Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI - # 6
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Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Hinten am Fischstand entdeckte ich Elli, aber sie hatte uns noch nicht gesehen.
"Fast ein Freundes- und Familientreffen", dachte ich und wollte zu ihr hinübergehen und nicht über den ganzen Platz rufen. Schließlich sollte sie mir noch berichten, ob sie in Dänemark gewesen war.
Pfeifentabak hatte sie jedenfalls nicht mitgebracht und mir in den Briefkasten gesteckt.
Antje hatte meinen Blick und den Ansatz einer Bewegung wohl bemerkt und hielt mich zurück:
""¦ wir wollten doch"¦".
Ja, stimmt, wir wollten kochen, aber ein paar Minuten wären doch wohl noch Zeit gewesen.
Jan sah etwas unentschlossen aus und hätte sich bestimmt gefreut, wenn wir ihn zum Essen eingeladen hätten. Ich hatte ja auch noch etwas "gut zu machen".
Doch bevor ich etwas sagten konnte, meinte Antje: "ja, dann noch schönes Wochenende, wir sehen uns bestimmt mal wieder in den nächsten Tagen!"
Jan sah etwas bedröppelt drein, aber wünschte uns etwas säuerlich "dann noch viel Spaß". Die von Antje ausgesprochene Ausladung hätte ich eigentlich wieder rückgängig machen sollen. Fast schämte ich mich für meine fehlende Reaktion, als wir auf dem Rückweg waren, aber die Aussicht auf einen schönen Nachmittag und Abend allein mit Antje milderten mein ungutes Gefühl etwas.
Ja, wir hatten Spaß!
Nach dem Kochen und Essen waren wir in der Stadt unterwegs. Ich zeigte Antje einige Sehenswürdigkeiten und die Plätze, die ich besonders mochte.
Wir fuhren zum Teufelsberg, den wir erklommen.
Sie staunte über den Blick über die Stadt, über die "Marsgebäude" (sie meine die Abhöranlagen der Amerikaner) und über die Drachenflieger, die sich mutig vom Berg hinabstürzten, um dann den Aufwind zu nutzen oder ganz sanft der Landung entgegenzugleiten.
"Berlin gefällt mir", rief sie aus, "hier ist gar nicht überall Stadt!"
Als wir uns an einem Sonntag auf den weiten Weg nach Lübars machten, staunte sie noch mehr: "das ist ja wie auf dem Lande, guck mal, ein richtiger Bauernhof!"
"Hast Du schon mal verkehrte Bauernhöfe gesehen?" fragte ich im Stillen. Sie machten wohl gerade Pause; denn die Schubkarre wartete
auf neue Ladung.
Im Bett waren wir immer noch unersättlich.
Leider gab es auch damals nicht nur Wochenenden; Rio Reiser hatte sich noch nicht als "König von Deutschland" für andere Lösungen stark machen können.
Ich musste wieder zur Schule — und Antje wollte sich um eine Wohnung und um eine Arbeitsstelle bemühen. So waren wir beide tagsüber unterwegs. Wenn wir uns abends in der Wohnung trafen, waren wir froh, uns zu sehen.
Schwieriger war es, wenn ich länger Schule hatte. Die letzten Referate der Praktikanten liefen — und es gab Arbeitsgruppen, die die Klassenfahrt vorbereiten sollten. So passierte es manchmal, dass ich wesentlich später zurückkam als Antje.
Sie saß dann meistens übelgelaunt am Küchentisch und "der Abend war gelaufen".
Einmal war es besonders spät geworden; denn wir hatten die Themen "Waldbrand in der Lüneburger Heide" und "Demo gegen das Atomkraftwerk Brokdorf" auf den Tagesordnungen.
Weil ich in der Foto-AG war, musste ich mich am Thema des großen Brandes beteiligen — und um Atomkraft und eine geplante große Demo ging es der ganzen Klasse.
Statt KLASSE hätte ich auch KOLLEKTIV sagen können; es entstand immer mehr ein "Gemeinschaftsgeist"; wohl im Vorgriff auf die Klassenfahrt, wie ich vermutete. Individualität war noch weniger gefragt als vorher und die Gemeinschaft mischte sich sogar in "persönliche Belange" ein. So fanden viele mein Zusammensein mit Antje als "den alten Verhältnissen folgend" und dass ich die "zu überwindende unterdrückende Mann-Frau-Beziehung" dadurch länger aufrecht erhielt, anstatt mich emanzipatorischen Bezeihungen zu widmen.
Auch eine Mitschülerin bekam "ihr Fett weg", die schon lange mit ihrem Freund zusammen war, sogar schon vor dem Ausbildungsbeginn an unserer Schule.
Ihr wurde gesagt, sie wäre zu inaktiv, wäre noch nie zur Frauengruppe mitgekommen, sie solle sich endlich mal von ihrem Freund lossagen und frei sein.
"Wisst ihr was? Antje ist erst ein paar Tage zu Besuch", sagte ich in einer Rechtfertigungs-Diskussion, die von einem aus der WG angezettelt wurde.
Er ging nicht näher darauf ein, sondern erinnerte mich daran, dass auch immer noch eine Entscheidung FÜR oder GEGEN die Wohngemeinschaft anstand, wie er sich ausdrückte. Mit "ich denke, Karin ist noch nicht ausgezogen", nahm ich ihm ein wenig den Wind aus den Segeln.
Wie freute ich mich auf die AG "Kinderladenpädagogik"; denn in der waren von jeder Klasse nur ein paar MitschülerInnen. Es ging recht locker zu — und an manchen Tagen veranstalteten wir lustige Rollenspiele und spielten einen Elternabend durch. Es ging darum, den Eltern die pädagogischen Ziele des Kinderladens zu vermitteln. Aber auch ganz alltägliche Informationen wurden den "Eltern" nahegebracht. So mussten wir einen Vater darauf aufmerksam machen, dass er noch nichts in die Solidaritätskasse gezahlt hatte.
Nach der AG ging ich noch mit einigen Leuten aus der Nachbarklasse ein Bier trinken.
In der Studentenkneipe ging einer herum und verkaufte Eintrittskarten für "Die Scherben". Ich staunte, "Ton — Steine — Scherben in der Neuen Welt Hasenheide" stand auf der Eintrittskarte.
Da konnte ich von meiner Wohnung aus fast zu Fuß hinlaufen. Ich nahm zwei Karten, um Antje zu überraschen.
Als ich sehr spät — und etwas beschwingt — in die Wohnung zurückkam, war Antje nicht da.
Sie kam zwei Stunden später und schaute sauer drein: "Immer kommst Du so spät".
"Guck mal", ich hielt ihr die Karten hin, "die Scherben spielen in der Hasenheide und ich habe Karten für uns ergattern können".
Sie schien wenig begeistert, "kenn ich nicht!"
"Was, Du kennst nicht einmal 'macht kaputt, was euch kaputt macht?' Na, dann wird es Zeit".
"Außerdem brauchte ich noch Bescheinigungen aus der Klinik", maulte sie herum, "dann kann ich vielleicht im Bezirksamt Tiergarten anfangen!"
"Das klingt doch gut, dann rufe an und lass Dir die Bescheinigungen schicken", riet ich ihr.
"Ja, aber ich möchte lieber hinfahren und sie abholen, kommst Du mit?"
Viel Lust hatte ich nicht, aber ich erklärte mich bereit. Eine Mitschülerin aus meiner Klasse hatte mir schon häufiger ihren Käfer angeboten, falls ich mal ein Auto brauchte. Das Angebot wollte ich nutzen.
Antje war wieder etwas besänftigt und schien sich auch auf das Konzert zu freuen.
"Eine Arbeit hat sie nun in Aussicht", dachte ich, ""¦ und eine Wohnung?"
Ich fragte aber nicht; denn ich wollte mir die gerade zurückeroberten Sympathien nicht gleich wieder verspielen.
Das Konzert gefiel ihr nur so "mittelprächtig". Es war wohl nicht so ganz ihre Musikrichtung. Sie wunderte sich auch darüber, dass Leute aus dem Publikum die Bühne enterten und mit der Gruppe eine Diskussion über politische Inhalte und über "für oder wider SPD" führen wollten. Erst nach längerer Zeit ging das Konzert weiter.
Auch trafen wir Leute von meiner Schule, aber sie hatte kein Interesse an einer Unterhaltung.
Sie ließ sich deutlich anmerken, dass sie meine MitschülerInnen nicht mochte und so lehnten wir ohne weitere Erklärung ab, als jemand fragte: "Kommt ihr noch mit auf ein Bier nachher?"
Unsere kleine Reise bedeutete ein wenig Auflockerung für uns beide — jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich äußerte: "hier fahre ich dann bald schon wieder lang, wenn es auf die Klassenfahrt geht!"
Ich hatte mir wirklich nichts dabei gedacht.
"Ach ja, Du verreist bald mit Deiner Kommune!" Sie musste nichts mehr sagen — ihr Gesichtsausdruck sagte alles. Sie war sauer!
Der Rest der Fahr verlief schweigend.
Sie taute erst auf, als wir die Klinik erreicht hatten.
Da sie einige Jahre dort gearbeitet hatte, stellte man uns im gegenüberliegenden Schwesternheim ein "Besucherzimmer" zur Verfügung, so mussten wir nicht gleich zurückfahren.
Die Bescheinigungen bekam sie gleich ausgehändigt. Das schien ihre Laune erheblich zu verbessern.
Es wurde ein richtig netter Abend, den wir erst mit ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen verbrachten und dann mit uns.
Wir waren uns ganz zugetan, fast wie am ersten Abend.
"Sie ist eigentlich doch ganz nett", dachte ich mir, kurz bevor ich einschlief, "sie kommt nur nicht immer dazu!".
Am nächsten Morgen lief mir die Psychologin über den Weg, als ich in der Kantine eine Zeitung holen wollte. Sie zog mich gleich in ihr Büro. Sicherlich hätte ich Antje etwas sagen müssen; denn sie wartete noch in unserem Zimmer.
Die Psychologin fragte mich lachend, was "meine Sinuskurve" machen würde, "unten oder oben?"
"Ich glaube nicht, dass an Ihrer Theorie etwas dran ist", sagte ich zu ihr, "die Kurve ist hoch oben und ich spüre überhaupt keinen Grund, warum sich das ändern sollte!"
"Hast Du denn nicht"¦",
Ich fiel ihr ins Wort, denn ich antwortete schnell, viel zu schnell; dabei wollte ich nicht unhöflich sein: "Nur selten habe ich Frauensachen angezogen, aber meistens nur aus rein technischen Notwendigkeiten!"
Sie guckte fragend, "technische Notwendigkeiten??? Und Deine Gefühle und Gedanken?"
"Nein, wirklich nur rein technisch, wie so eine Art Verkleidung", log ich, doch dann setzte ich zögernd fort, leicht errötend: "einmal, ich hatte so ein Penthouse-Heft"¦".
"Selbstbefriedigung ist ganz normal!" gab sie zur Antwort.
"Nein, das ist es nicht!"
Ich beschrieb ihr die Situation genauer. Schließlich verstand sie, dass es nicht um Selbstbefriedigung ging und wie ich es meinte.
"Nächste Woche kommt der zweite Fragebogen — und wegen der BH-Frage werde ich mich mal umhören".
Sie lächelte aufmunternd, "Wirst Du zum Jahrestreffen kommen?"
Ich wollte es mir überlegen.
""¦ und eine medizinische Untersuchung?"
"Mal sehen!"
Ich verabschiedete mich.
Lange hatte unser Gespräch nicht gedauert.
Trotzdem empfing mich Antje mit einem Gesichtsausdruck, zu dem mir nur "wenn Blicke töten könnten" einfiel. "Nun würde ich meine Sinuskurve doch etwas anders beurteilen", dachte ich und musste über meinen Gedanken schmunzeln.
"Was, Du lachst noch? Das ist das Allerletzte! Wo warst Du?"
Ich erzählte ihr, dass ich auf dem Weg zur Kantine die Psychologin getroffen hatte und dass sich ein kurzes Gespräch entwickelt hätte.
"Kurzes Gespräch?! Du hängst ewig mit der Psychotante rum und lässt mich hier warten.
Was willst Du überhaupt von der, die hat doch selber 'n Rad ab!"
Darauf gab ich keine Antwort, sondern nahm unsere Tasche und sagte: "komm, lass uns fahren. Gibst Du die Schlüssel ab?"
"Fast ein Freundes- und Familientreffen", dachte ich und wollte zu ihr hinübergehen und nicht über den ganzen Platz rufen. Schließlich sollte sie mir noch berichten, ob sie in Dänemark gewesen war.
Pfeifentabak hatte sie jedenfalls nicht mitgebracht und mir in den Briefkasten gesteckt.
Antje hatte meinen Blick und den Ansatz einer Bewegung wohl bemerkt und hielt mich zurück:
""¦ wir wollten doch"¦".
Ja, stimmt, wir wollten kochen, aber ein paar Minuten wären doch wohl noch Zeit gewesen.
Jan sah etwas unentschlossen aus und hätte sich bestimmt gefreut, wenn wir ihn zum Essen eingeladen hätten. Ich hatte ja auch noch etwas "gut zu machen".
Doch bevor ich etwas sagten konnte, meinte Antje: "ja, dann noch schönes Wochenende, wir sehen uns bestimmt mal wieder in den nächsten Tagen!"
Jan sah etwas bedröppelt drein, aber wünschte uns etwas säuerlich "dann noch viel Spaß". Die von Antje ausgesprochene Ausladung hätte ich eigentlich wieder rückgängig machen sollen. Fast schämte ich mich für meine fehlende Reaktion, als wir auf dem Rückweg waren, aber die Aussicht auf einen schönen Nachmittag und Abend allein mit Antje milderten mein ungutes Gefühl etwas.
Ja, wir hatten Spaß!
Nach dem Kochen und Essen waren wir in der Stadt unterwegs. Ich zeigte Antje einige Sehenswürdigkeiten und die Plätze, die ich besonders mochte.
Wir fuhren zum Teufelsberg, den wir erklommen.
Sie staunte über den Blick über die Stadt, über die "Marsgebäude" (sie meine die Abhöranlagen der Amerikaner) und über die Drachenflieger, die sich mutig vom Berg hinabstürzten, um dann den Aufwind zu nutzen oder ganz sanft der Landung entgegenzugleiten.
"Berlin gefällt mir", rief sie aus, "hier ist gar nicht überall Stadt!"
Als wir uns an einem Sonntag auf den weiten Weg nach Lübars machten, staunte sie noch mehr: "das ist ja wie auf dem Lande, guck mal, ein richtiger Bauernhof!"
"Hast Du schon mal verkehrte Bauernhöfe gesehen?" fragte ich im Stillen. Sie machten wohl gerade Pause; denn die Schubkarre wartete
auf neue Ladung.
Im Bett waren wir immer noch unersättlich.
Leider gab es auch damals nicht nur Wochenenden; Rio Reiser hatte sich noch nicht als "König von Deutschland" für andere Lösungen stark machen können.
Ich musste wieder zur Schule — und Antje wollte sich um eine Wohnung und um eine Arbeitsstelle bemühen. So waren wir beide tagsüber unterwegs. Wenn wir uns abends in der Wohnung trafen, waren wir froh, uns zu sehen.
Schwieriger war es, wenn ich länger Schule hatte. Die letzten Referate der Praktikanten liefen — und es gab Arbeitsgruppen, die die Klassenfahrt vorbereiten sollten. So passierte es manchmal, dass ich wesentlich später zurückkam als Antje.
Sie saß dann meistens übelgelaunt am Küchentisch und "der Abend war gelaufen".
Einmal war es besonders spät geworden; denn wir hatten die Themen "Waldbrand in der Lüneburger Heide" und "Demo gegen das Atomkraftwerk Brokdorf" auf den Tagesordnungen.
Weil ich in der Foto-AG war, musste ich mich am Thema des großen Brandes beteiligen — und um Atomkraft und eine geplante große Demo ging es der ganzen Klasse.
Statt KLASSE hätte ich auch KOLLEKTIV sagen können; es entstand immer mehr ein "Gemeinschaftsgeist"; wohl im Vorgriff auf die Klassenfahrt, wie ich vermutete. Individualität war noch weniger gefragt als vorher und die Gemeinschaft mischte sich sogar in "persönliche Belange" ein. So fanden viele mein Zusammensein mit Antje als "den alten Verhältnissen folgend" und dass ich die "zu überwindende unterdrückende Mann-Frau-Beziehung" dadurch länger aufrecht erhielt, anstatt mich emanzipatorischen Bezeihungen zu widmen.
Auch eine Mitschülerin bekam "ihr Fett weg", die schon lange mit ihrem Freund zusammen war, sogar schon vor dem Ausbildungsbeginn an unserer Schule.
Ihr wurde gesagt, sie wäre zu inaktiv, wäre noch nie zur Frauengruppe mitgekommen, sie solle sich endlich mal von ihrem Freund lossagen und frei sein.
"Wisst ihr was? Antje ist erst ein paar Tage zu Besuch", sagte ich in einer Rechtfertigungs-Diskussion, die von einem aus der WG angezettelt wurde.
Er ging nicht näher darauf ein, sondern erinnerte mich daran, dass auch immer noch eine Entscheidung FÜR oder GEGEN die Wohngemeinschaft anstand, wie er sich ausdrückte. Mit "ich denke, Karin ist noch nicht ausgezogen", nahm ich ihm ein wenig den Wind aus den Segeln.
Wie freute ich mich auf die AG "Kinderladenpädagogik"; denn in der waren von jeder Klasse nur ein paar MitschülerInnen. Es ging recht locker zu — und an manchen Tagen veranstalteten wir lustige Rollenspiele und spielten einen Elternabend durch. Es ging darum, den Eltern die pädagogischen Ziele des Kinderladens zu vermitteln. Aber auch ganz alltägliche Informationen wurden den "Eltern" nahegebracht. So mussten wir einen Vater darauf aufmerksam machen, dass er noch nichts in die Solidaritätskasse gezahlt hatte.
Nach der AG ging ich noch mit einigen Leuten aus der Nachbarklasse ein Bier trinken.
In der Studentenkneipe ging einer herum und verkaufte Eintrittskarten für "Die Scherben". Ich staunte, "Ton — Steine — Scherben in der Neuen Welt Hasenheide" stand auf der Eintrittskarte.
Da konnte ich von meiner Wohnung aus fast zu Fuß hinlaufen. Ich nahm zwei Karten, um Antje zu überraschen.
Als ich sehr spät — und etwas beschwingt — in die Wohnung zurückkam, war Antje nicht da.
Sie kam zwei Stunden später und schaute sauer drein: "Immer kommst Du so spät".
