Liebe Tina, passend dazu kann ich von meinen gestrigen Erlebnissen in Bremen erzählen und anderen damit Mut machen. Ich hatte zunächst meine Verlobte mitnehmen wollen. Sie akzeptiert mich als Crossdresser zwar so wie ich bin, aber sie fühlt sich noch nicht bereit mit mir gemeinsam loszuziehen. Früh aufgestanden, die Vorfreude und Aufregung hat mich zeitig aus dem Bett geworfen. Die Nägel lackiert, dezent geschminkt und mein Kleid angezogen. Nach dem gemeinsamen Frühstück fuhr ich los Richtung Bremen und sie zur Arbeit.
Auch auf ihren Wunsch hin trage ich normalerweise keine Perücke, aber es war etwas anderes als Abends oder zu einem Treffen mit Gleichgesinnten zu gehen. Die Perücke gab mir zunächst etwas Sicherheit. Der Weg nach Bremen war nicht weit, so dass ich bereits kurz nach neun Uhr im Parkhaus ankam. Noch die Turnschuhe gegen "Mary Janes" getauscht und gleich um die Ecke zur Touristeninformation. Ich bin freundlich bedient worden; ein anderer Kunde fragte mich noch kurz etwas zu einem Stadtplan. Ganz angenehm, ganz normal eben. Nach einer kleinen Runde über den Marktplatz, die Luft war drückend, zurück zum Auto. Jacke Weg, Perücke weg und weiter ging es. Die Geschäfte machten nach und nach auf und ich erst einmal ins nächste Kaffee nach draußen gesetzt, um den Tag zu genießen. Der junge Kellner kam gerade aus dem Laden, wollte mich gerade bedienen und blieb für eine Sekunde kurz stehen. Man sah richtig die Zahnräder sich im Kopf bewegen, um das zu verarbeiten. Man muss sagen, dass gestern für den Nachmittag ein CSD in Bremen war, die Bremer also ein wenig vorbereitet waren

An dem Vormittag war davon in der Innenstadt weit und breit nichts zu sehen. Meinen Cappuccino bestellt, meinem Schatz ein bisschen über WhatsApp geschrieben und dem Treiben eine halbe Stunde zugesehen. Kurz im Bad den Lippenstift nachziehen und anschließend durch die Einkaufsmeile schlendern.
Von den Passanten wurde ich größtenteils nicht beachtet. Der/die ein oder andere guckte neugierig, also freundlich zurück gelächtet. Manchmal gab es ein Lächeln zurück oder man/sie hat sich wieder um sich selbst gekümmert. Mut möchte ich allen Leserinnen und Lesern machen, da ich kein einziges Mal schlecht behandelt wurde. Es gab zwar drei mal die Situation, dass Mitbürger, bzw. ein Mitbürgerin keinen Anstand hatten und ein "Hey, guck mal..." loswerden mussten. Damit konnte ich erstaunlicherweise gut umgehen. Auf ein "Hallo", meinerseits gab es ein freundliches "Hallo" zurück und man ging wieder seiner Wege. In den Geschäften hatte ich ausschließlich freundliches Personal getroffen, einmal wurde ich zu einer Tasse Tee eingeladen, was ich aber dankend ablehnte. Und so habe ich souverin meine Runde durch die Bremer Altstadt und der bekannte Schnorrviertel gedreht. Noch eine Kleinigkeit für meinen Schatz zu Hause besorgt, kurz den Aufbau der CSD-Meile am Wasser beobachtet und dann ging es gegen Mittag wieder nach Hause. Mein Schatz hatte mir dann doch gefehlt und alleine durch die Stadt zu ziehen macht dann doch nur halb so viel Freude. Heute morgen melden sich meine Füße zurück. Die vier oder fünf Kilometer über Kopfsteinpflaster mit Absatz waren meine Füße dann doch nicht gewohnt.
Kurzum: Nur Mut und raus mit Euch!