nachdem ich mir den ganzen thread durchgelesen habe, meldete ich mich extra hier an, um auch etwas beizutragen. Denn obwohl ich selbst mich - als reiner "Fetisch-CD" und "ewiger Single" - anders als viele andere hier in einer kommoden Position befinde, weil ich gar kein Bedürfnis verspüre, mich auch in der Öffentlichkeit als Frau zu zeigen, macht mich diese Geschichte doch sehr betroffen.
Anna Maria, hast Du schon einmal überlegt, evtl. nicht gleich die Ehe aufzulösen, sondern erst einmal für eine gewisse Zeit "auf Abstand" zu gehen und getrennt zu leben? Das ist natürlich nicht zuletzt eine ökonomische Frage für Euch beide, weil zwei Haushalte zu führen immer teuer ist als einen gemeinsamen. Aber wenn es finanziell machbar wäre, würde ich Dir raten, Dir eine eigene kleine Wohnung zu suchen (sei bloß froh, dass Du nicht in Berlin lebst!
Ich kann einerseits Deine Frau verstehen, dass es ihr schwer fällt, sich mit Deiner neuen sexuellen Identität abzufinden. Wenn plötzlich der (Lebens-)partner vom Mann zur Frau "mutiert", ist das nicht nur ein momentaner Schock (den man ja mit der Zeit überwinden kann), sondern stellt natürlich schon die Basis einer (heterosexuellen) Beziehung radikal in Frage. Manche Menschen können mit so etwas besser umgehen als andere, das muss man akzeptieren.
Andererseits kann es niemals gesund sein, dauerhaft seine sexuelle Identität unterdrücken zu müssen, das muss früher oder später nicht nur die seelische, sondern über somatische Folgewirkungen auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Und eine Beziehung nur um den Preis der Gefährdung des seelischen und körperlichen Wohls aufrecht zu erhalten, kann niemals eine valide Option sein, so schmerzlich auch der Prozess der Trennung für alle Beteiligten sein mag.
Aber es ist ja nun nicht so, dass es eine Bestandsgarantie für irgendeine Ehe gäbe! In D kommen 40 Scheidungen auf 100 Ehen, das ist doch 'ne stattliche Menge, und in den allermeisten Fällen dürfte der Grund dafür nicht in der geschlechtlichen Identität eines Partners liegen, sondern weil man sich schlicht auseinander gelebt hat. Das kann man sogar evolutionsbiologisch erklären, denn die für das Bindungsgefühl verantwortlichen Hormone werden nach einigen Jahren nicht mehr in gleichenm Umfang wie in der Phase der größten Verliebtheit produziert. Letztlich soll - vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet - die Partnerschaft nur so lange andauern, bis der Nachwuchs selbständig ist und nicht mehr auf die Betreuung der Eltern angewiesen ist. Das klingt zwar alles ziemlich unromantisch, aber so ist halt die Natur...
Wichtig wäre aus meiner Sicht vor allem, dass keiner von Euch sich irgendwelche Schuldgefühle einredet! Für seine sexuelle Identität und Orientierung kann niemand etwas, und umgekehrt ist es wie gesagt auch nicht für jede/n zumutbar, mit der "Umorientierung" seines/ihres Partners klar zu kommen! Das ist beides menschlich und es wäre absolut "kontraproduktiv", diese ohnehin schon missliche Situation mit gegenseitigen oder auch Selbst-Vorwürfen zu überfrachten, emotional aufzuladen und dadurch noch schlimmer zu machen! Natürlich soll man Gefühle auch nicht über Gebühr unterdrücken, da sie zur Persönlichkeit gehören - aber es ist ratsam, sich in einer Krisensituation davon nicht übermannen zu lassen, weil eine ausschließlich gefühlsgelenkte Verhaltensweise selten zur Konfliktlösung führt. Das ist ähnlich wie mit der Angst: Sie ist ein guter Selbstschutz, aber sich von ihr lähmen zu lassen kann im Zweifel ungut enden...
Letztlich scheint Deine Transition zur Frau unumkehrbar, so dass sich aus meiner Sicht nur noch die Frage stellt, ob Deine Frau fähig (und willens) ist, die Ehe unter veränderten Rahmenbedingungen (wenn man so sagen kann) fortzuführen, oder ob es auch für sie besser wäre, einen harten, aber sauberen Schnitt in ihrer Biografie vorzunehmen, denn eine Trennung böte ja auch für sie die Chance auf einen Neuanfsang. Und nicht zu vergressen: eine Scheidung ist kein Todesfall, man ist nicht aus der Welt, es gibt nicht wenige Ex-Ehepartner, die nach der Trennung zu einem freundschaftlichen Verhältnis gefunden haben, auch wenn das jetzt etwas trivial anmuten mag. Aber so ein "Cut" hat am Ende auch für beide etwas Befreiendes und ermöglicht, das Verhältnis zum Ex-Partner neu zu definieren und unverkrampfter zu gestalten als zuvor. Und Kinder ab einem gewissen Alter kommen damit in aller Regel auch ganz gut klar, wenn ihnen die Situation "auf Augenhöhe" erklärt wird.
Nun ja - keine(r) hier im Forum kann Dir/Euch die Last, die Ihr beide tragen müsst, abnehmen! Es mag aber etwas helfen zu wissen, dass das Forum eine Plattform zum Gedankenaustausch und sich "von der Seele reden" bietet, aber bestenfalls kann hier "Hilfe zur Selbsthilfe" geleistet werden. Wie gesagt: ich weiß, dass es unendlich viel leichter ist, anderen etwas "vom grünen Tisch" zu empfehlen als es in eigener Person umzusetzen, aber Ihr solltet beide versuchen, die (negativen) Emotionen möglichst außen vor zu lassen und soweit wie es geht "nüchtern" überlegen, welcher Weg für Euch beide der beste ist!
Klar, als Außenstehender hat man immer "gut reden" und kann ohne jede eigene Betroffenheit aus der Ferne kluge Ratschläge geben
Ich kann jetzt nur hoffen, dass es Deiner Therapeutin gelingt, Deine Frau von dieser Einsicht zu überzeugen, auch wenn ich wie gesagt schon nachvollziehen kann, dass es auch für sie alles andere als leicht sein mag, mit dieser unerwarteten und wohl auch "schockierenden" Wende in ihrem Leben zurecht zu kommen - allein, Du bist auf (D)einem Weg, der keine Umkehr ermöglicht, und diese Einsicht ist für alle Betroffenen "alternativlos". Nichts wäre sinnloser und schädlicher, als sich länger dagegen sträuben zu wollen. Es muss jetzt darum gehen, dieses Schicksal eigenverantwortlich zu gestalten und nicht, sich ihm hilflos ausgeliefert zu sehen. Das gilt für Dich wie für Deine Frau gleichermaßen, mMn.
Halte uns bitte auf dem Laufenden, wie es weitergeht!
Alles Gute für heute von mir
Nobbi