"Guck mal", ich hielt ihr die Karten hin, "die Scherben spielen in der Hasenheide und ich habe Karten für uns ergattern können".
Sie schien wenig begeistert, "kenn ich nicht!"
"Was, Du kennst nicht einmal 'macht kaputt, was euch kaputt macht?' Na, dann wird es Zeit".
"Außerdem brauchte ich noch Bescheinigungen aus der Klinik", maulte sie herum, "dann kann ich vielleicht im Bezirksamt Tiergarten anfangen!"
"Das klingt doch gut, dann rufe an und lass Dir die Bescheinigungen schicken", riet ich ihr.
"Ja, aber ich möchte lieber hinfahren und sie abholen, kommst Du mit?"
Viel Lust hatte ich nicht, aber ich erklärte mich bereit. Eine Mitschülerin aus meiner Klasse hatte mir schon häufiger ihren Käfer angeboten, falls ich mal ein Auto brauchte. Das Angebot wollte ich nutzen.
Antje war wieder etwas besänftigt und schien sich auch auf das Konzert zu freuen.
"Eine Arbeit hat sie nun in Aussicht", dachte ich, ""¦ und eine Wohnung?"
Ich fragte aber nicht; denn ich wollte mir die gerade zurückeroberten Sympathien nicht gleich wieder verspielen.
Das Konzert gefiel ihr nur so "mittelprächtig". Es war wohl nicht so ganz ihre Musikrichtung. Sie wunderte sich auch darüber, dass Leute aus dem Publikum die Bühne enterten und mit der Gruppe eine Diskussion über politische Inhalte und über "für oder wider SPD" führen wollten. Erst nach längerer Zeit ging das Konzert weiter.
Auch trafen wir Leute von meiner Schule, aber sie hatte kein Interesse an einer Unterhaltung.
Sie ließ sich deutlich anmerken, dass sie meine MitschülerInnen nicht mochte und so lehnten wir ohne weitere Erklärung ab, als jemand fragte: "Kommt ihr noch mit auf ein Bier nachher?"
Unsere kleine Reise bedeutete ein wenig Auflockerung für uns beide — jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich äußerte: "hier fahre ich dann bald schon wieder lang, wenn es auf die Klassenfahrt geht!"
Ich hatte mir wirklich nichts dabei gedacht.
"Ach ja, Du verreist bald mit Deiner Kommune!" Sie musste nichts mehr sagen — ihr Gesichtsausdruck sagte alles. Sie war sauer!
Der Rest der Fahr verlief schweigend.
Sie taute erst auf, als wir die Klinik erreicht hatten.
Da sie einige Jahre dort gearbeitet hatte, stellte man uns im gegenüberliegenden Schwesternheim ein "Besucherzimmer" zur Verfügung, so mussten wir nicht gleich zurückfahren.
Die Bescheinigungen bekam sie gleich ausgehändigt. Das schien ihre Laune erheblich zu verbessern.
Es wurde ein richtig netter Abend, den wir erst mit ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen verbrachten und dann mit uns.
Wir waren uns ganz zugetan, fast wie am ersten Abend.
"Sie ist eigentlich doch ganz nett", dachte ich mir, kurz bevor ich einschlief, "sie kommt nur nicht immer dazu!".
Am nächsten Morgen lief mir die Psychologin über den Weg, als ich in der Kantine eine Zeitung holen wollte. Sie zog mich gleich in ihr Büro. Sicherlich hätte ich Antje etwas sagen müssen; denn sie wartete noch in unserem Zimmer.
Die Psychologin fragte mich lachend, was "meine Sinuskurve" machen würde, "unten oder oben?"
"Ich glaube nicht, dass an Ihrer Theorie etwas dran ist", sagte ich zu ihr, "die Kurve ist hoch oben und ich spüre überhaupt keinen Grund, warum sich das ändern sollte!"
"Hast Du denn nicht"¦",
Ich fiel ihr ins Wort, denn ich antwortete schnell, viel zu schnell; dabei wollte ich nicht unhöflich sein: "Nur selten habe ich Frauensachen angezogen, aber meistens nur aus rein technischen Notwendigkeiten!"
Sie guckte fragend, "technische Notwendigkeiten??? Und Deine Gefühle und Gedanken?"
"Nein, wirklich nur rein technisch, wie so eine Art Verkleidung", log ich, doch dann setzte ich zögernd fort, leicht errötend: "einmal, ich hatte so ein Penthouse-Heft"¦".
"Selbstbefriedigung ist ganz normal!" gab sie zur Antwort.
"Nein, das ist es nicht!"
Ich beschrieb ihr die Situation genauer. Schließlich verstand sie, dass es nicht um Selbstbefriedigung ging und wie ich es meinte.
"Nächste Woche kommt der zweite Fragebogen — und wegen der BH-Frage werde ich mich mal umhören".
Sie lächelte aufmunternd, "Wirst Du zum Jahrestreffen kommen?"
Ich wollte es mir überlegen.
""¦ und eine medizinische Untersuchung?"
"Mal sehen!"
Ich verabschiedete mich.
Lange hatte unser Gespräch nicht gedauert.
Trotzdem empfing mich Antje mit einem Gesichtsausdruck, zu dem mir nur "wenn Blicke töten könnten" einfiel. "Nun würde ich meine Sinuskurve doch etwas anders beurteilen", dachte ich und musste über meinen Gedanken schmunzeln.
"Was, Du lachst noch? Das ist das Allerletzte! Wo warst Du?"
Ich erzählte ihr, dass ich auf dem Weg zur Kantine die Psychologin getroffen hatte und dass sich ein kurzes Gespräch entwickelt hätte.
"Kurzes Gespräch?! Du hängst ewig mit der Psychotante rum und lässt mich hier warten.
Was willst Du überhaupt von der, die hat doch selber 'n Rad ab!"
Darauf gab ich keine Antwort, sondern nahm unsere Tasche und sagte: "komm, lass uns fahren. Gibst Du die Schlüssel ab?"
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triona
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Selbst erlebt - so der so ähnlich - oder ausgedacht?Anne-Mette hat geschrieben: Es stellte sich eine gewisse Routine ein, als ich wieder über die Mauer zum Nachbarhaus kletterte. Leider landete ich fast in den Armen des Hausmeisters, der genau so überrascht und erschrocken war wie ich. "Hoppla, junge Dame", er schien mich nicht gleich zu erkennen, meinte dann aber doch: "ach, Du bist es. Warum gehst Du nicht wie andere anständige Leute durch die Eingangstür?"
Ich erklärte ihm, dass ich keinen Wert darauf legte, durch MEINE Haustür ins Freie zu treten, sondern dass ich durchaus ein Interesse daran hatte, ungesehen ins Berliner Wochenendleben zu entwischen.
"Ja, Eifersucht ist eine schlimme Sache", meinte er dazu. Ich ließ ihm diesen Glauben, und als er fragte, "wer ist es denn?" gab ich ihm eine ausweichende Antwort.
Es war mir ganz recht, dass er eine falsche Vermutung hatte. Immerhin glaubte er sogar an die Notwendigkeit meiner Verkleidung.
"Du musst aber nicht über die Mauer springen", meinte er, "guck mal, hier ist eine Tür, zu der der liebe Hausmeister einen Schlüssel hat!"
Er grinste und hielt mir einen verrosteten Schlüssel vor die Nase, "der passt nicht nur hier, sondern auch noch für den nächsten Hof-Übergang!
Interesse?"
Natürlich hatte ich Interesse; denn wenn ich die Türen benutzen konnte, musste ich nicht über die Mauer klettern und würde auch nicht mehr in Gefahr laufen, meine Kleidung zu beschmutzen, ganz zu schweigen von dem Aufsehen, das ich erregte, wenn ich häufiger über die Mauer sprang.
"5 Mark", sagte er. Damit war ich sofort einverstanden. "Du kannst den hier nehmen, ich feile mir einen neuen zurecht!"
Schon war ich im Besitz des Schlüssels.
Kurz und knapp, furztrocken, ohne großes Geseier.Anne-Mette hat geschrieben:Erst nach ein paar Augenblicken wandte er sich mir zu, "wie siehst Du denn aus, "¦bist Du etwa?"
"Nein, bin ich nicht!" (was immer ich auch sein sollte)
Inselleute sind halt so.
Und die beiden letzten Abschnitte erinnern mich in Manchem an Sachen, die ich in diesen Jahren selber erlebt habe.
liebe grüße
triona
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Anni
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Hallo Anne-Mette
... wo bleibt mein täglicher " Schmunzel - Report " ?
--- Montag Ruhetag ???
@ triona : da steht nicht Autobiographie oder Dokumentation als Überschrift
LG von frecher Anni
... wo bleibt mein täglicher " Schmunzel - Report " ?
@ triona : da steht nicht Autobiographie oder Dokumentation als Überschrift
Deshalb mag ich DIEtriona hat geschrieben: Kurz und knapp, furztrocken, ohne großes Geseier.
Inselleute sind halt so.
LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
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Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Moin,
Ich weiß ja nicht, welcher Tag im Osten ist
Du wirst dich nicht noch einen alten Kalender in Betrieb haben?
Es ist kein Tatsachenbericht, aber...
Ich hatte zu tun heute; schließlich hat eine ordentliche Hausfrau vor Ostern einige Aufgaben zu erledigen. Morgen muss ich auch noch die "werktätige Bevölkerung" bekochen.
Vor morgen oder sogar übermorgen gibt es nix Neues
Gruß
Anne-Mette
Heute ist Mittwoch, jedenfalls hier im Norden--- Montag Ruhetag ???
Ich weiß ja nicht, welcher Tag im Osten ist
Es ist kein Tatsachenbericht, aber...
Ich hatte zu tun heute; schließlich hat eine ordentliche Hausfrau vor Ostern einige Aufgaben zu erledigen. Morgen muss ich auch noch die "werktätige Bevölkerung" bekochen.
Vor morgen oder sogar übermorgen gibt es nix Neues
Gruß
Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Hallo Anne-Mette
Danke für das Up-date
... naja , bin immer noch nicht genesen und wohl etwas " aus der Spur " - zumindest mit Vielem nun ein bisschen
spät dran
Aber es soll Ostern vor der Tür stehen - bin zu faul nachzusehen , ob's stimmt
Werde die " arbeitsfreien Tage " , zu denen man uns im Wettergerücht 2 stellige Temperaturen versprochen hat , zur Widerherstellung meiner
körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit nutzen .
So wünsche ich Dir und Deiner Familie schon mal ein schönes Osterfest
GLG von frecher Anni
die mal bei Einstein was von Zeitdilatation gehört hat
Danke für das Up-date
spät dran
Aber es soll Ostern vor der Tür stehen - bin zu faul nachzusehen , ob's stimmt
Werde die " arbeitsfreien Tage " , zu denen man uns im Wettergerücht 2 stellige Temperaturen versprochen hat , zur Widerherstellung meiner
körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit nutzen .
So wünsche ich Dir und Deiner Familie schon mal ein schönes Osterfest
GLG von frecher Anni
die mal bei Einstein was von Zeitdilatation gehört hat
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Moin,
Gruß
Anne-Mette
Euch auch!schönes Osterfest
Aber nicht gleich Bäume ausreißenmeiner
körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit nutzen
Gruß
Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
In Berlin riss der Ärger nicht ab.
Wir hatten uns kaum ein paar Minuten von der Rückreise erholt und saßen bei einem Kaffee am Küchentisch, da klingelte es Sturm. Ich hatte insgeheim gehofft, wir würden am Abend noch zu einem "versöhnlichen Abschluss des Wochenendes kommen", aber daraus sollte nichts werden.
Antje ging an die Tür und kam mit einem Gesichtsausdruck zurück, der nichts Gutes versprach.
"Da ist eine oder einer für Dich, das weiß man nicht so genau!"
Sie hatte unseren Gast nicht hineingebeten. Ich stand auf und schaute nach. Es war Elli.
Sie war ziemlich aufgeregt: ""¦die Gartenanlage wird abgerissen!"
Ich dachte, sie hätte getrunken und bot ihr einen Kaffee und ein Glas Wasser an, aber sie war ganz nüchtern.
"Wir müssen unsere Gartensachen abholen, morgen kommen die Abrissbagger!"
Ich verstand nur Bahnhof.
Als Antje sich einen Moment von uns abwandte, um mir Kaffee nachzuschenken, machte Elli mit dem Zeigefinger die Bewegung, die wohl "schießen" bedeuten sollte.
Mit fiel unser Depot wieder ein.
"Ach so, Du meinst die Gartenwerkzeuge, die wir bei Deinem Kumpel untergestellt haben", sagte ich zu ihr, "nun verstehe ich!"
"Ich weiß nicht, ob Du wirklich alles verstanden hast", meinte Elli, "wir müssen die Sachen heute noch abholen. Gestern konnte ich Dich nicht erreichen!"
"Stimmt", gestern waren wir in Westdeutschland, brachte Antje in das Gespräch ein.
"Ich habe von einem Kumpel einen Kombi geliehen, wir können gleich los", drängelte Elli.
"Dann fahrt mal los", gab Antje uns mit auf den Weg, "mich werdet ihr nicht brauchen".
Der Tonfall hörte sich an wie eine Frage, aber sie hatte sich wohl schon entschieden, in der Wohnung zu bleiben — und das war in diesem Fall auch gut so!
Wir mussten uns ein ganzes Stück durch die Stadt fahren, bis wir unser Ziel erreicht hatten. "Die Polizeiwache neben dem Gartengelände wird erweitert und deshalb sind die Pachtverträge nicht verlängert worden. Ich habe auch erst so spät davon erfahren, weil ich meinen Kumpel lange nicht gesehen habe", erläuterte Elli mir die Dringlichkeit der Angelegenheit während der Fahrt.
"Es wäre am besten, wir lassen die Waffen gleich an Ort und Stelle", meinte ich, aber Elli gab mir zur Antwort, dass ihr Kumpel in die allergrößten Schwierigkeiten käme, wenn unser Lagergut dort gefunden werden würde: "Der würde auch gleich sagen, dass die Sachen von uns sind".
Das sah ich ein, fragte sie aber: "weiß er etwa von mir?"
"Ja natürlich, stell Dir vor, mir wäre etwas passiert, dann müsstest Du doch an die Sachen kommen.
Nein — ich wollte nicht "an die Sachen kommen!"
Die entwickelten sich nun wirklich zu einem Problem und zu einem "Klotz am Bein".
"Stellen wir die Koffer einfach den Bullen vor die Tür", schlug ich vor.
"Keinesfalls!" Elli war vollkommen dagegen, "wenn die uns erwischen, dann kriegen sie uns dran, die sind sowieso äußerst nervös im Moment. Die Abschnitte werden besonders gut bewacht".
Das machte mich nicht gerade hoffnungsfroh für unsere Mission; denn sie würden bestimmt auch immer mal wieder einen Blick auf das Kleingartengelände werfen, galt es doch, eventuelle Demonstranten oder Hausbesetzer fernzuhalten.
Aber wir hatten zunächst Glück. Wir konnten zwar sehen, weil wir eine gute Übersicht hatten, dass ein Posten vor der etwas tieferliegenden Wache stand, aber er schaute nicht zu uns hinüber.
So gelangten wir ohne Probleme auf das Gelände der "Kolonie 69".
"Könnten wir auch mal wieder machen", dachte ich mir, als ich den Namen las und ich wollte schon das Schild abmontieren oder samt Haltestange aus dem Boden ziehen und Antje bei meiner Rückkehr überreichen, aber Elli zog mich fort und meinte: "komm nun endlich!"
Die Gartenbude war unverschlossen, aber die eiserne Luke war noch genauso gesichert, wie wir sie verlassen hatten.
Elli schloss auf und wir holten unsere Koffer.
Ziemlich außer Atem waren wir unterwegs zum Auto und hatten dabei immer einen Blick auf die Polizeiwache. Dort war weiterhin alles ruhig.
"Was machen Sie da?!"
Ganz unerwartet wurden wir von einem der Grundstücke aus von einem Mann angesprochen.
Aber das Glück war auf unserer Seite; er hatte Elli wohl schon früher einmal in der Kolonie gesehen und als sie sagte, "wir holen nur die Sachen, weil morgen die Abrissbagger kommen" war er als zweiter Vorsitzender des Gartenvereins zufrieden.
Leider ging das nicht so ganz leise vor sich und der wachhabende Polizist wurde auf uns aufmerksam.
Er öffnete die Tür und rief irgendetwas in die Wache hinein. Bald darauf erschien ein zweiter Polizist, der ein Zeichen mit der Hand erhielt. Der Wachhabende zeigte genau in unsere Richtung.
"Nun sind wir geliefert", dachte ich mir, "Antje muss sich keine Wohnung mehr suchen, sondern kann auf Jahre meine Wohnung benutzen". Wegrennen? — ging nicht mehr!
Schon stand der Polizist vor uns.
"Der MUSS einfach merken, wie Dein Herz pocht", dachte ich mir, "gleich nimmt er uns fest!".
"Alles in Ordnung, ich kenne die beiden, die holen nur die Sachen ab wegen der Abrissverfügung!"
Das war Hilfe aus unerwarteter Richtung.
"Sehr schade um die schöne Kolonie", sagte er zum Abschied, "macht"™s gut, das war wohl meine letzte Runde heute Abend!"
"Ja, danke, vielleicht sieht man sich mal wieder".
Übertrieben dankbar schüttelten wir ihm die Hand und hofften, der Polizist würde endlich gehen.
Doch er blieb.
Er unterhielt sich noch ein paar Minuten mit dem Mann und wir schlichen uns leise und langsam davon.
"Moment", wurden wir zurückgerufen"¦
""¦ ich komme und helfe Ihnen!"
"Nicht nötig", aber da stand er schon direkt hinter uns, noch bevor wir das Auto erreicht hatten.
"Sie sollten das Auto abschließen, wenn Sie parken!"
Er hatte durch die Fenster gesehen, dass die "Nippel" der Türen alle oben waren.
"Ja, es war nur kurz und wir hatten das Auto fast die ganze Zeit im Blick", antwortete Elli.
Er öffnete die Heckklappe für uns und wir hoben unsere Koffer hinein.
"Vielleicht sollte ich noch einen Blick in Ihre Papiere werfen" sagte er zu Elli.
Sie griff gleich in die Innentasche ihrer Jacke. Ich hoffte inständig, dass sie dort keine Waffe, sondern tatsächlich Papiere hatte.
"Ach, ist schon gut, wenn Kurt Sie kennt"¦".
Damit ließ er es bewenden und wünschte uns einen schönen Abend, bevor er sich auf den Weg zurück zur Wache machte.
"Wir müssen die Koffer loswerden", ich redete auf Elli ein, während wir auf dem Rückweg durch die Stadt waren, "ich habe Probleme genug im Moment".
