Mein Jahr 2015
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ilyadusoleil

Mein Jahr 2015

Post 1 im Thema

Beitrag von ilyadusoleil »

Guten Abend liebe Leute,

ich habe mich ganz lange nicht mehr zu Wort gemeldet. Ist nicht so, dass ich zuvor sehr aktiv war, aber dieses Jahr sind soviele Dinge passiert, über die ich euch gerne erzählen würde. Vielleicht machen sie ja der ein oder anderen Mut oder vielleicht erkennt sich jemand wieder :) Außerdem sind viele Dinge nur möglich geworden, weil ich hier Denkanstöße und guten Input erhalten habe. Aber sowas braucht immer eine gewisse Zeit...

Beginnen wir am Anfang dieses Jahres:
Zum Jahreswechsel kannte nur meine Freundin meine weibliche Seite. Sie hatte diese bereits wenige Wochen nach meinem Outing im Oktober 2013 akzeptiert und damit eindeutig schneller als ich selber. Denn ich war zu Beginn des Jahres immer noch dabei, mit mir zu kämpfen. Wie auch immer. Mitte Januar erzählte ich einer guten Freundin von mir bei einem Besuch in Paderborn von meiner Vorliebe, worauf sie sofort meinte ich solle bald vorbeikommen und wir veranstalten einen Mädelsabend. Das war schon das Höchste der Gefühle für mich. Anfang Februar fuhr ich dann zu ihr und wir hatten einen schönen Abend, es war einfach toll, mich mal jemandem anders zu zeigen und auch weiblich zu fühlen. Auch der Bruder von der Freundin war da und machte ein paar Fotos von uns, und auch seine lockere Art, damit umzugehen, half mir sehr. Am Abend danach ging ich in den Kattwinkel, zum Kölner Stammtisch. Ich muss sagen, dass es kein schöner Abend für mich war, weil ich die ganze Zeit nachdenklich war und nicht so in die Gespräche reingekommen bin. Ich bin ungefähr 20 Mal gestorben, bevor ich den Laden betrat und wollte auch schon öfter wieder gehen. Aber dass ich mich nicht wohl gefühlt hatte, lag nicht an den Leuten, sondern an mir. Ich stand eh neben mir an dem Abend und irgendwie kam es dann dazu, dass ich wenig Kontakt mit den anderen hatte. Dennoch hat mir das ein oder andere kurze Gespräch auch gut getan.
Danach fasste ich Mut und erzählte einer weiteren Freundin von meiner Vorliebe. Auch sie war sehr offen und half mir dabei, mich darauf vorzubereiten, es weiteren Leuten zu erzählen. Im Laufe der nächsten Monate wissen jetzt bestimmt ca. 50 Leute von mir Bescheid. Eine ganz besondere Freundin hat sich meiner etwas angenommen und mich immer wieder gepusht, weitere Aktivitäten als Sophie zu erleben. So haben wir z.B. Mai zu fünft einen Mädelsabend gemacht, im Juli waren wir gemeinsam in einem Kölner Club feiern und im August haben wir ein Picknick am Weiher gemacht. Alles als Sophie. Die Art und Weise, wie die anderen mich dabei aufgenommen haben, war wirklich beeindruckend und hat mir auch viel Mut gemacht. Dennoch habe ich gemerkt, wie ich es immer noch nicht akzeptieren konnte. Ich wollte wenn dann auch so schön sein, auch so klein sein, ich beneidete die Mädels um ihren Körper und hielt mich für absolut nicht würdig, mich in Frauenkleidung zu begeben ;) Im Mai bin ich dann auch zu Herrn Breuer in Bonn gegangen, der mir auch sehr geholfen hat, obwohl es nur das Vorgespräch war. Zu einer Therapie kam es nicht, auch, weil ich ein tiefes Down im Juli/August hatte. Ich wollte am liebsten wieder alles wegwerfen und habe mich wieder und wieder gefragt, warum gerade ich diesen Mist machen muss? Ich, der coole Barttragende spontane Typ. Im August begann ich dann als Rettung eine Psychotherapie bei einem anderen Therapeuten, der leider kein Experte ist für Transgender. Aber auch er hat mir bisher sehr viel geholfen und führt meinen Weg aus dem Dunkel... Ach so, Ende März habe ich sogar meiner Mutter erzählt, was mich bedrückt und vor allem, was mich seit 15 Jahren beschäftigt. Es war kein leichtes Gespräch, auch weil viele Sachen hochkamen, die unsere Beziehung damals in meiner Jugend sehr belastet haben. Aber es war toll, dass es raus war und auch ihre Reaktion, und ihre Unterstützung hatte ich, was sie mir klar und deutlich sagte. Meine Outings liefen weiter (man muss wissen, dass ich in einem Studierendenwohnheim wohne mit 75 Nachbar*in ;) ). Auch wenn ich nicht