Ich gebe zu, mit mir vollends genug zu tun zu haben. Misslang mein Résumé nach 100 Tagen Transfrau, glückt es vielleicht heute besser. Mitte März diesen Jahres war ich das erste Mal draußen, mit unmöglichem Haar, schamhaft getarnt durch eine Mütze, wacklig, nervös. Jetzt gehe ich seit Monaten regelmäßig zum Tanzen, auf Partys, reise herum, bin ein Engel der Nacht geworden. Dazu brauche ich keinen Alkohol, denn das Gefühl, ich selbst zu sein, ist berauschend genug. Inzwischen kann ich in High Heels besser tanzen als laufen
Es gab Äußerungen, dass ich niemals als Frau durchgehen würde, auf der einen Seite, und Bussis und Umarmungen auf der anderen. Ablehnung und Sympathie sind meist nicht weit voneinander entfernt, wenn man von vielen Leuten umgeben ist. Ich habe gelernt auszuweichen, zu kontern, auf Menschen zuzugehen und Augenblicke zu genießen. Trans bleibt trans und fällt immer irgendwann auf. Da kann das Passing noch so gut sein oder die virtuelle Freundesschar noch so viele Beteuerungen abgeben. Ich habe immer wieder andere Transfrauen getroffen in der Menge und auch sie wurden ebenso wie ich 'erkannt'. Aber ist das wirklich ein Problem? Mir ging oft durch den Kopf, dass ich gar keine CIS-Frau 'imitieren' will. Ich stehe dazu, transident zu sein, und das in genau der Ausprägung, wie ich mich wohlfühle. Ob das nun mit oder ohne Hormone / GAOP / VÄ / PÄ ist. Mir reicht die arbeitstägliche Maskerade als Mann vollends aus. Mein Motto ist, eine besondere Frau für den besonderen Geschmack zu sein. Nicht jede(r) muss mich lieben. 95% der mir begegnenden offenbar Transphoben gehen mir immerhin aus dem Weg und nur die Minderheit von denen geht zum Angriff über. Unterm Strich finde ich das beruhigend. In einem Club kann ich unterdessen ganz gut das Risikopotential einschätzen, wenn ich mir die Beschäftigten dort und die Gäste anschaue. Nicht die kettenrasselnden, von Kopf bis Fuß tätowierten Muskelmänner sind gefährlich, sondern ganz andere.
Eigentlich könnte ich ziemlich zufrieden sein. Nach wochenlangen Kämpfen mit Lockenwicklern, Bürsten und Schaumfestigern habe ich mir endlich eine für mich akzeptable Frisur zugelegt, um auch ohne Kopfbedeckung komplexfrei auf die Straße gehen zu können. Tara als staatlich ungeprüftes Naturprodukt: ohne Perücke und Silikon, keine Körperpolster und keine HET. Die Tränen bis zu diesem Ziel hab ich nicht gezählt. Meine Diva-Allüren haben oft genug Wickler, Kämme und Schlimmeres durchs Bad fliegen lassen. Jedes Misslingen schnitt Wunden in Herz und Seele. Die Angst, dem eigenen Ideal niemals entsprechen zu können, nahm mir die Luft.
Bei der großen Hitze lernte ich sparsamstes Make-up. Aber auch meine fünfstündigen Tanz-Marathons erfordern schweißsicheres Schminken und bombenfestes Outfit. Heute muss ich lächeln über meinen alten Beitrag 'Taras erster Rock'. Inzwischen liebe ich Kleider und trage sie wonnevoll in der Öffentlichkeit.
Das Arbeiten an meiner Stimme geht besser voran als gedacht. Ich mache Ton- und Videoaufnahmen, um die Fortschritte zu analysieren. Manchmal muss ich aufpassen, wenn ich plötzlich auf Arbeit ein Telefonat etwas zu hoch und feminin moduliere. Endlich so sprechen, wie ich es eigentlich will. Nur leider nicht immer.
Doch jenseits des einleitenden Wortes eigentlich liegt das Trümmerfeld meiner Familie, deren spießbürgerliche Fassade bereits Jahre vor der Trans-Erkenntnis von tiefen Rissen zerfurcht war. Schuf das neue Thema für eine kurze Zeit dermaßen viel Ablenkung, so sind doch danach alle alten Konflikte umso schlimmer zurückgekehrt. Trans-sein nicht als Ursache des Scheiterns, sondern der Stein, der das Fass endgültig überlaufen lässt. Nach der Entscheidung meiner Frau, unserem neunjährigen Sohn niemals von meiner wahren Identität erzählen zu dürfen, hat letztlich zu meinem Alleingang geführt. Das ist keine Schuldzuweisung, denn die Schuldfrage empfinde ich als sekundär. Sie weiß, dass ich raus muss, keine 'Stubentranse' bin und genug darunter leide, mich nicht am Wohnort und Arbeitsplatz outen zu können. Das Versteckspiel währt, bis es herauskommt - ob morgen oder erst in zehn Jahren. Ein Doppelleben ist dazu da, aufgedeckt zu werden. Doch wir sind beide für unser Kind verantwortlich und ich werde niemals einen Alleingang unternehmen. Inzwischen macht jeder von uns sein Ding. Vorher war es auch nicht viel anders.
Die schlimmen Depressionen, unter denen ich 20 Jahre lang litt, weil ich keine Identität hatte, stehen manchmal nachts neben meinem Bett, wenn mein Kopfkissen tränennass ist. Ich habe dann Angst, wieder in das schwarze Loch zu fallen, nur aus anderen Gründen. Drohende Einsamkeit bedeutet Tod für die Seele. Im eigenen Zuhause ist es sogar im Sommer kalt geworden.
Vielleicht habe ich Glück, der Dunkelheit zu entkommen - étoile du marin: Ich bin zum Stern eines Seemanns geworden, muss selbst leuchten, um zu überleben. Ich bin seine Meerjungfrau, unvollkommen, leidenschaftlich. Wie im Märchen darf er mich nicht in der 'wahren' - hier falschen - Gestalt erblicken, weil ich dann für immer auf den Grund des Ozeans zurückkehre. Das bedeutet Liebe für Fortgeschrittene, die Trennungen sind schlimm. Manchmal ist er tagelang auf See, ohne ein Handynetz zu haben. Mitten in der Nacht bekomme ich dann sehnsuchtsvolle Worte, wenn er endlich einen Hafen erreicht hat. Bilder von den Küsten Monacos oder römischer Vororte, Kräne, Container, Barkassen. Er ist jetzt so lange fort - fast acht grausame Wochen müssen wir aushalten. Gerade kennengelernt und schon wieder getrennt. Aber zum Glück gibt es einhergehend mit meiner Weiblichkeit auch etwas anderes Neues in meinem Leben: Hoffnung.