Die Sprücheklopfer, die das auch gehört hatten, verstummten.
Zwei Hexen, zwei Piraten, ein Cowboy und ein Indianer, eine Prinzessin, ein Vampir, zwei Schlumpfinen, ein Eisbär, Superman, ein Zwerglein, natürlich Laura als Leopardengirl, dann noch Peter, der als Blumenmädchen kam, leider nur ganz wenig geschminkt, trug zudem nur Leggins unter dem Rock und seine Jungsturnschuhe, und einige andere weniger gelungene Figuren mehr gab es zu bestaunen. Aber die meiste Aufmerksamkeit bekam eindeutig ich, vor allem von den Mädchen, die sich fast nicht satt sehen konnten und es nicht glauben konnten, dass da ihr Klassenkamerad Daniel vor ihnen stand.
Das Frühstück schmeckte ausgezeichnet. Ein Junge, dessen Vater eine der beiden Bäckereien im Städtchen führte, hatte super feines und frisches Brot mitgebracht. Nichts blieb übrig. Auch die Marmelade von Mom war im wahrsten Sinne des Wortes leergefressen. Das was von restlichen Sachen doch noch übrig geblieben war, teilten wir nach dem Aufräumen auf. Joghurt, Zucker, Milch, Orangensaft, Cornflakes und anderes mehr fanden ihre Abnehmer. Ich wollte nichts mit nach Hause nehmen, nur die beiden leeren Marmeladengläser. So wie es Mom mir aufgetragen hatte.
Auf in den grossen Singsaal, wo unsere beiden DJs, einer als Gorilla, der andere als Clown kostümiert, bereits Musik abspielten. Nicht so laut wie sie das gerne gehabt hätten, aber doch laut genug, dass man kaum ein Wort miteinander reden konnte. Herr Lehmann musste immer wieder eingreifen und darum bitten, die Musik ein wenig leiser zu stellen.
Wir tanzten, machten Tanzspiele und vergnügten uns. Zum Tanzen wurde ich "šnur"˜ von Mädchen aufgefordert, die Jungs schämten sich wohl und dachten, dass sie dann als schwul abgestempelt würden. Ich hatte mit den Mädchen viel Spass, aber natürlich besonders mit Laura.
Wie es kommen musste, hatte ich urplötzlich den Drang auf Toilette zu müssen.
"Laura, kommst du mit, ich muss auf Toilette" sagte ich mit breitem Grinsen, weil ich mich häufig darüber lustig gemacht hatte, dass die Mädchen immer mindestens zu zweit auf Toilette gehen müssen.
"Ja, klar, ich muss auch mal."
Instinktiv steuerte ich auf das Jungs-WC hin. Dort standen drei Jungs aus oberen Klassen, die nur meinten: "Das ist eine Jungen-Toilette! Verpiss dich!" Sie hatten mich offenbar nicht erkannt.
"Komm mit!", sagte Laura und zog mich ins Mädchen-WC, wo ich eine freie Kabine aufsuchte. Da ich zu Hause auch immer im Sitzen pinkeln musste, war es für mich nichts Besonderes. Es dauerte etwas länger ehe ich wieder richtig angezogen war, so dass Laura rief: "Alles in Ordnung?" — "Ja, ja, ich komme gleich."
Wir gingen wieder zurück zur Party, die sich bald dem Ende zuneigte. Es war Zeit für die Maskenprämierung. Herr Lehmann verteilte allen Anwesenden eine Nummer, auch den DJs. Herr Lehmann erklärte das Abstimmungsprozedere. Zu dieser Wahl hatte er auch die Schulleiterin und die anderen Lehrkräfte, die an unserer Klasse unterrichten, eingeladen. Fast alle waren da.
Wir stellten uns im Kreise auf, so dass jede(r) jede(n) sehen konnte. Die Lehrer gingen aussen vorbei. Mehr als einer von ihnen blieb stehen als ich in dessen Blickfeld war. Mehrmals konnte ich ein zustimmendes Nicken ausmachen.
Jeder hatte drei Stimmen, die er oder sie auf den Zettel schreiben und in die bereitgestellte Kartonschachtel werfen musste. Als alle Zettel abgegeben waren, verschwand Herr Lehmann mit einem Kollegen, um das Ganze auszuwerten. In der Zwischenzeit durfte noch ein wenig getanzt werden. Etwas überrascht war ich schon, als der junge Chemielehrer auf mich zukam und fragte: "Darf ich bitten, holdes Fräulein?" Dabei lächelte er mich an. Ich gab ihm natürlich keinen Korb. Die DJs liessen gerade ein langsames Stück laufen, so dass mich der Lehrer ganz eng an sich heranzog, um mit mir zu tanzen. Laura beobachtete uns, schmunzelte und warf mir einen Kussmund zu.
