Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI - # 7

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

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Beitrag von Anne-Mette »

"Nun komm schon!" Fast fielen mir die Kennzeichen aus dem Arm, die ich vorsichtig trug, um die Zulassungs- und TÜV-Siegel nicht zu zerkratzen.
Er "freute" sich wohl schon auf das Gespräch — oder er hatte es eilig.
Ich rechnete damit, er würde "die Karten auf den Tisch legen" und mir noch einmal erklären, wie es mit der Ablage der Magazine laufen sollte. Aber das spielte nur eine Nebenrolle. Er nahm einen Kugelschreiber und malte kurz auf, welche Veränderungen an dem Ford noch vorgenommen werden sollten. So hatte er schon einen Rahmen in Auftrag gegeben, der "das Ei", wie er es nannte, an Ort und Stelle halten sollte.
Außerdem mussten die Fußmatten angepasst werden; denn schließlich sollte alles "wie im Serienmodell" aussehen. Ich fragte ihn, wie sinnvoll solche Aktionen wären, aber er bügelte mich ab: "das lass mal unsere Sorge sein!"
Aha, wieder duzte er mich, sagte aber deutlich "uns". Sicherlich wollte er mich davon überzeugen, dass mehrere, sogar viele (?) hinter dem Projekt standen.
"Die erste Aktion läuft am nächsten Wochenende", sagte er, "nähere Instruktionen bekommst Du hier, wenn Du Freitagabend den Wagen abholst!"
"Ich hole überhaupt nichts ab", antwortete ich frech, "Sie glauben doch nicht, dass ich bei diesem Unsinn, der auch noch gefährlich ist, mitmache(?!)".
Ich lehnte mich zurück und hoffte, ihm würde vor Überraschung — und weil ich ihn überzeugen konnte, die "Kinnlade runterfallen".
Das war leider nicht so.
Er verschwand kurz in einem Nebenraum und kam dann mit einer Fotomappe zurück.
Das erste Bild, das er auf den Tisch legte, zeigte die Demonstration in Brokdorf — eine Übersicht.
brokdorf-1976.jpg
Dann kam er mit dem zweiten Foto, das wesentlich größer war als das erste.
Und es zeigte"¦
"¦ mich!
Während der Demo hatte ich zwar gesehen, dass Leute fotografierten und mich noch darüber geärgert, dass ich keine Billigkamera mitgenommen hatte, um das auch zu tun; aber ich hatte fast nur Leute gesehen, die "wie ich" aussahen, also eher so, wie ich mir TeilnehmerInnen an einer Demonstration vorstellte.
"Offizielle Beobachter" hatte ich in dem Getümmel nicht wahrgenommen.
Allerdings war das Foto, das Braun mir zeigte, nachträglich verändert worden; denn zu meinem größten Entsetzen sah ich in meiner Hand einen Ziegelstein - und die Handhaltung sah genau so aus, als würde ich auf einen der helmbewehrten Polizisten am Zaun zielen.
Schon eine grobe und oberflächliche Betrachtung des "Werkes" zeigte mir, mal ganz abgesehen von meinem WISSEN, dass der Stein nachträglich in das Foto hineinkopiert wurde.
Es stammte sicherlich von einem ganz anderen Film; die Körnung unterschied sich deutlich.
Man hatte mit Blutlaugensalz und einem kleinen Pinsel bei den Übergängen etwas nachgeholfen, dachte ich, aber mir fiel gleich ins Auge, dass das Foto eine Fälschung war.
Wie würde es allerdings auf die Menschen wirken, die unbefangen einen Blick darauf werfen würden?
Das versuchte ich mir vorzustellen. Und was sollte das überhaupt?
"Das können wir noch besser", riss Braun mich aus meinen Gedanken, "das wird noch ein paar Mal umkopiert, dann sieht es noch echter aus!"
"Und dann?" endlich musste meine Frage, die in mir brodelte, nach draußen.
"Ja dann — das hängt von Ihnen ab!"
Er machte eine kurze Pause, "Sie wollen doch einmal in einem pädagogischen Bereich arbeiten?"
"Ja natürlich, wozu sollte ich sonst eine so lange Ausbildung machen?"
"Dann sollten Sie mit uns zusammenarbeiten, sonst wird das nichts!"
Er wurde mit seinen Drohungen präziser, sprach von einem "Radikalenerlass", von einer Beteiligung an einer gewalttätigen Demonstration und von "kriminellen Gruppenhandlungen".
"Solche Leute haben im öffentlichen Dienst oder bei der Kirche nichts zu suchen", setzte er fort, ""¦ und wir haben auch im privaten Arbeitsmarkt so unsere Verbindungen.
Mal ganz nebenbei: Sie sehen doch schon aus wie ein Berufsdemonstrant mit ihrem Parka, den langen Haaren, dem Bart und" — er zögerte - "dem Atomkraftzeichen. Was ist das überhaupt für eine Sprache?".
nej-tak.jpg
Wut stieg in mir auf, doch er machte weiter:
"Sie haben doch so eine nette Freundin, machen Sie nicht alles kaputt!"
Das versetzte mir einen richtigen Schlag.
"Geben Sie sich einen Ruck! Fünf Fahrten mit unseren Lieferungen für die Menschen in der DDR — und alles ist in bester Ordnung!"
Ich war misstrauisch, "Sie hören doch nie auf, erst sagen sie fünf, dann heißt es zehn — und wer weiß, was dann noch kommt!"
"Doch, versprochen, Ehrenwort. Dabei tun sie ein gutes Werk für uns, für sich selbst — und sogar für die Menschen in der Zone".
Auf sein Ehrenwort wollte ich nicht viel geben. Aber ich hatte ja selbst noch die Negative, die ihn belasteten, beim Notar lagen. Vielleicht wäre es an der Zeit, sie einzusetzen.
Wie sollte ich das machen, um Braun endgültig loszuwerden?
"Ich überleg"™s mir", dann stand ich auf.
"Es gibt es nichts zu überlegen, Sie können nur mitmachen und gewinnen — oder nicht mitmachen und verlieren; es gibt kein vielleicht und kein dazwischen.
Also: bis Freitag, gleiche Welle — gleiche Stelle!"
Er lachte und war wohl davon überzeugt, einen besonders guten Witz gemacht zu haben.
"Die Schilder packen Sie mal hier in die Tasche, sonst fallen Sie noch in der U-Bahn auf und werden verhaftet".
Er lachte wieder und gab mir eine große Einkaufstasche aus Stoff.
"Die Schilder brauche ich nicht — und die Tasche auch nicht!"
Doch er steckte die Schilder selbst in die Tasche und übergab sie mir mit den Worten: "Nimm, es ist zu Deinem Besten und Du hast keine andere Möglichkeit!"
"Da bin ich mir nicht so sicher", wollte ich sagen, behielt es aber doch für mich.
Als ich die Treppe hinabstieg, klapperten die Schilder in der Tasche.
Ich ärgerte mich darüber, dass ich so inkonsequent gewesen war.
Oder war meine Entscheidung sogar klug gewesen? Immerhin hatte ich erst einmal bis Freitag Zeit.
Als ich in die Wohnung kam, war Antje nicht da. Ein kleiner Zettel lag auf dem Küchentisch:
"bin unterwegs, Möbel anzugucken. Bis später — Gruß und Kuss"¦".
Es kam mir sogar entgegen, dass sie nicht in der Wohnung war. So konnte ich mich jedenfalls ganz in Ruhe und ausführlich mit dem Brief der Psychologin beschäftigen. Das sollte mich ablenken vom Besuch in Moabit.
Ein frischer Kaffee sorgte erst einmal dafür, mich von dem vorher Erlebten zu lösen. "Ich sollte die Beine des Tisches dringend nachziehen", dachte ich mir; denn ein leichtes Stoßen mit dem Knie setzte ihn gleich so in Schwingung, dass ich fast den Brief nass gemacht hätte mit dem Kaffee.
Ich stellte die Tasse auf die Anrichte und holte gleich einen passenden Schraubenschlüssel.
In fünf Minuten war alles erledigt — und die Beine saßen wieder richtig fest.
Der Kaffee war noch heiß.
Ich stolperte gleich über die erste Frage: "Wie geht es ihnen heute?"
Es waren verschiedene Antworten zum Ankreuzen vorgesehen, ich fand jedoch keine besonders passend und kreuzte "sonstiger Gemütszustand" an, ohne dass ich sofort eine weitere Erklärung in die drei kleinen Zeilen eintragen konnte, die dafür vorgesehen waren.
Der nächste Punkt war keine Frage: "zeichnen Sie eine Sinuskurve und kennzeichnen sie ihren jetzigen gedachten oder gefühlten Stand mit einem Kreuz!"
Auch dazu konnte ich in dem Moment nicht viel sagen oder zeichnen.
Weiter: "Wie haben Sie in der letzten Zeit geschlafen? Hatten Sie Sex? leben Sie in einer Partnerschaft?"¦".
Die meisten Fragen waren für viele Menschen bestimmt leicht zu beantworten; trotzdem fiel es mir sehr schwer. Wie sollte ich dabei vorgehen?
Ich hatte in der letzten Zeit nicht sehr gut geschlafen, aber das lag nicht an dem Thema, um das es in den Fragen ging. Sex hatte ich auch gehabt, aber"¦
Sollte ich ehrlich sein, oder sollte ich die Antworten so gestalten, als hätte ich die ganzen Probleme und Herausforderungen nicht? Was und wer wäre ich ohne meine Probleme?
Ich konnte mich nicht entscheiden, ging erst einmal weiter in der Befragung und hoffte, dass noch einfachere Fragen kommen würden.
Die kamen: "Wie groß sind Sie? Wie schwer sind Sie? Nehmen Sie Medikamente?"
Der Brief hatte einen großen Umfang; aber ich konnte feststellen, dass auf den letzten Seiten keine Fragen waren, sondern dass die Psychologin ein großes Thema "Planung für die nächsten 6 Monate" angefügt hatte.
Das klang durchaus interessant: "ein Wochenende zur Begegnung mit sich selbst und anderen lieben Menschen" wurde versprochen. ("¦dann gehörte ich wohl auch zu den "lieben Menschen?")
Handschriftlich war, offensichtlich für mich, nachgetragen worden: "Zur BH-Frage habe ich zum Treffen Neuigkeiten; denn ich habe gehört, es beschäftigt sich gerade jemand im Rahmen seiner Diplomarbeit mit der Entwicklung einer Silikonbrustprothese!"
Silikon?
War das nicht dieses Zeug, das wir zum Abdichten auf dem Boot verwendet hatten?
Und daraus wollte jemand Prothesen herstellen?
Na, immerhin — zum Treffen, das in einer Pension an der Nordsee stattfinden sollte, würde es Neues geben.
Ich mühte mich mit den Fragen ab, die ich immer noch nicht beantwortet hatte.
Irgendwie brachte ich es dann doch fertig, zu jedem Punkt mein Kreuzchen zu machen oder etwas zu schreiben.
Als ich den Brief zuklebte für die Rücksendung, kam Antje.
"Ich war in der Wilmersdorfer bei Quelle"; begrüßte sie mich, "ich habe dort ein Bett gekauft; das liefern sie nächste Woche!"
Ich freute mich mit ihr.
Erst wollte ich ihr alles über Braun erzählen — und natürlich auch fragen, ob er in ihrer An- und meiner Abwesenheit in der Wohnung war, aber ich wollte ihre gute Laune nicht verderben und so sagte ich leider nur, dass ich "vielleicht" am Samstag eine Kurierfahrt übernehmen müsste, um ein wenig Geld zu verdienen, sonst nichts.
"Ist gut, dann mache ich in der Wohnung weiter — und vielleicht magst Du nachkommen, wenn es noch nicht so spät ist, Du zurück bist", sagte sie dazu.
Ich hatte wohl keine andere Wahl — jedenfalls vorerst nicht. Deshalb machte ich mich am Freitagnachmittag nach der Schule auf den Weg nach Moabit.
Braun hatte schon gewartet und empfing mich mit breitem Grinsen: "habe ich doch gewusst, dass sie vernünftig sind!"
Er zeigte mir den Ford, den sie inzwischen fertig gestellt hatten. Wir befestigten die Nummernschilder, die ich wieder mitgebracht hatte. Er überzeugte sich davon, dass es vorne und hinten die gleichen Schilder waren.
"Papiere?" fragte er. Ich zeigte ihm den KFZ-Schein, den ich dabei hatte.
Er zog einen Quittungsblock aus seiner Jackentasche und forderte mich auf, zu quittieren: "Ford Taunus (als Leihgabe) und 150 Mark erhalten".
Drei Fünfzigmarkscheine waren hinten im Block eingeklemmt. Ich legte den Block auf das Dach, um eine Schreibunterlage zu haben.
"Hier ist die Roadmap", er reichte mir ein A4-Blatt, auf dem ein Parkplatz auf der Strecke Berlin-Helmstedt näher bezeichnet war. Auf der Rückseite befanden sich weitere Angaben zur Ablagestelle.
Er gab mir einige Anweisungen mit auf den Weg und schärfte mir ein: "nicht auffallen!"
Ich sollte auf dem Parkplatz warten, bis sich dort kein anderes Auto aufhalten würde und dann erst "ablegen".
"Hoffentlich dauert das nicht zu lange", dachte ich mir.
"Das Geld ist für Sprit; es ist nicht mehr viel im Tank — und der Rest ist deins; wenn Du sparsam fährst, dann lohnt es sich richtig. Wenn Du zu schnell fährst und bezahlen musst, ist es Dein Verlust.
Du fährst natürlich nach dem Parkplatz durch bis Helmstedt, kannst Dich ein paar Stunden dort aufhalten — und dann geht es anschließend zurück. Wenn Dich einer fragt, was Du da gemacht hast, erzählst Du von einem Bewerbungsgespräch. Hier ist das Schreiben".
Ein Kinderheim lud mich ein und teilte mir mit: ""¦ legen wir den Zeitpunkt für das Bewerbungsgespräch auf das Wochenende, damit Sie als noch in Ausbildung befindlicher Schüler daran teilnehmen können".
Sie hatten an alles gedacht.
"Montagabend gibst Du den Wagen wieder hier ab und berichtest".
Er verabschiedete sich.
Der Motor sprang gleich an. Er hatte Recht, der Tank war fast leer.
Die Hofeinfahrt war relativ eng, aber ich kam ohne Schramme hindurch. Erst wollte ich nachsehen, was sie mir hinten eingeladen hatten, aber dann fiel mir ein "was Du nicht weißt, das macht Dich nicht heiß"; obwohl der Spruch bisher nur sehr selten Gültigkeit bewiesen hatte.
An einer nahegelegenen Tankstelle tankte ich voll, prüfte den Luftdruck und den Ölstand. Alles OK!
Der KFZ-Schein machte keinen verdächtigen Eindruck. Alle Stempel sahen echt aus. Zugelassen war der Wagen auf einen Ömür K.
Den Abend verbrachten Antje und ich zuhause; wir wollten beide ausgeruht sein für den nächsten Tag.
Ich machte mich früh auf den Weg. Die Scheiben waren noch beschlagen, sodass ich erst einmal wischen musste. Über die Avus erreichte ich schnell Dreilinden — und ein warmes Auto.
Bei der Kontrolle war alles in Ordnung; Papiere und Schilder wurden nicht beanstandet. Das hätte auch die allergrößten Probleme gegeben; denn damit musste immer alles stimmen.
Eine Zeit lang konnte ich Radio hören, wobei ich zwischen RIAS und SFB wechselte und manchmal auf AFN. Überzeugend war das Programm an dem Tag bei keinem der Sender, sodass ich mich ärgerte, kein modernes Cassettenradio zu haben. Bald verloren sich die UKW-Wellen gänzlich im Niemandsland; denn sie erreichten mich nicht mehr.
Der Motor brummte zuverlässig und ich hielt mich im Wesentlichen an die Geschwindigkeit, die vorgeschrieben war. Einige Westfahrzeuge überholten mich; die sah ich meistens später wieder; denn es wurde an etlichen Stellen geblitzt und kurz danach kassiert.
Einige schienen allerdings zu wissen, wo sie mit Kontrollen zu rechnen hatten; denn sie fuhren dermaßen schnell, dass es sehr teuer geworden wäre.
Auch ohne die gesetzlichen Auflagen wäre ich wohl nicht viel schneller gefahren; der schlechte Straßenzustand zeigte mir sehr deutlich die Grenzen des Fahrwerkes auf.
Für den Parkplatz, den ich aufsuchen sollte, war eine Kilometerangabe notiert. So war es recht einfach, ihn zu finden. Als ich auf den dunklen Platz zusteuerte, fädelte ein Wartburg sich gerade wieder in den fließenden Verkehr ein.
So war ich allein dort, als ich "mein Geschäft erledigte und ablegte".
Die Laufschiene für den Hebel hatten sie wohl noch einmal frisch gefettet; das merkte ich an meiner Hand und war froh, dass ich Papiertaschentücher dabeihatte, um sie wieder zu säubern.
Ich verschloss die Klappe wieder, indem ich die Hebel zurück nach links bewegte.
Dann fuhr ich zwei Meter vor und guckte kurz unter das Auto. Die Öffnung war wieder verschlossen.