Ich setzte nach: ""¦ nicht nur im Moment, sondern schon eine ganze Weile — und ich möchte nicht, dass ich auch in Zukunft Probleme habe!"
"Vakofen war nich", berlinerte Elli, "und verjraben is och schlecht! Wo sollen wir hin mit dem Zeug?"
Ich gab zu bedenken, dass eine Aufbewahrung in unseren Häusern oder auf dem Dachboden auch keine geeignete Lösung wäre.
"Am besten wäre sicherlich, wir bringen die Waffen zurück auf die Insel!"
Das war sicherlich der beste Einfall, den Elli seit langem gehabt hatte.
Viel Zeit war eigentlich nicht, denn ich hatte immer noch viel Vorbereitungsarbeit für die Klassenfahrt zu leisten.
Trotzdem musste ich auch am folgenden Wochenende Berlin verlassen und auf die Insel fahren.
Das musste ich irgendwie Antje beibringen.
Leider war sie nicht gerade begeistert davon, dass ich alleine mit Elli "auf Tour gehen wollte", wie sie sagte und wollte unbedingt mitfahren. Auch verstand sie nicht ganz die Notwendigkeit, was sicher daran lag, dass sie nicht einsehen konnte, dass wir unbedingt "Werkzeuge" auf die Insel bringen wollten. "Die werden da gebraucht" war nur ein schwaches Argument.
So sehr ich auch auf sie einredete; sie blieb dabei: "Ich fahre mit!"
Ich überlegte viele Lösungseinsetze; denn diese Reise auf die Insel würde auch sie in große Gefahr bringen, wenn man uns schnappen sollte.
Elli schlug mir vor, sich in ein anderes Abteil zu setzen mit unseren beiden Koffern. Das rechnete ich ihr hoch an. Sie tat so, als wäre es in unserem Abteil zu voll und verschwand mit den Koffern in einem anderen Wagen.
Wir hatten nur unsere Reise-Utensilien und ein paar Sachen von Elli in unserer Reisetasche und waren als "verliebtes Paar" unterwegs sein: ein Inselausflug über"™s Wochenende!
Es ging dann auch alles gut; Samstagabend erreichten wir die Insel und nahmen ein Taxi.
Meine Schwester nahm Antje ein wenig "unter ihre Fittiche". So konnten Elli und ich zu Hein rübergehen und ihn um Rat fragen.
Auch ihm brannten seine "Pakete" ganz schön unter den Nägeln und er war auf sich selbst sauer, dass er uns nicht einen größeren Anteil gegeben hatte.
"Am besten bringen wir die Sachen an Ort und Stelle zurück", schlug ich vor.
Hein meinte allerdings, das wäre aussichtslos; denn sie hätten den Tunnel inzwischen mit Gittern gesichert. Wir waren wohl nicht die einzigen "Besucher" auf dem Gelände gewesen.
Allerdings kam ihm eine andere Idee.
Am Rande des militärischen Sperrgebietes, fast an der großen Kiesgrube gelegen, lag ein Haus, das von unseren Leuten aus dem Dorf mit vorgehaltener Hand als "Adlerhorst" bezeichnet wurde.
Ich hatte mich früher nie darum gekümmert; denn das Haus war für uns unerreichbar — und die älteren Bewohner hatten solche bedrohlichen Geschichten erzählt, dass wir es zumindest als Kinder mit dem Spukhaus aus Tom Sawyers Abenteuern verglichen.
Allerdings hatte man uns nie klar gesagt, was dort nun stattgefunden hatte. Einige Leute erzählten, da wäre es "verseucht", andere Sprachen von einem "Nazi-Drama in den letzten Stunden".
"Stimmte es, dass das Gelände verseucht ist?" fragte ich Hein.
"Quatsch, nein, keinesfalls", antwortete er entrüstet, "da sollen sich SS-Leute gegenseitig abgeknallt haben.
Seitdem war da keiner mehr drinnen".
"Und nun wir", meinte ich, "fragt sich nur, wie wir auf das Gelände kommen".
Hein sagte, dass der Zaun zur Kiesgrube hin "nicht so ganz doll" wäre. Er stand auch schon auf dem Plan für die bald durchzuführenden Reparaturen und Erneuerungen.
"Da kommt eine ganz neue Abgrenzung hin mit Betonteilen", gab er uns zur Kenntnis, "wenn es eine Gelegenheit geben sollte, dann jetzt!"
"Jetzt sofort?" fragte ich.
"Ja klar, jetzt und sofort!"
Elli und Hein waren sich einig.
Wir luden unsere "Pakete" und seine, die er aus dem Keller holte, in einen alten Opel Caravan, der auf dem Hof stand.
Schon waren wir unterwegs. Bis zur Kiesgrube war es nicht weit. Am Wochenende war sie verlassen.
Hein hatte ein Hebegerät mit, das er "Daumenkraft" nannte, als ich ihn fragte. Damit konnte er den unteren Teil des Zaunes anheben.
Der Draht war fast bis zum Zerreißen gespannt, als wir ihn gerade so hoch gedrückt hatten, dass wir hindurchkriechen konnten.
"Hoffentlich ist der Zaun nicht elektrisch", dachte ich mir. "Unfug", fiel mir ein, wir haben ihn doch schon angefasst und keinen Schlag bekommen — keinen Strom bemerkt!"
Wir mussten uns ganz schön abrackern, aber schließlich standen wir mit unserer "heißen Ware" an einer Halbtreppe, die hinunter zum Keller des Adlerhorstes führte.
Hein ging voran.
Wir reichten ihm die Sachen zu. Er hatte inzwischen die eiserne Tür geöffnet und brachte alles hinein.
Er kam zurück.
Aus einer kleinen Senke nahm er einen ganzen Arm voller Laub und trug uns auf, es ihm nachzumachen. Das Laub beförderten wir auf die Kellertreppe und verteilten es, sodass es schließlich so aussah, als wäre schon lange keiner mehr da gewesen, um sich um das Grundstück zu kümmern.
"Ein richtiges Gesamtkunstwerk!" Hein war zufrieden.
Ungesehen erreichten wir das Auto.
Den Zaun mussten wir wieder ein wenig "zurechtrücken", aber ein etwas Sand von der Kiesgrube, den wir verstreuten, machte auch hier einen "gefälligen Eindruck". Wer das nicht weiß, den macht das nicht heiß", dichtete Hein dazu.
Elli und ich setzten uns in den Wagen. Hein verschwand kurz. Ich dachte, er wäre pinkeln, doch dann sah ich ihn mit einem Bagger mit hoher Geschwindigkeit auf uns zufahren.
"Nun ist er ganz verrückt geworden", dachte ich mir.
Ich wollte gerade aus dem Auto springen, weil ich dachte, er würde uns mit Absicht rammen, da bremste er.
"Fahrt mal das Auto raus, ich mache hier ein paar Spuren, damit man unsere Reifenabdrücke nicht mehr sehen kann!"
Hein übertrieb nicht mit seinem Spurenmuster. Schließlich sollte alles "möglichst zufällig" aussehen.
Wir waren froh, als wir wieder bei Hein auf dem Hof waren.
"Mir fällt ein Stein vom Herzen", gab er zu, "ich habe ein gutes Angebot für die Hütte hier, wenn alles gut geht, bin ich bald Millionär! Deshalb muss alles raus.
Andauernd kommen Leute her und messen und prüfen und schnüffeln und machen sich Notizen"
Wir gratulierten mehr höflich als enthusiastisch. Wir waren erschöpft, aber dankbar, als Hein uns Bier aus dem Keller holte.
"Kommt nicht auf dumme Gedanken", meinte er, "ein paar von den Eisen habe ich behalten — als stille Reserve!"
Nein, daran hatten wir kein Interesse.
"Wir müssen mal wieder rüber", ich drängte zum Aufbruch.
Ich lag schon im Bett, als Antje ins Zimmer kam und sich auszog.
Als sie den BH ablegte und über die Stuhl-Lehne hängte, hatte ich auf einmal eine ganz tiefe Sehnsucht, mal wieder "als Frau" einen Tag zu verbringen.
"Was hast Du", fragte Antje, "alles in Ordnung?"
"Ja, alles OK, ich bin nur müde!"
Wir hatten uns kaum ein paar Minuten von der Rückreise erholt und saßen bei einem Kaffee am Küchentisch, da klingelte es Sturm. Ich hatte insgeheim gehofft, wir würden am Abend noch zu einem "versöhnlichen Abschluss des Wochenendes kommen", aber daraus sollte nichts werden.
Antje ging an die Tür und kam mit einem Gesichtsausdruck zurück, der nichts Gutes versprach.
"Da ist eine oder einer für Dich, das weiß man nicht so genau!"
Sie hatte unseren Gast nicht hineingebeten. Ich stand auf und schaute nach. Es war Elli.
Sie war ziemlich aufgeregt: ""¦die Gartenanlage wird abgerissen!"
Ich dachte, sie hätte getrunken und bot ihr einen Kaffee und ein Glas Wasser an, aber sie war ganz nüchtern.
"Wir müssen unsere Gartensachen abholen, morgen kommen die Abrissbagger!"
Ich verstand nur Bahnhof.
Als Antje sich einen Moment von uns abwandte, um mir Kaffee nachzuschenken, machte Elli mit dem Zeigefinger die Bewegung, die wohl "schießen" bedeuten sollte.
Mit fiel unser Depot wieder ein.
"Ach so, Du meinst die Gartenwerkzeuge, die wir bei Deinem Kumpel untergestellt haben", sagte ich zu ihr, "nun verstehe ich!"
"Ich weiß nicht, ob Du wirklich alles verstanden hast", meinte Elli, "wir müssen die Sachen heute noch abholen. Gestern konnte ich Dich nicht erreichen!"
"Stimmt", gestern waren wir in Westdeutschland, brachte Antje in das Gespräch ein.
"Ich habe von einem Kumpel einen Kombi geliehen, wir können gleich los", drängelte Elli.
"Dann fahrt mal los", gab Antje uns mit auf den Weg, "mich werdet ihr nicht brauchen".
Der Tonfall hörte sich an wie eine Frage, aber sie hatte sich wohl schon entschieden, in der Wohnung zu bleiben — und das war in diesem Fall auch gut so!
Wir mussten uns ein ganzes Stück durch die Stadt fahren, bis wir unser Ziel erreicht hatten. "Die Polizeiwache neben dem Gartengelände wird erweitert und deshalb sind die Pachtverträge nicht verlängert worden. Ich habe auch erst so spät davon erfahren, weil ich meinen Kumpel lange nicht gesehen habe", erläuterte Elli mir die Dringlichkeit der Angelegenheit während der Fahrt.
"Es wäre am besten, wir lassen die Waffen gleich an Ort und Stelle", meinte ich, aber Elli gab mir zur Antwort, dass ihr Kumpel in die allergrößten Schwierigkeiten käme, wenn unser Lagergut dort gefunden werden würde: "Der würde auch gleich sagen, dass die Sachen von uns sind".
Das sah ich ein, fragte sie aber: "weiß er etwa von mir?"
"Ja natürlich, stell Dir vor, mir wäre etwas passiert, dann müsstest Du doch an die Sachen kommen.
Nein — ich wollte nicht "an die Sachen kommen!"
Die entwickelten sich nun wirklich zu einem Problem und zu einem "Klotz am Bein".
"Stellen wir die Koffer einfach den Bullen vor die Tür", schlug ich vor.
"Keinesfalls!" Elli war vollkommen dagegen, "wenn die uns erwischen, dann kriegen sie uns dran, die sind sowieso äußerst nervös im Moment. Die Abschnitte werden besonders gut bewacht".
Das machte mich nicht gerade hoffnungsfroh für unsere Mission; denn sie würden bestimmt auch immer mal wieder einen Blick auf das Kleingartengelände werfen, galt es doch, eventuelle Demonstranten oder Hausbesetzer fernzuhalten.
Aber wir hatten zunächst Glück. Wir konnten zwar sehen, weil wir eine gute Übersicht hatten, dass ein Posten vor der etwas tieferliegenden Wache stand, aber er schaute nicht zu uns hinüber.
So gelangten wir ohne Probleme auf das Gelände der "Kolonie 69".
"Könnten wir auch mal wieder machen", dachte ich mir, als ich den Namen las und ich wollte schon das Schild abmontieren oder samt Haltestange aus dem Boden ziehen und Antje bei meiner Rückkehr überreichen, aber Elli zog mich fort und meinte: "komm nun endlich!"
Die Gartenbude war unverschlossen, aber die eiserne Luke war noch genauso gesichert, wie wir sie verlassen hatten.
Elli schloss auf und wir holten unsere Koffer.
Ziemlich außer Atem waren wir unterwegs zum Auto und hatten dabei immer einen Blick auf die Polizeiwache. Dort war weiterhin alles ruhig.
"Was machen Sie da?!"
Ganz unerwartet wurden wir von einem der Grundstücke aus von einem Mann angesprochen.
Aber das Glück war auf unserer Seite; er hatte Elli wohl schon früher einmal in der Kolonie gesehen und als sie sagte, "wir holen nur die Sachen, weil morgen die Abrissbagger kommen" war er als zweiter Vorsitzender des Gartenvereins zufrieden.
Leider ging das nicht so ganz leise vor sich und der wachhabende Polizist wurde auf uns aufmerksam.
Er öffnete die Tür und rief irgendetwas in die Wache hinein. Bald darauf erschien ein zweiter Polizist, der ein Zeichen mit der Hand erhielt. Der Wachhabende zeigte genau in unsere Richtung.
"Nun sind wir geliefert", dachte ich mir, "Antje muss sich keine Wohnung mehr suchen, sondern kann auf Jahre meine Wohnung benutzen". Wegrennen? — ging nicht mehr!
Schon stand der Polizist vor uns.
"Der MUSS einfach merken, wie Dein Herz pocht", dachte ich mir, "gleich nimmt er uns fest!".
"Alles in Ordnung, ich kenne die beiden, die holen nur die Sachen ab wegen der Abrissverfügung!"
Das war Hilfe aus unerwarteter Richtung.
"Sehr schade um die schöne Kolonie", sagte er zum Abschied, "macht"™s gut, das war wohl meine letzte Runde heute Abend!"
"Ja, danke, vielleicht sieht man sich mal wieder".
Übertrieben dankbar schüttelten wir ihm die Hand und hofften, der Polizist würde endlich gehen.
Doch er blieb.
Er unterhielt sich noch ein paar Minuten mit dem Mann und wir schlichen uns leise und langsam davon.
"Moment", wurden wir zurückgerufen"¦
""¦ ich komme und helfe Ihnen!"
"Nicht nötig", aber da stand er schon direkt hinter uns, noch bevor wir das Auto erreicht hatten.
"Sie sollten das Auto abschließen, wenn Sie parken!"
Er hatte durch die Fenster gesehen, dass die "Nippel" der Türen alle oben waren.
"Ja, es war nur kurz und wir hatten das Auto fast die ganze Zeit im Blick", antwortete Elli.
Er öffnete die Heckklappe für uns und wir hoben unsere Koffer hinein.
"Vielleicht sollte ich noch einen Blick in Ihre Papiere werfen" sagte er zu Elli.
Sie griff gleich in die Innentasche ihrer Jacke. Ich hoffte inständig, dass sie dort keine Waffe, sondern tatsächlich Papiere hatte.
"Ach, ist schon gut, wenn Kurt Sie kennt"¦".
Damit ließ er es bewenden und wünschte uns einen schönen Abend, bevor er sich auf den Weg zurück zur Wache machte.
"Wir müssen die Koffer loswerden", ich redete auf Elli ein, während wir auf dem Rückweg durch die Stadt waren, "ich habe Probleme genug im Moment".
Ich setzte nach: ""¦ nicht nur im Moment, sondern schon eine ganze Weile — und ich möchte nicht, dass ich auch in Zukunft Probleme habe!"
"Vakofen war nich", berlinerte Elli, "und verjraben is och schlecht! Wo sollen wir hin mit dem Zeug?"
Ich gab zu bedenken, dass eine Aufbewahrung in unseren Häusern oder auf dem Dachboden auch keine geeignete Lösung wäre.
"Am besten wäre sicherlich, wir bringen die Waffen zurück auf die Insel!"
Das war sicherlich der beste Einfall, den Elli seit langem gehabt hatte.
Viel Zeit war eigentlich nicht, denn ich hatte immer noch viel Vorbereitungsarbeit für die Klassenfahrt zu leisten.
Trotzdem musste ich auch am folgenden Wochenende Berlin verlassen und auf die Insel fahren.
Das musste ich irgendwie Antje beibringen.
Leider war sie nicht gerade begeistert davon, dass ich alleine mit Elli "auf Tour gehen wollte", wie sie sagte und wollte unbedingt mitfahren. Auch verstand sie nicht ganz die Notwendigkeit, was sicher daran lag, dass sie nicht einsehen konnte, dass wir unbedingt "Werkzeuge" auf die Insel bringen wollten. "Die werden da gebraucht" war nur ein schwaches Argument.
So sehr ich auch auf sie einredete; sie blieb dabei: "Ich fahre mit!"
Ich überlegte viele Lösungseinsetze; denn diese Reise auf die Insel würde auch sie in große Gefahr bringen, wenn man uns schnappen sollte.
Elli schlug mir vor, sich in ein anderes Abteil zu setzen mit unseren beiden Koffern. Das rechnete ich ihr hoch an. Sie tat so, als wäre es in unserem Abteil zu voll und verschwand mit den Koffern in einem anderen Wagen.
Wir hatten nur unsere Reise-Utensilien und ein paar Sachen von Elli in unserer Reisetasche und waren als "verliebtes Paar" unterwegs sein: ein Inselausflug über"™s Wochenende!
Es ging dann auch alles gut; Samstagabend erreichten wir die Insel und nahmen ein Taxi.
Meine Schwester nahm Antje ein wenig "unter ihre Fittiche". So konnten Elli und ich zu Hein rübergehen und ihn um Rat fragen.
Auch ihm brannten seine "Pakete" ganz schön unter den Nägeln und er war auf sich selbst sauer, dass er uns nicht einen größeren Anteil gegeben hatte.
"Am besten bringen wir die Sachen an Ort und Stelle zurück", schlug ich vor.
Hein meinte allerdings, das wäre aussichtslos; denn sie hätten den Tunnel inzwischen mit Gittern gesichert. Wir waren wohl nicht die einzigen "Besucher" auf dem Gelände gewesen.
Allerdings kam ihm eine andere Idee.
Am Rande des militärischen Sperrgebietes, fast an der großen Kiesgrube gelegen, lag ein Haus, das von unseren Leuten aus dem Dorf mit vorgehaltener Hand als "Adlerhorst" bezeichnet wurde.