alle kenne, so sind es doch recht viele, denen ich gerne vorher Bescheid geben würde, bevor sie mich so sehen. Dann kam schon der Oktober und damit das neue Semester. Meine Outings gingen exponentiell weiter und dennoch war ich immer noch nicht soweit, zu meiner weiblichen Seite zu stehen. Am 11.11., ein Tag auf den ich mich lange gefreut hatte und als halb-Mann/Halb-Frau gehen wollte, kam dann ein richtiges Tief. Ich habe den ganzen Vormittag geheult und so auch die Frühstücksfeier der Leute verpasst, die ich doch so gerne habe und die mich auch gerne so sehen wollten. Aber es ging nicht. Als ich alleine war, versuchte ich mich wieder hochzuziehen und nahm mir vor, bis zum 18.12. meine weibliche Seite akzeptiert zu haben. Das war nötig, weil mich dieser Kampf auffrisst. MIr ging es immer schlechter, je länger ich kämpfte. In den nächsten Wochen ist dann auch wirklich viel passiert. Von einem Spieleabend, an dem ich als Sophie teilnahm, zu einem Frühstück, von Weihnachtsmarktbesuchen zum ersten Mal im Tageslicht shoppen, von Spaziergängen mit meiner Freundin oder einer Mitbewohnerin oder auch alleine im Hellen, weitere Menschen haben von mir erfahren, viele Freunde haben auch begonnen, mich Sophie zu nennen, zumindest wenn ich so unterwegs bin und wenn sie über mich reden, mich mit "sie" zu adressieren, sodass ich jetzt, am 25.12. fast sagen kann, dass ich meine weibliche Seite akzeptiert habe. Ich weiß nicht, wie es ist, aber ich glaube ich bin fast angekommen. Es war ein turbulentes Jahr, kein schönes, aber ich glaube eines der wichtigsten in meinem Leben.
Übermorgen fahren wir zu neunt eine Woche nach Belgien. Ich werde die komplette Zeit als Sophie verbringen. Ich freue mich da schon sehr drauf. Durch das Shoppen vor ein paar Tagen habe ich jetzt auch genug Klamotten.
Ach so, eine, fast die größte Sache ist noch am Anfang dieses Monats geschehen. Ich hatte meinem Vater, mit dem ich lange nur wenig Kontakt hatte, erzählt, dass es mir nicht gut geht und ich gerne mit ihm sprechen würde. Er wohnt allerdings südlich von Hannover, ist also auch nicht mal eben für nen Nachmittag zu erreichen. Dennoch hat er sich sofort (also am drauffolgenden Samstag) in den Zug gesetzt und ist nach Köln gekommen. Wir haben einen wirklich schönen Tag verbracht, der uns beide wieder näher zusammengebracht hat und bei dem ich ihm alles sagen konnte, was mich bedrückt. Seine Reaktion war wie ein toller Traum. Er sagte, dass er mich bei allem unterstützt und es wichtig ist, dass ich mich selbst finde und wenn er was tun könnte, würde er das gerne tun. Gut, er sagte auch, dass ich sein Sohn bleibe, egal was passiert! :D . Aber ein paar Tage drauf lag sogar ein Brief in meinem Briefkasten, in dem er nur noch "Kind" benutzt und schreibt, dass er es toll fand, dass ich mich so geöffnet habe und ich seine Unterstützung in jedem Fall habe. Das war einer der größten Meilensteine für dieses Jahr und ich bin echt froh, dass ich das gemacht habe!
Tja, 2015 ist fast rum. Ich glaube ich habe den größten Schritt überhaupt gemacht und möchte jetzt nicht mehr zurück. Wie geht es denn weiter? Das weiß ich noch nicht ganz genau. Ich habe heute einen Moment gehabt, wo ich mir sehr sicher war, dass ich als Frau weiterleben möchte. Es war so, dass ich einen Brief öffnete, den ich mir im Frühjahr selbst geschrieben habe. Ich hatte mir einen Brief an meine männliche und einen Brief an meine weibliche Seite geschrieben. In dem Brief an die weibliche stand: "ich wünsche dir, dass du zu dem Zeitpunkt, wo du den Brief liest, weißt, wer du bist". Und genau in diesem Moment habe ich kurz gedacht, ja ich weiß es. Ich glaube es geht sehr in die Richtung, dass ich den Weg gehen möchte. Aber genau sicher bin ich mir noch nicht.... Mein Therapeut versucht alles, um mich weiter begleiten zu dürfen und ich habe auch keine Lust mehr, jetzt noch weitere sechs Monate auf einen anderen Therapieplatz zu warten... Vielleicht hat jemand einen Tipp, oder ist jemand in einer ähnlichen Situation (gewesen) in der man einen Therapeuten hat, mit dem ich übrigens sehr zufrieden bin, der aber kein Experte in Sachen Transsexualität ist?

