ich habe mich ganz lange nicht mehr zu Wort gemeldet. Ist nicht so, dass ich zuvor sehr aktiv war, aber dieses Jahr sind soviele Dinge passiert, über die ich euch gerne erzählen würde. Vielleicht machen sie ja der ein oder anderen Mut oder vielleicht erkennt sich jemand wieder
Beginnen wir am Anfang dieses Jahres:
Zum Jahreswechsel kannte nur meine Freundin meine weibliche Seite. Sie hatte diese bereits wenige Wochen nach meinem Outing im Oktober 2013 akzeptiert und damit eindeutig schneller als ich selber. Denn ich war zu Beginn des Jahres immer noch dabei, mit mir zu kämpfen. Wie auch immer. Mitte Januar erzählte ich einer guten Freundin von mir bei einem Besuch in Paderborn von meiner Vorliebe, worauf sie sofort meinte ich solle bald vorbeikommen und wir veranstalten einen Mädelsabend. Das war schon das Höchste der Gefühle für mich. Anfang Februar fuhr ich dann zu ihr und wir hatten einen schönen Abend, es war einfach toll, mich mal jemandem anders zu zeigen und auch weiblich zu fühlen. Auch der Bruder von der Freundin war da und machte ein paar Fotos von uns, und auch seine lockere Art, damit umzugehen, half mir sehr. Am Abend danach ging ich in den Kattwinkel, zum Kölner Stammtisch. Ich muss sagen, dass es kein schöner Abend für mich war, weil ich die ganze Zeit nachdenklich war und nicht so in die Gespräche reingekommen bin. Ich bin ungefähr 20 Mal gestorben, bevor ich den Laden betrat und wollte auch schon öfter wieder gehen. Aber dass ich mich nicht wohl gefühlt hatte, lag nicht an den Leuten, sondern an mir. Ich stand eh neben mir an dem Abend und irgendwie kam es dann dazu, dass ich wenig Kontakt mit den anderen hatte. Dennoch hat mir das ein oder andere kurze Gespräch auch gut getan.
Danach fasste ich Mut und erzählte einer weiteren Freundin von meiner Vorliebe. Auch sie war sehr offen und half mir dabei, mich darauf vorzubereiten, es weiteren Leuten zu erzählen. Im Laufe der nächsten Monate wissen jetzt bestimmt ca. 50 Leute von mir Bescheid. Eine ganz besondere Freundin hat sich meiner etwas angenommen und mich immer wieder gepusht, weitere Aktivitäten als Sophie zu erleben. So haben wir z.B. Mai zu fünft einen Mädelsabend gemacht, im Juli waren wir gemeinsam in einem Kölner Club feiern und im August haben wir ein Picknick am Weiher gemacht. Alles als Sophie. Die Art und Weise, wie die anderen mich dabei aufgenommen haben, war wirklich beeindruckend und hat mir auch viel Mut gemacht. Dennoch habe ich gemerkt, wie ich es immer noch nicht akzeptieren konnte. Ich wollte wenn dann auch so schön sein, auch so klein sein, ich beneidete die Mädels um ihren Körper und hielt mich für absolut nicht würdig, mich in Frauenkleidung zu begeben
Übermorgen fahren wir zu neunt eine Woche nach Belgien. Ich werde die komplette Zeit als Sophie verbringen. Ich freue mich da schon sehr drauf. Durch das Shoppen vor ein paar Tagen habe ich jetzt auch genug Klamotten.
Ach so, eine, fast die größte Sache ist noch am Anfang dieses Monats geschehen. Ich hatte meinem Vater, mit dem ich lange nur wenig Kontakt hatte, erzählt, dass es mir nicht gut geht und ich gerne mit ihm sprechen würde. Er wohnt allerdings südlich von Hannover, ist also auch nicht mal eben für nen Nachmittag zu erreichen. Dennoch hat er sich sofort (also am drauffolgenden Samstag) in den Zug gesetzt und ist nach Köln gekommen. Wir haben einen wirklich schönen Tag verbracht, der uns beide wieder näher zusammengebracht hat und bei dem ich ihm alles sagen konnte, was mich bedrückt. Seine Reaktion war wie ein toller Traum. Er sagte, dass er mich bei allem unterstützt und es wichtig ist, dass ich mich selbst finde und wenn er was tun könnte, würde er das gerne tun. Gut, er sagte auch, dass ich sein Sohn bleibe, egal was passiert!
Tja, 2015 ist fast rum. Ich glaube ich habe den größten Schritt überhaupt gemacht und möchte jetzt nicht mehr zurück. Wie geht es denn weiter? Das weiß ich noch nicht ganz genau. Ich habe heute einen Moment gehabt, wo ich mir sehr sicher war, dass ich als Frau weiterleben möchte. Es war so, dass ich einen Brief öffnete, den ich mir im Frühjahr selbst geschrieben habe. Ich hatte mir einen Brief an meine männliche und einen Brief an meine weibliche Seite geschrieben. In dem Brief an die weibliche stand: "ich wünsche dir, dass du zu dem Zeitpunkt, wo du den Brief liest, weißt, wer du bist". Und genau in diesem Moment habe ich kurz gedacht, ja ich weiß es. Ich glaube es geht sehr in die Richtung, dass ich den Weg gehen möchte. Aber genau sicher bin ich mir noch nicht.... Mein Therapeut versucht alles, um mich weiter begleiten zu dürfen und ich habe auch keine Lust mehr, jetzt noch weitere sechs Monate auf einen anderen Therapieplatz zu warten... Vielleicht hat jemand einen Tipp, oder ist jemand in einer ähnlichen Situation (gewesen) in der man einen Therapeuten hat, mit dem ich übrigens sehr zufrieden bin, der aber kein Experte in Sachen Transsexualität ist?
So, wer bis hierhin gelesen hat, ich hoffe, es hat euch gefallen, vielleicht macht es dem ein oder anderen Mut, ach es gäbe noch soviel zu schreiben über dieses Jahr, es ist einfach viel passiert! Es ist toll, solch tolle Freunde zu haben, aber ich glaube, dass der wichtigste Teil von einem selber kommt. Ich denke, dass viele das schon so durchgemacht haben und wahrscheinlich zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen sind
Auf jeden Fall sehe ich die Zukunft nicht mehr nur
Schaun mer mal
Und auch noch einmal danke an die jetzt nicht mehr zu ermittelnden Personen, die hier alle ihre Erfahrungen aufschreiben und so mir als Leserin auch Mut gegeben haben, meinen Weg zu beginnen
Liebe Grüße aus Köln und frohe Weihnachten, Sophie
PS: etwas ganz wichtiges hatte ich noch vergessen. Ich wünsche euch allen, alle die vielleicht in einer ähnlichen Situation stecken wie ich zu Anfang des Jahres und alle, die in anderen Situationen stecken, viel Kraft! Ich wünsche euch das Beste für alles, was ihr vorhabt. Bitte bleibt am Ball. Es lohnt sich