Hinter dem Wagen lag ein Bündel, ich vermutete Zeitschriften, das in Packpapier eingewickelt und mit einem Faden gesichert war. Ich schaute nicht nach, sondern setzte mich ins Auto und fuhr vom Parkplatz. Gerne hätte ich noch einen Kaffee getrunken, den Antje mir extra in einer Thermoskanne mitgegeben hatte, hielt es aber für wichtiger, den Parkplatz zügig zu verlassen.
Fast wäre ich dabei zu zügig gewesen; ein Lastwagen mit Anhänger rauschte schneller heran als ich gedacht hatte. Ich bremste — und er hupte. Gerade noch einmal gut gegangen, Glück gehabt!
Ich wurde ruhiger, obwohl ich immer noch das Gefühl hatte: "irgendetwas muss doch passieren!"
Es passierte allerdings nichts.
Auch wenn ich das Gefühl hatte, man müsste mir ansehen, in welcher Mission ich unterwegs war, machten die Grenzer eher einen gelangweilten Eindruck. "Machen Sie mal das Ohr frei und gucken Sie nach links!
Danke, gute Weiterreise". Das hatte ich auch schon anders und unfreundlicher erlebt.
Ich trieb mich eine Weile in Helmstedt herum, landete schließlich an einem Imbiss und stärkte mich. Überzeugend war das Angebot nicht, hielt aber lange vor; den ganzen Nachmittag konnte ich aufstoßen und hatte immer wieder den Geschmack vom Schnitzel und Pommes im Mund. Ich wühlte in meinen Taschen und suchte einen Bonbon oder Pfefferminz.
Ich fand nur einen Hustenbonbon, den mir eine nichtrauchende Mitschülerin während einer Pädagogikstunde geschenkt hatte — sicherlich als "Wink mit dem Zaunpfahl", nicht so viel in der Klasse zur rauchen.
Noch zögerte ich, diesen Leckerbissen durch Lutschen zu vernichten.
Auch die Rückfahrt verlief ganz ohne Schwierigkeiten. Als ich an der besagten Stelle war, guckte ich über die Gegenspuren hinweg zum Parkplatz und dachte mir "irgendetwas muss doch zu sehen sein!"
Es war aber nichts zu sehen.
Was auch?
Erst am späten Nachmittag "gönnte" ich mir den Hustenbonbon.
Froh war ich, als ich endlich wieder im Sendebereich der berliner Rundfunkanstalten war, ein gutes Zeichen, bald zuhause zu sein!
Ich fuhr erst einmal nicht in die neue Wohnung, sondern in die Schleiermacher.
Küche und Flur standen ziemlich voll. Antje war schon zurück und hatte beim Trödler an der Ecke ein paar Sachen für wenig Geld kaufen können. "So kannst Du Dein Dienstauto nutzen und mir die Sachen eben in die Wohnung fahren", meinte sie.
Ich ließ mich breitschlagen. "Einen günstigen Kleiderschrank kann ich auch noch bekommen!"
Sie freute sich richtig. "Ein ganzer Schrank passt nicht in den Ford", musste ich ihr leider sagen.
Aber der Händler hatte schon angeboten, "wenn"™s nicht auf einen Tag ankommt", zu liefern.
"Dann bezahle aber erst bei Lieferung", gab ich ihr als gut gemeinten Rat.
Wir konnten alles im Ford verstauen — und sie nahm auch schon etwas Wäsche mit. Ihrem Umzug stand nicht mehr viel im Wege, was mich einerseits freute, aber andererseits mit Wehmut erfüllte.
Sie musste meine Gedanken erraten haben; denn sie sagte: "wir sehen uns bestimmt trotzdem öfter!"
Die Sachen waren schnell in die Wohnung gebracht. Sie hatte dort den ganzen Tag gute Arbeit geleistet "man sieht, was es werden soll", ärgerte ich sie.
Der Ford war sparsam gewesen und Strafe hatte ich nicht bezahlen müssen. Weil meine Kasse noch gut gefüllt war, lud ich Antje zum Essen ein.
So bekam ich mit einer gut schmeckenden Pizza den "helmstedter Geschmack" endlich aus dem Körper, den ich unterstützender Weise bei uns in der Wohnung mit zwei Bier ausschwemmte, um völlig sicher zu sein.
"Morgen haben wir beide frei!"
Antje hatte richtig gute Laune, "vielleicht können wir mit Deinem Dienstwagen ins Grüne fahren, ich will so gerne mal nach Moorlake!" Darüber hatte sie mir gerade etwas im TAGESSPIEGEL vorgelesen und ein Bild gezeigt.
"Wenn Du noch einmal "Dienstwagen" sagst, dann wird daraus nichts", scherzte ich, "aber meinetwegen können wir morgen dorthin fahren".
Braun hatte eigentlich eine "Privatnutzung" des Autos nicht ausdrücklich untersagt.
Antje ging vor mir ins Bett.
Ich folgte nach einigen Minuten nach.
Sie nahm meine Hand und führte sie unter ihre Decke. Ich fühlte ihre nackte Haut. Sonst schlief sie fast immer in Nachthemden.
"Komm", flüsterte sie, "ich habe Lust auf Dich".
Die Lust wirkte nach bis zum nächsten Morgen. Dann schlich sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen ein: ihr gegenüber und mir gegenüber. Hatten wir uns ihren Auszug nicht noch schwerer gemacht?
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 92 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Montag nach der Schule brachte ich den Ford zurück. Er hatte uns gute Dienste geleistet, hatten wir doch die Sachen damit transportiert und waren tatsächlich in Moorlake gewesen.
Ich zeigte Antje vorher die Glienicker Brücke, die sie bisher nur aus Filmen kannte. Wir warfen einen Blick nach Ostberlin (soweit er nicht versperrt war) — und wir sahen Angler, die wortwörtlich "im Grenzbereich" angelten.
Es kam recht bald eines der Patrouillenboote vorbei, von denen ich schon einige auf der Spree gesehen hatte. "Sehen fast aus wie Cronet", sagte ich zu Antje, aber sie konnte mit dem Begriff nichts anfangen und meinte nur: "wirken irgendwie bedrohlich!"
Das sollten sie wohl auch und so wurden sie allein schon durch die Farbgebung und die Bewaffnung der Besatzung bestimmt nicht mit Motoryachten verwechselt.
Auf dem Rückweg von Moorlake tankte ich etwas nach; denn ich wollte den Taunus nicht mit leerem Tank abliefern.
Braun erwartete mich wieder in seinem Büro. Es schien seine feste Bleibe zu sein; es war keine Rede mehr von konspirativen Treffen in einem Büro der Verkehrsbetriebe.
Mein Gegenüber machte einen entspannten Eindruck und empfing mich mit den Worten: "gut gemacht, ich wusste doch, dass wir zu einer guten Zusammenarbeit kommen!"
Er wartete einen Moment und fügte dann hinzu: "Einfädeln sollten Sie noch einmal üben — und Vorsicht vor den Lastwagen!"
Woher konnte er das wissen?
"Ein Wagen ist Ihnen gefolgt und hat auch das Paket gleich wieder aufgenommen", setzte er fort, "es war ein Testpaket! Damit sind sie kein Risiko eingegangen, wären höchsten wegen Verunreinigung der Deutschen Demokratischen Republik (er salutierte) verwarnt worden!"
"Und was soll das Ganze?"
Meine Frage beantwortete er sofort: "Wir mussten Ihre Zuverlässigkeit überprüfen. Außerdem werden wir das Verfahren etwas verfeinern. Es muss zu einer direkten Übergabe an einen Mittelsmann in der DDR kommen, der die Erzeugnisse später verteilt. Wenn wir die Magazine einfach ablegen, dann sind die Streuverluste zu hoch; denn wir wissen ja nicht, wer das Paket findet!
Am besten holen Sie den Ford nächsten Montag ab; bis dahin wissen wir mehr. Sie können dann den Wagen die Tage bis zu ihrer nächsten Fahrt bei sich parken — aber nicht klauen lassen".
Er lachte.
Ich konnte mich verabschieden.
Viele Meinungen hatte ich schon über Quelle gehört; aber das Bett wurde pünktlich geliefert — und Antje hatte es sogar erfolgreich geschafft, den Trödler zu überreden, den Kleiderschrank zu bringen. Sie konnte einziehen.
Es war ein komisches Gefühl, als ich sie in ihre Wohnung brachte. "Darf ich den Schlüssel behalten?", fragte sie mich, "Du bekommst auch einen von mir!"
Na klar, das war für mich kein Problem.
Ich hatte mich daran gewöhnt, dass ich in den letzten Wochen in eine Wohnung kam, in der schon jemand auf mich wartete. Nun musste ich mich wieder daran gewöhnen, dass ich mein bisheriges Leben zurückerhalten hatte.
Als ich meine Jacke auf den Haken hängte — die Garderobe war wieder übersichtlich geworden — sah ich in den Spiegel und musste an das Wort "Berufs-Demonstrant" denken. Ja, ein wenig hatte Braun vielleicht Recht; denn für ein politisches Theaterstück wäre ich eine gute Besetzung für den jungen "Fidel Castro" gewesen.
"Alles muss sich ändern", dachte ich — und mir fiel der Refrain eines Kinderliedes ein:
Ja, das alles sind so Sachen, die man wirklich ändern muss. Sei doch helle, auf der Stelle mach doch endlich damit Schluss.
Dann kam meine Schere zum Einsatz — die erst einmal die Vorarbeit für den Rasierer leistete.
Eine ganz andere Person guckte mich an, als ich immer wieder in den Spiegel schaute.
Meine Frisur brachte ich in etwa so in Form, wie es die Freundin meiner Schwester gemacht hatte. So ganz gelang es mir nicht, aber ich war erst einmal zufrieden.
Ich holte meine "Frauensachen" — und zog sie an. Manche mögen es für Spinnerei halten, aber ich fühlte mich ganz anders, als ich mich setzte, die Beine übereinanderschlug und mir bewusst wurde, dass ich einen Rock anhatte.
Mit dem BH war ich nach wie vor sehr unzufrieden; denn das Ausstopfen mit Söckchen sah irgendwie künstlich aus. Ich musste an die Ankündigung der Psychologin denken. Irgendetwas mit Silikon war also in der Entwicklung"¦
Es müsste doch auch etwas geben, das ich gleich umsetzen konnte?
Ich dachte an den Ausspruch eines Mitschülers, der über eine vorbeilaufende Passantin gesagt hatte: "Mensch, guck mal, die hat ja richtige Ballonbrüste!"
Ich fand den Ausspruch peinlich, frech und verletztend, sagte aber nichts, weil er immer gerne "Grundsatzdiskussionen" führte, die sehr lange dauerten — und eigentlich wollte ich los.
Eine Tüte Ballons hatte ich im Hause; wir hatten in der Schule vor einiger Zeit Laternen gebastelt — und jeder hatte sein Material selbst besorgt und später wieder mitgenommen.
Die Ballons wurden aufgeblasen — und dann wurden unter Zugabe von Tapetenkleister einige Schichten Seidenpapier aufgelegt. Manche arbeiteten auch ein paar trockene Blätter ein, die sie vorher im Park gesammelt hatten.
Ballons wären sicherlich als "Brustform" eine geeignete "Notlösung", dachte ich mir und blies zwei dieser Teile auf mittlere Größe auf. Ich entfernte die Söckchen aus dem BH und ersetzte sie durch die Ballons.
Von der Form her war das nicht schlecht. Da ich sie nur zum Teil aufgeblasen hatte, waren sie nicht zu groß. Leider waren sie leicht — zu leicht, eben richtige "Luftbrüste".
Da fielen mir Experimente ein, die wir als Jugendliche gemacht hatten: Kondome so mit Wasser füllen, bis sie platzen. Erstaunlich, zu welcher Größe man sie bringen kann, bevor das Material, zwar nicht mit einem Knall, aber mit einem "Platsch" an die Belastungsgrenze kommt.
Ich nahm die Ballons aus dem BH und füllte zwei weitere mit lauwarmem Wasser.
Vom Gefühl her wirkte das wesentlich echter: etwas Gewicht — und Schwingungen, die ich an "echten Frauen" immer bewunderte.
Leider: sie gluckerten — und so ein Phänomen hatte ich bei den Frauen, die ich bisher kennengelernt hatte, noch nie bemerkt. So ganz tauglich war das mit dem Wasser eben doch nicht. Auch könnten sie platzen — und das würde in der Öffentlichkeit für Peinlichkeiten sorgen.
Ich musste wohl auf die angekündigte Silikon-Lösung warten"¦
In der Schule wurde ich am nächsten Tag sehr unterschiedlich begrüßt. Ich hatte wieder meine normale Kleidung an, trotzdem fragten einige aus meiner Klasse, ob ich mein jüngerer Bruder wäre — oder eher meine Schwester.
Für Nebensächlichkeiten hatten wir eigentlich keine Zeit. Den meisten Bammel hatten wir während unserer Prüfungsvorbereitungen vor der "Fallklausur", sollte doch ein "Fall" unter psychologischen, pädagogischen und rechtlichen Aspekten behandelt werden.
Wir übten das ziemlich ausführlich und ich hatte kaum noch Gedanken für andere Themen übrig.
Wir hofften alle, der Fall "Corinna" würde drankommen; denn den hatten wir am ausführlichsten vorbereitet und geübt.
Abends im Bett dachte ich allerdings an Antje und dass es zeitweilig ganz schön mit gewesen war.
Allerdings fiel mir auch wieder ihre unbegründete Eifersucht ein und dass sie manchmal sehr übellaunig war.
Ob sich das geändert hatte, wo sie doch jetzt eine eigene Wohnung und eine Arbeitsstelle hatte?
Ich wollte mich möglichst bald mit ihr verabreden, um das in Erfahrung zu bringen.
Doch erst einmal kam es nicht dazu.
Wie besprochen fuhr ich zu Braun, um den Ford abzuholen. Er hatte neue Instruktionen für mich. Dieses Mal sollte ich nach Hof fahren — viel weiter als nach Helmstedt. Begeistert war ich nicht, aber es hieß, es wäre besser, nicht immer dieselbe Strecke zu nutzen.
Wieder sollte die "Ablage" auf einem Parkplatz sein, allerdings wäre das eine "Ablage mit Übergabe".
Ich musste zu einem bestimmten Zeitpunkt auf dem Parkplatz sein und kurz (Braun wiederholte: kurz!!!) anhalten. Ein Wartburg würde hinter mir halten. Ich sollte das Paket ablegen und gleich wieder losfahren. Der Wartburg würde kurz vorfahren und das Paket durch eine ähnlich gearbeitete Klappe im Wagenboden aufnehmen. "Das muss praktisch eine Bewegung sein", schärfte er mir ein und wiederholte: "eine". Um das zu unterstreichen, zeigte er mit seinem ganzen Arm erst eine schwungvolle, dann aber eine gemäßigte Bewegung.
Ich erhielt die Nummer des Wartburg und weitere Informationen. So sollte ich mich auf dem Parkplatz nicht nur von DDR- sondern auch von "Westfahrzeugen" fernhalten.
"Die Drüben haben natürlich auch Westfahrzeuge, mit denen sie die Parkplätze und den Verkehr überwachen", sagte er dazu, "die sind kaum von "normalen Westautos" zu unterscheiden, manchmal sehen sie allerdings zu normal aus".
Er lachte, "also vorsichtig, wenn einer einen Wackeldackel auf der Hutablage sitzen - oder eine bestrickte Klorolle dort liegen hat!"
Er gab mir noch mit auf den Weg, die Schilder zu wechseln und unbedingt die richtigen Papiere zu verwenden.
Mit "Du siehst nun ordentlich aus, dann wirst Du bestimmt ein guter und ordentlicher Mitarbeiter" schloss er unsere Unterhaltung. Ich konnte und wollte ihm nicht zustimmen; denn so eine MITArbeit nannte ich eher Erpressung und wollte sie möglichst schnell aufgeben, aber erst waren noch die vier Fahrten zu erledigen.
Bevor ich ging, musste ich noch quittieren; dieses Mal gab es zweihundert Mark.
"Du kannst in Hof übernachten — und falls Du nicht im Auto schlafen willst, kannst Du Dir dort oder in Umgebung eine billige Pension suchen", gab er mir mit auf den Weg.
Zuhause studierte ich das Infoblatt, das ich erhalten hatte. Dieses Mal war die Aufgabe anspruchsvoller. Ich musste nicht nur den genauen Treffpunkt erreichen, sondern auch die Zeit einhalten, um meinen Mittelsmann (gibt es auch Mittelsfrauen?) zu treffen.
Ich dachte noch einmal an das Wort "Berufsdemonstrant", mit dem Braun mich bezeichnet hatte — und in diesem Zusammenhang fiel mir ein, dass ich noch keinen Blick in den neuen SPIEGEL geworfen hatte, der sich auch noch einmal mit der großen Demonstration in Brokdorf beschäftigte.
Schon die Leserbriefe waren sehr emotional und wühlten mich auf, da ich selbst dabei gewesen war; einige der Briefe hätte ich mit unterschreiben können.

