Emanzipation und Anonymität
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Lebensplanung, Standorte
ExUserIn-2026-04-08
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Emanzipation und Anonymität

Post 1 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Hallo,

in vielen Beiträgen fällt auf, dass die Autorinnen schreiben, dass sie im Kontext im Ausdruck ihrer weiblichen Identität "sich nicht trauen", "wg. Partnerin nicht dürfen" oder es gar wg. gesellschaftlicher Regeln "verboten" sei. Das geht soweit, dass sogar "verboten" wird, sich den Vollbart abzunehmen.

Mich erschüttern solche Aussagen immer wieder.

Viele Menschen "verstümmeln" sich in ihrem Wesen oder lassen sich verstümmeln. Ich sehe hier immer wieder, wie wenig die Betroffenen sich selber von solchen Vorgaben emanzipieren können. Ich verstehe hier Emanzipation im Sinne des Duden als "Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit; Selbstständigkeit; Gleichstellung". Hier dürften die vielfältigsten Ängste eine Rolle spielen.

Ich glaube, das führt massiv in die Anonymität. Man versteckt sich und seine Bedürfnisse. Aber ist es nicht das Heraustreten aus dieser Anonymität, was wir uns eigentlich wünschen ? Das wir als Menschen in allen unseren Facetten anerkannt und respektiert werden, vor allem durch die Menschen, die uns nahe stehen ?

Stehen die genannten Einschränkungen und "Verbote" genau gegen diesem Wunsch ?

Ich denke, man muss für sich selber entscheiden, ob man sich gegen Bevormundungen und Einschränkungen wehren will oder nicht. Beides hat Konsequenzen, ohne die Emanzipation muss man nicht nur mit den Einschränkungen leben, sondern nimmt man auch das Gefälle zwischen sich und der Umwelt in Kauf und lässt sich herum schubsen. Im anderen Fall wird man frei bezüglich seiner Entscheidungen, muss aber hinnehmen, dass die Umwelt sich nicht nur positiv verhält ? Es wird Menschen geben, die den Mut anerkennen und andere werden ablehnend reagieren. Ich meine nicht die alltäglichen Kompromisse, sondern die grundlegende Situation.

Meine Frage: Wie handhabt Ihr das ? Gibt es für Euch Einschränkungen, die Ihr nicht hinnehmen wollt, aber glaubt es zu müssen ? Lebt Ihr in (relativer) Freiheit und werdet dafür anerkannt ?
Viele Grüße
Vicky

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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 2 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin,

bekanntermaßen lebe ich zu Hause mit Einschränkungen und dem Status Quo, dass ich in begrenzter Form meine Freiheiten nutzen kann in Verantwortung meiner Frau gegenüber.
außerhalb des häuslichen Umfeldes soweit möglich auch bei der Arbeit und auf Dienstreisen fahre ich das Thema sehr offen in der Kommunikation und habe bisher weitgehende Zustimmung gefunden - außer bei der eigenen Familie. Das ist halt so.

Gruß, Ulrike-Marisa
Doreen
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 3 im Thema

Beitrag von Doreen »