Ich hatte mich früher nie darum gekümmert; denn das Haus war für uns unerreichbar — und die älteren Bewohner hatten solche bedrohlichen Geschichten erzählt, dass wir es zumindest als Kinder mit dem Spukhaus aus Tom Sawyers Abenteuern verglichen.
Allerdings hatte man uns nie klar gesagt, was dort nun stattgefunden hatte. Einige Leute erzählten, da wäre es "verseucht", andere Sprachen von einem "Nazi-Drama in den letzten Stunden".
"Stimmte es, dass das Gelände verseucht ist?" fragte ich Hein.
"Quatsch, nein, keinesfalls", antwortete er entrüstet, "da sollen sich SS-Leute gegenseitig abgeknallt haben.
Seitdem war da keiner mehr drinnen".
"Und nun wir", meinte ich, "fragt sich nur, wie wir auf das Gelände kommen".
Hein sagte, dass der Zaun zur Kiesgrube hin "nicht so ganz doll" wäre. Er stand auch schon auf dem Plan für die bald durchzuführenden Reparaturen und Erneuerungen.
"Da kommt eine ganz neue Abgrenzung hin mit Betonteilen", gab er uns zur Kenntnis, "wenn es eine Gelegenheit geben sollte, dann jetzt!"
"Jetzt sofort?" fragte ich.
"Ja klar, jetzt und sofort!"
Elli und Hein waren sich einig.
Wir luden unsere "Pakete" und seine, die er aus dem Keller holte, in einen alten Opel Caravan, der auf dem Hof stand.
Schon waren wir unterwegs. Bis zur Kiesgrube war es nicht weit. Am Wochenende war sie verlassen.
Hein hatte ein Hebegerät mit, das er "Daumenkraft" nannte, als ich ihn fragte. Damit konnte er den unteren Teil des Zaunes anheben.
Der Draht war fast bis zum Zerreißen gespannt, als wir ihn gerade so hoch gedrückt hatten, dass wir hindurchkriechen konnten.
"Hoffentlich ist der Zaun nicht elektrisch", dachte ich mir. "Unfug", fiel mir ein, wir haben ihn doch schon angefasst und keinen Schlag bekommen — keinen Strom bemerkt!"
Wir mussten uns ganz schön abrackern, aber schließlich standen wir mit unserer "heißen Ware" an einer Halbtreppe, die hinunter zum Keller des Adlerhorstes führte.
Hein ging voran.
Wir reichten ihm die Sachen zu. Er hatte inzwischen die eiserne Tür geöffnet und brachte alles hinein.
Er kam zurück.
Aus einer kleinen Senke nahm er einen ganzen Arm voller Laub und trug uns auf, es ihm nachzumachen. Das Laub beförderten wir auf die Kellertreppe und verteilten es, sodass es schließlich so aussah, als wäre schon lange keiner mehr da gewesen, um sich um das Grundstück zu kümmern.
"Ein richtiges Gesamtkunstwerk!" Hein war zufrieden.
Ungesehen erreichten wir das Auto.
Den Zaun mussten wir wieder ein wenig "zurechtrücken", aber ein etwas Sand von der Kiesgrube, den wir verstreuten, machte auch hier einen "gefälligen Eindruck". Wer das nicht weiß, den macht das nicht heiß", dichtete Hein dazu.
Elli und ich setzten uns in den Wagen. Hein verschwand kurz. Ich dachte, er wäre pinkeln, doch dann sah ich ihn mit einem Bagger mit hoher Geschwindigkeit auf uns zufahren.
"Nun ist er ganz verrückt geworden", dachte ich mir.
Ich wollte gerade aus dem Auto springen, weil ich dachte, er würde uns mit Absicht rammen, da bremste er.
"Fahrt mal das Auto raus, ich mache hier ein paar Spuren, damit man unsere Reifenabdrücke nicht mehr sehen kann!"
Hein übertrieb nicht mit seinem Spurenmuster. Schließlich sollte alles "möglichst zufällig" aussehen.
Wir waren froh, als wir wieder bei Hein auf dem Hof waren.
"Mir fällt ein Stein vom Herzen", gab er zu, "ich habe ein gutes Angebot für die Hütte hier, wenn alles gut geht, bin ich bald Millionär! Deshalb muss alles raus.
Andauernd kommen Leute her und messen und prüfen und schnüffeln und machen sich Notizen"
Wir gratulierten mehr höflich als enthusiastisch. Wir waren erschöpft, aber dankbar, als Hein uns Bier aus dem Keller holte.
"Kommt nicht auf dumme Gedanken", meinte er, "ein paar von den Eisen habe ich behalten — als stille Reserve!"
Nein, daran hatten wir kein Interesse.
"Wir müssen mal wieder rüber", ich drängte zum Aufbruch.
Ich lag schon im Bett, als Antje ins Zimmer kam und sich auszog.
Als sie den BH ablegte und über die Stuhl-Lehne hängte, hatte ich auf einmal eine ganz tiefe Sehnsucht, mal wieder "als Frau" einen Tag zu verbringen.
"Was hast Du", fragte Antje, "alles in Ordnung?"
"Ja, alles OK, ich bin nur müde!"
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Anni
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Hallo Anne-Mette
... doch auch heute noch eine neue Fortsetzung - und dann noch eine vergleichsweise Lange
Na hoffentlich gab's da für die " werktätige Bevölkerung " nicht nur Fast Food
LG von überraschter frecher Anni
... doch auch heute noch eine neue Fortsetzung - und dann noch eine vergleichsweise Lange
Na hoffentlich gab's da für die " werktätige Bevölkerung " nicht nur Fast Food
LG von überraschter frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
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Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Moin,
mit Makkaroni.
Gruß
Anne-Mette
nein, Rinder-Gulaschnicht nur Fast Food
Gruß
Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
So blieb es auch am nächsten Tag — und es ging nicht nur mir so; auch Antje und Elli waren auf der Rückfahrt eher gedankenversunken und ruhig.
"Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass es so wichtig war mit den Werkzeugen", hielt uns Antje vor, "aber immerhin habe ich nun Deine Schwester kennengelernt. Schade, dass Deine Eltern nicht da waren!"
Elli und ich bemühten uns nicht um eine Antwort; die meiste Zeit guckten wir aus dem Fenster. Wir waren beide froh, dass wir die "Werkzeuge" losgeworden waren. Nun waren sie sogar wieder (fast) bei ihrem rechtmäßigen Besitzer — und gut bewacht. Wir waren sie gut losgeworden, wesentlich besser als gedacht.
Als ich an nächsten Morgen in die Schule fuhr, hatte ich das Gefühl, mir würden paar Tage der letzten Woche fehlen. Ich war ziemlich ausgelaugt.
So war ich auch nicht besonders begeistert, als der Klassenlehrer Material verteilte, das wir als Grundlage für unsere Klassenfahrtvorbereitungen nehmen sollten. Meine Aufgabe war, einen Artikel des Spiegel aufzubereiten, der die Frage stellte: "Das große Feuer — Wer hat versagt?"
Ich beneidete diejenigen, die den STERN erhalten hatten; denn in dem waren nicht so viele "trockene Artikel" wie im SPIEGEL.
Sogar die Reklame war hier langweiliger, sodass ich kaum abschweifte, sondern mich tatsächlich um die mir gestellten Aufgaben kümmerte. Allerdings stolperte ich über die Audi-Anzeige, die in der Modellpalette auch einen RO80 zeigte.
So einen hatte ich gerade auf der Insel gesehen; ein Nachbar hatte sich "so ein modernes Fahrzeug" mit Wankelmotor gegönnt. Ich dachte daran, dass auch ein paar Motorräder mit so einem Motor ausgestattet wurden in einer Zeit, in der fast täglich neue Modelle angekündigt wurden. Besonders lustig fand ich eine Herkules mit Wankelmotor, der allerdings eher wie ein Staubsauger und nicht wie ein Motor eines Motorrades aussah.
Schnell gab ich mir einen Ruck und fokussierte meine Gedanken wieder auf den großen Waldbrand. Ich machte mir Notizen und gab mir Mühe, nicht in eine Schuldzuweisung mit einzustimmen.
Ab wann konnte man im Zusammenhang mit der großen Brandkatastrophe überhaupt von "Versagen" sprechen? Wurde nicht schon viele Jahre vor dem großen Brand durch Fehlplanung so ein großes Unglück begünstigt?
"Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass es so wichtig war mit den Werkzeugen", hielt uns Antje vor, "aber immerhin habe ich nun Deine Schwester kennengelernt. Schade, dass Deine Eltern nicht da waren!"
Elli und ich bemühten uns nicht um eine Antwort; die meiste Zeit guckten wir aus dem Fenster. Wir waren beide froh, dass wir die "Werkzeuge" losgeworden waren. Nun waren sie sogar wieder (fast) bei ihrem rechtmäßigen Besitzer — und gut bewacht. Wir waren sie gut losgeworden, wesentlich besser als gedacht.
Als ich an nächsten Morgen in die Schule fuhr, hatte ich das Gefühl, mir würden paar Tage der letzten Woche fehlen. Ich war ziemlich ausgelaugt.
So war ich auch nicht besonders begeistert, als der Klassenlehrer Material verteilte, das wir als Grundlage für unsere Klassenfahrtvorbereitungen nehmen sollten. Meine Aufgabe war, einen Artikel des Spiegel aufzubereiten, der die Frage stellte: "Das große Feuer — Wer hat versagt?"
Ich beneidete diejenigen, die den STERN erhalten hatten; denn in dem waren nicht so viele "trockene Artikel" wie im SPIEGEL.
Sogar die Reklame war hier langweiliger, sodass ich kaum abschweifte, sondern mich tatsächlich um die mir gestellten Aufgaben kümmerte. Allerdings stolperte ich über die Audi-Anzeige, die in der Modellpalette auch einen RO80 zeigte.
So einen hatte ich gerade auf der Insel gesehen; ein Nachbar hatte sich "so ein modernes Fahrzeug" mit Wankelmotor gegönnt. Ich dachte daran, dass auch ein paar Motorräder mit so einem Motor ausgestattet wurden in einer Zeit, in der fast täglich neue Modelle angekündigt wurden. Besonders lustig fand ich eine Herkules mit Wankelmotor, der allerdings eher wie ein Staubsauger und nicht wie ein Motor eines Motorrades aussah.
Schnell gab ich mir einen Ruck und fokussierte meine Gedanken wieder auf den großen Waldbrand. Ich machte mir Notizen und gab mir Mühe, nicht in eine Schuldzuweisung mit einzustimmen.
Ab wann konnte man im Zusammenhang mit der großen Brandkatastrophe überhaupt von "Versagen" sprechen? Wurde nicht schon viele Jahre vor dem großen Brand durch Fehlplanung so ein großes Unglück begünstigt?
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Am nächsten Tag wurde getauscht. Nun bekam ich den STERN zur Bearbeitung.
Der bot wesentlich mehr Möglichkeiten, vom Thema abzuschweifen. Die Fotos im Stern waren eindrucksvoll und unterstützten die Aussagen der Artikel in eindrucksvoller Weise, ja, teilweise dachte ich sogar an "subtile Manipulation" durch einige Fotos.
Vor der Klassenfahrt sollten wir möglichst viel in Berlin einkaufen und dann mitnehmen. "Da, wo wir hinfahren, sagen sich für gewöhnlich Hase und Igel gute Nacht", scherzte unser Klassenlehrer, "da werden wir nicht viel bekommen!"
Ich war mit einer Mitschülerin unterwegs, die im Besitz eines R4 war. Wir hatten einen langen Einkaufszettel, der dazu führte, dass wir das Auto ohne Problem "voll bis an den Rand" bekamen.
Der Wagen ging dabei merklich in die Knie, sodass ich sicherlich ein wenig fragend geguckt habe; denn von meinem Käfer, den ich früher fuhr, war ich das nicht gewohnt. "Ach, das geht schon", meinte sie, "ich habe schon öfter eine große Ladung damit transportiert.
Meine Mitschülerin war nett, allerdings konnte sie auch energisch sein, wenn sie die Revolverschaltung ihres Autos benutzte oder über andere Verkehrsteilnehmer schimpfte — und das tat sie im Stadtverkehr recht häufig. Ich fragte sie, ob sie mich mitnehmen könnte; denn wir sollten zur Klassenfahrt Fahrgemeinschaften bilden, aber sie musste mir absagen: sie hatte schon Mitfahrerinnen; das Auto würde voll sein.
Schade!
Antje machte keinen Hehl daraus, dass es ihr überhaupt nicht gefiel, dass ich auf Klassenfahrt gehen wollte (und sollte). "Dann nutzt Du die Zeit für Dich", munterte ich sie auf, doch ihre schlechte Laune blieb bis zu meiner Abfahrt.
Ich wurde Mitfahrer in einem französischen Wagen, aber nicht in einem R4, sondern in einer Ente.
Die hatte leider eine kleine Maschine mit 16Ps. So waren wir recht lange unterwegs; denn wir fuhren, wenn man es nicht nachträglich beschönigen will, langsamer als die meisten Lastwagen.
Hinzu kam, dass wir die westdeutschen Grenzer in übermütiger Weise ärgerten und aus diesem Grund besonders gründlich kontrolliert wurden.
Als wir endlich auf dem gemieteten Bauernhof in der Nähe von Oberohe ankamen, waren wir die letzte Gruppe. Der Klassenlehrer war sichtlich froh, uns zu sehen.
Unsere MitschülerInnen, die vor uns eingetroffen waren, hatten aus den Matratzen der vielen Gästebetten ein riesiges Lager gemacht — das vermutlich größte Bett der Welt
Aber wir dachten nicht gleich ans Schlafen; denn erst gab es Spaghetti und später Gitarrenmusik — zwar nicht am Lagerfeuer, sondern am Kaminofen.
Ich glaube, es waren die Kienäppel, die jemand ins Feuer geworfen hatte, die manchmal laut knallten, Funken sprühten und mich daran erinnerten, dass nicht weit von hier "der große Waldbrand" gewesen war.
Der nächste Vormittag stand zur freien Verfügung. Ich erzählte beim Frühstück, dass am Wochenende eine Motorradveranstaltung in einem Kiesgrubengelände stattfinden sollte. Ich hatte an einer Bushaltestelle Plakate gesehen, die das ankündigten. "Vielleicht ist schon Training"; ein Mitschüler schlug vor, da mal vorbeizuschauen. Es gesellten sich noch zwei Leute dazu.
Eine andere kleine Gruppe machte die Fotoausrüstung klar und wollte in dem Waldstück, in dem es immer noch "schwarze Bäume" geben sollte, Fotos machen.
Nachmittags versorgte unser Klassenlehrer uns mit Informationen über die Demonstration in Brokdorf, die wir Samstag besuchen wollten. Er gab uns die dringende Empfehlung, zusammen zu bleiben - und FRIEDLICH"
Wir hatten die besten Absichten, nahmen jedoch "für alle Fälle" Pflaster und anderes Verbandsmaterial mit. Auch sollten wir uns mit Tüchern versehen, riet uns eine Mitschülerin; denn oftmals war es bei Demonstrationen zum Einsatz von Tränengas gekommen — und feuchte Tücher boten eine zwar geringe Schutzwirkung — aber besser als nichts.
Von Abenteuerlust war keine Spur, als wir uns Samstagmorgen auf den Weg machten. Meine gute Olympus ließ ich im Quartier; schließlich wollte ich sie nicht auf"™s Spiel setzen.
Ich ärgerte mich, dass ich keine billige Kamera dabei hatte.
Wir parkten weit ab vom Demonstrationsgelände und mussten eine ganze Strecke laufen.
Es hatte geregnet — und da ich wie die meisten meiner MitschülerInnen keine Gummistiefel angezogen hatte, waren unsere Füße nass und uns war kalt, als wir das Zentrum der Demonstration erreichten.
Dort herrschte ein Zustand, den ich auch heute noch mit "wie im Krieg" beschreiben würde. Die Polizisten sahen aus wie Ritter in ihren Rüstungen und waren nicht zimperlich mit ihren Gummiknüppeln. Auch viele Demonstranten zeigten sich "verteidigungsbereit" und hatten Helme auf zu ihrem Schutz. Einer hatte sogar so einen "Jet-Helm" wie ich ihn mit in Varel bestellt hatte, als ich meine Zündapp bestellte.
Steine flogen.
Knüppel schlugen auf Köpfe.
Blut!
Schreie!
Ich war entsetzt, fühlte mich hilflos, wollte allen zurufen: "hört auf!"
Es war ein Höllenlärm um uns und über uns. Bundesgrenzschutz oder Polizei flogen mit Hubschraubern über das Gelände.
Da das Tränengas überall zu spüren und zu riechen war, vermutete ich, es käme "von oben".
Den Geruch hatte ich noch jahrelang in der Nase.
Unsere Tücher schützten uns nur notdürftig.
Jemand erzählte, dass es in einem nahen Bauernhof eine "Aufwärmstation" gäbe. Dort bin ich mit einer Frau aus meiner Klasse hingelaufen; denn wir waren vollkommen durchgefroren und nass. Damit waren wir aber noch gut dran; denn in den Räumen des Bauerhofes suchten auch Verletzte Schutz, einige wurden versorgt, weil sie blutende Kopfplatzwunden hatten.
Wir als "leichte Fälle zum Aufwärmen" gingen bald wieder und machten Platz für die richtig Schutzbedürftigen.
Wir gingen noch einmal zurück. Es war immer noch ein gewaltiger Tumult. Etliche Demonstranten rüttelten am Zaun.
Am späten Nachmittag begann die Suche nach unseren MitschülerInnen; denn wir konnten es nicht länger aushalten und wollten zurückfahren. Wir hatten schmerzende und tränende Augen, uns war kalt — und hatten Sehnsucht nach dem wärmenden Kaminfeuer.
In den nächsten Tagen erschienen in der Presse viele Berichte über "Linksextreme Chaoten, die randalierten und Polizeikräfte angegriffen haben", aber es war in erster Linie ein Protest von Menschen, die Angst hatten und denen "mit Gewalt" ein Atomkraftwerk in die norddeutsche Elblandschaft gesetzt wurde.
(Durch Demonstrationen und Prozesse kam es zu einem Baustopp; aber 1980 wurde weiter gebaut — und heute strahlt Brokdorf immer noch).
Der Bau von Atomkraftwerken wurde heftig in der Öffentlichkeit diskutiert. Landwirte aus der Umgebung hatten Sorge, ihre Produkte später nicht verkaufen zu können, bei Eltern ging eine Angst vor Krebserkrankungen um, sie sorgten sich um ihre Kinder.
Die meisten Politiker beschwichtigten in höchsten Tönen und sagten in der Regel, Atomkraft wäre eine moderne, umwelt- und menschfreundliche und dabei sichere Energiequelle.