Jürgen F. aus Hannover schrieb z.B. Wir können Herrn Stoltenberg aus vollster Seele danken: seit Brokdorf wissen wir, was er und seine Freunde unter "Freiheit statt Sozialismus*" verstehen: Stacheldraht, chemische Keule, abgeworfene Gasbomben und Polizeiknüppel.
*(Anm.: damaliger Wahlslogan der Christdemokraten)
Alfred S., dipl. Chemiker schrieb über eine Gefahr der Langzeitschäden durch den tränenerzeugenden Stoff in "Chemical Mace", das Chloracetophenon (CN). Neben Augenschäden (sogar noch bis 15 Jahre danach) nannte er auch allergische Hautentzündungen und Begünstigung von Krebs.
Auch die redaktionelle Berichterstattung über Brokdorf nahm einen breiten Raum ein, nicht nur durch ein ausführliches Gespräch mit dem damaligen Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein, Gerhard Stoltenberg. Bei vielen Antworten hätte ICH wohl gesagt: "das hat der Herr Ministerpräsident aber jetzt nicht ernst gemeint, oder?"
spiegel-brokdorf-stoltenb.jpg
SPIEGEL: Höhepunkt des Gefechts war der Lufteinsatz von tieffliegenden Hubschraubern, die Gasgranaten gezielt in die Menge und sogar noch auf abziehende Gruppen warfen. Diese Flüge wurden bereits aufgenommen, zunächst ohne Gas, als noch Pastoren ihren Feldgottesdienst und, 2000m von der Baustelle entfernt, die Kraftwerksgegner ihre Kundgebung abhielten.
STOLTENBERG: Man muß unterscheiden zwischen Aufklärungsflügen und dem Einsatz der Hubschrauber für die Unterstützung der bedrängten Polizei, vor allem durch Tränengasabwurf.


Bei dem Artikel "Das Land ist still. Noch" (Wolfgang Biermann und die DDR )
stellte ich mir die Frage, ob dieser Artikel auch durch "uns" in die Deutsche Demokratische Republik geliefert werden würde.
(Ich erschrak: "uns" wollte ich eigentlich weder schreiben noch ausdrücken.)
spiegel-biermann.jpg
Krönender Abschluss des SPIEGELS war für mich "Diese Woche im Fernsehen".
Montag, 22.11.
21.00 Uhr ARD Ein Herz und eine Seele
Endgültig letzte Folge der Ekel-Alfred-Reihe.
Das Desinteresse an dem einstigen TV-Knüller erklärt
WDR-Dramaturg Peter Märthesheimer politisch:
"In einem restaurativ gewordenen Klima wirkt eine
restaurative Figur nicht mehr komisch."
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Post 93 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Schon wieder Wochenende — und ich hatte Antje immer noch nicht gesehen, als ich mich früh auf den Weg machte. Weil ich nicht wusste, wie befahren die Strecke war, wollte ich lieber etwas früher dran sein und dann unterwegs meine Geschwindigkeit so einrichten, dass ich den Ort der Übergabe genau zur richtigen Zeit erreichte.
Freitagabend hatte ich eine Postkarte an Antje in den Nachtbriefkasten geworfen, bei der ich hoffte, sie würde keine falsche Reaktion auslösen. Beim Album "Wish you were here" von Pink Floyd, das ich mir vor ein paar Tagen gekauft hatte, war eine Karte mit gleichnamigem Titel dabei gewesen; eine andere hatte ich nicht zur Hand.
"Muss leider am Wochenende arbeiten" hatte ich geschrieben, wollte ich doch vermeiden, dass sie sich vergeblich auf den Weg zu mir machte.
Vor ein paar Tagen hatten wir telefoniert; von der Telefonzelle vor unserer Schule konnte ich sie auf ihrer Dienststelle anrufen. Auch sie hatte viel zu tun, sollte auch noch an einem innerbetrieblichen Lehrgang teilnehmen.
Sie machte einen etwas bedrückten Eindruck, aber als ich sie fragte, was wäre, sagte sie mir nur: "ich melde mich die nächsten Tage noch einmal, muss jetzt Schluss machen, die Chefin kommt gleich vorbei!"

Wie schnell man sich an das Reisen und an ein Auto gewöhnen kann! Ich betrachtete es fast als "meins", hatte Stullen dabei, Kaffee, sogar an Bonbons gedacht, falls das Essen in Hof auch so schlecht sein sollte — und war guter Dinge.
Ich rechnete mir schon aus, wieviel von dem Geld wohl übrig bleiben würde. Der Taunus war ziemlich sparsam, wenn ich ihn gemäßigt fortbewegte und weder prügelte noch durch die Stadt quälte.
"Fast besser als manche Arbeit, die ich bisher machen musste", fiel mir ein. Ich dachte an den Job, den ich vor ein paar Wochen über die TUSMA hatte: um halb fünf musste ich in Lichtenrade sein, um einen Käselaster zu entladen.
Die "leichte Lagertätigkeit" in einem Baugeschäft war auch nicht viel besser: ein sehr kräftiger Türke stand oben auf einem Lastwagen und warf mir Zementsäcke zu, die ich auffangen und auf eine Karre zum Weitertransport legen sollte.
Schon zur Pause war ich fix und fertig.
Da hatte ich es jetzt besser — und die Bezahlung würde auch nicht schlechter ausfallen. Bequem sitzend konnte ich sogar mit mir selbst eine Diskussion über Moral führen — und ich hatte keinen, der mir widersprechen würde.
War das "in Ordnung", was ich machte? Wem würde es nutzen, wem würde es schaden?
Natürlich war auch ein gewisses Sicherheitsrisiko dabei. Was wäre, wenn sie mich schnappen würden? Sollte ich dann auf meine "Erlebnisse" zurückkommen, die mit den Fahrdiensten für Elli angefangen hatten? Ich zweifelte; aber ich entschloss mich, nicht weiter an "das Schlimmste" zu denken.
Einer Entgegenkommer auf der anderen Autobahnseite blinkte mit der Lichthupe.
Keine Gefahr — den Blitzer hinter der Brücke hatte ich schon vermutet. Außerdem war ich so langsam, als wäre die lahme Geschwindigkeit passend zum "Ruf" des Wagens schon von der Fabrik in Köln so eingebaut worden. Ich winkte kurz hinüber, was der Fahrer mit einem Kopfnicken zur Kenntnis nahm. Da war sie schon die Brücke — und verborgen hinter dem rechten Pfeiler stand der Blitzer. Ich weiß nicht, warum, aber musste an Karl May denken.
An der Zahlstelle standen zahlreiche Westfahrzeuge, deren Fahrer sich bestimmt über den Schnell-Zuschlag ärgerten.
Nach 2 Stunden war es langsam an der Zeit, sich auf die Aktion auf dem Parkplatz einzustellen.
Ich musste noch langsamer fahren, wurde inzwischen sogar von einigen Trabbis überholt.
Das war kein Problem, so lange sie sich nicht direkt vor mich setzten und mir ihre Duftnote "Zweitaktergemisch" in den Wagen bliesen.
Da war er schon, der Parkplatz.
Wie verlassen.
Ich war wenige Minuten zu früh.
Blinker gesetzt, noch einmal Ausschau gehalten.
Kein Polizeiwagen zu sehen.
Langsam über die Basaltsteine gerüttelt.
Wo kam der auf einmal her? Ein senffarbener Wartburg direkt hinter mir.
Ein Zeichen des Erkennens?
Im Rückspiegel und bei einem Kontrollblick auf meinen Zettel sah ich: "Kennzeichen stimmt!"
Schrittgeschwindigkeit; dann rollte der Wagen aus.
Der Wartburg immer noch hinter mir. Ich tippte die Bremse leicht an.
Der Fahrer verstand. Ich hielt an; er auch.
Ich betätigte den Hebel und wartete auf das Geräusch des fallenden Paketes.
Der Fahrer gab ein Zeichen — und ich fuhr langsam los. Als wären wir durch ein Seil verbunden, zog er mit. Doch er stoppte gleich wieder. Ich musste zur Ausfahrt und konnte mich dieses Mal in den fließenden Verkehr einfädeln, ohne dass es "knapp wurde".
Reisegeschwindigkeit; ich konnte etwas schneller fahren; Zeiten musste ich nicht mehr einhalten, aber ich war neugierig auf Hof und freute mich auf einen frischen Kaffee und eine "warme Speise".
Ein Zimmer gab"™s für 15 Mark in einer kleinen Pension in der Nähe des Bahnhofs. Die Wirtin war nicht begeistert: "was, nur eine Nacht?" Schließlich gab sie nach; das Haus machte auch nicht gerade einen überbuchten Eindruck.
Ich wollte mir die Füße vertreten und landete nach einem kurzen Spaziergang in einem netten Lokal.
Es schmeckte — anders als in Helmstedt — ganz ausgezeichnet und ich bezahlte für die Rouladen mit Kartoffeln und Gemüse und zwei Kulmbacher nur 9 Mark 90. Gern legte ich zwei Mark Trinkgeld dazu.
Später, auf meinem Zimmer, studierte ich die Zeitschriften, die für die Gäste auslagen.
Ich musste lachen über die Anzeige über den neuen Ford, aber so schnell würde Braun wohl kein neues Auto anschaffen; denn "meiner" hatte erst 30 000km gelaufen".
ford-anzeige.jpg
Zeitig machte ich mich am nächsten Morgen auf; denn ich wollte nicht in den Stau kommen, der sich Sonntagnachmittag eigentlich immer vor Berlin bildete. Ich hatte Glück und kam gut durch.
"Raus aus den Klamotten", erst einmal duschen! Da ich das Haus nicht mehr verlassen wollte, zog ich einfach einen Rock an und ein Shirt. Auf den BH verzichtete ich; denn ich ärgerte mich immer noch über die fehlende optimale Füllung und Passform.
Das Fernsehprogramm versprach nicht viel. So beschäftigte ich mich mal wieder mit dem Allwellenempfänger. Sehr gut bekam ich den Funkverkehr vom Flughafen Tempelhof mit; denn der war nicht weit entfernt. Stündlich donnerten die großen Maschinen über"™s Haus.
Die Wortwechsel zwischen Piloten und Kontrollturm waren relativ langweilig, aber andererseits fand ich schön, dass niemand in Schwierigkeiten war. Ich fühlte mich ziemlich gut nach der abgeschlossenen Fahrt und dieses Gefühl gönnte ich auch anderen Menschen.
Der Polizeifunk gab auch nicht viel her. Als ich mich endlich entschlossen hatte, eine Platte aufzulegen, suchte ich noch einmal die Frequenzen ab, die gerne für den Betrieb von Wanzen genutzt wurden; aber ich fand nichts. Ich hatte den Transporter auch lange nicht vor dem Haus gesehen.
Montag gab ich den Ford wieder ab. Braun machte einen zufriedenen Eindruck und meinte, wir sollten eine Woche Pause machen und erst dann wieder fahren. Sie wollten erst einmal etwas "überarbeiten" und drucken.
Das war mir ganz recht; denn in der Schule war genug zu tun und für das kommende Wochenende war wieder eine Arbeitsgruppe angekündigt.