Hallo miteinander,
ich habe das Glück daß meine Frau meine Ausflüge in die Weiblichkeit so nimmt wie sie sind. Wir sind zehn Jahre altersmäßig auseinander und 15 Jahre
verheiratet. Kennengelernt haben wir uns vor 20 Jahren. Schon damals, es war beim dritten Date, habe ich meiner neuen Freundin gleich von Anfang an von
meiner Neigung erzählt. Sie hatte anfangs immer im Hinterstübchen Angst davor ich könnte schwul sein. Hat ewig gedauert bis sie selbst festgestellt hat, daß dem nicht so ist und ich ein hetereosexuell veranlagter Mann bin. Aber Ängste daß ich mich mal zur Frau umoperieren lassen könnte sind bis heute geblieben.
Seit einer Woche weiß sie von diesem Forum, weiß von meinem Pseudonym, ich habe ihr davon berichtet um mit ihr gemeinsam hin und wieder diese Seiten zu besuchen, um so mehr zu erfahren was es für unterschiedliche Facetten bzogen auf das Kapitel Trans gibt.
Natürlich sprechen wir immer mal wieder über mein Crossdressing, z.B. wenn wir zu Besuch eingeladen sind oder selbst Besuch bekommen, da erhalte ich schon hier und da mal die Aufforderung oder Bitte, gerade diesen BH nicht drunter zu tragen, "Du weißt ja, die Sylvia streichelt gern bei der Begrüssung über den Rücken". Oder auch, "Man sieht Dein Unterkleid und den Büstenhalter unter dem Hemd, zieh bitte einen Pullover oder eine Weste drüber".
Im Großen und Ganzen kann ich zufrieden sein so wie es ist, bin den ganzen Tag fraulich angezogen, führe den Haushalt, abends wenn meine Frau vom Büro kommt brauche ich mich nicht rasch ausziehen und meine Kleidung verstecken. Ich begrüße sie im Rock, Kleid und Strumpfhose oder wenn es schon mal später wird auch mal im Nachthemd. Das Leben als Mann in Frauenkleidern ist also seit vielen Jahren bei uns in der Ehe Alltag geworden und gehört dazu, im Gegenteil, manchmal wenn mir nach ganzer Männlichkeit ist, kommt sehr selten vor, fragt meine Frau mich ganz entsetzt, "Ist was, warum hast du heute nichts drunter?" Auf jeden Fall bleibe ich ungeoutet und ohne Ambitionen als Frau zurecht gemacht in die Öffentlichkeit zu gehen.

Schade daß nicht jeder hier im Forum so eine Partnerin hat.

LG Doreen
ExUserIn-2026-04-08
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 4 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Nur einmal zwischendurch, damit das Thema nicht abdriftet.

Mir geht es nicht um die Partnerin und ihre Einstellungen oder Euer Zusammenleben, sondern um Euch. Es ist mir wichtig, wieviel Einschränkung, vielleicht sogar Bevormundung lasst Ihr zu ? Wollt Ihr Euch Emanzipieren und wollt Ihr aus der Anonymität ? Geht das überhaupt ohne seine Scham zu überwinden ?
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Joanna

Re: Emanzipation und Anonymität

Post 5 im Thema

Beitrag von Joanna »

Auch ich verspüre eine seit Jahrzehnten stetig wachsende Sehnsucht, die Anonymität hinter mir zu lassen. Ich habe schon viel, sehr viel für mein Frausein aufgegeben . Aber viel weiter als jetzt kann ich einfach nicht mehr gehen. Es steht letztendlich einfach zu viel auf dem Spiel. Ich bin ein "Gefangener" in meinem Körper. Aber Gottseidank hab ich immer wieder Freigang. Das macht es bis zu einem gewissen Grad erträglich.
gaby37
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 6 im Thema

Beitrag von gaby37 »

Hallo,

ja, was das "öffentliche Outing" bei Freunden, Nachbarn und vor allen Arbeitskollegen angeht, lasse ich mich bevormunden.

Bei den Nachbar durch meine Frau, weil sie Sorge hat "Was würden die von uns/ihr denken". Das gehört dann für mich zu der gegenseitigen Rücksichtnahme, die Explorer schon angesprochen hat. Allerdings gehe ich trotzdem gedressed aus dem Haus - unter entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen - und wenn es sein muss halt ohne Perücke/Sillies und ziehe das erst unterwegs an.
Von daher schoneine gewisse Emanzipation

Bei den Arbeitskollen ist es einfach die eigene Stellung. Aus diversen Gesprächen kommen doch diverse "Stammtischweisheiten" hoch, die ich zwar versuche zu entkräften, aber ein Outing würde mir das weitere Arbeiten sicherlich erschweren, auch wenn ich sicher bin, dass die Abteilungsleiter/Geschäftsleiter versuchen würden gegen zu steuern, bzw. entsprechende Verlautbaren bezüglich Diskriminirungsverbot erlassen würden.

