jetzt habt Ihr noch eine Fühlfrau unter Euch, die vom interessierten Lesen zum Schreiben übergegangen ist. Erstmal das: Ich finde es toll, in welcher Offenheit und Tiefe Ihr Euch hier mitteilt und bei den anderen auf Anklang stoßt.
Kurz zu mir: Ich bin jetzt 45, seit 10 Jahren glücklich verheiratet und teilzeitberufstätig. Seit vielen Jahren fühle ich mich in die weibliche Welt hineingezogen, in doppelter Hinsicht: von den Neigungen her (konnte insoweit mit Jungs oder Männern nie etwas anfangen) genauso wie vom Freundeskreis her, der fast ausschließlich ein FreundINNENkreis ist. Schon als Kind bin ich gerne mal in Mamas Kleider geschlüpft. Später blieb der Stimmbruch aus, was mich keineswegs gestört hat - die Stimme ist nur nachgedunkelt. Meine Hände sind schlank, mein Bartwuchs ist (zum Glück) sehr begrenzt. In meinen Zwanziger-Jahren kam das erste eigene Kleid in den Schrank, Strumpfhosen, Ballerinas, schön geschnittene Pullis, Flatterhosen und mehr. Hab erstmals Gender-Diskussionen in mich aufgesogen, Bücher über Androgynie und Geschlechtsrollenzuschreibungen gelesen. Auf dem Bolzplatz gekickt hab ich damals aber genauso begeistert, freue mich heute an Jogis Jungs und früher wie heute an Eisenbahnen. Aber ebenso an tiefen, gefühligen Gesprächen und den (statistisch) eher "weiblichen" Hobbys wie der klassischen Musik, die ich im Orchester mache, oder den Frisuren und dem Frisieren. War und bin in meinen Lebensumwelten oft das Sensibelchen, das die Dinge (positiv wie negativ) ziemlich an sich heranlässt.
Heute denke ich, dass es für uns alle schön ist, möglichst viele Seiten leben zu können. Und möglichst wenige Eigenschaften oder Verhaltensweisen einem Bio-Geschlecht zuzuordnen. Maschinenbau-Ingenieurinnen gibt es längst, gut so. Umgekehrt: Wenn jemand schöne Beine hat, sollte nicht nur SIE sie zeigen dürfen, sondern auch ER — egal, ob er sich dabei als SIE oder ER fühlt. Nur Beispiele... Brigitte Vetter nennt das in ihrem Buch "Transidentität — ein unordentliches Phänomen" das "Sosein"-Dürfen.
Sicher müssen in der Gesellschaft noch ganz schön viel Klischees ab- und Toleranz für Nicht-Mainstreamer aufgebaut werden. Aber irgendjemand muss damit anfangen, und ich glaube, wir alle hier sind auf dem richtigen Weg. Zu mehr Freiheit - ohne diese zu missbrauchen - und zu weniger hemmenden Grenzen. Und damit letztlich zu "kompletterer" Identität und Individualität. Mein Frauenkleiderschrank füllt sich jedenfalls behutsam immer weiter, mein unaufdringlich geschminktes Gesicht zeige ich gerne auch in der Öffentlichkeit. Leider hatte ich bisher noch nicht den Mut, mich meiner Frau gegenüber zu outen. Ich glaube, dass sie viel konservativer denkt und fühlt als ich - wer will es ihr verdenken. Vielleicht finde ich den Dreh zum Gespräch irgendwann. Glaube aber auch, dass sie ohnehin längst "informiert" ist, weil ich gelegentlich vergesse, Klamotten wegzuräumen, und dass sie meine femininen Seiten mit allem, was dazu gehört, stillschweigend akzeptiert... Das (innere und äußere) Frausein macht mich jedenfalls froh und entspannt, es gehört zu mir. Leggings und Longshirt sind zu Hause oft angesagt — wozu übrigens auch Pumps prima passen. Draußen trage ich meist androgyne Klamotten, gelegentlich auch Anzug, ohne dass es mir unwohl darin wird, je nach Anlass eben. Finde mich übrigens auch in dem faszinierenden Buch "Die Frau in mir" von Christian Seidel wieder, auch wenn er als SIE neben vielen schönen auch heftige Schattenseiten erlebt und das Hin-und-Her-Switchen irgendwann wieder beendet. Vielleicht ein Lesetipp für viele von Euch, falls Ihr`s nicht eh schon kennt. Das Vielerlei in der Anrede oben stammt eigentlich von ihm"¦
Jetzt war es doch arg lang für eine Kurzvorstellung. Ich hoffe, Ihr nehmt mir das nicht übel. Wollte halt zum Einstieg einen halbwegs aussagekräftigen Eindruck vermitteln. Würde mich über Feedbacks und einen Erfahrungsaustausch sehr freuen.
Liebe Grüße,
Fabiane