Guten Morgen Claudia, Schrille, Hallo zusammen,
Claudia hat geschrieben: Mo 19. Jun 2017, 09:12 ... . Du sprichst TS-Frauen ab, richtige Frauen zu sein. ...
Das tue ich nicht und das kann ich auch gar nicht. Ich kann nicht sagen, was eine Frau (oder einen Mann) im innersten Kern ausmacht*. Ich kenne auch niemanden, der das allgemeingültig erklären kann. Wie also sollte ich das jemandem absprechen? Wenn selbst die Wissenschaft in zunehmend dichterem Nebel herumstochert**, maße ich mir nicht an, irgendjemanden in eine Schublade zu packen. Bis auf weiteres ist es wohl das Beste, auf die Selbstbestimmung von Menschen zu hören***
Dieser Thread befasst sich allerdings mit der rechtlichen, d.h. auch der gesellschaftlichen, Situation. Die ist nach wie vor so, dass nach der Geburt mit einem kurzen Blick zwischen die Beine des Säuglings, anhand der dort vorhandenen Aussenansicht und auf Basis der vermutlichen Fortpflanzungsfunktion****, ein Geschlecht festgelegt wird und daran Erwartungen an den neuen Menschen gehängt werden. Und zwar obwohl man weiss, dass es dabei zu einer nennenswerten Anzahl an Fehldiagnosen kommt.
Weiterhin nahmen und nehmen Gesetze und andere Regelungen Bezug auf das festgelegte Geschlecht einer Person (übrigens ohne dazu eine Spezifizierung anzugeben), und sortieren Menschen dementsprechend auf der Basis ihrer Fortpflanzungsfunktion, also 'potentiell gebärfähig' oder eben nicht*****. Es sind auch nicht nur Radikalfeministinnen, die die gentialbasierte Zuweisung als Ursache für die Ungleichbehandlung von potentiell gebärfähigen Menschen (die sagen: Frauen) betrachten. Das muss man nicht glauben, das ist aber deren Standpunkt, den man nicht einfach wegwischen darf, wenn man einen konstruktiven Dialog will.
Der Punkt ist also: Wenn man der Ansicht ist, dass es rechtlichen und gesellschaftlichen Reformbedarf gibt (bin ich!), muss man einerseits den rechtlichen Ist-Zustand und andererseits (viel wichtiger!) die in der Gesellschaft vorhandenen Sichtweisen berücksichtigen. Ob man es wahr haben will oder nicht: Sehr viele Menschen benutzen die Fortpflanzungsfunktion immer noch als Grundlage zur Einsortierung von Menschen. Wenn man mit denen reden will (um z.B. Rechtsnormen zu ändern, muss man nunmal mit denen reden), dann muss man auch! von ihrem Standpunkt ausgehen können; sonst wird das nix. 'Frau' darüber zu definieren, dass es
"schwer fällt, sachlich zu bleiben" bringt einen dabei so gar nicht weiter; ganz im Gegenteil. Pawlow hin, von Thun her.
Habt es gut
Marielle
*) Ich kann es jedenfalls nicht, ohne dabei Bezug auf die Fortpflanzungsfunktion zu nehmen oder in die Beschreibung von Stereotypen zu verfallen. Da beides, nach meiner eigenen Erfahrung, keine brauchbaren Definitionsgrundlagen sind, lasse ich einfach die Finger von Definitionsversuchen.
**) Leider nur in Englisch verfügbar, aber samt weiterführender Links sehr zur Lektüre empfohlen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4687544/ und
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25129138/
***) Aber Vorsicht: Eine individuelle Selbstbestimmung darf nicht normativ sein, da sie ansonsten sofort und zwangsläufig die Möglichkeit der Selbstbestimmung anderer Menschen beschränkt. Und das Beharren auf der Normgerechtigkeit der eigenen Selbstbestimmung führt die Kritik an der Norm ad absurdum.
****) Ich rede nicht von Intersexuellen. Deren Problematik ist eine andere, auch wenn es rechtliche und gesellschaftliche Komplexe gibt, in denen Verbindungen bestehen.
*****) Auch wenn es seit Einführung des TSG die rechtliche Möglichkeit gibt, diese Feststellung nachträglich zu korrigieren, und die auf dieses Feststellung Bezug nehmenden Gesetze und Regelungen in Deutschland weitgehend abgeschafft wurden, wirken die zugrundeliegenden Mechanismen weiter.