Von unseren Freunden ist ein Ehepaar eingeweiht, weil das für unsere Beziehung wichtig war - bei einem weiteres Päarchen bin ich immer wieder am Überlegen - das würde bestimmt kein Problem haben, aber irgendwas hält mich auf.

Und ja, es ist eine Frage der Emanzipation, aber da ich nur unter 5% meiner Lebenszeit als Frau verbringen will, noch nicht einmal muss, sehe ich für mich hier auch wenig Handlungsbedarf, solange mich diese "Rahmenbdingungen" nicht wirklich Einschränken.

Gruß Gaby
_______________________________________________________________________________________________
Frauen werden aus Blumen geboren, Männer aus Kohlköpfen. Ich bin aus einem Blumenkohl.
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 7 im Thema

Beitrag von ab08 »

Vicky_Rose hat geschrieben:Meine Frage: Wie handhabt Ihr das ? Gibt es für Euch Einschränkungen, die Ihr nicht hinnehmen wollt, aber glaubt es zu müssen ? Lebt Ihr in (relativer) Freiheit und werdet dafür anerkannt ?
Hallo Vicky,

nur kurz, denn ich hab wenig Zeit.

-> Transsexuell, nachdem ich fünf Jahrzehnte den "Mann" gespielt hatte, achtete ich nach dem Co 2008 nur auf berufliche Notwendigkeiten.
Zunächst, da ich auf erhebliche Widerstände traf, war ich aber gezwungen, zumindest im Netz eine gewisse Anonymität zu wahren.
Im Beruf und in der Öffentlichkeit war ich bereits damals alles andere als zurückhaltend mit persönlichen Informationen.
Wenn mir Unrecht geschah, war ich z.B. äußerst mitteilsam, schon aus dem Grund, mich zu schützen...
Heute erlaube ich mir auch im Netz mehr Offenheit
==> Das mach ich bewußt, denn ich will so gut wie möglich zur Information / Aufklärung über die Thematik beitragen.
Mir geht es häufig auch darum, anderen bei ihrer Emanzipation zu helfen (Bin halt Lehrerin :oops: )

Liebe Grüße
Andrea

P.S. Meine berufliche Arbeit erledige ich gewissenhaft und verhalte mich angemessen, so wie es eben zu einer Lehrerin meiner Altersgruppe passt.
Ansonsten lebe ich aber in völliger Freiheit und erhalte häufig Lob + positive Rückmeldungen. :wink:
(Meine Freiheit liegt auch daran, dass ich stets auch meine finanzielle Unabhängigkeit im Blick hatte und diesbezüglich abgesichert bin...)
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 8 im Thema

Beitrag von Lina »

Explorer hat geschrieben:Ich möchte mich nicht fundamental einschränken. Ich möchte meine inneren Bedürfnisse ausleben. Ich möchte nichts verstecken, was mir irgendwann unerträglich werden könnte. Ich bin 30, das ist nicht zu alt, aber auch nicht mehr blutjung. Ich will erforschen, wohin mein Weg geht. Sollte ich meine Freundin irgendwann auf diesem Weg verlieren, dann tut mir das leid - aber ich will nicht in einer Beziehung leben, in der ich mich verstecken muss, oder wo ich nicht komplett so geliebt werde, wie ich bin.

Trotzdem muss man den Weg ja nicht gleich stur ohne Rücksicht auf Verluste nehmen....
Wow, eine ganz seltene Aussage. Die ist wunderbar. Ich könnte dich dafür küssen. Das werden andere wahrscheinlich sowieso tun, früher oder später.
Wie oft liest man nicht, dass die Eine oder Andere erst mit so was ausrücken nach - vielleicht 10 Jahre Ehe - und dann wundern sie sich auch noch, dass die Ehefrau das nicht einfach so hinnimmt.
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 9 im Thema

Beitrag von Lina »

Vicky_Rose hat geschrieben:Nur einmal zwischendurch, damit das Thema nicht abdriftet.