Selten kamen kritische Worte aus der "politischen Ecke" der etablierten Parteien. Eine Ausnahme war wohl der damalige Bundespräsident Walter Scheel.
In einem sehr bewegenden, handgeschriebenen Brief einer Rentnerin an den Bundespräsidenten heißt es:
Sehr geehrter Herr Bundespräsident.
Nach einer Rundfunkmeldung im September warnten Sie vor dem Mißbrauch der Kernenergie und äußerten Ihr Besorgnisse um die Ablagerung der radioaktiven Atomabfälle. Ermutigt von Ihrer Haltung in diesen Tagen wende ich mich an Sie im Namen vieler mir unbekannten gleichgesinnten Bundesbürger.
Gerade jetzt nach den Ereignissen an der Baustelle des 4. Kraftwerkes an der Unterelbe und Brokdorf.
Es sind dabei auch angereiste Linksextremisten mit der speziellen Aufrüstung beteiligt gewesen, aber andere 5000 Demonstranten sind meistens friedliche, anständige Einwohner, die aus Angst und Sorgen um das Leben, Gesundheit und Sicherheit für ihre Familien an den Demonstrationen teilnehmen,
Es geht wirklich zu weit — so eine starke Konzentration der 4 Atomkraftwerke, ein von einander nicht weit genug entfernt, noch die geplante giftproduzierende chemische Industrie in dieser Gegend können nicht ohne schwerwiegende Auswirkungen und Belastungen für Umwelt und Gesundheit der Bevölkerung bleiben.
Die Landschaft wird zerstört, die Erholung, Natur und Vogelschutzgebiete, die nach der Unterzeichnung des Feuchtgebietsabkommens im Jahre 1977 dort den gesicherten Platz haben — jetzt verschwinden müßen. Das ist ein Preis für "Aufschwung der Konjunktur" für die Wirtschaft und Arbeitsplätze!
Alle Rundfunk und Presse Kommentatoren äußern sich einmütig in diesem Sinne. Nur die unmittelbar interessierte Personen sind für weitere Verbreitung der Kernkraftwerke, Anreicherungsfabriken, Wiederaufbereitungsanlagen und S.o. und alle schöne Reden von der Freiheit, Menschenrechten, Mitbestimmung können nicht helfen. Es wird uns gewaltsam aufgezwungen unter den ständigen, doppelten atomaren Bedrohungen weiter existieren zu müßen.
Ist es so ein unheimliches Leben unter Furcht und Risiko glücklich und wünschenswert? Es ist doch bekannt, daß es auch in anderen Bundesländern zu den Ausschreitungen an den Bauplätzen für neue Kraftwerke immer wieder kommt.
Tausende von Protestschreiben wurden abgewiesen. Es ist bekannt, daß nicht alle Regierungsmitglieder sind dafür, die anderen aber — dagegen.
Ich bin selbst keine Linksextremistin, gehöre zu keiner politischen Partei. Ich bin Rentnerin, die beide Weltkriege miterlebte, 2 Mal mit den Eltern flüchten mußte.
Diese schrecklichen Erlebnisse bleiben bis jetzt ganz klar und lebendig in meinem Gedächtnis, als ob es gestern gewesen wäre.
Nun verfolge ich in Sorgen und Aufregung die weiteren Entwicklungen des Zeitgeschehens.
Zum Schluß bitte ich Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, wieder im Namen vieler unbekannter Mitbürger um Ihr Verständnis, Unterstützung und Hilfe.
Mit vorzüglicher Hochachtung (Name geschwärzt)
https://www.bundesarchiv.de/imperia/md/ ... _sorge.pdf
Der bot wesentlich mehr Möglichkeiten, vom Thema abzuschweifen. Die Fotos im Stern waren eindrucksvoll und unterstützten die Aussagen der Artikel in eindrucksvoller Weise, ja, teilweise dachte ich sogar an "subtile Manipulation" durch einige Fotos.
Vor der Klassenfahrt sollten wir möglichst viel in Berlin einkaufen und dann mitnehmen. "Da, wo wir hinfahren, sagen sich für gewöhnlich Hase und Igel gute Nacht", scherzte unser Klassenlehrer, "da werden wir nicht viel bekommen!"
Ich war mit einer Mitschülerin unterwegs, die im Besitz eines R4 war. Wir hatten einen langen Einkaufszettel, der dazu führte, dass wir das Auto ohne Problem "voll bis an den Rand" bekamen.
Der Wagen ging dabei merklich in die Knie, sodass ich sicherlich ein wenig fragend geguckt habe; denn von meinem Käfer, den ich früher fuhr, war ich das nicht gewohnt. "Ach, das geht schon", meinte sie, "ich habe schon öfter eine große Ladung damit transportiert.
Meine Mitschülerin war nett, allerdings konnte sie auch energisch sein, wenn sie die Revolverschaltung ihres Autos benutzte oder über andere Verkehrsteilnehmer schimpfte — und das tat sie im Stadtverkehr recht häufig. Ich fragte sie, ob sie mich mitnehmen könnte; denn wir sollten zur Klassenfahrt Fahrgemeinschaften bilden, aber sie musste mir absagen: sie hatte schon Mitfahrerinnen; das Auto würde voll sein.
Schade!
Antje machte keinen Hehl daraus, dass es ihr überhaupt nicht gefiel, dass ich auf Klassenfahrt gehen wollte (und sollte). "Dann nutzt Du die Zeit für Dich", munterte ich sie auf, doch ihre schlechte Laune blieb bis zu meiner Abfahrt.
Ich wurde Mitfahrer in einem französischen Wagen, aber nicht in einem R4, sondern in einer Ente.
Die hatte leider eine kleine Maschine mit 16Ps. So waren wir recht lange unterwegs; denn wir fuhren, wenn man es nicht nachträglich beschönigen will, langsamer als die meisten Lastwagen.
Hinzu kam, dass wir die westdeutschen Grenzer in übermütiger Weise ärgerten und aus diesem Grund besonders gründlich kontrolliert wurden.
Als wir endlich auf dem gemieteten Bauernhof in der Nähe von Oberohe ankamen, waren wir die letzte Gruppe. Der Klassenlehrer war sichtlich froh, uns zu sehen.
Unsere MitschülerInnen, die vor uns eingetroffen waren, hatten aus den Matratzen der vielen Gästebetten ein riesiges Lager gemacht — das vermutlich größte Bett der Welt
Aber wir dachten nicht gleich ans Schlafen; denn erst gab es Spaghetti und später Gitarrenmusik — zwar nicht am Lagerfeuer, sondern am Kaminofen.
Ich glaube, es waren die Kienäppel, die jemand ins Feuer geworfen hatte, die manchmal laut knallten, Funken sprühten und mich daran erinnerten, dass nicht weit von hier "der große Waldbrand" gewesen war.
Der nächste Vormittag stand zur freien Verfügung. Ich erzählte beim Frühstück, dass am Wochenende eine Motorradveranstaltung in einem Kiesgrubengelände stattfinden sollte. Ich hatte an einer Bushaltestelle Plakate gesehen, die das ankündigten. "Vielleicht ist schon Training"; ein Mitschüler schlug vor, da mal vorbeizuschauen. Es gesellten sich noch zwei Leute dazu.
Eine andere kleine Gruppe machte die Fotoausrüstung klar und wollte in dem Waldstück, in dem es immer noch "schwarze Bäume" geben sollte, Fotos machen.
Nachmittags versorgte unser Klassenlehrer uns mit Informationen über die Demonstration in Brokdorf, die wir Samstag besuchen wollten. Er gab uns die dringende Empfehlung, zusammen zu bleiben - und FRIEDLICH"
Wir hatten die besten Absichten, nahmen jedoch "für alle Fälle" Pflaster und anderes Verbandsmaterial mit. Auch sollten wir uns mit Tüchern versehen, riet uns eine Mitschülerin; denn oftmals war es bei Demonstrationen zum Einsatz von Tränengas gekommen — und feuchte Tücher boten eine zwar geringe Schutzwirkung — aber besser als nichts.
Von Abenteuerlust war keine Spur, als wir uns Samstagmorgen auf den Weg machten. Meine gute Olympus ließ ich im Quartier; schließlich wollte ich sie nicht auf"™s Spiel setzen.
Ich ärgerte mich, dass ich keine billige Kamera dabei hatte.
Wir parkten weit ab vom Demonstrationsgelände und mussten eine ganze Strecke laufen.
Es hatte geregnet — und da ich wie die meisten meiner MitschülerInnen keine Gummistiefel angezogen hatte, waren unsere Füße nass und uns war kalt, als wir das Zentrum der Demonstration erreichten.
Dort herrschte ein Zustand, den ich auch heute noch mit "wie im Krieg" beschreiben würde. Die Polizisten sahen aus wie Ritter in ihren Rüstungen und waren nicht zimperlich mit ihren Gummiknüppeln. Auch viele Demonstranten zeigten sich "verteidigungsbereit" und hatten Helme auf zu ihrem Schutz. Einer hatte sogar so einen "Jet-Helm" wie ich ihn mit in Varel bestellt hatte, als ich meine Zündapp bestellte.
Steine flogen.
Knüppel schlugen auf Köpfe.
Blut!
Schreie!
Ich war entsetzt, fühlte mich hilflos, wollte allen zurufen: "hört auf!"
Es war ein Höllenlärm um uns und über uns. Bundesgrenzschutz oder Polizei flogen mit Hubschraubern über das Gelände.
Da das Tränengas überall zu spüren und zu riechen war, vermutete ich, es käme "von oben".
Den Geruch hatte ich noch jahrelang in der Nase.
Unsere Tücher schützten uns nur notdürftig.
Jemand erzählte, dass es in einem nahen Bauernhof eine "Aufwärmstation" gäbe. Dort bin ich mit einer Frau aus meiner Klasse hingelaufen; denn wir waren vollkommen durchgefroren und nass. Damit waren wir aber noch gut dran; denn in den Räumen des Bauerhofes suchten auch Verletzte Schutz, einige wurden versorgt, weil sie blutende Kopfplatzwunden hatten.
Wir als "leichte Fälle zum Aufwärmen" gingen bald wieder und machten Platz für die richtig Schutzbedürftigen.
Wir gingen noch einmal zurück. Es war immer noch ein gewaltiger Tumult. Etliche Demonstranten rüttelten am Zaun.
Am späten Nachmittag begann die Suche nach unseren MitschülerInnen; denn wir konnten es nicht länger aushalten und wollten zurückfahren. Wir hatten schmerzende und tränende Augen, uns war kalt — und hatten Sehnsucht nach dem wärmenden Kaminfeuer.
In den nächsten Tagen erschienen in der Presse viele Berichte über "Linksextreme Chaoten, die randalierten und Polizeikräfte angegriffen haben", aber es war in erster Linie ein Protest von Menschen, die Angst hatten und denen "mit Gewalt" ein Atomkraftwerk in die norddeutsche Elblandschaft gesetzt wurde.
(Durch Demonstrationen und Prozesse kam es zu einem Baustopp; aber 1980 wurde weiter gebaut — und heute strahlt Brokdorf immer noch).
Der Bau von Atomkraftwerken wurde heftig in der Öffentlichkeit diskutiert. Landwirte aus der Umgebung hatten Sorge, ihre Produkte später nicht verkaufen zu können, bei Eltern ging eine Angst vor Krebserkrankungen um, sie sorgten sich um ihre Kinder.
Die meisten Politiker beschwichtigten in höchsten Tönen und sagten in der Regel, Atomkraft wäre eine moderne, umwelt- und menschfreundliche und dabei sichere Energiequelle.
Selten kamen kritische Worte aus der "politischen Ecke" der etablierten Parteien. Eine Ausnahme war wohl der damalige Bundespräsident Walter Scheel.
In einem sehr bewegenden, handgeschriebenen Brief einer Rentnerin an den Bundespräsidenten heißt es:
Sehr geehrter Herr Bundespräsident.
Nach einer Rundfunkmeldung im September warnten Sie vor dem Mißbrauch der Kernenergie und äußerten Ihr Besorgnisse um die Ablagerung der radioaktiven Atomabfälle. Ermutigt von Ihrer Haltung in diesen Tagen wende ich mich an Sie im Namen vieler mir unbekannten gleichgesinnten Bundesbürger.
Gerade jetzt nach den Ereignissen an der Baustelle des 4. Kraftwerkes an der Unterelbe und Brokdorf.
Es sind dabei auch angereiste Linksextremisten mit der speziellen Aufrüstung beteiligt gewesen, aber andere 5000 Demonstranten sind meistens friedliche, anständige Einwohner, die aus Angst und Sorgen um das Leben, Gesundheit und Sicherheit für ihre Familien an den Demonstrationen teilnehmen,
Es geht wirklich zu weit — so eine starke Konzentration der 4 Atomkraftwerke, ein von einander nicht weit genug entfernt, noch die geplante giftproduzierende chemische Industrie in dieser Gegend können nicht ohne schwerwiegende Auswirkungen und Belastungen für Umwelt und Gesundheit der Bevölkerung bleiben.
Die Landschaft wird zerstört, die Erholung, Natur und Vogelschutzgebiete, die nach der Unterzeichnung des Feuchtgebietsabkommens im Jahre 1977 dort den gesicherten Platz haben — jetzt verschwinden müßen. Das ist ein Preis für "Aufschwung der Konjunktur" für die Wirtschaft und Arbeitsplätze!
Alle Rundfunk und Presse Kommentatoren äußern sich einmütig in diesem Sinne. Nur die unmittelbar interessierte Personen sind für weitere Verbreitung der Kernkraftwerke, Anreicherungsfabriken, Wiederaufbereitungsanlagen und S.o. und alle schöne Reden von der Freiheit, Menschenrechten, Mitbestimmung können nicht helfen. Es wird uns gewaltsam aufgezwungen unter den ständigen, doppelten atomaren Bedrohungen weiter existieren zu müßen.
Ist es so ein unheimliches Leben unter Furcht und Risiko glücklich und wünschenswert? Es ist doch bekannt, daß es auch in anderen Bundesländern zu den Ausschreitungen an den Bauplätzen für neue Kraftwerke immer wieder kommt.
Tausende von Protestschreiben wurden abgewiesen. Es ist bekannt, daß nicht alle Regierungsmitglieder sind dafür, die anderen aber — dagegen.
Ich bin selbst keine Linksextremistin, gehöre zu keiner politischen Partei. Ich bin Rentnerin, die beide Weltkriege miterlebte, 2 Mal mit den Eltern flüchten mußte.
Diese schrecklichen Erlebnisse bleiben bis jetzt ganz klar und lebendig in meinem Gedächtnis, als ob es gestern gewesen wäre.
Nun verfolge ich in Sorgen und Aufregung die weiteren Entwicklungen des Zeitgeschehens.
Zum Schluß bitte ich Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, wieder im Namen vieler unbekannter Mitbürger um Ihr Verständnis, Unterstützung und Hilfe.
Mit vorzüglicher Hochachtung (Name geschwärzt)
https://www.bundesarchiv.de/imperia/md/ ... _sorge.pdf
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Anne-Mette
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Die nächsten Tage verbrachten wir mit Prüfungsvorbereitungen. Brokdorf lag uns noch schwer im Magen; die Stimmung war gedämpft und so richtiger Spaß wollte einfach nicht wieder aufkommen, selbst dann nicht, als der Klassenlehrer relativ lahm vorschlug, uns noch einmal die Kinderspiele, Singkreise und Reime vorzunehmen.
Wir freuten uns, als es endlich zurück nach Berlin ging. Vorher musste ziemlich lange gearbeitet werden, um den "Urzustand" der Räumlichkeiten wieder herzustellen.
Ich half mit und schleppte Matratzen.
Im vorletzten Wagen war noch Platz und ich fuhr mit. Dieses Mal waren wir zu erschöpft, um die Grenzer zu ärgern. Das wirkte ich positiv auf unsere Fahrtzeit aus.
Direkt an der Ecke Schleiermacher Straße wurde ich abgesetzt und machte mich zu Fuß auf die letzten hundert Meter. Was würde mich erwarten?
Würde Antje zuhause sein?
Die Fragen wurden schnell beantwortet; denn die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Sie saß am Küchentisch, als ich die Wohnung betrat.
Die Begrüßung war etwas unterkühlt: "na, war"™s schön?", fragte sie mit einem etwas spöttischen Unterton. "Ja, auch — das erzähle ich gleich", ich wollte ihr einen Begrüßungskuss geben, aber sie drehte den Kopf beiseite, sodass der Kuss auf der Wange landete.
"Willst Du Kaffee?"
Dankend nahm ich an und setzte mich.
Aus den Augenwinkeln sah ich schon, dass sich einiges in der Wohnung verändert hatte, vieles ganz — oder besser noch mehr durcheinander war, sagte aber erst einmal nichts dazu.
Meinen Bericht von der Klassenfahrt "entschärfte" ich etwas. Vom Matratzenlager erzählte ich lieber nichts.
"Und", fragte sie, "viel rumgebumst?"
"Nein", war meine ehrliche und kurze Antwort, "was Du manchmal so denkst!"
"Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass Du tagelang mit einer Gruppe unterwegs bist, die überwiegend aus Frauen besteht — und es passiert NICHTS!"
"Doch, wenn ich es sage...".
Dann verschwand sie kurz.
Als sie wieder in die Küche kam, hatte ich mich gerade etwas entspannt zurückgelehnt und kippelte mit dem Holzstuhl.
So überraschte sie mich, dass ich fast nach hinten umgefallen wäre, so fuhr mit der Schreck in die Glieder.
Sie knallte einen Zeitungsstapel auf den Küchentisch und fragte mich: "warst Du dabei?"
"Wobei?"
Erst dann sah ich, dass die oberste Zeitung eine Extraausgabe des Westfälischen Tageblattes war.
"Lorenz ist frei — Großfahndung in Berlin — Jagd auf acht Extremisten!"
"Nein, natürlich nicht!" Ich beteilige mich doch nicht an einer Entführung. "oder was meinst Du?"
"Na, da bin ich mir nicht so sicher!"
Die Zeitungen musste sie im Bettkasten gefunden haben, wo ich sie aufbewahrte. Was hatte sie dort überhaupt zu suchen?
Sie verschwand wieder und kam mit der Waffe zurück, die ich eigentlich noch sicher verwahrt in der Wartungsluke der Duschwanne vermutete.
Sie knallte die Waffe auf den Tisch: "Kannst Du mir das erklären?"
"Vorsicht!" Gerade wollte ich mit einer Ausrede kommen, da klingelte es. Schnell steckte ich die Waffe in meine Parkatasche; gut, dass ich ihn über meine Stuhl-Lehne gehängt hatte, weil die Garderobe belegt war.
