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Simone 65 hat geschrieben: So 30. Jul 2017, 02:13
Hallo Lalilaluna. Tanzen , gebe Dich einfach hin . Als mir das , das erste mal passiert , ein Mann möchte mit mir tanzen . Ich habe mich gedreht . Er hat mich geführt . Las es zu . Tanzen ist doch so schön . Liebe Grüße Simone
Genau so halte ich es auch, liebe Simone. Tanzen = Party = Spaß + Lebensfreude. Da sind die Ressentiments auf meiner Seite ziemlich runtergeschraubt. Es gehört trotzdem immer etwas Augenmerk dazu. Manchen Typen sehe ich an, dass sie einen Tanz sehr wahrscheinlich als Einverständnis für Initimitäten auffassen würden. Denen tanze ich ausnahmsweise auch recht schnell davon. Aber sonst ...
Mir steckt noch der allwöchentliche Tanz-Marathon der letzten Nacht in den Knochen (wohlgemerkt
ohne Alkohol, den ich nicht brauche). Die Erlebnisse passen m.E. genau in diesen Thread.
Ich war eine der ersten Ankömmlinge und hatte dadurch einen recht guten Überblick, dass ich von knapp 80 Leuten die einzige Transfrau war. Das ist in den meisten Clubs so, in die ich gehe. Mit dem Einlass hatte ich noch nie Probleme. Transphobe Clubs hab ich zum Glück immer schon im Vorhinein abgecheckt und als solche erkannt, um nicht umsonst hinzufahren. Ich gehe bislang grundsätzlich alleine aus, hab öfter irgendein Date, aber das betrachte ich eher als Nebensache. In erster Linie will ich meinen Gefühlen Ausdruck verleihen - erst recht nach einer frischen emotionalen Enttäuschung - und das kann ich beim Tanzen am besten.
Da das Motto '
bizarr und hedonistisch' lautete, zog ich mein Neckholder-Kleid mit pailettengeschmücktem Halsrund und Rückendekolleté, die obligatorischen ellenbogenlangen schwarzen Handschuhe und halterlose Strapse an. Dazu kam mein schwarzer Kopfschleier mit Seidenrose und Federn (auf dem Foto). Ich nenne das 'Engel der Nacht'. Leider hab ich kein Bild vom Gesamtkunstwerk. Der Aufwand zum Fotografieren vorm Weggehen war mir bislang zu groß (ich mag keine Handy-Schnellschüsse, sondern mache genau inszenierte Fotografien).
Ziemlich hemmungslos eröffnete ich die Tanzfläche. Nicht aus Egomanie, sondern weil ich einfach tanzen will und es nicht mehr aushalte. Es dauert mir zu lange, bis sich andere endlich aufraffen. Außerdem ist es ein herrliches Gefühl, das gesamte Parkett für sich alleine zu haben. Ja ja, zugegeben, es ist schon berauschend, im Augenwinkel zu sehen, von allen genau beobachtet zu werden. Nach zehn Minuten kommen sie dann und es geht ab

Ich bin nun auch schon eine reife Dame, aber die jungen Kerle Mitte zwanzig scheint das nicht zu stören. Gerade sie sind sehr offen, höflich, freundlich. Sie beobachten mich manchmal recht lange, bis sie dann plötzlich vor mir stehen. Wir tanzen ein Stückchen (wer Techno kennt, weiß, dass so ein Stück lang sein kann und viel Puste braucht, will man richtig loslegen), quatschen ein wenig und trennen uns wieder. Berührungen an den Händen und an der Taille sind kein Tabu. Bei mehr wird sehr anständig vorher gefragt: "Darf ich dich anfassen?" Tja, dann kommen zärtliche Streicheleinheiten, Küsse auf Schultern, Arme, Hals und in die Achseln - im blitzenden Laserlicht zu heißen Rhythmen.

Mein narkotisches Parfüm scheint ein Übriges zu tun ... Alles zwangslos, unverbindlich, unaufdringlich. Solche Küsse sind kein Geschlechtsverkehr. Niemand ist bislang auf die Idee gekommen, mich deshalb respektlos zu behandeln.
Ganz anders verhalten sich die Frauen: Egal, ob Mitte zwanzig oder um die vierzig, sie sind sehr schnell auf Tuchfühlung - ohne zu fragen. Küsschen auf die Wange - was sich kein Mann traut - kommen wie aus der Pistole geschossen. Auch die Komplimente sind persönlicher. Nach drei Stunden und dem zweiten Paar Schuhe musste ich erstmalig verschnaufen. Ein amorgleicher Jüngling legte vorsichtig seinen Arm um mich und meinte, dass er begeistert sei von meinem Tanzstil und verstehe, dass ich geschafft wäre. Ich konnte ihn nicht davon abhalten, mir einen (alkoholfreien) Drink auszugeben. Eine Frau, die mit ihrem Partner tanzte, zog mich einfach hoch, küsste mich und sagte: "Du bist wunderschön."