Mir geht es nicht um die Partnerin und ihre Einstellungen oder Euer Zusammenleben, sondern um Euch. Es ist mir wichtig, wieviel Einschränkung, vielleicht sogar Bevormundung lasst Ihr zu ? Wollt Ihr Euch Emanzipieren und wollt Ihr aus der Anonymität ? Geht das überhaupt ohne seine Scham zu überwinden ?

Bingo. Das ist genau die wichtige Frage.

Bei mir gibt es keine Einschränkungen, die ich nicht OK finde. Meine Frau lässt sich lieber mit mir sehen im Männermodus. Das respektiere ich. Hat aber auch kein Problem mit den Damenaccessoires, die ich damit kombiniere. Und sonst - insbesondere mit Freunden zusammen - bin ich en femme wann immer ich will. Dazu habe ich niemanden um "Erlaubnis" gefragt. Das bin ich und es ist wie es ist. Wenn sie das nicht OK finden würde, hätte sie jemanden anderes heiraten sollen.
Manchmal versteht sie zwar nicht weshalb ich z.T. auch beruflich en femme unterwegs bin - das sind zwar die Ausnahmen - aber es gibt die. Nun, das muss sie ja nicht verstehen. Einige Klienten habe ich nun mal in einem privaten Umfeld kennen gelernt, wo ich en femme war. Dann sehe ich keinen Grund das zu ändern. Aber es reicht, dass ich das verstehe.
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 10 im Thema

Beitrag von JuliaS (†) »

Für mich gab es am Anfang dieses Jahres keine Alternative die Anonymität aufzugeben und mich zu emanzipieren. Ich habe Jahrzehnte lang und in zunehmendem Maße unter dem Verbergen meines wahren Ichs gelitten. Allerdings war mir dieser Schritt erst möglich als ich wusste was ich wirklich bin. Natürlich hatte ich auch die üblichen Befürchtungen bezüglich Nachbarn und sozialem Umfeld als auch Beruf. Kurz gefasst, die Sorgen und Bedenken waren unbegründet und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Vielleicht hat meine finanzielle Sicherheit und Ungebundenheit es mir etwas erleichtert. Im Grund genommen habe ich zutiefst emotional gehandelt ohne Rückfallebene.
Ich kann niemanden raten wie man sich verhalten soll. Es ist immer eine Güterabwägung die durchdacht erfolgen sollte. Aber es darf auch nicht zur Selbstverleugnung führen.
"Tage wie diese, im hellen Sonnenschein"
martina

Re: Emanzipation und Anonymität

Post 11 im Thema

Beitrag von martina »

Vicky_Rose hat geschrieben:Ich denke, man muss für sich selber entscheiden, ob man sich gegen Bevormundungen und Einschränkungen wehren will oder nicht. Beides hat Konsequenzen, ohne die Emanzipation muss man nicht nur mit den Einschränkungen leben, sondern nimmt man auch das Gefälle zwischen sich und der Umwelt in Kauf und lässt sich herum schubsen. Im anderen Fall wird man frei bezüglich seiner Entscheidungen, muss aber hinnehmen, dass die Umwelt sich nicht nur positiv verhält ? Es wird Menschen geben, die den Mut anerkennen und andere werden ablehnend reagieren. Ich meine nicht die alltäglichen Kompromisse, sondern die grundlegende Situation.
sicher hängt vieles von einem selbst ab. aber ein passender gesellschaftlicher nährboden könnte hilfreich sein, sehr sogar. wie in den 60ern, 70ern, zeiten des wirtschaftswunders, des aufbruchs schlechthin. und heute? niedergang, verfall. eine katastrophe folgt der nächsten, eine krise jagt die andere. wir sind darauf konditioniert, unsere eigenen bedürfnisse nach hinten zu stellen und unsere sicht auf die weltprobleme auszurichten. und dann? die meisten von uns sind einfach herdentiere. wenn männer in röcken ein alltägliches bild wären, würden sie auch einen rock tragen. aber wer wagt es denn von allein? die allerwenigsten. und reicht das als vorbild für andere, um andere mitzuziehen? ich denke eher nicht. da müsste schon was anderes passieren, eine kulturrevolution, eine bewegung. da muss ein anderer wind wehen, als dass es ein paar einzelgänger schaffen könnten.
Vicky_Rose hat geschrieben:Meine Frage: Wie handhabt Ihr das ? Gibt es für Euch Einschränkungen, die Ihr nicht hinnehmen wollt, aber glaubt es zu müssen ? Lebt Ihr in (relativer) Freiheit und werdet dafür anerkannt ?
meine frage, nicht nur auf forumsthemen, sondern generell auf das leben bezogen: würde ich morgen auf dem sterbebett liegen und mit dem leben abschliessen müssen - was könnte ich sagen? ich war zufrieden, vielleicht sogar glücklich mit mir und meinem leben? oder ich hätte doch gern dies und das und jenes noch gemacht und hätte doch mutiger sein sollen und mich mehr an meinen bedürfnissen orientieren müssen?