Es war ein Mitschüler, die mir eine Sterntüte in die Hand drückte: "hier sind noch ein paar Sachen von der Reise, wir sind noch einmal durch alle Räume, bevor wir gefahren sind, aber ich weiß nicht, ob die Sachen hier alle von Dir sind.
Ich bedankte mich und hängte die Tüte ebenfalls über die Stuhl-Lehne.
Er wollte gleich wieder los: "ich muss dann mal, Familie wartet!"
Stimmt, er hatte während einer der Abendrunden am Feuer erzählt, dass er eine Frau und zwei Kinder hatte.
Ich brachte ihn zur Tür — und wir nahmen uns kurz in den Arm, wie es sich in den letzten Tagen unter uns allen während der Klassenfahrt eingebürgert hatte.
Für uns war es eine "in Brokdorf-dabeigewesen-Geste".
Ich hörte noch, wie er zügig die Treppe hinunterlief. Bestimmt freute er sich schon auf seine Frau und seine Kinder. Ein wenig beneidete ich ihn, so wie ich auch schon so manches Mal Paare beneidet hatte, bei denen es gut lief. Wenn ich Streit mit Antje hatte und dann unterwegs ein Pärchen sah, das zärtlich miteinander umging, dachte ich "die haben"™s gut!"
Als ich wieder in die Küche kam, hielt Antje die Tüte in der Hand und zog mit "spitzen Fingern" die Sachen heraus.
"Schöne Treue", meinte sie und warf eine Zehner-Kondompackung auf den Tisch.
Dann kam meine kleine Tabakdose zum Vorschein, die ich schon vermisst hatte — und zum Schluss zog sie einen Slip aus der Tasche, der unschwer als "schon benutzter Frauenslip" zu erkennen war, wie einige leichte Spuren an der Vorderseite verrieten.
"Und mit dem Kerl von eben hattest Du auch was?"
"Quatsch!"
Das machte mich wirklich sprachlos!
"Na, er in Dir oder Du in ihm — und die Frau hat auch noch mitgemacht?!"
Es dauerte einen Moment, bis ich mich gefasst hatte.
"Du spinnst! Die Kondome habe ich zwar gekauft, aber nicht eines benutzt. Wenn welche fehlen, dann hat sich ein Mitschüler bedient". Ich erzählte ihr, dass wir uns mit einigen Sachen untereinander ausgeholfen hatten. Eine Mitschülerin hatte sich meine Seife ausgeliehen. Später, als wir - schon leicht angetrunken — in geselliger Runde "Hänschen sag mal piep" spielten, konnte ich sie zwar nicht an der Stimme, sondern am Geruch nach "meiner" Seife erkennen.
Erst fanden wir sehr peinlich, dass der Klassenlehrer uns vorschlug, "alte Kinderspiele und Reime" auszuprobieren, aber wir hatten dabei tatsächlich so viel Spaß, dass wir uns vor Lachen fast in die Hose machten.
Der Spaß war mir nun ein wenig abhanden gekommen. Die Kondome hatte Antje irgendwie innerlich als "so könnte es gewesen sein" verbucht, aber mit dem Slip tat sie sich schwer.
Sie roch sogar daran. "IH", entfuhr es ihr.
Dann fing sie wieder mit der Zeitung an.
Sie war so beharrlich in ihrem Hass (?). Langsam baute sich in mir eine Wut auf. Dabei hatte ich mich eigentlich (fast) auf ein Wiedersehen gefreut und nun stand ich hier in einem Chaos der Gefühle: ich war enttäuscht, wütend und hilflos.
Ich nahm nun selbst den Zeitungsstapel in die Hand und wollte ihn auf den Tisch knallen und sagen: "nun ist aber Schluss!"
Antje zuckte zusammen und rief panisch: "Schlag mich nicht!"
Das hatte ich auch nicht vor.
"Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Du Dir endlich eine eigene Wohnung suchst", wehrte ich mich zwar auf eine in dieser Situation schäbige, aber ehrliche Art und Weise.
"Ist gut, nichts lieber als das, hier bleibe ich nicht länger, mit untreuen und kriminellen Chaoten will ich nichts zu tun haben!"
In diesem Stimmungstief fühlte ich mich nicht in der Lage, mit ihr zusammen in der Wohnung zu bleiben. Ich zog meinen Parka an und ging wortlos aus der Wohnung.
Ich hatte eine starke Wut in mir, gleichzeitig war ich traurig; denn schließlich hatten wir auch schöne Stunden gehabt, selbst hier in Berlin.
Ich rechnete ihr auch hoch an, dass sie mich während des Praktikums so unterstützt hatte. Wo war nur "die alte Antje" geblieben?
In den ersten Tagen in der Klinik war ich von ihr, der wunderbaren Ausstrahlung und dem positiven Umgang mit ihren Schützlingen und MitarbeiterInnen so begeistert, dass mir spontan einfiel: "wenn ich mal fertig bin mit der Ausbildung, dann möchte ich so sein und arbeiten wie Antje!"
Wo war das alles geblieben?
Beim Leierkastenmann war nicht viel los. Ich trank aber zwei Bier und schaute mich um. Von Elli war nichts zu sehen. Ich fragte auch nicht nach ihr.
In düsterer Stimmung zog ich weiter.
Ich überlegte, ob ich zu jemandem aus der Klasse fahren sollte, um für die Nacht einen Unterschlupf zu bekommen — aber die waren bestimmt alle am "Wiedersehenfeiern".
Zum Stutti wollte ich auch nicht; denn in der letzten Zeit hatte sich unser Verhältnis etwas abgekühlt. Auch hatte ich an dem Abend überhaupt keine Lust, über (m)einen Einzug dort zu diskutieren oder über politische Inhalte.
Ich zwei weiteren Kneipen tankte ich nach, zwischendurch blieb schaute ich mir in einer Touri-Disko das Treiben an.
"Willste tanzen?"
Nein, das wollte ich ganz gewiss nicht, konnte mich aber zu einem "nein danke" aufraffen und zeigte auf meine Zigarette, die ich gerade angezündet hatte.
"Wer nich will, der hat schon", berlinerte sie.
"Du mich auch!" murmelte ich in meinen Bart.
Nach einem weiteren Bier verlor ich noch mehr die Übersicht. Es kam mir vor, als würden nicht nur die Leute auf der Tanzfläche tanzen, sondern auch die an den kleinen Tischen und diejenigen, die an der Theke auf die Getränkeausgabe warteten.
Ohne mich — ich musste erst einmal an die frische Luft.
Ich lief ziemlich weit, kam am Wittenbergplatz vorbei — und wurde irgendwie fast magisch von der Ruine angezogen. Ich musste langsam Blasen an den Füßen haben; denn ich war wirklich sehr weit gelaufen.
In der Ruine war noch gut was los. Ich holte mir erst einmal ein Bier und setzte mich an einen kleinen Tisch. Der Mann, der dort mehr "hing" als saß, hatte wohl auch schon ordentlich "getankt".
Ich legte seinen Arm, der vom Tisch abrutschte, wieder auf die feuchte Tischplatte. "Danke", lallte er.
Seinen Ärmel schob ich ein Stück hoch und guckte auf die billige Armbanduhr, die sich zeigte; denn ich hatte keine dabei.
Halb fünf.
"Holst Du uns noch ein Bier?"
Mein Tischnachbar hatte sich wieder etwas berappelt. Er gab mir einen zerknitterten Zehner und ich holte uns Bier. Wir prosteten uns zu.
"Hast es auch nicht ganz leicht, wa?" Auch unüberhörbar ein Berliner.
Als wir ausgetrunken hatte, meinte er: "gibste och noch enen aus?"
"Ja, na klar!"
Ich war kaum zurück mit dem Bier und hatte mich hingesetzt, erschien auf einmal Elli.
Ihr Blick schweifte suchend durch den Raum; dann fixierte sie ihn auf mich. Im Nu stand sie an unserem Tisch.
"Komm mit nach Hause; wir haben Dich überall gesucht!"
"Ich will nicht, außerdem habe ich noch mein Bier!"
Elli griff sich die Flasche und trank sie in einem Zug aus, "nun nicht mehr!"
Sie half mir hoch und bugsierte mich hinaus. "Du kannst erst einmal mit zu mir kommen und auf dem Sofa pennen!"
Mir war ziemlich schlecht vom ausgiebigen Biergenuss. Trotzdem erreichten wir Ellis Wohnung ohne irgendwelche Komplikationen.
Ich legte mich gleich auf das Sofa, aber stand dann doch noch einmal auf und hängte meinen Parka über den Sessel. Ich wunderte mich, dass er mir so merkwürdig schwer vorkam, aber dann fiel mir ein, dass sich in der Tasche die Waffe befinden musste. Ich hatte sie unterwegs nicht verloren.
"Was für ein Glück, dass die Druck-Knöpfe so gut halten!" mit diesen Worten schlief ich ein.
So bekam ich nicht mit, dass Elli die Wohnung verließ. Ich wunderte mich nur beim Aufwachen, dass es so stille war.
"Elli?!"
Keine Antwort.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einen Schlüssel im Türschloss hörte. Elli kam zurück.
Sie war nicht allein — sie brachte Antje mit.
"Komm mit mir nach Hause — es tut mir leid, was gestern passiert ist!"
Antje guckte ganz freundlich, hatte aber irgendwie einen Tonfall, als würde sie mit einem kleinen Kind reden, was mich wieder ein wenig ärgerte. Meine Kopfschmerzen erinnerten mich daran, dass ich noch nicht in Form für ein neues Streitgespräch war.
Bei Elli wollte ich nicht bleiben, so bedankte ich mich bei ihr und ging mit.
Wir waren vorsichtig miteinander, eher schweigsam, sicherlich beide verletzt.
So verlebten wir den Rest des Wochenendes ganz ruhig.
Sonntagmorgen kroch Antje unter meine Decke und schmiegte sich an mich.
"Und ihr habt wirklich nicht auf der Klassenfahrt?"
"Nein!"
Ich erzählte ihr von den Motorrädern in der Kiesgrube, von den Abenden am Kaminfeuer und von Brokdorf. Sie hatte einen kurzen Bericht über die Demo im Fernsehen gesehen und wunderte sich, dass meine Schilderung der Ereignisse ganz anders ausfiel.
Als ich Montag von der Schule kam, erwartete Antje mich mit einer Nachricht, die ich nicht sofort richtig einordnen konnte. Sie hatte großes Glück gehabt, hatte tatsächlich die Zusage für eine Wohnung in Wilmersdorf erhalten. "Fehlt nur noch eine passende Arbeit", meinte sie, "lange werden meine Ersparnisse nicht reichen!"
Nach einer Weile setzte sie fort: "eigentlich ist es doch schade, dass Deine Wohnung so klein ist, wir sind doch ein gutes Team!"
Ich war so höflich, nicht direkt darauf zu antworten.
Sie fragte mich, ob ich ihr beim Renovieren helfen würde. "Eine Dreizimmerwohnung zu DEM PREIS — da nehme ich die Renovierung gerne auf mich", sagte sie, "die Wohnung ist etwas heruntergekommen, aber es ist etwas daraus zu machen!"
Die Schlüssel sollte sie in den nächsten Tagen im Verwalterbüro abholen.
"Wittelsbacher Straße", fragte sie, "wo ist das?"
"Weiß ich auch nicht so genau, aber in der Nähe vom Fehrbelliner Platz!"
Ich musste an die Zeit denken, in der ich meiner Schwester über die Schulter schaute, wenn sie samstags die "Shitparade" mit "Dieter Thomas Schreck" sah, wie ich sagte, um sie damit zu necken.
Da wurden immer Adressen von Plattenverlagen eingeblendet für Autogrammwünsche. Häufig kam dabei die Wittelsbacher Straße vor.
Etwas enttäuscht war ich, als wir ein paar Tage später sahen, dass es eine ruhige Wohnstraße war;
von "riesigen Plattenverlagen" war nicht viel zu sehen, aber Antje hatte es gut getroffen.
Es war wirklich sehr viel zu tun. Etliche Schichten Farbe und Tapete waren abzulösen, bis wir endlich tapezieren konnten.
Wir gerieten ganz schön ins Schwitzen, sodass wir unsere Arbeit meistens leicht bekleidet hinter uns brachten. Wir waren uns wieder näher gekommen, scherzten bei unseren Tätigkeiten, es landete auch mal ein Farbtupfer dort, wo er eigentlich nicht hingehörte"¦
"¦ und schließlich hatten wir Sex, mussten dazu allerdings die Trittleiter missbrauchen, um in eine günstige Stellung zu kommen; denn wir hatten noch keine Möbel und Matratzen in der Wohnung — und auf dem Boden war es ihr zu hart.
Es lag nicht nur am Sex, sondern auch an unserer Zusammenarbeit — manchmal dachte ich: "es läuft doch ganz gut mit uns beiden!"
Als wir an einem Abend spät, müde, aber zufrieden in meine Wohnung kamen, lag ein Brief für Antje im Briefkasten. Sie riss ihn schon auf der Treppe auf.
"Ich habe ihn bekommen! Das muss gefeiert werden!"
"Wen hast Du bekommen?"
"Der Brief ist vom Bezirksamt; ich habe tatsächlich den Job bekommen!"
Sie konnte sich gar nicht wieder fassen, so groß war ihre Freude.
Ich freute mich mit und hatte das Gefühl, so langsam "mein Leben" zurückzubekommen; denn ihre Wohnung war auch fast fertig.
Leider hatte auch ich einen Brief. Ich vermutete, er wäre von Braun. Es war auch eher ein Zettel als ein Brief. Auf dem stand nur, ich hätte mich am übernächsten Abend einzufinden "zu einem ernsthaften Gespräch". Eine Adresse in Moabit war angegeben, Turmstraße — linker Seitenflügel.
"Gruß B."
Ich war ein wenig hin und hergerissen. So freute ich mich für und mit Antje. Allerdings war es eine gebremste Freude, lag mir doch das "ernsthafte Gespräch" im Magen.
Hatte ich überhaupt etwas zu befürchten?
Das Haus war ziemlich heruntergekommen. Ich musste durch eine kleine Vorhalle gehen, von der die beiden Seitenflügel abgingen.
Gemäßigten Schrittes ging ich hinauf. Es war dunkel im Treppenhaus. Der Lichtschalter hatte zwar deutlich "klack" gemacht, aber das Licht war nicht angegangen.
Im dritten Stock war die Tür einer Wohnung nur angelehnt.
Am Klingelschild stand kein Name, sondern nur "B". Hier war ich richtig — oder grundverkehrt?
Ich drückte die Tür auf. Sie knarrte.
"Einen Tropfen Öl sollte man ihr spendieren!" dachte ich.
"Kommen Sie rein!" es war Brauns Stimme.
Wir freuten uns, als es endlich zurück nach Berlin ging. Vorher musste ziemlich lange gearbeitet werden, um den "Urzustand" der Räumlichkeiten wieder herzustellen.
Ich half mit und schleppte Matratzen.
Im vorletzten Wagen war noch Platz und ich fuhr mit. Dieses Mal waren wir zu erschöpft, um die Grenzer zu ärgern. Das wirkte ich positiv auf unsere Fahrtzeit aus.
Direkt an der Ecke Schleiermacher Straße wurde ich abgesetzt und machte mich zu Fuß auf die letzten hundert Meter. Was würde mich erwarten?
Würde Antje zuhause sein?
Die Fragen wurden schnell beantwortet; denn die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Sie saß am Küchentisch, als ich die Wohnung betrat.
Die Begrüßung war etwas unterkühlt: "na, war"™s schön?", fragte sie mit einem etwas spöttischen Unterton. "Ja, auch — das erzähle ich gleich", ich wollte ihr einen Begrüßungskuss geben, aber sie drehte den Kopf beiseite, sodass der Kuss auf der Wange landete.
"Willst Du Kaffee?"
Dankend nahm ich an und setzte mich.
Aus den Augenwinkeln sah ich schon, dass sich einiges in der Wohnung verändert hatte, vieles ganz — oder besser noch mehr durcheinander war, sagte aber erst einmal nichts dazu.
Meinen Bericht von der Klassenfahrt "entschärfte" ich etwas. Vom Matratzenlager erzählte ich lieber nichts.
"Und", fragte sie, "viel rumgebumst?"
"Nein", war meine ehrliche und kurze Antwort, "was Du manchmal so denkst!"
"Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass Du tagelang mit einer Gruppe unterwegs bist, die überwiegend aus Frauen besteht — und es passiert NICHTS!"
"Doch, wenn ich es sage...".
Dann verschwand sie kurz.
Als sie wieder in die Küche kam, hatte ich mich gerade etwas entspannt zurückgelehnt und kippelte mit dem Holzstuhl.
So überraschte sie mich, dass ich fast nach hinten umgefallen wäre, so fuhr mit der Schreck in die Glieder.
Sie knallte einen Zeitungsstapel auf den Küchentisch und fragte mich: "warst Du dabei?"
"Wobei?"
Erst dann sah ich, dass die oberste Zeitung eine Extraausgabe des Westfälischen Tageblattes war.
"Lorenz ist frei — Großfahndung in Berlin — Jagd auf acht Extremisten!"
"Nein, natürlich nicht!" Ich beteilige mich doch nicht an einer Entführung. "oder was meinst Du?"
"Na, da bin ich mir nicht so sicher!"
Die Zeitungen musste sie im Bettkasten gefunden haben, wo ich sie aufbewahrte. Was hatte sie dort überhaupt zu suchen?
Sie verschwand wieder und kam mit der Waffe zurück, die ich eigentlich noch sicher verwahrt in der Wartungsluke der Duschwanne vermutete.
Sie knallte die Waffe auf den Tisch: "Kannst Du mir das erklären?"
"Vorsicht!" Gerade wollte ich mit einer Ausrede kommen, da klingelte es. Schnell steckte ich die Waffe in meine Parkatasche; gut, dass ich ihn über meine Stuhl-Lehne gehängt hatte, weil die Garderobe belegt war.
Es war ein Mitschüler, die mir eine Sterntüte in die Hand drückte: "hier sind noch ein paar Sachen von der Reise, wir sind noch einmal durch alle Räume, bevor wir gefahren sind, aber ich weiß nicht, ob die Sachen hier alle von Dir sind.
Ich bedankte mich und hängte die Tüte ebenfalls über die Stuhl-Lehne.
Er wollte gleich wieder los: "ich muss dann mal, Familie wartet!"
Stimmt, er hatte während einer der Abendrunden am Feuer erzählt, dass er eine Frau und zwei Kinder hatte.
Ich brachte ihn zur Tür — und wir nahmen uns kurz in den Arm, wie es sich in den letzten Tagen unter uns allen während der Klassenfahrt eingebürgert hatte.
