Ich war im Kindergarten. In den frühen 80ern, um die vier Jahre alt. Es war gerade "in", dass die Jungen Ritter spielen. Damit konnte ich aber irgendwie nichts anfangen. Mit anderen "typischen Jungenspielen" dagegen schon, wie Rohre verlegen oder Maschinen bauen (für beides hatten wir Material im Kindergarten). Das war allerdings nicht der Mainstream, die Rohre- und Technikkiste hatten ein Kumpel von mir und ich sozusagen alleine, die anderen spielten alle Ritter.
So ging ich eines Tages zu meiner Oma und sagte ihr, dass ich lieber Prinzessin spielen würde als Ritter. Sie war eine wunderbare Frau, tolerant und weltoffen, für jeden Spaß zu haben. Ihr größtes Glück war, wenn ich glücklich war. Gott hab sie selig.
In ihrem Schrank hatte sie zwei recht kleine Kleider. Es ist mir ein Rätsel, wem aus unserer Familie sie jemals gepasst haben mögen, und zu welchem Anlass man sie hätte tragen können. Ich sehe sie heute noch genau vor mir.
Beide waren ärmellos, das erste cremefarben, mit eingestickten grünen und goldenen kleinen Fäden, mit Innenfutter, hochwertig verarbeitet. Dazu gab es eine passende kleine Bolerojacke im gleichen Style. Oma gab mir das Kleid und die Jacke, ich zog sie an. Das war der Moment, wo ich das Mädchen, das heute Gaby heißt, zum allerersten Mal sah. Es fühlte sich sehr gut an. Würde man diesen Moment als "Stunde null" sehen, dann müsste die Gaby heute also etwa 36 sein...
Das andere Kleid bekam ich ein paar Tage später von ihr, es war dunkelblau, mit Stickereien und Pailletten. Als ich gestern länger darüber nachdachte, wurde mir klar, dass ich ein sehr ähnliches Kleid heute in meiner Größe besitze.
Beide Kleider gingen mir anfangs bis zum Boden (ist bei dem mir heute passenden auch so). Ich trug sie immer wieder mal, wenn ich bei den Großeltern war, und spielte glücklich Prinzessin. Als ich etwa zehn war, waren es für mich noch Minikleider. Schon wenig später passten sie mir nicht mehr.
Omas schwarze Pumps in Größe 38, die ich probieren durfte, hatte ich erst gefunden, als ich schon fast Größe 40 hatte. Es tat nach ein paar Minuten weh sie zu tragen, aber fühlte sich gut an. Sie passten kurze Zeit später auch gar nicht mehr.
In Omas Schublade mit den Tüchern durfte ich immer greifen, bis auf zwei, die sie ganz besonders wertvoll fand. Diese Möglichkeit nutzte ich auch später noch, als die Kleider schon lange nicht mehr passten. Meine Liebe für Tücher habe ich, seit ich überhaupt denken kann... Vielleicht fällt mir eines Tages wieder ein, was da das erste Mal war... Ich weiß es nicht mehr.
Der Rest der Familie fand das ganze nicht so wirklich toll. Opa ("ich hasse diesen typisch weibischen Zug von ihm!") und Mutter mit ihrer auch heute noch existenten Schwarzweiß-Skala ("das ist nicht normal, das ist krank!") sagten das auch laut und deutlich, oft gab es Tränen, Vater sagte in meiner Gegenwart nichts, er ist auch sehr tolerant, bekam das aber auch nie mit, da er tagsüber ja arbeiten war.
Meine Oma war begeisterte Näherin. Sie hatte recht viele Stoff-Abfälle, aus einem Stück hatte sie eines Tages ein drittes Kleidchen für mich genäht aus einem sich sehr seidig anfühlenden bunten Material. Natürlich war es keine echte Seide, denn sonst wäre es ja "zu schade" gewesen und hätte anderweitig verarbeitet werden müssen, und es hätte auch keine Abfälle in dieser Menge gegeben.
Ab 12 Jahren wurde es etwas enger mit Crossdressen, denn die Kleider passten ja nicht mehr, und neu kaufen war für mich unmöglich...
Da begann meine Vorliebe für Leggings. Nach einem endlosen Probiermarathon bei C&A hatte meine Mutter mir eine gekauft, für den Sport und zum Radfahren. Die fand ich toll. Leider bekam ich dazu noch einige andere Sachen gekauft, die rückwirkend betrachtet eher mädchenhaft waren, aber mir gar nicht gefielen "als Junge". Das Feedback der Klassenkameraden war dementsprechend.
Nachdem meine Oma verstorben war, ich war 16, hat mein Opa die genannten drei Kleidchen zerschnitten und entsorgt. Wie alle anderen Sachen von Oma auch.
Was würde ich darum geben, wenn ich sie heute noch hätte. Sie hätten ganz gewiss einen Ehrenplatz in meinem Kleiderschrank, auch wenn ich sie aufgrund der "Abmessungen" nie wieder würde tragen können...
Sorry, jetzt muss ich gerade ein Tränchen abwischen, aber es tat sehr gut, das alles mal aufzuschreiben. Wer bis hier durchgehalten hat: danke fürs Lesen.
Wer erinnert sich denn sonst noch an das "erste Mal", also jetzt bezogen auf die Kleidung?
Liebe Grüsse
Eure Gaby.