Kapitel 60: Dominanz oder Subordination?
Der Ärger, den Valeries verflossener Lover in der letzten Woche angezettelt hatte, kam nach Ericas Anruf beim Frankfurter Taxiverband schnell zu einem vorläufigen Ende. Ihr Ex mit Namen Karl-Heinz hatte in der ihm eigenen hinterhältigen Art Valerie zu mobben versucht, indem er - wie bekannt - ein kompromittierendes Foto von ihr (mit hochgeschobenem Rock) über ein paar dunkle Kanäle in der Firma XXXXler zirkulieren ließ. Valerie, die sich nicht mehr anders zu helfen wusste, bat Erica schließlich um Hilfe.
Um sich die Sache, die leider passiert war, gründlich zu verbitten und den Missetäter an den Kanthaken zu kriegen, hatte Erica noch am gleichen Abend zweimal vergeblich versucht den Sohn des Frankfurter Taxikönigs ans Telefon zu zitieren, beide Male ohne Erfolg. Sie wurde dann etwas ungeduldig und laut:
"... Er möchte mich bitte in Stuttgart zurückrufen, und zwar SOFORT !!..."
Als schließlich nach wenigen Minuten sein Rückruf aus Frankfurt erfolgte, legte sie dann richtig los und sagte dem verdutzten Karl-Heinz am anderen Ende der Leitung dermaßen klar und deutlich Bescheid, dass dieser gleich darauf völlig konsterniert klein beigab und sich noch am Telefon für sein unangemessenes Verhalten bei Valerie entschuldigte.
Valerie bewunderte Erica für diese Fähigkeit, bei Konflikten und gegenüber Außenstehenden auch einmal dominant zu werden und laut aufzutreten, gerade dann wenn es darum ging, für eine richtige Sache einzustehen oder eine Kollegin zu unterstützen, die man unfair angegangen hatte, wie das hier der Fall war. Sie selbst, das war ihr schon lange klar, besaß diese Fähigkeit nicht, denn sie war eher der konfliktscheue Typ und zog sich schnell zurück, wenn ernstere Meinungsverschiedenheiten anstanden, und weil sie Streitereien am liebsten aus dem Weg ging, konnte sie auch darauf verzichten, jemals laut oder grob zu werden, solche Situationen ging sie aus dem Weg, das war ihr ein Gräuel.
Wenn Erica also eine dominante und laute Frau war, deren Wort Gehör in der Firma fand, dann stellte Valerie hier fast das genaue Gegenteil dar. Bestimmt kann man sie feinsinnig und sensibel nennen. Es ist aber schwierig, weitere passende Adjektive für diese Eigenschaft unserer kleinen Freundin zu finden, "subaltern" ist nicht ganz das richtige Wort, und auch nicht das, was die Franzosen "soumis" nennen, also unterwürfig oder "ergeben". Nein, diese begriffe treffen diesen Charakterzug Valeries nicht. Auch "schüchtern" ist nicht ganz das richtige Wort, aber möglicherweise könnte man sie als "konfliktscheu" bezeichnen, das kommt ihrem Wesen doch ziemlich nahe. Valerie suchte eigentlich immer und überall, wenn es möglich war, die harmonische und einvernehmliche Lösung, und nichts verabscheute sie mehr, als laute Meinungsverschiedenheiten im Büro, oder wenn irgendjemand dachte, sich in aller Öffentlichkeit mit ihr herumstreiten zu müssen, solchen Situationen ging sie instinktiv aus dem Weg, wenn das möglich war.
Inwiefern man das bei Erica jetzt als "männliche" und bei Valerie als "typisch weibliche" charakterliche Züge bezeichnen muss, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Jedenfalls wurde Valerie wieder mal klar vor Augen geführt, dass sich Bürointrigen durch die Methode "Erica" schneller und einfacher zu ende bringen lassen als ihre eigene durch die eigenen Methode, nämlich das Umgehen, Vermeiden oder Aussitzen von solchen Problemen, um sie schließlich irgendwann mal zu vergessen.
Etwas später, die Karl-Heinz-Geschichte hatte sie schon beinahe verdrängt, kam das Thema aber wieder hoch, wie man am besten Konflikte im Büro löst. Nach einer ihrer wöchentlichen After-Work-Parties saß sie spät abends noch in ihrer kleinen Dachgeschoßwohnung mit den Freunden Gunnar und Alice zusammen und diskutierte sich den Kopf heiß bei Wein und Häppchen. Gunnar und Alice waren die richtigen Gesprächspartner für dieses knifflige Thema. Irgendwie waren sie alle davon betroffen und deshalb auch nicht verblüfft, als Valerie plötzlich die Frage auf den Tisch packte, ob es das wohl gäbe, den männlichen und den weiblichen Führungsstil im Büro. Und überhaupt: Warum sie, Valerie, immer und überall auf diese kleinen Niggeligkeiten stoßen würde bei den Kollegen, neuerdings aber auch, wenn sie mit Kunden oder Mitarbeitern zusammenarbeitete.