Für uns war es eine "in Brokdorf-dabeigewesen-Geste".
Ich hörte noch, wie er zügig die Treppe hinunterlief. Bestimmt freute er sich schon auf seine Frau und seine Kinder. Ein wenig beneidete ich ihn, so wie ich auch schon so manches Mal Paare beneidet hatte, bei denen es gut lief. Wenn ich Streit mit Antje hatte und dann unterwegs ein Pärchen sah, das zärtlich miteinander umging, dachte ich "die haben"™s gut!"
Als ich wieder in die Küche kam, hielt Antje die Tüte in der Hand und zog mit "spitzen Fingern" die Sachen heraus.
"Schöne Treue", meinte sie und warf eine Zehner-Kondompackung auf den Tisch.
Dann kam meine kleine Tabakdose zum Vorschein, die ich schon vermisst hatte — und zum Schluss zog sie einen Slip aus der Tasche, der unschwer als "schon benutzter Frauenslip" zu erkennen war, wie einige leichte Spuren an der Vorderseite verrieten.
"Und mit dem Kerl von eben hattest Du auch was?"
"Quatsch!"
Das machte mich wirklich sprachlos!
"Na, er in Dir oder Du in ihm — und die Frau hat auch noch mitgemacht?!"
Es dauerte einen Moment, bis ich mich gefasst hatte.
"Du spinnst! Die Kondome habe ich zwar gekauft, aber nicht eines benutzt. Wenn welche fehlen, dann hat sich ein Mitschüler bedient". Ich erzählte ihr, dass wir uns mit einigen Sachen untereinander ausgeholfen hatten. Eine Mitschülerin hatte sich meine Seife ausgeliehen. Später, als wir - schon leicht angetrunken — in geselliger Runde "Hänschen sag mal piep" spielten, konnte ich sie zwar nicht an der Stimme, sondern am Geruch nach "meiner" Seife erkennen.
Erst fanden wir sehr peinlich, dass der Klassenlehrer uns vorschlug, "alte Kinderspiele und Reime" auszuprobieren, aber wir hatten dabei tatsächlich so viel Spaß, dass wir uns vor Lachen fast in die Hose machten.
Der Spaß war mir nun ein wenig abhanden gekommen. Die Kondome hatte Antje irgendwie innerlich als "so könnte es gewesen sein" verbucht, aber mit dem Slip tat sie sich schwer.
Sie roch sogar daran. "IH", entfuhr es ihr.
Dann fing sie wieder mit der Zeitung an.
Sie war so beharrlich in ihrem Hass (?). Langsam baute sich in mir eine Wut auf. Dabei hatte ich mich eigentlich (fast) auf ein Wiedersehen gefreut und nun stand ich hier in einem Chaos der Gefühle: ich war enttäuscht, wütend und hilflos.
Ich nahm nun selbst den Zeitungsstapel in die Hand und wollte ihn auf den Tisch knallen und sagen: "nun ist aber Schluss!"
Antje zuckte zusammen und rief panisch: "Schlag mich nicht!"
Das hatte ich auch nicht vor.
"Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Du Dir endlich eine eigene Wohnung suchst", wehrte ich mich zwar auf eine in dieser Situation schäbige, aber ehrliche Art und Weise.
"Ist gut, nichts lieber als das, hier bleibe ich nicht länger, mit untreuen und kriminellen Chaoten will ich nichts zu tun haben!"
In diesem Stimmungstief fühlte ich mich nicht in der Lage, mit ihr zusammen in der Wohnung zu bleiben. Ich zog meinen Parka an und ging wortlos aus der Wohnung.
Ich hatte eine starke Wut in mir, gleichzeitig war ich traurig; denn schließlich hatten wir auch schöne Stunden gehabt, selbst hier in Berlin.
Ich rechnete ihr auch hoch an, dass sie mich während des Praktikums so unterstützt hatte. Wo war nur "die alte Antje" geblieben?
In den ersten Tagen in der Klinik war ich von ihr, der wunderbaren Ausstrahlung und dem positiven Umgang mit ihren Schützlingen und MitarbeiterInnen so begeistert, dass mir spontan einfiel: "wenn ich mal fertig bin mit der Ausbildung, dann möchte ich so sein und arbeiten wie Antje!"
Wo war das alles geblieben?
Beim Leierkastenmann war nicht viel los. Ich trank aber zwei Bier und schaute mich um. Von Elli war nichts zu sehen. Ich fragte auch nicht nach ihr.
In düsterer Stimmung zog ich weiter.
Ich überlegte, ob ich zu jemandem aus der Klasse fahren sollte, um für die Nacht einen Unterschlupf zu bekommen — aber die waren bestimmt alle am "Wiedersehenfeiern".
Zum Stutti wollte ich auch nicht; denn in der letzten Zeit hatte sich unser Verhältnis etwas abgekühlt. Auch hatte ich an dem Abend überhaupt keine Lust, über (m)einen Einzug dort zu diskutieren oder über politische Inhalte.
Ich zwei weiteren Kneipen tankte ich nach, zwischendurch blieb schaute ich mir in einer Touri-Disko das Treiben an.
"Willste tanzen?"
Nein, das wollte ich ganz gewiss nicht, konnte mich aber zu einem "nein danke" aufraffen und zeigte auf meine Zigarette, die ich gerade angezündet hatte.
"Wer nich will, der hat schon", berlinerte sie.
"Du mich auch!" murmelte ich in meinen Bart.
Nach einem weiteren Bier verlor ich noch mehr die Übersicht. Es kam mir vor, als würden nicht nur die Leute auf der Tanzfläche tanzen, sondern auch die an den kleinen Tischen und diejenigen, die an der Theke auf die Getränkeausgabe warteten.
Ohne mich — ich musste erst einmal an die frische Luft.
Ich lief ziemlich weit, kam am Wittenbergplatz vorbei — und wurde irgendwie fast magisch von der Ruine angezogen. Ich musste langsam Blasen an den Füßen haben; denn ich war wirklich sehr weit gelaufen.
In der Ruine war noch gut was los. Ich holte mir erst einmal ein Bier und setzte mich an einen kleinen Tisch. Der Mann, der dort mehr "hing" als saß, hatte wohl auch schon ordentlich "getankt".
Ich legte seinen Arm, der vom Tisch abrutschte, wieder auf die feuchte Tischplatte. "Danke", lallte er.
Seinen Ärmel schob ich ein Stück hoch und guckte auf die billige Armbanduhr, die sich zeigte; denn ich hatte keine dabei.
Halb fünf.
"Holst Du uns noch ein Bier?"
Mein Tischnachbar hatte sich wieder etwas berappelt. Er gab mir einen zerknitterten Zehner und ich holte uns Bier. Wir prosteten uns zu.
"Hast es auch nicht ganz leicht, wa?" Auch unüberhörbar ein Berliner.
Als wir ausgetrunken hatte, meinte er: "gibste och noch enen aus?"
"Ja, na klar!"
Ich war kaum zurück mit dem Bier und hatte mich hingesetzt, erschien auf einmal Elli.
Ihr Blick schweifte suchend durch den Raum; dann fixierte sie ihn auf mich. Im Nu stand sie an unserem Tisch.
"Komm mit nach Hause; wir haben Dich überall gesucht!"
"Ich will nicht, außerdem habe ich noch mein Bier!"
Elli griff sich die Flasche und trank sie in einem Zug aus, "nun nicht mehr!"
Sie half mir hoch und bugsierte mich hinaus. "Du kannst erst einmal mit zu mir kommen und auf dem Sofa pennen!"
Mir war ziemlich schlecht vom ausgiebigen Biergenuss. Trotzdem erreichten wir Ellis Wohnung ohne irgendwelche Komplikationen.
Ich legte mich gleich auf das Sofa, aber stand dann doch noch einmal auf und hängte meinen Parka über den Sessel. Ich wunderte mich, dass er mir so merkwürdig schwer vorkam, aber dann fiel mir ein, dass sich in der Tasche die Waffe befinden musste. Ich hatte sie unterwegs nicht verloren.
"Was für ein Glück, dass die Druck-Knöpfe so gut halten!" mit diesen Worten schlief ich ein.
So bekam ich nicht mit, dass Elli die Wohnung verließ. Ich wunderte mich nur beim Aufwachen, dass es so stille war.
"Elli?!"
Keine Antwort.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einen Schlüssel im Türschloss hörte. Elli kam zurück.
Sie war nicht allein — sie brachte Antje mit.
"Komm mit mir nach Hause — es tut mir leid, was gestern passiert ist!"
Antje guckte ganz freundlich, hatte aber irgendwie einen Tonfall, als würde sie mit einem kleinen Kind reden, was mich wieder ein wenig ärgerte. Meine Kopfschmerzen erinnerten mich daran, dass ich noch nicht in Form für ein neues Streitgespräch war.
Bei Elli wollte ich nicht bleiben, so bedankte ich mich bei ihr und ging mit.
Wir waren vorsichtig miteinander, eher schweigsam, sicherlich beide verletzt.
So verlebten wir den Rest des Wochenendes ganz ruhig.
Sonntagmorgen kroch Antje unter meine Decke und schmiegte sich an mich.
"Und ihr habt wirklich nicht auf der Klassenfahrt?"
"Nein!"
Ich erzählte ihr von den Motorrädern in der Kiesgrube, von den Abenden am Kaminfeuer und von Brokdorf. Sie hatte einen kurzen Bericht über die Demo im Fernsehen gesehen und wunderte sich, dass meine Schilderung der Ereignisse ganz anders ausfiel.
Als ich Montag von der Schule kam, erwartete Antje mich mit einer Nachricht, die ich nicht sofort richtig einordnen konnte. Sie hatte großes Glück gehabt, hatte tatsächlich die Zusage für eine Wohnung in Wilmersdorf erhalten. "Fehlt nur noch eine passende Arbeit", meinte sie, "lange werden meine Ersparnisse nicht reichen!"
Nach einer Weile setzte sie fort: "eigentlich ist es doch schade, dass Deine Wohnung so klein ist, wir sind doch ein gutes Team!"
Ich war so höflich, nicht direkt darauf zu antworten.
Sie fragte mich, ob ich ihr beim Renovieren helfen würde. "Eine Dreizimmerwohnung zu DEM PREIS — da nehme ich die Renovierung gerne auf mich", sagte sie, "die Wohnung ist etwas heruntergekommen, aber es ist etwas daraus zu machen!"
Die Schlüssel sollte sie in den nächsten Tagen im Verwalterbüro abholen.
"Wittelsbacher Straße", fragte sie, "wo ist das?"
"Weiß ich auch nicht so genau, aber in der Nähe vom Fehrbelliner Platz!"
Ich musste an die Zeit denken, in der ich meiner Schwester über die Schulter schaute, wenn sie samstags die "Shitparade" mit "Dieter Thomas Schreck" sah, wie ich sagte, um sie damit zu necken.
Da wurden immer Adressen von Plattenverlagen eingeblendet für Autogrammwünsche. Häufig kam dabei die Wittelsbacher Straße vor.
Etwas enttäuscht war ich, als wir ein paar Tage später sahen, dass es eine ruhige Wohnstraße war;
von "riesigen Plattenverlagen" war nicht viel zu sehen, aber Antje hatte es gut getroffen.
Es war wirklich sehr viel zu tun. Etliche Schichten Farbe und Tapete waren abzulösen, bis wir endlich tapezieren konnten.
Wir gerieten ganz schön ins Schwitzen, sodass wir unsere Arbeit meistens leicht bekleidet hinter uns brachten. Wir waren uns wieder näher gekommen, scherzten bei unseren Tätigkeiten, es landete auch mal ein Farbtupfer dort, wo er eigentlich nicht hingehörte"¦
"¦ und schließlich hatten wir Sex, mussten dazu allerdings die Trittleiter missbrauchen, um in eine günstige Stellung zu kommen; denn wir hatten noch keine Möbel und Matratzen in der Wohnung — und auf dem Boden war es ihr zu hart.
Es lag nicht nur am Sex, sondern auch an unserer Zusammenarbeit — manchmal dachte ich: "es läuft doch ganz gut mit uns beiden!"
Als wir an einem Abend spät, müde, aber zufrieden in meine Wohnung kamen, lag ein Brief für Antje im Briefkasten. Sie riss ihn schon auf der Treppe auf.
"Ich habe ihn bekommen! Das muss gefeiert werden!"
"Wen hast Du bekommen?"
"Der Brief ist vom Bezirksamt; ich habe tatsächlich den Job bekommen!"
Sie konnte sich gar nicht wieder fassen, so groß war ihre Freude.
Ich freute mich mit und hatte das Gefühl, so langsam "mein Leben" zurückzubekommen; denn ihre Wohnung war auch fast fertig.
Leider hatte auch ich einen Brief. Ich vermutete, er wäre von Braun. Es war auch eher ein Zettel als ein Brief. Auf dem stand nur, ich hätte mich am übernächsten Abend einzufinden "zu einem ernsthaften Gespräch". Eine Adresse in Moabit war angegeben, Turmstraße — linker Seitenflügel.
"Gruß B."
Ich war ein wenig hin und hergerissen. So freute ich mich für und mit Antje. Allerdings war es eine gebremste Freude, lag mir doch das "ernsthafte Gespräch" im Magen.
Hatte ich überhaupt etwas zu befürchten?
Das Haus war ziemlich heruntergekommen. Ich musste durch eine kleine Vorhalle gehen, von der die beiden Seitenflügel abgingen.
Gemäßigten Schrittes ging ich hinauf. Es war dunkel im Treppenhaus. Der Lichtschalter hatte zwar deutlich "klack" gemacht, aber das Licht war nicht angegangen.
Im dritten Stock war die Tür einer Wohnung nur angelehnt.
Am Klingelschild stand kein Name, sondern nur "B". Hier war ich richtig — oder grundverkehrt?
Ich drückte die Tür auf. Sie knarrte.
"Einen Tropfen Öl sollte man ihr spendieren!" dachte ich.
"Kommen Sie rein!" es war Brauns Stimme.
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Hallo Anne-Mette
... wieder eine spannende und wendungsreiche Fortsetzung
Da wurde uns gezeigt , wie schlimm es beim " Klassenfeind " zu ging
Ja - die 70ger waren eine bewegte und bewegende Zeit
LG von frecher Anni
... wieder eine spannende und wendungsreiche Fortsetzung
Na die der " Aktuellen Kamera " war wohl noch ganz andersAnne-Mette hat geschrieben:Ich erzählte ihr von den Motorrädern in der Kiesgrube, von den Abenden am Kaminfeuer und von Brokdorf. Sie hatte einen kurzen Bericht über die Demo im Fernsehen gesehen und wunderte sich, dass meine Schilderung der Ereignisse ganz anders ausfiel.
Ja - die 70ger waren eine bewegte und bewegende Zeit
LG von frecher Anni
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Sorry wegen des off-topic Beitrags, der hier vorher stand.
Habt ein frohes Osterfest
Marielle
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As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
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Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Gleich darauf saß ich ihm gegenüber. Er hatte einen Vorteil, konnte sich auf einen massiven Eichenschreibtisch stützen und hatte einen bequem aussehenden Sessel unter seinem Allerwertesten.
Ich hatte es nicht so komfortabel. Die Plastiksitzfläche eines Billigstuhles, die auf einem dünnen Rohrgestell festgenietet war, machte keinen stabilen Eindruck. Außerdem war sie unbequem, sodass ich bald nervös auf ihr herumrutschte. Ich hatte nicht gerade vor, hier lange zu bleiben; denn ein Brief der Psychologin wartete zuhause auf mich und ich war schon ganz aufgeregt und freute mich darauf, ihn zu lesen. Sollte er neue Erkenntnisse bereithalten?
Mein Blick ging erst im Raum spazieren; dann schaute ich zum Fenster hinaus. Draußen auf dem Hofplatz standen einige Autos, die aber nicht weiter mein Interesse weckten.
"Wir können auch erst rausgehen", begann Braun.
"Wieso erst? Lange kann und werde ich nicht bleiben!"
Die Antwort ärgerte ihn und er verzog das Gesicht, "nun seien Sie mal nicht unhöflich, Sie sind doch gerade erst gekommen. Wir haben viel zu besprechen!"
"Ich habe nicht viel mit Ihnen zu besprechen, eigentlich sogar NICHTS", machte ich ihm deutlich.
"Da bin ich mir nicht so sicher", er gab nicht auf, "aber erst einmal können wir nach unten gehen und ich zeige Ihnen unseren Fuhrpark, das wird Sie vielleicht etwas auflockern!"
Er stand auf und ich folgte ihm widerwillig nach unten, wo er mit einer großen Geste auf die parkenden Autos zeigte: "Das hier sind unsere Schätze!"
Ich konnte keine besonderen Eigenschaften an den Autos entdecken: ein Käfer stand da, zwei Opel, ein Fiat — und ein Ford.
Der hatte es ihm wohl besonders angetan; denn er fragte mich: "na, was hältst Du von dem Wagen, das ist unser Spezial-Modell HENNE?"
"Warum Du auf einmal?", dachte ich, aber sprach es nicht aus. Es war ein Ford Taunus — und selbst einen Spitznamen "Henne" hatte ich noch nie gehört.
Den Fuchsschwanz an der Antenne hielt ich zwar für etwas peinlich, aber dazu sagte ich nichts.
"Eine Spießerkarre", fiel mir ein, aber ich behielt es für mich.
"Na, nun sag schon!"
Er wollte wohl unbedingt versuchen, mit mir ins Gespräch zu kommen.
"Die Leopardenfellmuster-Wolldecke auf der Rückbank macht den Wagen wohl auch nicht schneller und agiler", sagte ich schließlich, um ihm einen Gefallen zu tun und nicht als "bockiges Kind" stumm daneben zu stehen. Ich wusste immer noch nicht, auf was die Autobesichtigung hinauslaufen sollte.
"Oder hat er die große V6 Maschine mit knapp über 100Ps?" fragte ich ihn.
"Nein, 68; Du kennst Dich aus?"
"Nicht direkt, aber ich habe mal ein paar Ford überführt, als ich ein paar Tage zur Aushilfe bei einem Ford-Händler tätig war.
"The best part is inside", warf er ein, "setz Dich mal rein!"
Woher hatte er diesen Spruch? Ich erinnerte mich an ein Porno-Heft, das mir die Dänen mitgegeben hatten.
Das Heft war auch im Bettkasten gewesen. An dem schrecklichen Abend nach meiner Heimkehr hatte ich es in dem Zeitungsstapel zwar nicht gesehen; aber das musste nichts bedeuten, vielleicht war es unter den anderen Zeitungen gewesen.
Doch stellte sich mir die Frage: War etwa Braun in der Wohnung gewesen und hatte — vielleicht zusammen mit Antje — in meinen Sachen gewühlt?