So, wer bis hierhin gelesen hat, ich hoffe, es hat euch gefallen, vielleicht macht es dem ein oder anderen Mut, ach es gäbe noch soviel zu schreiben über dieses Jahr, es ist einfach viel passiert! Es ist toll, solch tolle Freunde zu haben, aber ich glaube, dass der wichtigste Teil von einem selber kommt. Ich denke, dass viele das schon so durchgemacht haben und wahrscheinlich zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen sind ;)
Auf jeden Fall sehe ich die Zukunft nicht mehr nur (wo) sondern auch ))):s
Schaun mer mal :)
Und auch noch einmal danke an die jetzt nicht mehr zu ermittelnden Personen, die hier alle ihre Erfahrungen aufschreiben und so mir als Leserin auch Mut gegeben haben, meinen Weg zu beginnen :)

Liebe Grüße aus Köln und frohe Weihnachten, Sophie


PS: etwas ganz wichtiges hatte ich noch vergessen. Ich wünsche euch allen, alle die vielleicht in einer ähnlichen Situation stecken wie ich zu Anfang des Jahres und alle, die in anderen Situationen stecken, viel Kraft! Ich wünsche euch das Beste für alles, was ihr vorhabt. Bitte bleibt am Ball. Es lohnt sich :) und vor allem: es wird besser!
Michelle_Engelhardt
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Re: Mein Jahr 2015

Post 2 im Thema

Beitrag von Michelle_Engelhardt »

Hallo Sophie,

ein schöner und beeindruckender Jahresrückblick. Ich wünsche Dir für Deinen kommenden Urlaub ganz, ganz viel Spaß und für Dein weiteres Leben alles erdenklich Gute. Alles wird gut, Du wirst sehen!

Liebe Grüße
Michelle
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Weihnachtsmarkt ist das Wacken für Büroangestellte!
MEL
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Re: Mein Jahr 2015

Post 3 im Thema

Beitrag von MEL »

Hallo Sophie,

vielen Dank für deine Schilderungen des persönlichen Werdegangs im zurückliegenden Jahr,
damit verbunden das Auf und Ab der eigenen Gefühlswelt.
Dafür, dass Du dir selbst in vielen Momenten so unschlüssig warst und auch zum jetzigen Zeitpunkt
eigentlich noch nicht sicher bist, ob Du wirklich Transsexuell bist und dein zukünftiges Leben
als (körperlich wie sozial angepaßte ) Frau leben möchtest, bist du das outing ziemlich forsch angegangen.
Bisher wohl ohne Rückschläge dabei hinnehmen zu müssen, im Gegenteil, du erfährst "Aufbauhilfe" und
konntest sogar deine Eltern mit ins Boot holen.

Was mir aber am wichtigsten erscheint, dass Du versuchst, Dir - möglichst ohne Einflußnahme von
anderen Personen (Therapeut_in mal außen vor) deines Umfelds - darüber klar zu werden, was DU
wirklich möchtest und was dein seelisches Gleichgewicht wieder herstellt!
Schön, dass du bis dato soviel Unterstützung erfahren und dich ausprobieren konntest und noch kannst.
Wenn du dich nun auf den Weg MzF begeben möchtest, dann sollte dies wirklich nur aus deiner
inneren Überzeugung heraus geschehen.