Wenige Minuten später kehrte Herr Lehmann mit dem Ergebnis zurück. Zwei Jungs hatten für die Siegerehrung ein provisorisches Podium errichtet. Herr Lehmann machte es spannend und begann mit Platz 3, den Melissa belegte, die als Hexe gekleidet war.
"Platz 2 geht an die Nummer 17, Anton, den Vampir", verkündete Herr Lehmann anschliessend. Anton hatte sich wirklich super geschminkt. Ihm und auch Melissa hatte auch ich eine meiner Stimmen gegeben. Die dritte Stimme war für Laura, logisch.
"Und nun zu Platz 1. "¦ Platz 1 belegt die Nummer "¦, die auf fast allen Stimmzetteln notiert wurde. Platz 1 geht an die Nummer "¦ "¦ 5, Daniel oder soll ich besser Daniela sagen!" Jubel brauste auf, die DJs spielten "šWe are the Champions"˜. Wie wir drei auf dem Podest standen, trat die Schulleiterin vor, bedankte sich bei allen für die schöne Party und dass sie so reibungslos verlaufen sei. Sie überreichte jedem von uns einen Briefumschlag mit einem Gutschein von der Eisdiele in unserem Städtchen. Als ich später den Umschlag öffnete, sah ich die Zahl 30 aufleuchten. Nicht schlecht, dachte ich, das gibt mehr als ein Eis für mich und Laura.
Ich bedankte mich ganz artig mit einem Knicks bei der Schulleiterin, die mir nochmals ein paar anerkennende Worte für mein Outfit und den Mut dazu entgegenbrachte.
Das Aufräumen war auch schnell erledigt. Herr Lehman verabschiedete sich einzeln von jedem von uns und entliess uns in den Karnevalsurlaub.
Auf dem Schulhof wollte Laura ihre Mutter anrufen, ob sie uns abholen könne. Aber ihr Handy war offenbar ausgeschaltet. Da ich wusste, dass meine Mom auch nicht zu Hause war, blieb uns nichts anderes übrig als den Heimweg zu Fuss anzutreten. Weil Laura ihre Sachen bei mir deponiert hatte, musste sie gezwungenermassen mitkommen.
Während des Fussmarsches kam mir in den Sinn, dass die Verkäuferin vom Schuhladen von mir verlangt hatte, dass ich mich ihr präsentieren sollte, wenn ich als Mädchen mit den Pumps unterwegs war. Und weil das Geschäft am Rosenmontag wahrscheinlich geschlossen sei, sagte ich zu Laura:
"Ich muss noch im Schuhgeschäft vorbeischauen, wo ich die Pumps gekauft habe." Da ich ihr die ganze Geschichte schon einmal erzählt hatte, wusste sie worum es ging.
Es war nur ein kleiner Umweg zum Schuhgeschäft. Dort angekommen, traten wir ein. Ich erblickte die Frau sofort, die mich damals bedient hatte. Sie kam auf uns zu und fragte: "Was darf es sein, die Damen?" Sie erkannte mich nicht.
"Hallo!" "¦ "Sie haben doch von mir verlangt, dass ich nochmals vorbeischauen sollte, um "šHallo"˜ zu sagen, weil Sie mir die Pumps verbilligt verkauft hatten."
Nun dämmerte es ihr, sie schaute auf die Schuhe, erkannte diese und dann auch mich, und:
"Nein, das gibt es ja nicht, dich hätte ich nie und nimmer wiedererkannt. Super siehst du, gratuliere! Wie geht es mit dem Laufen in den Pumps?"
"Kein Problem." Ich ging im eleganten Stil durch den halben Laden, so wie wenn ich immer solche Schuhe getragen hätte.
"Doch, das ist sehr gut wie du das machst."
"Und das Schmusekätzchen da ist deine Freundin?" — "Ja."
Wir wollten uns bereits verabschieden als die Verkäuferin uns bat, noch einen Moment zu warten. Sie verschwand im hinteren Teil des Ladens und kam dann mit einer Schuhschachtel zurück.
"Grösse 38 hast du, oder?" — "Ja."
"Schau, was ich für dich habe. Das ist ein Paar Ballerinas, die ich nicht verkaufen kann, weil sie hier einen kleinen Schaden haben. Ich schenke sie dir."
Ich strahlte über beide Backen und sagte natürlich nicht nein, bedankte mich für das Geschenk. Dann verabschiedeten wir uns, verliessen das Geschäft und gingen zu mir nach Hause.
Bei mir angekommen, zog Laura ihr Leoparden-Kostüm ab, denn sie hatte beim langen Nachhauseweg darunter zu schwitzen begonnen.