Aber er war doch wohl nicht so dumm zu glauben, ich würde die Negative dort aufbewahren.
"Na, nun mach schon!" Er riss mich aus meinen Gedanken.
Schließlich tat ich ihm den Gefallen und setzte mich in den Ford.
Auch "inside" konnte ich keine Besonderheiten und Leckerbissen an und in diesem Wagen wahrnehmen. Ein Baupunkt-Radio "zierte" das Armaturenbrett, leider kein modernes mit Cassette, aber immerhin mit "Stationstasten" — 3 Mal U, daneben M und L.
Vorne Lammfellbezüge — und hinten Leopardenfell. Ein Blick nach draußen zeigte den Fuchsschwanz, der im Wind wehte.
"Greif mal unter das Armaturenbrett", forderte er mich auf.
"Hoffentlich ist da keine Mause- oder Rattenfalle", wagte ich einen Scherz.
"Keine Angst!"
Unter dem Armaturenbrett befand sich eine Schiene mit einer Rille, wie ich ertasten konnte.
Leider machte ich mir dabei die Finger schmutzig und fettig.
"Nun fasse mal ganz nach links, da ist ein Hebel!"
"Ja, habe ich!"
"Den mal auf der Schiene ganz nach rechts bewegen!"
Erst ging es nicht so richtig, aber als ich fester zupackte, konnte ich den Widerstand überwinden und den Hebel nach rechts drücken.
"Nun mal nicht so zaghaft, kräftig ganz nach rechts!"
Es war nicht so einfach, aber ich bewegte den Hebel auf die andere Seite, bis ich, inzwischen unter dem Handschuhfach angelangt, einen Widerstand bemerkte, den ich nicht überwinden konnte.
Gleichzeitig gab es ein lautes Gepolter unter dem Wagen, so dass ich heftig erschrak.
"Kein Grund zur Panik", rief Braun, "alles in Ordnung, das ist eben die besondere Eigenschaft des Modells "Henne" — damit kann man Eier legen!"
Er lachte.
Ich stieg aus und guckte unter dem Wagen nach. Offensichtlich waren durch eine Öffnung im Wagenboden Sachen nach unten gefallen. Ich sah, dass sich ein Loch im Wagenboden befand.
"Und nun den Hebel wieder nach links!"
Ich zögerte, da stieg er selbst in das Auto und mühte sich mit dem Hebel ab.
Als ich wieder unter das Auto sah, war das Loch verschwunden.
Später erklärte er mir, dass sie den Wagenboden umgearbeitet hatten. Mittels Bowdenzug konnte man ein Blech beiseite ziehen — und alles, was sich an der Stelle oben im Wagen befunden hatte, würde nach unten fallen.
Das hatte ich bemerkt.
Man kann es für "alles" benutzen. Ich wusste nicht, warum er das Wort so betonte.
Du wirst den Wagen aber benutzen, um Zeitschriften in die DDR zu schmuggeln. Wir haben eine Liste von Parkplätzen, die wenig oder selten überwacht werden; da wirst Du Deine Ladung ablegen — und musst nicht einmal aussteigen.
"So - werde ich das?" fragte ich entrüstet, "warum sollte ich das tun?"
"Das besprechen wir nachher, wenn es ernst wird", meinte er, "erst zeige ich Dir noch etwas".
Im Keller befand sich eine Art Zeitschriftenlager. "Einige Zeitungen und Zeitschriften schreiben freiwillig über die schlechte Versorgungslage in der Zone und dass sich dort Protest entwickelt", erklärte er, "die müssen dann nur noch rüber — denn wir wissen ja, wie es drüben steht und brauchen die ganzen Berichte darüber hier bei uns nicht. Wenn mal nichts freiwillig geschrieben wird, dann helfen wir etwas nach und dann schreiben wir etwas. Wir haben eine Druckerei und können eigene Artikel in die Zeitschriften so gut einbauen, dass es nicht einmal die Macher merken würden.
Schließlich haben die uns auch immer ans Bein gepinkelt wegen dieser ganzen Atomdemo-Sch**** und den Studenten-Unruhen und lassen keine Gelegenheit aus, uns schlecht zu machen.
Leider können nicht alle Leute drüben Westfernsehen gucken, sonst wäre der ganze Aufwand nicht nötig und wir hätten es einfacher. Nun bist Du gefragt. Es ist ein bequemer Job; Du musst nicht einmal aussteigen".
Anschließend gingen wir in einen anderen Raum. Er zeigte auf ein Bündel Nummernschilder und gab mir eine Ledermappe.
"Hier sind Papiere und Nummernschilder. Für fünf Fahrten bist Du erst einmal ausgestattet.
Achte darauf, dass Du immer die gleichen Nummern hinten und vorn drauf hast und die richtigen Papiere dabei sind und dass Du nach jeder vollständigen Tour mit Hin- und Rückfahrt durch die Zone die Schilder wechselst.
Ich guckte ihn fragend an.
"Na, neulich ist doch so ein Dummbatz auf dem Tempelhofer Damm in eine Kontrolle geraten, die von den Schülern der nahegelegenen Polizeischule durchgeführt wurde.
Der Fahrer ist aufgefallen wegen eines defekten Bremslichtes; das haben wir inzwischen repariert. Viel schlimmer war, dass sie bemerkten, dass die Kennzeichen, die sich vorn und hinten befanden, nicht übereinstimmten. Also sei vorsichtig! Wir haben lange gebraucht, um das wieder hinzubekommen!"
Dann fügte er noch hinzu: "Die DDR-Grenzer würden das bestimmt nicht lustig finden, wenn Du falsche oder unterschiedliche Schilder am Wagen hast oder die Papier nicht stimmen".
Den Eindruck hatte ich auch; auf und fragte noch einmal - dieses Mal drängender: "Warum sollte ich das für Sie tun?"
"Das tust Du nicht für mich, sondern für UNS — und für DICH! Dazu kommen wir gleich; denn nun wird es ernst!"
Wo war ich hier nur wieder hineingeraten?
Alle möglichen "Dienste" hatten während der Zeit des "kalten Krieges" Hochkonjunktur — aber es war ein "schmutziges Geschäft", bei dem oft die Grenzen zwischen "Gut" und "Böse" vernebelt wurden oder gar ganz verschwanden.
Später sollte ich von einer Autorin und über ihre "Drecksarbeit" während des zweiten Weltkrieges lesen, die uns in erster Linie als Kinderbuchautorin bekannt werden sollte.
Im Buch "Astrid Lindgren — Ihr Leben" von Jens Andersen heißt es:
In der Postkontrolle des Allmänna Säkerhetstjänsten (Allgemeinen Sicherheitsdienstes) wurden rund um die Uhr Postsendungen ausspioniert — und zwar mithilfe der kriminaltechnischen Möglichkeiten Harry Södermans, die aus Kolben, Pipetten, Dampfstrahlern, ultraviolettem Licht, Chemikalien und spitzen Stahlwerkzeugen bestand.
Schätzungen zufolge wurden von 1939 bis 1945 fünfzig Millionen Briefe von schwedischen Staatsbürgern und ihren Verwandten, Bekannten und Geschäftspartnern im Ausland geöffnet und heimlich von mehreren tausend Kontrolleuren gelesen, die in fünfzig geheimen Postzensurstellen zwischen Kiruna und Karlshamn arbeiteten.
"Meine Drecksarbeit" nannte Astrid Lindgren ihre geheime Tätigkeit, die man nur ausführen durfte, wenn man ein geübter Leser und eine äußerst zuverlässige Person war.
Braun ging voran: "gehen wir wieder nach oben in mein Büro".
Ich folgte unwillig.
Ich hatte es nicht so komfortabel. Die Plastiksitzfläche eines Billigstuhles, die auf einem dünnen Rohrgestell festgenietet war, machte keinen stabilen Eindruck. Außerdem war sie unbequem, sodass ich bald nervös auf ihr herumrutschte. Ich hatte nicht gerade vor, hier lange zu bleiben; denn ein Brief der Psychologin wartete zuhause auf mich und ich war schon ganz aufgeregt und freute mich darauf, ihn zu lesen. Sollte er neue Erkenntnisse bereithalten?
Mein Blick ging erst im Raum spazieren; dann schaute ich zum Fenster hinaus. Draußen auf dem Hofplatz standen einige Autos, die aber nicht weiter mein Interesse weckten.
"Wir können auch erst rausgehen", begann Braun.
"Wieso erst? Lange kann und werde ich nicht bleiben!"
Die Antwort ärgerte ihn und er verzog das Gesicht, "nun seien Sie mal nicht unhöflich, Sie sind doch gerade erst gekommen. Wir haben viel zu besprechen!"
"Ich habe nicht viel mit Ihnen zu besprechen, eigentlich sogar NICHTS", machte ich ihm deutlich.
"Da bin ich mir nicht so sicher", er gab nicht auf, "aber erst einmal können wir nach unten gehen und ich zeige Ihnen unseren Fuhrpark, das wird Sie vielleicht etwas auflockern!"
Er stand auf und ich folgte ihm widerwillig nach unten, wo er mit einer großen Geste auf die parkenden Autos zeigte: "Das hier sind unsere Schätze!"
Ich konnte keine besonderen Eigenschaften an den Autos entdecken: ein Käfer stand da, zwei Opel, ein Fiat — und ein Ford.
Der hatte es ihm wohl besonders angetan; denn er fragte mich: "na, was hältst Du von dem Wagen, das ist unser Spezial-Modell HENNE?"
"Warum Du auf einmal?", dachte ich, aber sprach es nicht aus. Es war ein Ford Taunus — und selbst einen Spitznamen "Henne" hatte ich noch nie gehört.
Den Fuchsschwanz an der Antenne hielt ich zwar für etwas peinlich, aber dazu sagte ich nichts.
"Eine Spießerkarre", fiel mir ein, aber ich behielt es für mich.
"Na, nun sag schon!"
Er wollte wohl unbedingt versuchen, mit mir ins Gespräch zu kommen.
"Die Leopardenfellmuster-Wolldecke auf der Rückbank macht den Wagen wohl auch nicht schneller und agiler", sagte ich schließlich, um ihm einen Gefallen zu tun und nicht als "bockiges Kind" stumm daneben zu stehen. Ich wusste immer noch nicht, auf was die Autobesichtigung hinauslaufen sollte.
"Oder hat er die große V6 Maschine mit knapp über 100Ps?" fragte ich ihn.
"Nein, 68; Du kennst Dich aus?"
"Nicht direkt, aber ich habe mal ein paar Ford überführt, als ich ein paar Tage zur Aushilfe bei einem Ford-Händler tätig war.
"The best part is inside", warf er ein, "setz Dich mal rein!"
Woher hatte er diesen Spruch? Ich erinnerte mich an ein Porno-Heft, das mir die Dänen mitgegeben hatten.
Das Heft war auch im Bettkasten gewesen. An dem schrecklichen Abend nach meiner Heimkehr hatte ich es in dem Zeitungsstapel zwar nicht gesehen; aber das musste nichts bedeuten, vielleicht war es unter den anderen Zeitungen gewesen.
Doch stellte sich mir die Frage: War etwa Braun in der Wohnung gewesen und hatte — vielleicht zusammen mit Antje — in meinen Sachen gewühlt?
Aber er war doch wohl nicht so dumm zu glauben, ich würde die Negative dort aufbewahren.
"Na, nun mach schon!" Er riss mich aus meinen Gedanken.
Schließlich tat ich ihm den Gefallen und setzte mich in den Ford.
Auch "inside" konnte ich keine Besonderheiten und Leckerbissen an und in diesem Wagen wahrnehmen. Ein Baupunkt-Radio "zierte" das Armaturenbrett, leider kein modernes mit Cassette, aber immerhin mit "Stationstasten" — 3 Mal U, daneben M und L.
Vorne Lammfellbezüge — und hinten Leopardenfell. Ein Blick nach draußen zeigte den Fuchsschwanz, der im Wind wehte.
"Greif mal unter das Armaturenbrett", forderte er mich auf.
"Hoffentlich ist da keine Mause- oder Rattenfalle", wagte ich einen Scherz.
"Keine Angst!"
Unter dem Armaturenbrett befand sich eine Schiene mit einer Rille, wie ich ertasten konnte.
Leider machte ich mir dabei die Finger schmutzig und fettig.
"Nun fasse mal ganz nach links, da ist ein Hebel!"
"Ja, habe ich!"
"Den mal auf der Schiene ganz nach rechts bewegen!"
Erst ging es nicht so richtig, aber als ich fester zupackte, konnte ich den Widerstand überwinden und den Hebel nach rechts drücken.
"Nun mal nicht so zaghaft, kräftig ganz nach rechts!"
Es war nicht so einfach, aber ich bewegte den Hebel auf die andere Seite, bis ich, inzwischen unter dem Handschuhfach angelangt, einen Widerstand bemerkte, den ich nicht überwinden konnte.
Gleichzeitig gab es ein lautes Gepolter unter dem Wagen, so dass ich heftig erschrak.
"Kein Grund zur Panik", rief Braun, "alles in Ordnung, das ist eben die besondere Eigenschaft des Modells "Henne" — damit kann man Eier legen!"
Er lachte.
Ich stieg aus und guckte unter dem Wagen nach. Offensichtlich waren durch eine Öffnung im Wagenboden Sachen nach unten gefallen. Ich sah, dass sich ein Loch im Wagenboden befand.
"Und nun den Hebel wieder nach links!"
Ich zögerte, da stieg er selbst in das Auto und mühte sich mit dem Hebel ab.
Als ich wieder unter das Auto sah, war das Loch verschwunden.
Später erklärte er mir, dass sie den Wagenboden umgearbeitet hatten. Mittels Bowdenzug konnte man ein Blech beiseite ziehen — und alles, was sich an der Stelle oben im Wagen befunden hatte, würde nach unten fallen.
Das hatte ich bemerkt.
Man kann es für "alles" benutzen. Ich wusste nicht, warum er das Wort so betonte.
Du wirst den Wagen aber benutzen, um Zeitschriften in die DDR zu schmuggeln. Wir haben eine Liste von Parkplätzen, die wenig oder selten überwacht werden; da wirst Du Deine Ladung ablegen — und musst nicht einmal aussteigen.
"So - werde ich das?" fragte ich entrüstet, "warum sollte ich das tun?"
"Das besprechen wir nachher, wenn es ernst wird", meinte er, "erst zeige ich Dir noch etwas".
Im Keller befand sich eine Art Zeitschriftenlager. "Einige Zeitungen und Zeitschriften schreiben freiwillig über die schlechte Versorgungslage in der Zone und dass sich dort Protest entwickelt", erklärte er, "die müssen dann nur noch rüber — denn wir wissen ja, wie es drüben steht und brauchen die ganzen Berichte darüber hier bei uns nicht. Wenn mal nichts freiwillig geschrieben wird, dann helfen wir etwas nach und dann schreiben wir etwas. Wir haben eine Druckerei und können eigene Artikel in die Zeitschriften so gut einbauen, dass es nicht einmal die Macher merken würden.
Schließlich haben die uns auch immer ans Bein gepinkelt wegen dieser ganzen Atomdemo-Sch**** und den Studenten-Unruhen und lassen keine Gelegenheit aus, uns schlecht zu machen.
Leider können nicht alle Leute drüben Westfernsehen gucken, sonst wäre der ganze Aufwand nicht nötig und wir hätten es einfacher. Nun bist Du gefragt. Es ist ein bequemer Job; Du musst nicht einmal aussteigen".
Anschließend gingen wir in einen anderen Raum. Er zeigte auf ein Bündel Nummernschilder und gab mir eine Ledermappe.
"Hier sind Papiere und Nummernschilder. Für fünf Fahrten bist Du erst einmal ausgestattet.
Achte darauf, dass Du immer die gleichen Nummern hinten und vorn drauf hast und die richtigen Papiere dabei sind und dass Du nach jeder vollständigen Tour mit Hin- und Rückfahrt durch die Zone die Schilder wechselst.
Ich guckte ihn fragend an.
"Na, neulich ist doch so ein Dummbatz auf dem Tempelhofer Damm in eine Kontrolle geraten, die von den Schülern der nahegelegenen Polizeischule durchgeführt wurde.
Der Fahrer ist aufgefallen wegen eines defekten Bremslichtes; das haben wir inzwischen repariert. Viel schlimmer war, dass sie bemerkten, dass die Kennzeichen, die sich vorn und hinten befanden, nicht übereinstimmten. Also sei vorsichtig! Wir haben lange gebraucht, um das wieder hinzubekommen!"
Dann fügte er noch hinzu: "Die DDR-Grenzer würden das bestimmt nicht lustig finden, wenn Du falsche oder unterschiedliche Schilder am Wagen hast oder die Papier nicht stimmen".
Den Eindruck hatte ich auch; auf und fragte noch einmal - dieses Mal drängender: "Warum sollte ich das für Sie tun?"
"Das tust Du nicht für mich, sondern für UNS — und für DICH! Dazu kommen wir gleich; denn nun wird es ernst!"
Wo war ich hier nur wieder hineingeraten?
Alle möglichen "Dienste" hatten während der Zeit des "kalten Krieges" Hochkonjunktur — aber es war ein "schmutziges Geschäft", bei dem oft die Grenzen zwischen "Gut" und "Böse" vernebelt wurden oder gar ganz verschwanden.
Später sollte ich von einer Autorin und über ihre "Drecksarbeit" während des zweiten Weltkrieges lesen, die uns in erster Linie als Kinderbuchautorin bekannt werden sollte.
Im Buch "Astrid Lindgren — Ihr Leben" von Jens Andersen heißt es:
In der Postkontrolle des Allmänna Säkerhetstjänsten (Allgemeinen Sicherheitsdienstes) wurden rund um die Uhr Postsendungen ausspioniert — und zwar mithilfe der kriminaltechnischen Möglichkeiten Harry Södermans, die aus Kolben, Pipetten, Dampfstrahlern, ultraviolettem Licht, Chemikalien und spitzen Stahlwerkzeugen bestand.
Schätzungen zufolge wurden von 1939 bis 1945 fünfzig Millionen Briefe von schwedischen Staatsbürgern und ihren Verwandten, Bekannten und Geschäftspartnern im Ausland geöffnet und heimlich von mehreren tausend Kontrolleuren gelesen, die in fünfzig geheimen Postzensurstellen zwischen Kiruna und Karlshamn arbeiteten.
"Meine Drecksarbeit" nannte Astrid Lindgren ihre geheime Tätigkeit, die man nur ausführen durfte, wenn man ein geübter Leser und eine äußerst zuverlässige Person war.
Braun ging voran: "gehen wir wieder nach oben in mein Büro".
Ich folgte unwillig.
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