Dienstagnachmittag stand Antje auf einmal vor dem Schultor, als wir Schluss hatten. Bisher war das noch nie vorgekommen. "Danke für die Karte", begrüßte sie mich und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Sie sah nicht gut aus. "Ist was?" fragte ich sie, "läuft es nicht auf der Arbeit?"
"Doch, es läuft gut, aber"¦".
Ich merkte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, "Ich habe meine Tage nicht bekommen, ich glaube, ich bin schwanger!"
Ich nahm sie in den Arm, "aber Du hast doch die Pille genommen?!"
"Zuerst ja, aber als es oft nicht so gut mit uns lief und wir kaum noch miteinander geschlafen haben, da habe ich sie wohl öfter vergessen!"
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Anni
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 94 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne - Mette )))(:

... wieder schöne Fortsetzungen der Geschichte (ap)

Was Brockdorf angeht , so haben wir , die wir in der DDR " Westfernsehen " sehen konnten , die chaotischen Umstände mit verfolgt und von " unserem "
Fernsehen immer wieder vorgebetet bekommen , das DA die Atomkraftgegner zumeist radikale , extremistische " Berufsdemonstranten " waren . :?

Bei uns wurde die Atomkraft nicht verteufelt ! , sondern als Errungenschaft des Sozialismus gefeiert und so konnte man uns , fast unbehelligt , auch so den
Einen oder Anderen Meiler unter - jubeln ( Greifswald und Rheinsberg - Stendal ging nie in Betrieb ) .

... hübsches Bild von dir - nun ja , jetzt verstehe ich auch , warum Du so gerne Frank Zappa hörst :P ... aber es gehört eben zur Jugend dazu , Idole
zu haben (gitli)

Das Thema Wolf Biermann war und ist noch heute umstritten :!: ICH mochte ihn nicht - auch wenn er in so Manchem durchaus Recht hatte - aber seine Art
und Weise gingen mir persönlich völlig ab :((a

Ach ja - " Braun's " gab es auch bei uns genug , mit den gleichen subtilen Methoden - ich war Alles in Allem wohl doch zu brav - mich haben sie verschont :mrgreen:

LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
Bianca D.
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 95 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Anni hat geschrieben:Was Brockdorf angeht , so haben wir , die wir in der DDR " Westfernsehen " sehen konnten , die chaotischen Umstände mit verfolgt und von " unserem "
Fernsehen immer wieder vorgebetet bekommen , das DA die Atomkraftgegner zumeist radikale , extremistische " Berufsdemonstranten " waren . :?
Moin,

Brokdorf? Mir war das gar nicht bewußt,daß das schon sooo lange her ist. Und die Sichtweise,daß es sich um Berufs demonstranten handelt,war damals sehr weit verbreitet. Mein Vater nannte die immer Taugenichtse,Gammler oder eben Berufsdemonstranten.Na ja,diese eingeschränkte Sicht auf die Realität hat sich ja bis heute erhalten....

LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 96 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Sie hatte von ihrer Kollegin die Adresse einer Frauenärztin bekommen; bei der wollte sie sich in der nächsten Woche untersuchen lassen, um die Schwangerschaft bestätigen zu lassen — oder eben nicht.
"Kommst Du noch mit zu mir?" Sie lud mich ein auf einen Kaffee. Eigentlich hatte ich noch mit den Prüfungsvorbereitungen zu tun, aber ich sagte zu.
Ziemlich schweigsam waren wir, als wir nebeneinander sitzend mit der U-Bahn zum Fehrbelliner Platz unterwegs waren. Wir hingen beide unseren Gedanken nach — und beschäftigten uns mit der Frage "was wäre, wenn?" Sie hatte meine Hand genommen und drückte sie manchmal ganz fest.
An was sie wohl dachte, wie sie sich wohl fühlte?
Der Wohnung war anzusehen, dass sie immer noch am Einziehen war, aber sie hatte sich schon einige Eckchen geschaffen, die gemütlich waren. Der Tisch war voller Unterlagen, denen ich gleich den dienstlichen Charakter anmerkte. "Es ist eine große Umstellung arbeitsmäßig", sagte sie, schob die Papiere zusammen und anschließend in eine Aktentasche, "ich muss richtig lernen nach Feierabend".
Sie verschwand kurz in der Küche und kam mit zwei gefüllten Kaffeetassen zurück. Da ein Aschenbecher auf dem Tisch stand, wollte ich mir erst einmal eine Zigarette anzünden, um unser anfängliches Schweigen zu überbrücken.
"Besser nicht!" fiel mir ein.
Unser Gespräch begann zaghaft, wir tauschten uns aus über Arbeit und Schule. "Dann hast Du fast so viel zu tun wie ich", lobte sie mich, als ich von gut laufenden Vorbereitungseinheiten erzählte.
Etwas befremdlich fand ich, dass sie nach Braun fragte. Sie musste das in meinem Gesichtsausdruck gelesen haben und lenkte unser Gespräch sofort in eine andere Richtung.
Trotzdem erzählte ich ihr, dass ich noch drei Kurierfahrten abzuleisten hätte — wenn es dabei bleiben würde.
Unser Gespräch nahm eine persönliche Richtung. Sie sprach davon, dass sie gerne ein Kind hätte, aber "es sollte natürlich der passende Vater die Familie komplettieren".
"Natürlich", dachte ich, sagte aber nichts.
"Könntest Du Dir vorstellen, mit mir zusammen zu wohnen und unserem Kind Vater zu sein?" fragte sie mich. Ich konnte nicht gleich antworten, dachte daran, dass für mich immer noch offen war, vielleicht in die Wohngemeinschaft zu ziehen. Auch hatte ich in Erwägung gezogen, mit einer Mitschülerin für einige Zeit in den Entwicklungsdienst zu gehen. Unterlagen hatten wir schon angefordert und wollten uns in den nächsten Tagen zusammensetzen, um über das Projekt zu sprechen. Ich hatte also "mehrere Eisen im Feuer" und wurde mit der Frage "Vater sein" ziemlich kalt erwischt.
Mein Zögern machte sie traurig und Tränen kullerten ihr wieder über die Wangen.
"Warten wir erst einmal ab", sagte ich zu ihr, "noch ist es nicht sicher, dass Du schwanger bist — und wenn — ja, dann"¦".
Ich zögerte noch einmal, ""¦dann werden wir eine Lösung finden!"
"Eine Lösung finden?" Sie wurde richtig wütend, "ich hätte von Dir mehr erwartet als so eine Allerweltsäußerung, denkst Du etwa an Abtreibung? Im Zusammenhang mit einem Kind spricht man doch nicht von einer Lösung!"
"Nein", rief ich schnell und viel lauter als beabsichtigt, "aber ich muss mich doch auch erst mit dem Gedanken "Vatersein" beschäftigen! Noch bis heute Nachmittag habe ich nichts davon geahnt, geschweigen denn gewusst".
Antje wurde etwas ruhiger.
"Natürlich werde ich Dich unterstützen", fügte ich hinzu, "nun warten wir erst einmal den Termin ab — und dann sehen wir weiter. Soll ich mitkommen?"
Sie hatte sich wieder gefasst und sagte: "zum ersten Termin kann ich alleine gehen — und dann schauen wir mal, ob weitere Besuche dort nötig sind".
Wir saßen noch eine ganze Weile zusammen, waren aber nicht gerade gesprächig. Zu viele Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich sah mich in Afrika, sah mich in der Wohngemeinschaft, sah mich mit der Psychologin zusammensitzen — sah mich aber auch Babysachen einkaufen.
"Kinderbett oder Wiege?" fragte ich unvermittelt. Ihre Augen leuchteten: "eine Wiege wäre schön in der ersten Zeit!"
Den Kaffee hatten wir ausgetrunken; eigentlich ein guter Punkt zum Aufbrechen, doch Antje hatte andere Wünsche. "Kannst Du bitte heute Nacht hierbleiben?" fragte sie mich, "ich möchte gerne in Deinem Arm einschlafen.
"Ich habe keine Wechselsachen dabei", wollte ich entgegnen, aber dazu hatte sie schon eine Idee: "Du kannst morgen von mir Unterwäsche und einen Pullover anziehen, wir finden schon etwas Passendes".
Dazu fiel mir kein Gegenargument ein und so blieb ich.
"Ich muss noch ein wenig arbeiten, aber die Sachen habe ich dabei", sagte ich zu ihr.
Nach ein paar Minuten saßen wir beide am Küchentisch, vertieft in unsere Unterlagen.
Es war für mich ungewohnt, dass ich bei ihr schlief — und sie nicht bei mir.
Sie gab mir ein Nachthemd von sich. Das hatte sie in Übergröße gekauft, vermutlich aus Bequemlichkeit, oder etwa, weil sie schon beim Kauf ahnte, dass sie es vielleicht bald ausfüllen könnte?
Sie kam in meinen Arm und sagte leise: "erzähl mir was!"
"Was soll ich Dir erzählen?"
Sie wollte doch wohl hoffentlich nichts von meiner Schule hören; denn mir platzte fast der Kopf von den ganzen Worten und Begriffen, die ich in Vorbereitung auf die Prüfung gelernt hatte. Die sollten nun dort bleiben, wo ich sie einsortiert hatte.
Oder Liebesgeflüster?
"Nein", sagte Antje, "erzähl mir was aus Deiner Kindheit!"
Ich sammelte mich kurz und erzählte dann von unserem kleinen Dorf auf der Insel: "ein wenig war es zuerst wie in Bullerbü", beschrieb ich ihr es, "wir bauten oft Höhlen und spielten Mutter, Vater, Kind - und später war es ein riesiger Abenteuerspielplatz mit Booten, Flößen, Laufgräben und Mopedbahnen".
Ein kleiner Schnarcher zeigte mir, dass sie eingeschlafen war. Ganz sanft löste ich sie aus meiner Umarmung.
Ich schlief nur kurz — und wachte auch in der Nacht immer wieder auf. Beängstigende Träume plagten mich.
Die Heizung war viel zu warm eingestellt. Ich traute mich nicht, aufzustehen, denn dabei hätte ich meine Gastgeberin sicherlich geweckt.
Die Nacht war wenig erholsam und schneller als erhofft bendet — und das laute Klingeln des Ruhla Weckers hatte keine Spur von Romantik, sondern holte uns ohne Widerspruchsmöglichkeit in den Tag. Schon sein lautes Ticken war mir in der Nacht unangenehm aufgefallen.
Wir zogen uns zusammen an. Sie hatte mir wie versprochen etwas zum Anziehen hingelegt.
Kein Problem: Slip und Hemdchen passten. Der Pullover war ziemlich weit ausgeschnitten und gab einen Blick auf den Spitzenbesatz des Hemdchens frei. Sollte ich wirklich so in die Schule gehen?
"Schau mal, hier ist ein flach geschnittener BH", Antje zeigte mir ein weißes Exemplar, das unter dem Hemd jedenfalls farblich nicht auffallen würde. Ihr passte er nur von den Körbchen her; die Unterbrustweite war zu großzügig bemessen.
Sollte ich?
"Na, nu mach schon, wir wollen los", Antje war schon fast fertig.
Eine Probe zeigte, dass sie Recht gehabt hatte, der BH passte wie angegossen. Die Körbchen waren so flach geschnitten, dass sie keine Falten warfen oder beulten, also ideal.
"Schenke ich Dir", sagte Antje mit einem fröhlichen Lachen, "wenn ich wachse, dann kannst Du mir auch einen schenken!"
Für großartige Veränderungen meines Outfits war es auch fast zu spät; ich behielt die Sachen an und zwängte mich in meine Jeans.
Zusammen gingen wir zur U-Bahn und fuhren bis zum Wittenbergplatz. Dort trennten wir uns.
Ich war immer noch aufgeregt in meinen Sachen und dachte: "das sieht man mir doch bestimmt an!"
Natürlich sah das niemand, wie auch - unter meiner Jacke.
Außerdem waren die Mitfahrenden in der U-Bahn mit sich selbst beschäftigt: einige lasen in der BZ, SchülerInnen und StudentInnen schauten eher in ihre Bücher, um vielleicht noch ein paar wichtige Informationen aufzunehmen und zu verinnerlichen.
In der Schule "schauten sie etwas", aber sagten nichts. Ich fühlte mich wohl in meinen Sachen.
Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 97 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Es war deutlich zu bemerken, dass wir uns so langsam auf Weihnachten zubewegten: Berlin zeigte seinen Lichterglanz, in dem sich das Elend der Stadt in einem harten Kontrast zeigte. Vom Kurfürstendamm mit seinen recht teuren Läden und vergnügten Einkaufslustigen Einheimischen und Touristen war es nur "umme Ecke" bis zum Bahnhof Zoo und zur Jebensstraße, wo viele Wohnungslose einen halbwegs geschützten Platz zum Übernachten suchten, was aber bei den herrschenden Temperaturen zu katastrophalen Verhältnissen führte.
Das Wochenende mit der Arbeitsgruppe war ein letztes Aufraffen vor den Weihnachtsferien. Wir kamen auch nicht besonders weit, weil "rein zufällig" mehrere von uns eine Flasche Wein dabeihatten. Auch hatte unsere Gastgeberin mit ihren Kindern Plätzchen gebacken, die immer wieder angeboten wurden. So kamen wir mehr und mehr in Plauderstimmung und es wurde gemütlich; allerdings schafften wir nicht mehr viel.
Dienstag stand Antje wieder vor unserem Schultor. Seit meinem Besuch bei ihr hatten wir nichts voneinander gehört.
Sie lief auf mich zu, als sie mich entdeckte, sprang mit geradezu in die Arme und überrumpelte mich mit zahlreichen Küssen. Meine MitschülerInnen guckten"¦
"Herzlichen Glückwunsch, Du wirst Vater!"
Sie zeigte mir stolz ihren "Mutterpass" und war ganz überschwänglich: "da ist sogar noch Platz für ein weiteres Kind!"
"Normfamilie — Mutter, Vater, zwei Kinder" fiel mir dazu ein.
"Freust Du Dich gar nicht?" Sie machte Falten und guckte prüfend.
Mein halbherziges "doch, doch" räumte ihre Zweifel nicht aus.
"Erst einmal weg von hier", dachte ich.
Antje erzählte mir schon in der U-Bahn — wir hatten uns entschlossen zu mir zu fahren — wie sie sich die nächste Zeit vorstellte. Ich sollte bei ihr einziehen, meine Ausbildung beenden, eine Arbeitsstelle suchen — und mich auf das Kind und das Zusammensein mit ihr freuen.
"Es ist doch auch finanziell besser, wenn wir zusammenwohnen und vielleicht sogar heiraten", führte sie aus, "und Du könntest mich wunderbar unterstützen bei der Geburtsvorbereitung".
Sie blieb über Nacht. Ich war froh, als sie endlich eingeschlafen war und ich noch ein paar Gedanken für mich alleine hatte.
Eine Tour sollte ich noch vor Weihnachten für Braun fahren. Das war mir ganz recht. Die Strecke nach Helmstedt kannte ich ja inzwischen. Ich bekam auch wieder eine Einladung zum Bewerbungsgespräch von ihm. Es war der gleiche Text wie beim letzten Mal, den ich nicht gebraucht hatte.
Allerdings hatten sie das Datum geändert. "Es lohnt nicht, in Helmstedt zu übernachten", meinte er.
Eine "Roadmap" händigte er mir genauso aus wie zweihundert Mark. "Der Rest ist Weihnachtsgeld, aber quittieren musst Du trotzdem!"
Der Ford war schon fertig präpariert — und sogar der Tank war noch halb voll.
Ich freute mich auf die einsamen Stunden auf der Autobahn und machte mich Samstagmorgen auf den Weg.
Die AnhalterInnen, die in mit ihren Pappschildern in Dreilinden standen und sicherlich in die Weihnachtsferien fahren wollten, musste ich stehen lassen. Einige machten obszöne Gesten und dachten sich bestimmt: "So ein Umweltschwein, fährt alleine in seiner großen Karre!"
Das Risiko war mir jedoch zu hoch, jemanden mitzunehmen; denn schließlich sollte unterwegs wieder die Übergabe stattfinden.
Ich ließ es gemütlich angehen, fuhr auch dieses Mal nicht zu schnell. Der Ford honorierte das mit einer erträglichen Geräuschkulisse.
So konnte ich ganz in Ruhe nachdenken. Allerdings konzentrierte ich mich auch auf den Verkehr; denn schließlich wollte ich heil ankommen.
Wie schnell man sich an fast alles gewöhnt: auch dieses Mal klappte die alles reibungslos. Es war wieder derselbe Wartburg, der "das Paket" in Empfang nahm.
In Helmstedt suchte ich mir einen netten Gasthof; ich wollte nicht wieder zum Imbiss fahren, dessen Speise mich letztes Mal so sehr lange an das Essen dort erinnert hatte.
Ich traf es gut und gönnte mir ein richtiges Festmahl. Schön, wenn man auch einmal prassen kann!
Auf der Rückfahrt wollte ich eigentlich anhalten und im Intershop Tabak kaufen, aber ich entschied mich anders. Stattdessen fasste ich Beschlüsse. So ganz schlecht war die Idee sicher nicht, zusammen zu wohnen. Es wäre dabei auch sehr viel einfacher, die Vater-Rolle auszufüllen. Allerdings wollte ich nichts überstürzen, sondern meine Wohnung noch ein paar Monate behalten, auch wenn ich schon bei Antje wohnen sollte. Die Miete war so günstig, dass es keine Eile hatte, das Mietverhältnis zu beenden.
Mir kam eine gute Idee: warum sollte ich nicht mit Antje ein paar Tage auf die Insel fahren? Wir hatten beide frei zwischen Weihnachten und Neujahr — und meine Eltern würden sich bestimmt freuen. Mit etwas Abstand würden sich bestimmt "die Weichen in die Zukunft" am besten stellen lassen.
Mit meinem guten Gefühl wollte ich möglichst schnell wieder zurück sein, um von meiner Idee zu erzählen. Erst einmal musste ich mich allerdings in Geduld üben; denn es gab einen längeren Stau.
So war es früher Abend und schon lange dunkel, als ich den Ford vor dem Haus parkte.
Als ich vor meiner Wohnungstür stand, hatte ich das Gefühl, es würde etwas nicht stimmen. Ich sah durch einen Spalt Licht nach außen scheinen. Ich war mir vollkommen sicher, alle Lampen ausgeschaltet zu haben. Ich blieb einen Moment völlig stille stehen. Vorbei war das gute Gefühl, das mich die letzten Stunden getragen hatte.
Drinnen waren Geräusche zu hören. Ganz vorsichtig führte ich meinen Schlüssel in das Schloss und freute mich, dass ich es so regelmäßig geölt hatte, dass es kaum Geräusche machte.
Ganz vorsichtig bewegte ich den Schlüssel. Es war nicht abgeschlossen, sondern die Tür wurde nur ins Schloss gezogen. Auch das hatte ich beim Verlassen der Wohnung anders gemacht: ich schloss immer "ordentlich" ab.
"Was schleichst Du Dich so in die Wohnung? Du kannst einen ja zu Tode erschrecken, denkst Du überhaupt nicht an das Kind?"
Stimmt — Antje hatte ja noch einen Schlüssel. Sie war in meine Wohnung gefahren und hatte Kaffee gemacht. Ich freute mich darüber, allerdings legte ich mein Gesicht bestimmt in Falten, als sie mir mitteilte, sie hätte sich ein wenig umgesehen, welche Sachen wir in ihrer Wohnung gebrauchen konnten — und welche nicht. Das ging mir ein wenig zu schnell.
Ich kam aber erst einmal mit meiner Idee. Sie freute sich, da sie meine Schwester schon kannte und auch meine Eltern kennenlernen wollte.
Es wurde ein recht netter Abend — und am Sonntag nutzten wir den Ford, um noch einmal nach Moorlake zu fahren.
In Gedanken saß ich schon fast im Zug in die Weihnachtsferien. Meine Eltern hatte ich von der Telefonzelle aus angerufen. Sie waren einverstanden und freuten sich. Im Winter standen die Zimmer ihrer Pension leer und es sollte genug Platz für uns sein, selbst wenn noch jemand zu Besuch kommen würde.
So hielt ich die Rückgabe des Autos für eine reine Routine -Angelegenheit , aber leider erlebte ich wieder einmal ein Beispiel aus der Praxis für den Satz "erstens kommt es anders"¦".
Braun meinte, ich hätte meine Aufgabe gut gelöst, ich sei aber zu anderen Aufgaben berufen. So genau rückte er damit nicht heraus und nannte mir einen Termin im Januar zu einer näheren Besprechung. Ich sollte "aus der Szene" Informationen beschaffen, ließ er "zwischen den Zeilen" durchklingen.
"Keinesfalls!" war meine klare und eindeutige Antwort.
"Das werden wir sehen", war seine kühle Antwort, "aber nun fahren sie erst einmal in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub mit ihrer sich entwickelnden Familie".
Ich muss ziemlich blöd geguckt haben. Woher sollte er das wissen?
Wütend stürmte ich hinaus.
"Gut, dass wir auf die Insel fahren, ich werde den Notar aufsuchen und die Negative holen, damit ich Braun unter Druck setzen und endgültig loswerden kann", fiel mir ein.
Noch einen Vormittag musste ich in die Schule; dann hatte ich endlich frei. Den Abschluss feierten wir ein wenig in der Kneipe. Alle waren guter Stimmung. Selbst die Wirtin hatte gute Laune, gab den einen oder anderen Persiko aus, zu dem wir immer "Perversiko" sagten, da er schon in vielen Fällen zu Kopfschmerzen geführt hatte. "Das letzte Glas war wohl schlecht" war ein beliebter Spruch unter uns Leidenden.
Ein Mitschüler fragte mich, was ich Weihnachten machen würde. Ich erzählte von der geplanten Reise auf die Insel. Umständlich fummelte er etwas in seiner Tasche — und holte schließlich den Extradienst vom Dezember hervor, den er schon bekommen hatte.
"Schau mal", meinte er, "die wollten Atomkraftwerke im Wattenmeer bauen!"
"Das ist ja der Hammer", mehr konnte ich erst einmal nicht dazu sagen; denn so ganz klar waren meine Gedanken nicht mehr.
Er schenkte mir das Heft und ich versprach, mich auf der Insel umzuhören, ob weitere Informationen zu bekommen wären.
extradienst-dezember.jpg
Ich gab ihm einen aus, weil er mir das Heft geschenkt hatte. Die Wirtin kam noch einmal mit Persiko.
Am späten Nachmittag löste sich die "Versammlung" auf. "Gut, dass Antje mich so nicht sieht"; mir fiel gerade ein, dass sie wegen einer Weihnachtsfeier des Bezirksamtes länger bleiben würde. Sicherlich fuhr sie danach in ihre Wohnung.
Ich packte mich zuhause sofort auf"™s Bett und schlief"¦
"¦ bis es am nächsten Vormittag klingelte. Es war Antje. "Ach, Du bist schon auf und angezogen?".
Ich antwortete lieber nicht, aber machte mich ein wenig frisch.
Stimmt — wir hatten uns verabredet, um noch ein paar Sachen einzukaufen und zu packen.
Ich war immer noch nicht so richtig in Form, als wir aufbrachen. Mehr oder weniger schlurfte ich hinter ihr her, bis sie mich schließlich unterhakte und sagte: "ein wenig mehr Begeisterung bitte!"
Wir erledigten alle unsere Einkäufe und kehrten kurz in meine Wohnung zurück. Ich packte meinen Koffer und überzeugte mich, dass sich die Wohnung in einem solchen Zustand befand, in dem ich sie ein paar Tage zurücklassen konnte. Den Rest Milch schütte ich in den Ausguss und spülte nach.
Wir fuhren in Antjes Wohnung. Dort sah es chaotisch aus; denn sie hatte alles, was sie "vielleicht" für die Reise brauchen würde, in allen Räumen verteilt.
Ich merkte, dass ich dort erst einmal überflüssig war und fuhr zum Bahnhof Zoo, um unsere Fahrkarten für den nächsten Tag zu kaufen.
Als ich zurückkam, hatte Antje es tatsächlich geschafft, eine Auswahl zu treffen und einen großen Koffer damit zu füllen; Respekt!
Ihr ging es gut, und wenn sie mir nicht von einer Schwangerschaft erzählt hätte, wäre ich nie darauf gekommen. Auch wenn sie mich ganz stolz aufforderte, ihren Bauch zu fühlen, konnte ich kaum einen Unterschied zu früher feststellen, sagte aber brav "schön fühlt sich das an!"
(und das tat es ja auch)
Zu unserer Bahnfahrt ist nicht viel zu sagen. Wir unterhielten uns und hatten etwas zum Lesen dabei.
Meine Schwester holte uns am Bahnhof ab.
Meine Tante hatte sich auch entschlossen, die Reise auf die Insel anzutreten — und so waren wir an den Feiertagen eine nette Gesellschaft diesich viel zu erzählen hatte. Ich stöhnte nur auf, wenn meine Mutter und meine Tante "von früher" anfingen und von lustigen und weniger lustigen Streichen erzählten, die ich mir ausgedacht haben sollte.
Mir fiel auf, dass Antje sich sehr bemühte, fast überall ihren Senf dazuzugeben, selbst wenn sie vom gerade diskutierten Thema nicht viel Ahnung hatte. "Sie muss bestimmt erst einmal ihren Standort finden", dachte ich, aber irgendwie war es mir unangenehm.
Mein Vater fragte nach der Demonstration in Brokdorf und wie es wirklich gewesen war. Er hatte einige Berichte im Fernsehen gesehen.
Ich konnte ihm nur davon erzählen, was ich erlebt hatte: dass überwiegend friedliche Bürger für ihr Recht und gegen das Atomkraftwerk demonstrierten, allerdings begleitet von einigen Chaoten — und unter der Gewalt, die etliche Polizisten nach dem "Rasenmäherprinzip" an ALLE Demonstranten verteilten durch Gebrauch von Knüppeln und Besprühen mit Tränengas aus Hubschraubern.
"Das wirkte bedrohlich wie eine Kriegshandlung", erzählte ich ihm, "die Hubschrauber sind dermaßen niedrig über die Leute hinweggeflogen, dass viele unwillkürlich den Kopf eingezogen haben".
Wir diskutierten noch eine ganze Weile. Ich musste mehrmals darauf hinweisen, dass es keinesfalls nur "Chaoten" waren, die sich auf dem Deich trafen, sondern auch Landwirte, die Sorgen um ihre Höfe hatten und Familien, die sich ängstigten wegen ihrer Kinder.
"Und die Polizisten haben auch nicht alle den Knüppel gebraucht", fügte ich hinzu.
"Aber Brokdorf ist weit weg!" Er wollte die Diskussion mit diesem Satz beenden.
Da zeigte ich ihm den Artikel im Extradienst.
atomkraft-im-wattenmeer-2.jpg
"Na, ob das stimmt?" fragte er mich. Darauf konnte ich ihm keine Antwort geben, aber ich versprach ihm weitere Informationen zu geben, wenn ich etwas in Erfahrung bringen würde.
Zwischen Weihnachten und Silvester hatte der Notar für "wichtige Angelegenheiten" einen Notdienst eingerichtet. Ich entschied, es wäre wichtig, ihn aufzusuchen.
Er machte einen erstaunten Eindruck, als ich anrief, aber er sagte, ich sollte nachmittags vorbeikommen.
Nicht seine Sekretärin machte auf, sondern er selbst. Er trug einen Jogging-Anzug und bat mich gleich in sein Büro.
Eine offene Dokumentenmappe lag auf den Schreibtisch.
"Was wollen Sie?" fragte er mich.
"Ich möchte die Unterlagen abholen, die hier deponiert sind".
Das konnte er doch eigentlich wissen?
"Die Unterlagen sind nicht mehr hier, Sie haben doch einer Abholung ausdrücklich zugestimmt!"
"Was habe ich?"
Aus der Dokumentenmappe entnahm er ein Schriftstück, dessen Kopf das berliner Wappen zierte.
Er las vor:
"Sind heute erschienen vor dem unterzeichnenden Notar:
Herr G, zur Zeit Schüler
und als Zeuginnen die Rechtsanwalts- und Notargehilfin Karin F. und die Postbeamtin Carola B".
Mir verschlug es die Sprache, aber ungerührt fuhr er fort:
"Herr G erteilt sein unwiderrufliches Einverständnis, die unter der Aufbewahrungsnummer YYYG76 beim Notar S. in W. deponierten Unterlagen, die sich in einem versiegelten Umschlag befinden, durch eine befugte und ausgewiesene Person abzuholen zu lassen".
Neben den Namen sah ich die Unterschriften der beteiligten Personen.
Allerdings war ich nie bei diesem Notar in gewesen — und unterschrieben hatte ich auch nicht.
Ich kannte weder den Notar noch die "Zeuginnen".
"Das gibt"™s doch nicht!" Entfuhr es mir.
"Stimmt etwas nicht?" fragte der Notar.
Ich klärte ihn auf, dass das Schreiben für mich völlig unbekannt war.
"Ich musste die Unterlagen nach den mir vorliegenden Informationen aushändigen", gab er zur Antwort, "ich habe mich nur gewundert, dass einer von der Kanzlei extra auf die Insel gekommen ist, um den Umschlag zu holen!"
Nach einer kurzen Pause fragte er: "ist Ihnen nicht aufgefallen, dass ich Ihnen keine Rechnung geschickt habe? Die wäre doch Anfang Dezember fällig gewesen, wenn die Deponierung im neuen Jahr fortgesetzt werden sollte".
Stimmt — das hatte ich übersehen.
Die Informationen, die ich gerade erhalten hatte, machten meine ganzen Pläne zunichte. Wie sollte ich nun gegen Braun und seine Leute ankommen?
Ziemlich geknickt verabschiedete ich mich.
"Ich hoffe, Sie finden eine Lösung", gab er mir mit auf den Weg.
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Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 98 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Ich war maßlos enttäuscht. Die Gestaltung unserer Ferien trug auch nicht zur Verbesserung meiner Laune bei; denn es wurde irgendwie ziemlich anstrengend. Fast sehnte ich mich wieder nach Berlin, wo ich keine Rolle als "braver Sohn" spielen musste, wo ich mich so geben konnte, wie mir zumute war.
Bei meinen Eltern konnte ich das nicht; ich konnte auch nicht erzählen, was mich so besonders niedermachte. Ich verfiel in meine alte Rolle: ich schwieg zwar nicht vollkommen, aber redete nur das Notwendigste, um die Gedanken, die mich bewegten, nicht allzusehr durch ausführliche Gespräche durcheinanderzubringen.
Sie waren auch sicherlich der Meinung, es müsste mir gut gehen; denn schließlich hatte ich mir alles selbst so ausgesucht, wie es sich ergeben hatte. Schließlich war es mein Entschluss gewesen, nach Berlin zu gehen — und für alles, was ich da erlebt hatte, war ich selbst verantwortlich.