Das gab mir eine Menge Kraft für die nächsten Moves. Auf der einen Seite die Verhaltensweise eines Gentleman, auf der anderen die einer etwas ungezähmte Lady
Bei Männern und Frauen bemerke ich immer wieder, wie neu für sie als CIS-Menschen diese Erfahrung zu sein scheint. Nur wenige hatten jemals Kontakt zu einer Transfrau. Sie sind offenbar fasziniert, fühlen sich stark angezogen und überwinden - falls vorhanden - jegliche Vorurteile. Ich habe das Gefühl, von ihnen als
Mensch gemocht zu werden. Es spielt für sie überhaupt keine Rolle, in welche Schublade sie mich dabei stecken müssten oder könnten. Wie schon oft an anderer Stelle geschrieben, scheint das ohnehin ein Trans*hausgemachtes "Problem" zu sein, das die Leute draußen nicht die Bohne interessiert. Natürlich haben mich alle als
Transfrau wahrgenommen. Nur auf Fotos und bei ganz flüchtigem Vorbeigehen werde ich für eine Bio-Frau gehalten. Das tut mir jedoch überhaupt nicht weh. Ich jage keinem Hirngespinst hinterher, was für mich ohne HET und GAOP einfach nicht erreichbar ist. Jede(r) hat ganz eigene Ansprüche und Voraussetzungen, um irgendwann endlich glücklich sein zu können. Deshalb ist ja Trans* so dermaßen komlex und ungeachtet endloser Versuche niemals vollständig 'kategoriersierbar'. Aber das ist ein anderes Thema.
Eine besondere Bekanntschaft der letzten Nacht war eine Dame, die bei einem Sozialdienst arbeitet und viel mit Trans* zu tun hat. Das passt jetzt auch gut in den nie erlöschenden Thread "Begegnung in der Stadt":
Sie sprach ganz von sich genau das Thema an, das auch hier kontrovers diskutiert wird. Ihrer Ansicht nach hätten leider sehr viele Transpersonen kein Gefühl für das Maß der Dinge. Sie wäre genervt davon, überschminkte und überstylte Leute zu erleben, die dadurch aus der Rolle fielen, jedoch vehement auf die Anerkennung ihrer hervorragenden Angepasstheit pochten. Sie freute sich über mein stilvolles Outfit - genau passend zum Motto und eben doch überhaupt nicht schrill und aufdringlich. Das war ihre subjektive Meinung. Zweifellos mochte es auch andere Ansichten gegeben haben, die mir aber nicht unterkamen, weder direkt noch indirekt.
Die Damen wunderten sich, wie lange ich auf meinen 10cm Heels tanzen konnte. Die meisten trugen flache Schlappen. Mein nächstes Wechsel-Paar hatte dann nur noch 8cm Pfennig, das letzte 5cm Block

Ein Schauspieler kam auf mich zu und meinte dasselbe, weil er nämlich vor kurzem eine Frau spielen musste und ihm noch immer die Füße von den hohen Schuhen schmerzten - der Arme ;-D
Das Highlight waren zweifelsfrei drei brasilianische Tänzerinnnen. Sie führten einen kleinen Event mit bunten Federn und Puscheln

auf und mengten sich ein paar Stunden danach unters Party-People. Ich nahm die letzten Kräfte zusammen und ertanzte mir einen Platz, denn sie waren selbstverständlich heiß begehrt. Auch ihnen war es egal, was ich nun wäre, schon drehte ich mich mit einer dunkelhäutigen Schönheit im Kreis, die in ihrer rhythmischen Anmut einem exotischen Traum entsprungen schien. Dieses Feuer zu spüren war ein hinreißendes Erlebnis für mich. Ich fühle noch immer das seidige Haar, das mir gegen die Wangen peitscht, und ihre samtweiche Haut an meinen Armen.
Ich bin sehr dankbar, diese Erlebnisse haben zu dürfen, weil es nichts Schöneres für mich gibt, so akzeptiert und sogar gemocht zu werden, wie ich bin. Mag ich auch erst mit 45 Jahren meine Identität gefunden haben, so trauere ich den verlorenen Jahrzehnten nicht hinterher, sondern sammle Glücksmomente, an die ich mich erinnern kann, wenn ich die Äugelein für immer schließe.
LG
Tara
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