Sie hob ein klein wenig die Stimme, um die ganze Aufmerksamkeit ihrer zwei Freunde zu gewinnen.
"Ich erzähle euch mal etwas, das euch vielleicht interessiert in diesem Zusammenhang. Seit ich im Büro in weiblicher Kleidung auftrete, und auch selbst körperlich immer mehr frauliche Züge annehme, was jeder sehen kann, bekomme ich dort immer mehr auch ein paar Akzeptanzprobleme. Ich meine: Ich habe dort kaum noch Autorität. Das Problem hatte ich früher eigentlich weniger, ich meine, damals als Mann."
Sie blickte Alice an, diese nickte, sagte aber nichts.
"Ich bin jetzt mal offen gemobbt worden im Taxi-Arbeitskreis. Gut, das konnte Erica für mich regeln. Aber mehr und mehr kriege ich auch bei Alltagskontakten in unserem eigenen Bereich immer häufiger diese kleinen Schwierigkeiten. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Abteilungen wie der Werbung oder der Verkaufsförderung, mit denen ich früher jahrelang gut zusammengearbeitet habe, mehr und mehr auf Ablehnung stoße."
"Was ist los"? fragte Alice dazwischen und war offenbar überrascht.
"Ich habe den Eindruck, ich habe neuerdings keine Autorität mehr bei denen. Die kritisieren immer öfter meine Vorlagen, die erledigen ihre Aufgaben nicht mehr so genau wie früher, und ehrlich genau, ich weiß nicht, woran es liegt und wie ich mich da durchsetzen soll bei denen", antwortete Valerie.
Die beiden Freunde waren gleich solidarisch, Valerie freute sich darüber. Trotzdem fanden die Drei nicht gleich eine klare Antwort auf Valeries Problem.
Alice sagte, Valeries Auftreten im Büro und ihr Kleidungsstil als Marketingassistentin sei dezent, korrekt und passend für sie als Führungskraft. Tatsächlich gehörte Valerie ja schon seit Jahren (als Mann und auch jetzt als Frau) zur Ebene der mittleren Führungskräfte, das konnte niemand abstreiten.
"Eines musst du aber schon sehen" sagte Alice und schaute Valerie dabei in die Augen.
"Männer haben eben einen anderen Arbeitsstil und sie führen ihre Mitarbeiter auch anders als Frauen, das ist auch klar".
"Männer zeigen oft einen anderen Arbeitsstil als du ihn zum Beispiel hast. Männer suchen sich überall ihre Kumpel und ihre Verbündeten, Männer machen im Büro immer ihre Sprüche und Witze, Männer sind fordernd, Männer sind konsequent... also ich spreche jetzt natürlich von denen im Büro, die ich kenne, mit denen wir zu tun haben, " setzte Alice noch hinzu.
Valerie war klar, was die Kollegin damit zum Ausdruck bringen wollte. Valerie machte keine Sprüche im Büro, sie riss keine Witze und sie hatte dort auch keine Kumpel. War es das? Gleich kamen ihr aber wieder ihre Zweifel. War das wirklich alles sooo radikal wichtig, ob sie jetzt einen Rock und Nylons im Büro trug oder eine Hose und Socken wie früher? Hatte sie selbst ihren Stil, ihren Auftritt und ihr Verhalten so sehr geändert in den letzten paar Monaten? War sie um so viel weicher und duldsamer geworden, oder forderte sie einfach zu wenig von den anderen, war das ihr Problem? Seit sie vom Äußeren her eine Frau geworden war, hatte sich damit auch ihr Arbeitsstil verweiblicht?
Valerie schwieg, dachte nach. Ja, ihr Charakter hatte sich offenbar wesentlich geändert in den letzten Monaten oder Jahren. Oder möglicherweise war dieser weibliche Charakterzug auch schon immer drin gewesen in ihr, aber sie hatte ihn früher nicht ausleben können in ihrer Männerrolle. Sie ließ neuerdings Gefühle zu. Emotionen wurden nicht mehr sofort weggedrückt, so wie sie das früher als Mann oft gemacht hatte. Dominanz und Coolness schienen jetzt immer weniger angesagt zu sein in ihrer neuen weiblichen Welt, aber auch Subordination war offenbar nicht die angesagte Lösung.
Sie würde einen neuen Stil finden müssen, neue Wege gehen.
Ein besinnlicher Schluss passt doch ganz gut in diese besinnlichen Tage, oder? Valerie macht jetzt mal Pause und meldet sich voraussichtlich erst nach Weihnachten wieder.
Liebe Weihnachtsgrüße, Eure Valerie