Manchmal lieh ich mir das Auto meiner Schwester und fuhr mit Antje über die Insel, um ihr einige Stellen zu zeigen, die besonders schön oder zeigenswert fand. An einem Tag düsten wir nach List und unternahmen mit der Lindinger-Fähre "Westerland" eine kurze Tour nach Röm. Wir blieben an Bord und fuhren gleich wieder zurück; denn "Havneby im Winter" hatte nur eine stark eingeschränkte Attraktivität. Noch mehr als Sylt wirkte die Ferieninsel Röm im Winter "wie vernagelt" — und auf den Sommer wartend.
Antje gefiel es sehr: auf der einen Seite die Wattlandschaft — und auf der anderen die Dünen, die als "kleine Berge" im letzten Sonnenlicht leuchteten und darauf aufmerksam machten, dass sie Menschen und Häusern Schutz boten vor dem fast immer wehenden Westwind. Im Bord-Kiosk deckten wir uns mit Schokolade, Lakritz und Tabak ein.
die-westerland.jpg
Silvester liefen wie früher Rummelpottläufer durch unser Dorf und sangen in den Häusern, deren Bewohner ihnen aufmachten, Lieder oder sagten Sprüche auf.
Ich musste an frühere Zeiten denken; da war ich selbst noch auf diese Art mit meinen Schwestern oder den anderen Kindern aus dem Dorf unterwegs gewesen und hatte vorgetragen, was Annemarie für mich gedichtet hatte. Am Ende so eines Abends hatten wir immer einen ganzen Sack voller Süßigkeiten, auch ein paar Fünfzigpfennigstücke — und leider auch ein paar "trockene Weihnachtsplätzchen" von den Leuten, die selbst nicht viel hatten — oder geizig waren.
Die Insel hatte ihr Gesicht verändert. Zwar gab es noch viele Stellen mit nahezu unberührter Natur, die gerade auf der rauen Westseite von Wind und Wellen gezeichnet oder sogar gefräst worden war, aber der "Ausverkauf" hatte längst begonnen. Viele neue Häuser waren gebaut worden, die nur als Ferienquartiere dienten.
Hein hatte den Verkauf seines Hauses inzwischen abgeschlossen — und Bauarbeiten des neuen Besitzers waren schon in vollem Gange. Ich wunderte mich: für Einheimischen war es oftmals nicht einmal möglich gewesen, einen Hühnerstall zu bauen; denn es wurden Bauwilligen nicht Steine verkauft, sondern in den Weg gelegt. Da musste die "Einflugschneise" ebenso für eine Verweigerung der Baugenehmigung herhalten wie Auflagen, die einfach nicht zu erfüllen waren.
Silvester saß ich lange mit meiner Schwester zusammen; alle anderen waren schon ins Bett gegangen. Wir hatten den ganzen Abend Bier getrunken und um Mitternacht mit Sekt angestoßen. Wir beide konnten aber noch kein Ende finden. Meine Schwester kam mit einer Flasche Cointreau. Leider merkten wir erst am nächsten Tag, dass wir darauf lieber hätten verzichten sollen.
Meine Schwester hatte sicherlich gespürt, dass mir viele Gedanken durch den Kopf gingen und ich nicht "frei" war. Ich wollte schon ansetzen, ihr alles zu sagen, aber dann beließ ich es bei ganz allgemeinen Floskeln, sprach von den bevorstehenden Prüfungen, von der darauf folgenden Suche einer Arbeitsstelle für das Anerkennungsjahr — und von dem Kind, das Antje und ich erwarteten.
"Wollt ihr heiraten?" fragte sie mich.
"Weiß ich noch nicht", war meine ehrliche Antwort.
Den Neujahrstag erlebten wir etwas verhalten; in Höchstform war keiner von uns.
"Ich würde mich freuen, wenn wir übermorgen fahren!" Ich konnte Antje überreden, wieder zurück nach Berlin zu reisen. Am Vorabend versammelten wir uns alle noch einmal vor dem Fernseher und sahen den ersten Tatort des Jahres: "Das Mädchen am Klavier". Ein paar Tage später konnte ich lesen, dass der Film einen "Marktanteil" von 68,00 % erreicht hatte. Er war bei den meisten anderen Zusehern besser angekommen als bei mir.
Begeisterung kam bei mir sicherlich auch aus dem Grunde nicht auf, dass ich zu sehr mit meinem eigenen (Lebens)Krimi beschäftigt war.
Meine Schwester fuhr uns zum Zug; der fuhr aber nicht so schnell wie ich erhofft hatte — und fliegen konnte er schon überhaupt nicht; denn meine Gedanken waren schon in Berlin, aber auch da hätte ich nicht viel ausrichten können; denn die Stadt ruhte sich noch aus und erholte sich von der Silvesternacht und vom ersten Januar.
Es war immer noch deutlich zu sehen, dass ausgiebig gefeiert und gefeuert worden war: die Straßen sahen entsprechend aus.
Antje wollte in ihre Wohnung fahren und meinte, sie hätte noch zu tun. Die Frage, ob ich mitkommen wollte, stellte sich irgendwie nicht — und sie wollte wohl auch nicht mit zu mir. Wir verabschiedeten uns auf dem U-Bahnhof Wittenbergplatz recht kühl voneinander.
Ich hatte einige Weihnachtskarten in meinem Briefkasten — und leider kündigte die BEWAG für das neue Jahr eine Erhöhung der Strompreise an. Meine Wohnung wirkte kühl; das lag wohl mit daran, dass es relativ kalt war. Ich stellte die Heizung gleich etwas höher.
Anfang des Jahres erzählen viele Leute von ihren guten Vorsätzen: weniger Essen und Trinken, Rauchen aufgeben"¦
Ich sagte mir selbst, dass ich mein Leben etwas "aufräumen" sollte.
Irgendwie müssten sich die Angelegenheiten so regeln lassen, dass ich nicht immer noch "offene Posten" übrig behielt.
Einige dieser Fragen, die mich bewegten, hielt ich durchaus für lösbar. Dazu zählte meine Prüfung. Ich stand ziemlich gut und sah keinen Grund, an meinem Bestehen zu zweifeln.
Auch eine Arbeitsplatzsuche sollte durchaus erfolgreich abzuschließen sein.
Da blieben eigentlich nur noch zwei, drei Fragen, bei denen ich allerdings weit von Lösungsansätzen entfernt war. Stimmt — bei Kindern sollte ich nicht von "Lösungen" sprechen oder denken!
So betrachtete ich lieber das mögliche Zusammenziehen und eine vielleicht bevorstehende "Familiengründung" als lösungsorientierten Ansatz.
Schwieriger sah es aus mit der "Braun-Frage" — und ganz im Hinterkopf hatte ich noch die Lebensfragen, die sich mir stellten, wenn ich an die Psychologin dachte. Auch von ihr hatte ich eine Weihnachtskarte bekommen. Neben dem "Standard-Satz", den sie sicherlich für fast alle Weihnachtsgrüße verwendet hatte, stand da noch, ganz klein, sicherlich erst später hinzugefügt: "Wir sehen uns!"
Schade, dass ich nicht an eine Karte für sie gedacht hatte; aber ich entschloss mich, ihr eine Karte mit guten Wünschen für das neue Jahr zu schicken. Dann konnte ich mich gleich bedanken.
Alleine wollte ich an diesem Abend nicht sein. Zu Antje konnte ich wohl nicht (?)
So entschloss ich mich, bei Elli vorbeizuschauen. Wir hatten uns zwar längere Zeit nicht gesehen, aber ich konnte gleich ein gutes neues Jahr wünschen — und mit ihr vielleicht einiges von dem besprechen, was mich bewegte.
Erst wollte ich eine Flasche Sekt mitnehmen; aber ich entschied mich dann doch für die Riesentafel Schweizer Schokolade, die ich auf der Fähre gekauft hatte.
Elli machte gleich auf, als ich bei ihr klingelte. Sie freute sich, mich zu sehen (sagte sie jedenfalls) und begeisterte sich über die Schokolade.
"Hast Du Zeit, können wir quatschen?" fragte ich sie.
"Ja, aber wollen wir nicht weggehen?"
Auf den Leierkastenmann hatte ich keine rechte Lust, aber Elli hatte einen anderen Vorschlag: "Fahren wir nach Wilmersdorf ins Flöz!"
"Flöz?"
"Ja, das ist eine Kneipe, in der oftmals Blues gespielt wird von Franz de Byl, dem gehört wohl auch der Laden. Ich habe gehört, Joey Albrecht ist da auch schon aufgetreten, wollen wir nicht da hin?"
"Meinetwegen!"
Vom Flöz und Franz de Byl hatte ich noch nichts gehört, aber Joey Albrecht und Tom Cunningham 1975 im Quasimodo erlebt. Bei ihrer Session gefiel mir die minimalistische Aufstellung: beide nur mit Gitarre und Verstärker; ich meine Joey hatte einen Twin Reverb und seine Stratocaster
OT )):m
Albrecht spielte bei "Karthargo"; hier ein Link zu einem späteren Konzert: https://www.youtube.com/watch?v=y3Au5kZmnVc
Er ist der mit der Stratocaster (und Gesang)
Hier sogar noch ein ganz spätes (2005) Konzert von Karthago im Rockpalast: https://www.youtube.com/watch?v=-eWF4_j ... tml5=False
Ende OT (gitli)
Wir machten uns auf den Weg. "Flöz" - ein guter Name für so ein dunkles Lokal ;-)
Darum kümmerten wir uns allerdings wenig.
Wir kamen gut ins Gespräch und ich freute mich, dass ich Elli gegenüber so offen sein konnte; schließlich hatte sie auch "ihre Erlebnisse" mit Braun und Konsorten gehabt — und vielleicht immer noch?
Sie erzählte jedoch nichts davon, sondern hörte mir erst einmal zu. "Das ist ja gediegen!" war ihre erste Reaktion auf meine Schilderung des Notarbesuchs.
"Den Notar im Wedding sollten wir mal aufsuchen", meinte sie dann, "wenn es ihn überhaupt gibt!"
Das war ein Gedanke, der mir selbst noch nicht gekommen war.
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Anni
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 99 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne - Mette )))(:

... ich hasse " Cliffhanger " !!!! :mrgreen:

... " offene Posten " - DAS Thema zieht sich auch durch mein Leben ... und immer , wenn man meint , nun hast du alles wieder im Lot , kommen Andere und machen Neue auf :((a

Dir einen guten Wochenstart (888)

LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 100 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Dir einen guten Wochenstart
Dir auch!
Grüß' zuhause (wenn Du zu Wort kommst) :mrgreen:

Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 101 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Besonders lange blieben wir nicht. Elli brachte mich nach Hause und ging dann das kleine Stück weiter zu ihrer Wohnung. Ihre Äußerung hatte mich sehr neugierig gemacht.
Gleich am nächsten Morgen rief ich den Notar auf der Insel an und fragte nach der Adresse seines Kollegen aus Berlin.
Er selbst war nicht da, aber Empfangsdame nannte mir die Gottschedstraße 1 im Wedding.
Der Name des Notars sagte mir nichts; allerdings hatte ich mit keinem dieser Zunft jemals in Berlin Kontakt gehabt.
Da wir den Notar im Telefonbuch nicht fanden, konnten wir nicht vorher anrufen und einen Termin ausmachen. So fuhren Elli und ich am nächsten Vormittag in der Hoffnung in den Wedding, man würde uns auch ohne Termin eine Auskunft geben.
Von der U-Bahn mussten wir nur ein kurzes Stück die Reinickendorfer Straße entlanglaufen, dann waren wir schon in der Gottschedstraße. Ich erwartete eigentlich, ein Notar-Schild mit dem Berlinwappen an der Hauswand zu entdecken, musste aber feststellen, dass keines zu sehen war, dafür aber zwei Kaugummi-Automaten.
Im Haus selbst gab es auch keinen Hinweis auf einen Notar und es wohnte dort auch niemand mit dem Namen, der uns genannt worden war. Wir fragten im Tabakladen und beim Bäcker nebenan. Die Leute guckten uns jedoch an, als hätten wir nach dem Osterhasen gefragt. Ein Mann im Tabakladen wollte uns einen guten Bekannten als Rechtsanwalt empfehlen, der in der Hardenbergstraße seine Kanzlei hatte und meinte, "das ist so etwas ähnliches wie ein Notar", aber das half uns überhaupt nicht weiter.
Nun war guter Rat teuer. Wir bedankten uns und klapperten die ganze Straße ab, aber von dem Gesuchten war nichts zu sehen.
Wir kamen an einer Druckmaschinenfabrik vorbei. Das Rotprint-Schild sagte mir etwas; denn ich hatte einmal meinem Onkel, der Drucker war, bei seiner Arbeit zugesehen und dabei war mir das große R aufgefallen.
Immerhin tauchte eine Telefonzelle auf. Ich rief noch einmal auf der Insel an und bat um Bestätigung des Namens und der Adresse. Wir hatten an der richtigen Stelle gesucht; sie guckten extra noch einmal nach: im Schreiben, das ich selbst gesehen hatte, stand genau diese Adresse.
Elli meinte, es gäbe irgendwo ein Notarverzeichnis beim Bezirksamt. Sie erklärte sich bereit, dorthin zu fahren und nachsehen lassen, ob es diesen Menschen in Berlin überhaupt gab.
Nachmittags wollte sie zu mir in die Wohnung kommen. Sie kam auch — aber mit schlechten Nachrichten: einen Notar mit diesem Namen gab es in ganz Berlin nicht.
"Ich habe einen Plan", wusste Egon Olsen immer zu sagen, aber wir hatten zunächst keinen.
Je mehr wir über die Angelegenheit sprachen, desto mehr waren wir davon überzeugt, dass Braun hinter der Sache stand; denn wer sollte sonst Interesse an den Negativen haben?
"Wir brauchen eine künstlerische Pause", fiel Elli ein, "machen wir uns heute einen Mädelsabend?"
Sie musste mir erst einmal erklären, was sie sich darunter vorstellte. Damit rückte sie gleich raus: "na, schick machen, Nägel lackieren, was Schönes anziehen — und dann geh"™n wir Schwoofen!"
Es stellte sich heraus, dass eine Bekannte von Elli in einer verschwiegenen Disko arbeitete, in der Nur-Frauen-Abende stattfanden. Elli betrachtete sich selbst als "halb&halb", so hatte sie sich einmal beschrieben, als ich sie fragte. Die Bekannte würde uns aber Einlass verschaffen, auch als "nicht richtige Frauen", jedenfalls war sich Elli sicher, "ziemlich sicher", wie sie mir sagte.
Elli holte eine ganze Kompanie Nagellackflaschen, brachte auch Feile und Polierfeile mit.
Ich war wieder einmal erstaunt, wie das Aussehen der Fingernägel allein durch Polieren verbessert werden konnte. Trotzdem nahm ich das Angebot gerne an, einen Nagellack von ihr auszuprobieren und wählte eine hellrote Farbe.
Ganz schön auffällig, aber ich war zufrieden.
Elli war inzwischen dabei, sich anzuziehen. Sie hatte sich abgewandt, um den BH anzulegen, fragte mich dann, ob ich die Häkchen in die Ösen fummeln konnte; denn der BH war neu und sie hatte sich noch nicht auf ihn eingestellt.
Als sie sich kurz zu mir umdrehte, bewunderte ich ihre üppige Oberweite und sagte es ihr auch: "Du hast es gut, ist das alles Natur?"
"Na, nicht ganz, von allein gibt es solche Möpse nicht", antwortete sie, "ich nehme die Pille — mit ziemlicher Dosierung. Es hat aber lange gedauert, bis etwas zu sehen war.
Dafür tut sich hier überhaupt nichts mehr". Sie griff in den Slip und wackelte da herum.
Ich erzählte ihr von meinen missglückten Versuchen, relativ echt wirkendes Füllmaterial für meinen BH zu bekommen.
Ihr kam die Idee, etwas schwereres Material zu nehmen und warf mir eine Tüte Reis zu.
Der Nagellack war trocken — und Elli fertig angezogen.
Wir mussten noch kurz in meine Wohnung; denn schließlich wollte ich auch meine Sachen anziehen.
Wir füllten Söckchen mit dem Reis — und ich nahm den ganz flach geschnittenen BH. Das fühlte sich schon viel besser als Luft an.
"Auf geht"™s", Elli war richtig in Feierlaune. Mit wehenden Röcken liefen wir zur U-Bahn. Mit der ging es nach Kreuzberg. Die drei Stationen hätten wir fast laufen können, aber Elli wollte ihre Füße schonen, wo wir doch schon auf der Suche nach dem Notar so viel gelaufen waren.
Der Veranstaltungsort befand sich in einem Hinterhof. Von außen und vom Aussehen her hätte ich eher gedacht, es würde sich um eine Autowerkstatt handeln, aber dumpfe Bässe dröhnten und zeigten, dass hier was los war.
Wir mussten klingeln. Gleich darauf wurde in der Tür ein kleines Schiebefenster geöffnet und eine Frau fragte uns, auf wessen Empfehlung wir kommen würden. "Karin", gab Elli zu Antwort.
Das Fenster wurde wieder verschlossen — die Tür aber nicht geöffnet.
Wir wollten schon lautstark an die Tür klopfen, da wurde das kleine Fenster wieder aufgeschoben. "Hallo Elli!"
Das musste Karin sein. Sie sagte nach hinten, in den Raum gewandt: "ist ok".
Gleich darauf schloss jemand auf.
"Das ist Anne!" Elli zeigte auf mich, "is"˜ aber auch so"™ne Frau wie ich.
Karin schien es nichts auszumachen, sagte aber leise zu Elli: "lasst euch nicht erwischen!"
Wir mussten beide zehn Mark Eintritt bezahlen; ein Getränk war frei und im Preis eingeschlossen.
Wir betraten den dunklen und rauchgeschwängerten Raum.
Die Tanzfläche war so voll, dass die Tänzerinnen sich kaum bewegen konnten;
immerhin: so konnte keine umfallen.
Elli nahm mir die Eintrittskarte ab, die ich immer noch in der Hand hielt und ging zum Tresen. Sie kam mit zwei Gläsern Sekt zurück. "Auf einen schönen Abend!"
"Ebenso!"
Ich prostete ihr zu.
Es war ganz schön warm; so war das Glas Sekt nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Ich ging zur Theke. "Na Kleene, watt wiste?" wurde ich begrüßt.
"Zwei Halbe!"
"Pass aber auf Elli auf, die soll nicht wieder so viel trinken!"
Auf meinen Zehner gab sie mir nichts raus; die Gefahr, hier zu viel zu trinken schätzte ich nicht so hoch ein; denn wir hatten beide nicht viel Geld mitgenommen.
Elli freute sich über das Bier: "ist doch besser als Mädelsbrause!"
Wir setzten uns auf leere und umgedrehte Bierkisten, die in einer Ecke standen.
Zwischendurch standen wir auf und wollten tanzen — aber die Tanzfläche, die aus wenigen Quadratmetern Kupferbelag auf dem Betonboden bestand, war immer noch sehr voll.
Einige Frauen rauchten beim Tanzen; ein Wunder, dass niemand Brandverletzungen erlitt oder Brandlöcher in der Kleidung davontrug.
Es war so dunkel und verqualmt, dass wir wohl auch aus diesem Grunde nicht enttarnt wurden. Vielleicht lag das auch daran, dass Elli hier wohl schon häufiger gewesen war.
Alle ließen uns in Ruhe. Sie vermuteten bestimmt, wir wären ein Paar.

Meine Angelegenheiten ließen mich aber auch dort nicht in Ruhe. Zwar versuchte ich loszulassen und Spaß zu haben, aber meine Gedanken fokussierten sich immer wieder auf die Sache mit dem Notar.
Elli schien meine Gedanken erraten zu haben und zog mich auf die Tanzfläche, "nun sei mal locker, heute fällt uns bestimmt nichts mehr ein, heute nehmen wir frei"¦
"¦ und dann holen wir zu einem ganz großen Schlag aus!"
Ich musste Elli Recht geben. Es hatte wirklich keinen Sinn, immer wieder darüber nachzudenken.
Wir holten noch einmal Bier. Gegen Mitternacht wurde es langsam leerer und wir hatten mehr Platz auf der Tanzfläche.
Karin schien in diesem Laden zu arbeiten und hatte nun nicht mehr so viel zu tun. Sie kam in unsere Ecke und setzte sich zu uns. Sie erzählte, dass in einer Woche wieder so ein Frauenabend stattfinden würde und dass wir kommen sollten: "hier sind eure Karten, dann gibt es nicht wieder Wartezeit beim Einlass!"
Wir machten uns auf den Heimweg und verabschiedeten uns vor dem Haus, in dem Elli wohnte.

Ich musste nicht so früh aufstehen; denn es waren noch Ferien. So überlegte ich, ob ich einen Besuch bei Antje machen sollte. Ich steckte meine Kamera ein und zwei Filme, vielleicht würde ich unterwegs Gelegenheit haben, ein paar schöne Aufnahmen zu machen. Was heißt schön? Mir ging es eigentlich eher darum, den Kontrast zu zeigen, der mir wiederholt aufgefallen war: die immer noch geschmückte Innenstadt — und dann die riesigen Müllberge von Silvester. Ich überlegte noch, ein anderes Objektiv zu nehmen, nahm die Kamera aber schließlich mit so wie sie war und steckte sie in meine stabile Umhängetasche.
Bevor ich zur U-Bahn ging, guckte ich in meinen Briefkasten. Tatsächlich, ein Zettel ohne Umschlag wartete auf mich: "Morgen, Donnerstag, Besprechung 14 Uhr, vorletzte Fahrt. Gruß B.".
Dann musste ich meine Pläne eben ändern und nicht nach Wilmersdorf fahren, sondern nach Moabit. Sollte ich Braun mit meinen Fragen und mit meinem Verdacht konfrontieren? Ich war noch unentschlossen.
"Viel zu früh", fiel mir ein, als ich zwanzig vor zwei ins Haus treten wollte.
Eben, gerade vor meiner Nase, war die Tür zugeschlagen, als eine ältere Frau, beladen mit Taschen und Tüten hineingegangen war. Als ich die Tür öffnete, wäre ich fast über sie gefallen; denn sie stand noch im Türbereich, hatte ziemliche Mühe mit ihren Sachen.
Das war sicherlich keine "Kundin" von Braun.
"Kann ich Ihnen helfen?" fragte ich die Frau höflich.
Sie musterte mich von unten bis oben, als hätte sie schon mal schlechte Erfahrungen gemacht, sagte dann aber: "Ja, gerne, ich wohne im rechten Seitenflügel im vierten Stock".
Ich griff die schweren Taschen und Tüten, sodass für sie nur ein leichter Beutel übrig blieb.
Als wir endlich oben waren, musste ich doch ein wenig schnaufen.
"Bringen Sie mir die Sachen in die Küche?"
Sie schloss auf.
Da die Küchentür geöffnet und der Herd im ganzen Flur zu sehen war, konnte ich gleich sehen, wo die Sachen hingehörten. Sie lächelte mich dankbar an, "danke, junger Mann!"
Ein leichtes Fragezeichen hatte sie auf einmal in ihrem Gesichtsausdruck.
"Jüngelchen, was ist das denn?" Sie hatte meine Hand genommen und zeigte auf den Nagel-Lack. Stimmt, ich hatte ihn nicht entfernt, hatte mir aber auch keine Gedanken darüber gemacht. Es waren schließlich noch Ferien.
"Ich war gestern zu einer Faschingsfeier", sagte ich entschuldigend.
Erst als ich den Satz schon ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, dass überhaupt keine Entschuldigung fällig war.
"Steht Ihnen doch", meinte sie, "ich würde es lassen!"
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Draußen gab es einen ziemlichen Lärm. Die alte Dame erschrak: "so geht das nun den ganzen Tag!"
"Was?" fragte ich.
"Na, die arbeiten an den Autos!"
Sie geleitete mich zum Balkon und zeigte nach unten auf den Hof. Wir hatten einen ausgezeichneten Blick auf den Innenhof, auf dem immer der Ford stand.
Braun war zu sehen. Er redete relativ lauf auf einen Mann ein, der mit einer Flex an einem Opel Caravan zugange war. Es erschien ein weiterer Mann, der einen Anzug trug; irgendwie nicht der typische Autoschrauber.
"Das machen die schon den ganzen Tag", brachte die alte Dame sich noch einmal in Erinnerung; denn ich war ganz in Gedanken versunken.
"Da habe ich eine Idee", gab ich zur Antwort, "ich werde Fotos machen, wenn Sie mich auf den Balkon lassen, dann können Sie sich bei der Hausverwaltung beschweren und die Fotos vorlegen. Dazu schreiben wir auf, wann es jeweils diese Lärmbelästigung gegeben hat".
Ihre Augen leuchteten, "das wollen sie wirklich tun, ist das nicht teuer?"
Ja, das wollte ich wirklich tun — nicht nur wegen der Hausverwaltung.
"Ich kann die Fotos selbst entwickeln", sagte ich zu ihr, "das ist nicht teuer!"
In ihren Blumenkästen hatte sie Tannenzweige stecken; so war ich relativ gut getarnt.
Erst hatte ich Sorge, man könnte unten das Geräusch der Kamera hören; aber die Angst war unbegründet; denn die Flex wurde weiterhin mit Hingabe gequält.
Schnell legte ich einen Film ein, ich wollte möglichst alle drei beteiligten Personen erwischen.
"¦ oder sollte es sogar noch weitere Mitarbeiter geben?
Gut, dass ich mein 135er Objektiv noch an der Kamera hatte; es war ideal für meine Zwecke geeignet. Dabei war ich fast drauf und dran gewesen, das 50er zu nehmen, das nun in meiner Wohnung lag.
Ich bedankte mich bei der alten Dame und lehnte das Geld ab, das sie mir geben wollte.
"In den nächsten Tagen komme ich wieder", kündigte ich ihr an, "dann kann ich sicher noch ein paar Fotos machen!"
Sie war ganz begeistert.
Die Kamera steckte ich wieder ein. Nun war es höchste Zeit, um mich bei Braun zu melden.
Er begrüßte mich kühl: "es ist die vorletzte Fahrt. Dieses Mal geht es wieder Richtung Hof. Bitte quittieren Sie hier"¦".
Alles wie die letzten Male.
Er gab mir wieder eine Beschreibung des Übergabeortes in die Hand — und zweihundert Mark.
"Freitag können Sie den Wagen abholen und Samstag fahren".
Ihm fiel ein: "Morgen ist ja schon Freitag, dann nehmen Sie den Wagen gleich mit und Montag bringen Sie ihn zurück!"

Mir lagen ein paar Fragen auf der Seele, aber ich sagte nichts. Ich wollte ihn in Sicherheit wiegen.
Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 102 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Da ich nun schon das Auto hatte, fuhr ich kurz entschlossen bei Antje vorbei, um mich für das Wochenende bei ihr abzumelden. Sie schien nicht sonderlich enttäuscht zu sein, bat mich aber, eine Entscheidung zu treffen. "Ich würde mich freuen, wenn Du hier einziehst", gab sie mir mit auf den Weg — und einen Kuss.
Da sie zu tun hatte, fuhr ich zum Tanken; ich hatte keine Lust, das gleich am nächsten Morgen zu machen.
Der Wagen hing ziemlich tief in seinen hinteren Federn. Da hatte mir Braun wohl ordentlich etwas eingeladen — aber das konnte mir egal sein.