Dazu wünsche ich Dir alles Gute und dass dir im Jahr 2016 Glück, Gesundheit und Erfolg beschieden sind.

GLG MEL
Andrea-Yvette
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Re: Mein Jahr 2015

Post 4 im Thema

Beitrag von Andrea-Yvette »

Liebe Sophie

vielen Dank für Deinen Bericht.

Mir ging es gestern ähnlich. Irgendwie hatte ich innerlich das Bedürfnis ein wenig "Bilanz zu ziehen". Es ist soviel geschehen in diesem Jahr. Ich habe so vieles erreicht. Bevor ich Deinen Bericht las, habe ich mein persönliches Tagebuch weiter geschrieben. Hatte daran gedacht, wie ich diese Woche durch Nürnberg gestöckelt bin. Wie glücklich ich war. Mir dort meine weibliche Garderobe erweitert habe. Ganz normal öffentlich anprobierte. Wie letzte Woche meine Behandlerin bei der IPL-Bartentfernung meinte, sie könne mir doch eine Quittung für die Krankenkasse ausstellen. Mir vielleicht helfen, die Kosten über die Krankenkasse erstattet zu bekommen?
Tja und heute? Lese ich "Die transzendierte Frau". Suche immer noch nach einer Antwort auf die Frage: "Wie weit soll ich gehen?". Und woran denke ich? An eine mögliche HET, wie diese wohl wäre und an eine weitere Therapiesitzung.

Schön dass Du diese Antwort wohl schon gefunden hast. Eigentlich definitiv, nach all dem was ich lesen konnte und mit wem Du alles gesprochen hast. Herzlichen Glückwunsch zu den sehr vielen positiven Reaktionen Deines Umfeldes und Deiner Eltern.

Ich wünsche Dir weiterhin viele schöne Erlebnisse, Glück und Erfolg. Ausserdem ebenfalls wie Du schreibst viel Kraft und möglichst viel Akzeptanz und Anerkennung. Viel Spass in Deinem Urlaub.

Alles Gute für 2016

Andrea-Yvette
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Re: Mein Jahr 2015

Post 5 im Thema

Beitrag von Anke »

Liebe Sophie,

vielen lieben Dank für deinen Bericht.

Schön zu lesen, dass Du voran kommst, auch wenn es den einen oder anderen Rückschlag gibt. Toll auch, dass deine Umgebung so gut reagiert. Mit deinem Vater scheint es ja auch auf einen guten Weg zu sein. Vermutlich muss er das erstmal verarbeiten. Ich habe auch die Erfahung gemacht, dass Männer sich tendenziell schwerer tun, damit umzugehen.

Ich finde, Du machst es genau richtig, hörst in dich hinein, versuchst dir Klarheit über dich selbst zu verschaffen.

Ich drücke dir weiter die Daumen und freue mich schon darauf zu lesen, wie es mit dir weiter geht.

Liebe Grüße

Anke
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Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

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Re: Mein Jahr 2015

Post 6 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen »

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Hallo Sophie,
auch von mir vielen Dank für deinen Bericht und deine Offenheit! Das vergangene Jahr verlief bei dir offenbar sehr turbulent und war von wichtigen Entscheidungen für dein weiteres Leben geprägt. Mir selbst ging es da sehr ähnlich.
Da die Entscheidungen aus deinem Inneren heraus getroffen wurden, bin ich überzeugt, dass du auf einem guten Weg bist. Ich wünsche dir auch 2016 viel Erfolg dabei.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen
Jessie

Re: Mein Jahr 2015

Post 7 im Thema

Beitrag von Jessie »

Hallo Sophie,

eine Frohe Weihnacht wünsche ich dir.
Ich denke du hast da einen Tollen Werdegang zu deinem Ich hingelegt, dein Bericht regt zum nachdenken an.
Für das kommende Jahr wünsche ich dir alles gute und vor allen dingen das du dich wirklich selber findest.

Ich für meinen Teil kann got sei dank momentan Sagen:

Et is so wie et is

Et kütt so wie et kütt

ja ich versuche nach dem Kölschen Grundgesetz in das ich geboren wurde zu leben und möchte mich gerne selber nicht so ernst nehmen da es doch fiele dinge manches mal echt einfacher macht...

In diesem sinne einen guten rutsch

Jessie
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