"Kann ich bei euch rasch duschen?", fragte sie.
"Ja, klar." Ich ging mit ins Badezimmer, zeigte ihr wo alles ist und gab ihr noch ein frisches Badetuch. Dann verschwand ich in mein Zimmer und probierte die Ballerinas an. Sie sassen wie angegossen. Es war aber auch ein eigenartiges Gefühl nach so langer Zeit in hohen Pumps unterwegs gewesen zu sein, wieder fast flache Schuhe zu tragen.
Laura kam dann vom Badezimmer zurück, die Haare waren trocken geblieben. Sie war aber etwas ratlos, was sie nun anziehen sollte. BH, Top, Slip und Leggins waren durchgeschwitzt. Ich hatte auch nur eine Garnitur an Mädchenwäsche, so dass ich vorschlug, dass wir mal in Moms Sachen nach etwas Passendem suchen könnten.
Laura war einverstanden und folgte mir ins Schlafzimmer meiner Eltern, wo wir in der Wäschekommode nach geeigneten Teilen suchten. Wir fanden sofort einen einigermassen passenden Slip und ein schönes, schwarzes Top, das nurein wenig zu gross war. Bloss einen BH fanden wir keinen in ihrer Grösse. Auch Leggins waren keine da, denn die trug meine Mom nie.
"Aber du könntest eine von meinen FSH anziehen, die schwarze."
"Ok."
Zurück in meinem Zimmer legte Laura das Badetuch beiseite und stand splitternackt vor mir. Ich hatte in meinem Leben noch nie ein Mädchen nackt gesehen. Ich war fasziniert vom Anblick, was auch Laura bemerkte.
"Ich habe kalt" sagte sie, schmiss das Badetuch auf einen Stuhl, ging zu meinem Bett und kuschelte sich unter die Bettdecke.
"Komm, her!", befahl sie. Ich zog mich aus und legte mich neben sie ins Bett, wo wir uns umarmten, gegenseitig streichelten und küssten. Eng umschlungen sind wir dann tatsächlich für eine kurze Zeit eingenickt.
"Nun sind wir doch ein richtiges Paar geworden, nicht?", fragte ich sie nach dem kurzen Nickerchen.
"Ja, und hoffentlich bleiben wir das auch ganz lange."
Wir standen auf und nach einem gegenseitigen Blick auf unsere Körper und einem weiteren Zungenkuss zogen wir uns wieder an, ich wieder einmal als Junge, der aber immer noch geschminkt war. Laura stieg wieder in das Leopardenköstum, das wieder einigermassen trocken war.
Kurze Zeit später kam auch Mom nach Hause und wollte wissen, wie es in der Schule gelaufen sei. Wir erzählten ihr alles, auch die Geschichte vom Schuhladen und dass wir für Laura ein Top und einen Slip von ihr ausgeliehen hatten, aber nicht was in meinem Schlafzimmer abgegangen war.
Mom nickte zustimmend und fragte dann, ob Laura noch zum Abendessen bleiben wolle.
"Nein, ich kann nicht, heute Abend habe ich mit meiner Gardetanztruppe den ersten Auftritt und muss um 18 Uhr beim Reisebus sein, der uns zum Aufführungsort fährt."
"Du bist ein Tanzmariechen?", fragte Mom. Laura erzählte, dass sie schon fünf Jahre in der Gardetanztruppe einer Karnevalsgesellschaft in der Stadt mitmachen würde.
"Aha. Na, dann ruf deine Mutter an, dass ich dich gleich nach Hause bringen werde." Weil es erst kurz nach 16 Uhr war, reichte die Zeit problemlos.
"Mach ich, danke."
Bevor Laura mit Mom wegfuhr eröffnete mir meine Freundin, dass wir uns die nächsten Tag kaum sehen könnten, müsste sie doch mit ihrer Tanzgruppe von Auftritt zu Auftritt eilen. Ich musste es wohl schweren Herzens akzeptieren. Dafür verabschiedeten wir uns gebührend für die "šsehr lange"˜ Zeit in welcher wir uns nicht sehen würden.
Bald einmal kam Dad nach Hause und wir nahmen alle drei gemeinsam das Abendessen ein. Dad erzählte ich von den Ereignissen des Tages. Er beglückwünschte mich zum 1. Rang bei der Maskenprämierung. Mitten im Essen läutete das Telefon, Schwesterchen Julia erkundigte sich wie es gelaufen sei.
Im Bett liess ich den Tag in Gedanken nochmals Revue passieren, um dann glücklich und über beide Ohren verliebt

, aber müde und geschafft, sehr rasch einzuschlafen.
(Fortsetzung folgt, Jessy)