Aufgefallen war mir allerdings, dass er mich noch einmal zurückrief, als ich schon im Flur war. "Machen Sie"™s gut", sagte er und drückte mir fest die Hand. Dem hatte ich nicht besonders viel Bedeutung beigemessen, war ich von ihm so manche Überraschung gewöhnt. Aber es klang fast wie eine "endgültige Verabschiedung". Dabei wollte er doch den Wagen wiederhaben. Wir waren für Montag verabredet.
Plante er vielleicht selbst, mit seinem Job aufzuhören — oder sollte er versetzt werden und eine andere Stelle übernehmen?
Ich sagte noch einmal, halb fragend und halb bekräftigend: "bis Montag!"
Darauf sagte er nichts mehr.
Fast hätte ich vergessen, die Nummernschilder zu tauschen und die richtigen Papiere einzustecken. Als ich mich im sparsamen Licht einer Straßenlaterne an den Schilderwechsel machte, kam prompt ein penetranter Mann mit Hund vorbei, der mich und mein Tun misstrauisch beäugte und lange bei mir stehen blieb. Sein Hund erleichterte sich am Fuß der Gaslaterne. Dampf stieg auf — und mir ein unangenehmer Geruch in die Nase.
Ich beruhigte ihn mit den Worten: "Gerade gekauft!"
"Na, dann gute Fahrt. Mein Sohn hatte auch mal so einen, aber jetzt fährt er wieder Opel!" Endlich ging er weiter.
Geschafft, — es hatte eine Weile gedauert, aber ich wollte nicht pfuschen. Ein schief hängendes Nummernschild oder gar ein Verlust würde ungewollt die Aufmerksamkeit auf mich ziehen.
Ich stand früh auf, kochte mir Kaffee und schmierte mir "Pausenbrote".
Auf der Autobahn war nicht viel los und es kam Langeweile auf. Ich machte mich wieder ans "Aufräumen", sortierte Gefühle und Gedanken, wie ich es gerne machte, wenn ich alleine war.
Für viele Fragen hatte ich Lösungen parat, für einige allerdings nicht. Zu meinem geplanten Einzug bei Antje konnte ich eigentlich auch nur halb "ja sagen", tendierte aber doch dazu, es zu versuchen.
Für die Machenschaften von Braun und den "Schweinereien", die er vermutlich in Planung hatte, war mir allerdings noch keine Erleuchtung gekommen. Würde eine feste Beziehung überhaupt so eine große Belastung durch meine dunklen Schatten aushalten?
Schatten wirken weit — wie sollte ich es mal meinen Eltern erklären, wenn es rauskäme?
Sie wussten immer, was recht war.
Antje hatte auch Probleme mit sich und der Welt. Es würde nicht einfach werden mit uns — aber vielleicht war es für das Kind das Beste? Sie mochte Elli nicht besonders, wie sie mir einmal erzählte. Dabei hatte sich meine Freundschaft zu Elli ganz gut entwickelt, jetzt, wo sie sich etwas gefangen hatte. Ich dachte daran, wie hilfsbereit sie gewesen war und ich dachte an ihren großen Traum, frei zu sein und als Frau zu leben, ohne dass jemand das bezweifeln würde. Den würde ich gerne mit ihr erleben.
Immer wieder sprach sie von Casablanca, nicht vom Film, sondern von einem Arzt, der"¦
Nun musste ich mich mehr auf den Verkehr konzentrieren. Weit war es nicht mehr zur Übergabestelle. Der Laster vor mir qualmte schwarz — ein Zeichen dafür, dass der Fahrer den Motor selbst für die guten 90 Stundenkilometern hart rannehmen musste.
Überholen lohnte eigentlich nicht mehr, obwohl mich der Qualm nervte. Dann setzte sich auch noch ein Wartburg vor mich. Erst auf dem zweiten Blick sah ich, dass es mein Partner war.
Eines fiel mir auf: er hatte ein Schild im Rückfenster kleben, ein großes "A". War es mir vorher nie aufgefallen, weil ich einfach nicht darauf geachtet hatte, oder war es neu?
Der Fahrer schien sich mit Absicht in die Lücke gesetzt zu haben. Er tippte die Bremse drei Mal leicht an und zeigte auf das Schild hinten.
Dann blinkte er, beschleunigte stark und setzte zum Überholen des Lastzuges an.
Ich wollte ihm gleichtun, aber dann erst kam mir der Gedanke, dass eine bestimmte Absicht hinter seinem Verhalten stecken konnte.
"A — wie Anfänger" ging mir durch den Kopf.
Quatsch, dann hätte er nicht auf das Schild gezeigt.
Auspuff? — der hörte sich ganz normal an, auch hatte ich bei einem Blick vor ein paar Wochen unter das Auto den Eindruck, der Auspuff wäre relativ neu.
"A" — wie "A****loch" — nein, warum sollte er das signalisieren?
Meine inneren Alarmglocken schrillten: "A" konnte nur "abbrechen" heißen, oder vielleicht "abfahren".
Sollte ich bei der nächsten Abfahrt die Autobahn verlassen?
Das war aber nicht erlaubt und konnte mich in weitere Schwierigkeiten bringen.
Ich blieb hinter dem Lastwagen, der immer noch qualmte. Nun ging es auch noch eine leichte Steigung hinauf. Von hinten kam ein weiterer Lastzug, der ziemlich dicht auffuhr. Normaler Weise hasse ich so etwas und gebe Gas, dass ich möglichst schnell davonkomme. Auch ein leichtes Antippen der Bremse oder Drohen mit der Faust könnte helfen"¦
"¦ aber ich fuhr ruhig und mit der gleichen Geschwindigkeit weiter.
Nun musste der Parkplatz kommen.
Versteckt in den Bäumen standen Fahrzeuge, wie ich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Es musste ein ziemlich großes Aufgebot sein: Barkas, Lada und Wartburg standen nicht auf den Parkflächen, sondern im Hintergrund.
Vielleicht waren sie sogar von hinten durch den kleinen Wald gekommen?
Von meinem Partner mit dem Wartburg war nichts zu sehen. Ich schickte gedanklich ein kleines Dankeschön an meinen unbekannten Helfer"¦
"¦ und schwitzte.
So nervös war ich selten, nicht einmal, als ich mit einem Käfer mit defektem Auspuff von Norddeutschland nach Berlin fuhr und jederzeit damit rechnete, dass mich jemand aus dem Verkehr ziehen würde.
Die Strecke zog sich. Bei jeder grünweißen Farbkombination zuckte ich zusammen und rechnete mit meiner Verhaftung. Ich erreichte die Grenze aber unbehelligt, was mich fast wunderte.
"Geht"™s Ihnen nicht gut?" fragte mich der DDR-Grenzer, dem meine Nervosität aufgefallen war.
"Ich muss mal austreten", sagte ich. Austreten ist wohl die richtige amtliche Bezeichnung?
Er zeigte auf ein WC-Schild und warf fast gleichzeitig einen Blick in meinen Wagen.
Schnell verschwand ich auf der Toilette, konnte aber keinen Tropfen herauspressen.
"Na, erleichtert?" fragte er mich.
"Ja, danke!"
"Darf ich mal in ihren Kofferraum gucken?"
Eigentlich war das nicht üblich auf den Transitstrecken, nur bei "konkretem Verdacht", aber ich hatte keinen Grund, ihm das zu verweigern.
"Bitte, gerne!"
Ich öffnete die Haube. Der Kofferraum war leer bis auf ein Warndreieck, ein Erste-Hilfe-Paket und das Bordwerkzeug, das in eine braune Stofftasche eingerollt war. Er schien zufrieden, bemerkte jedoch: "der Wagen liegt ganz schön tief hinten — so ganz ohne Beladung!" Er drückte auf die Haube, die ich wieder geschlossen hatte. Der Wagen federte leicht ein.
Nickend stimmte ich ihm zu und erzählte von einem Werkstatt-Termin, "dann können die gleich mal Federn und Stoßdämpfer überprüfen!".
Er blickte in den Innenraum und schirmte sein Gesicht mit seinen Händen gegen die Reflektionen durch das einfallende Licht ab.
Er schien keine Auffälligkeiten zu entdecken und gab mir die Papiere. Nun war ich wirklich erleichtert.

Die Situation auf dem Übergabe-Platz ließ mir keine Ruhe.
Ich musste dringend nachsehen, was sich im Auto befand.
Der nächste Parkplatz war meiner. Ich fuhr in die entlegenste Ecke und parkte noch hinter den Lastwagen. So einen weiten Weg zum WC würde niemand gerne in Kauf nehmen; hier hatte ich meine Ruhe.
Es machte Mühe, die feste Gummimatte vom Deckel des Geheimfachs aufzuheben. Erst ging es nur ein Stück, sie war ziemlich widerspenstig. Ich brach mir die Fingernägel ab und schimpfte.
Auf einmal löste sie sich. "Fast wie angeklebt", dachte ich.
Der Deckel aus Metall saß ziemlich stramm, aber ich konnte ihn mit meinem Taschenmesser aufhebeln und war froh, dass es eher ein Arbeitsmesser mit stabiler Klinge war. "Gartenhippe" sagte ein Freund dazu, der sich mit Garten- und Landschaftsbau beschäftigte und mehr Ahnung davon hatte als ich.
"Diese Schweine!"
Ich war so entrüstet, dass ich mit mir selbst sprach.
Neben etlichen Exemplaren eines ganz bösen Artikels über Erich Honecker, der seit ein paar Jahren Chef der DDR war, befanden sich tatsächlich auch Flugblätter "Wehrt euch" im Fach und Anleitungen, wie eine "durchschlagkräftige Zwille" für Stahlkugeln gebaut werden konnte. Dazu der Aufruf: "verteilt die Flugblätter und Magazine und macht möglichst viel kaputt: Scheiben von Polizeiwagen, Amtsgebäuden, Straßenbahnen"¦".
Wenn mich damit jemand erwischt hätte, wäre ich sicherlich für Jahre "verschwunden".
Immerhin — dann hätte ich mir keine Gedanken mehr machen müssen, ob ich nun mit Antje zusammenziehen sollte oder nicht.
Ich musste die Sachen loswerden, aber wohin damit?
Erst dachte ich daran, sie einfach in den Müll zu werfen — aber die Kapazität eines Müllbehälters hätte kaum ausgereicht. Außerdem hätte jemand die Sachen entdecken können.
Hier im Süden kannte ich kaum Leute, bei denen ich etwas hätte unterstellen können.
Ich biss in den sauren Apfel und machte mich auf den Weg nach Hannover, wo meinte Tante wohnte.
Immerhin — ich hatte über weite Strecken Radioempfang, sodass ich mich etwas ablenken konnte.
Trotzdem wurde es eine lange und anstrengende Fahrt. Über 500km musste ich auf mich nehmen, nachdem ich doch schon von Berlin bis hinter Rudolphstein gefahren war.
Als ich endlich Hannover erreichte, war es so spät, dass ich meine Tante nicht mehr aufsuchen konnte. Ich parkte in der Friesenstraße und versuchte zu schlafen.
Der Wagen kühlte aber so schnell aus, dass mir das nicht gelang.
Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI

Post 103 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

So streifte ich durch die Straßen. Es war nicht weit bis zum Bahnhof. Dafür, dass ich die Nacht ohne Schlaf verbracht hatte, war ich relativ wach. Ein Kaffee an einem Imbiss, der früh geöffnet hatte, machte mich noch munterer. Immer wieder guckte ich auf die Bahnhofsuhr, aber die lief auch nicht schneller als meine Uhr , die ich am Handgelenk trug.
Endlich war es so weit, dass ein Klingeln nicht mehr als Unverschämtheit gelten würde. Am Bahnhof konnte ich sogar ein paar Blumen erwerben.
Meine Tante staunte nicht schlecht, als ich sie mit den Worten "ich habe Dir lange keine Blumen vorbeigebracht" begrüßte. Wir hatten uns zwar auf der Insel kurz gesehen, aber da gab"™s für sie keine Blumen, sondern ein Buch. Sie wunderte sich ein wenig, da ich mein Kommen nicht angekündigt hatte. "Ich bin auf der Durchreise" gab ich als Erklärung ab und fragte sie, ob sie einen großen Karton oder Koffer hätte, damit ich ein paar Sachen bei ihr unterstellen konnte.
Sie fragte nicht großartig nach. Leider musste ich beibleiben mit meinen Bitten. So lieh ich mir ihren Fotoapparat und machte erst einmal ein paar Fotos von der Ladung.
Danach bat ich sie um einen großen Briefumschlag. Ich befüllte ihn mit Beweismaterial und schrieb meine Adresse auf die Vorderseite. "Kannst Du den Montag an mich abschicken?"
Sie sagte zu.
Es war schwere Arbeit, die ganzen Sachen in einem ihrer alten Koffer zu verstauen, aber schließlich stand er wieder wie vorher in ihrem Keller. "Den hole ich bald ab", versprach ich ihr.
Ich war inzwischen so müde, dass mir fast die Augen zufielen. "Leg Dich ne Stunde auf das Sofa!" — der Rat meiner Tante war goldrichtig.
Gegen Mittag machte ich mich auf die Rückfahrt. An der Grenze musste ich diesmal nicht nervös sein; nichts im Auto deutete darauf hin, was ich auf der Fahrt nach Hof transportiert hatte. Unterwegs musste ich mir Mühe geben, nicht einzuschlafen. Zwischendurch machte ich immer wieder das Fenster auf und ließ mich vom Wind durchpusten.
Ich war ziemlich froh, als ich den Wagen am frühen Abend endlich vor unserem Haus abstellen konnte. Alles wirkte so friedlich, fast als hätte ich ein Buch zugeschlagen, das mich eben noch mit Hochspannung gefesselt hatte.
Schon im Treppenhaus hatte ich das Gefühl, es wäre wieder jemand in der Wohnung. Stimmt — obwohl ich das überhaupt nicht mochte, aber wohl nicht klar genug gesagt hatte, war Antje dort und packte Sachen zusammen. Freudestrahlend begrüßte sie mich: "ich habe angefangen, zusammenzupacken! "¦ wo Du doch bald bei mir einziehst, brauchst Du die doch bei mir".
Ich war zu müde, mich mit ihr auseinanderzusetzen. Sie war ein wenig enttäuscht und fragte mich: "freust Du Dich überhaupt nicht?"
Nein, ich freute mich nicht, sondern wollte einfach meine Ruhe.
Sie blieb dann doch über Nacht. Ich war schon am Küchentisch eingeschlafen. Das zeigte ihr deutlich, dass ich überhaupt keine Lust und keine Kraft hatte, sie nach Wilmersdorf zu fahren.
Sie hatte etliche Tüten mit Wäsche gepackt, die wir am nächsten Morgen zu ihr brachten. Unterwegs holten wir uns Schrippen und frühstückten lange.
Danach ging es mir wesentlich besser. Ich entschloss mich jedoch, für einige Sachen, die sich in der Wohnung befanden, einen anderen Aufbewahrungsort zu suchen. Ich hatte Antje zwar gesagt, dass ich selbst packen wollte und sie das nicht machen sollte, aber ich war mir nicht sicher, ob sie das auch beherzigen würde.
Nachmittags fuhr ich mit dem Wagen nach Moabit und parkte ihn auf dem kleinen Hof.
Ich klingelte bei Braun. Es dauerte lange, bis er endlich an die Tür kam. Ganz überrascht schaute er mich an: "SIE sind das?"
"Wer sonst?" lautete meine Gegenfrage, "wen haben Sie denn erwartet?"
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Post 104 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne - Mette )))(:

... bei mir stellen sich erste " Entzugserscheinungen " ein :lol:

Schönen Wochenstart - ohne Schnee

wünscht freche Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
Anne-Mette
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Post 105 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

keine Angst - es geht noch weiter.
Morgen ist aber erst einmal die Ausstellungseröffnung "Trans* in der Arbeitswelt" - und danach habe ich wohl wieder etwas Luft )))(:

Dir auch: schönen Sonntagabend und guten Start in eine schöne und erfolgreiche Woche
Herzliche Grüße
Anne-Mette
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