liebe grüsse
martina
ExUserIn-2026-04-08
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 12 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Wir haben also die komplette Spanne von "ich lasse mich einschränken" bis hin zu "Ich möchte mich nicht fundamental einschränken".

War ja auch nicht anders zu erwarten. Aber ich denke, das kann doch zu interessanten Diskussionen führen. Es fiel der Begriff "Güterabwegung". Das macht mich stutzig. Welche Güter werden denn abgewogen ? Soziale Anerkennung (oder besser Nicht-Aberkennung ?) gegen persönliche Interessen ? Welchen Preis zahlt man dafür ?

Ich habe den Verdacht, wenn man seine Persönlichkeit versteckt, sendet man falsche Signale. Die eine lautet: "Ich suche Menschen, die anders denken/empfinden als ich" und eine andere: "Ich ducke mich, Du kannst mit mir machen was Du willst".

Welche Konsequenzen haben diese Botschaften ? Weil ich nicht zeige wer oder was ich bin, verbaue ich mir die Möglichkeit, mit Menschen näher in Kontakt zu kommen, die viel mehr zu mir und meinen Interessen passen. Umgekehrt sehen Menschen in mir jemand ganz anderen und dadurch umgebe ich mich mit den "falschen" Menschen. Beim zweiten Signal reagiere ich bei manchen Themen nicht so, wie ich eigentlich müsste, würde ich mir gerecht werden. Andere werden intuitiv schnell merken, dass ich ein "Mitläufer" bin und keinen eigenen Standpunkt vertrete. Damit gebe ich ihnen Macht über mich in die Hand.

Das ist jetzt überspitzt formuliert. Damit möchte ich Eure und meine Meinung hinterfragen. Wie weit ist der Weg sinnvoll oder sozialer "Selbstmord" ? Wieviel ist die berühmte Schere im eigenen Kopf, was Realität ? Martina hat hierzu ja eine interessante Signatur...

Anders gefragt: Reicht es Toleranz zu reklamieren oder müssen (nicht müssten) wir mehr dafür tun ?
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
martina

Re: Emanzipation und Anonymität

Post 13 im Thema

Beitrag von martina »

Vicky_Rose hat geschrieben:Anders gefragt: Reicht es Toleranz zu reklamieren oder müssen (nicht müssten) wir mehr dafür tun ?
hallo vicky_rose,
zunächst einmal gibt es bei mir eine klare trennung zwischen beruf und freizeit. beruf lasse ich mal aussen vor, denn da sind wir allesamt eingeschränkt, die wir dort arbeiten. da hat man die wahl: entweder duckmäusiger angestellter oder freier arbeitsloser. in der freizeit kann ich aber tun und lassen, wie es mir gefällt. und da ich eine wundervolle frau habe, erlebe ich von der seite keine einschränkung, sondern eher ermutigung. die toleranz der mir am allernächsten stehenden person reicht mir erstmal als grundlage. wenn ich draussen rock, strumpfhose, strickkleid oder sonstwas trage, nehme ich hier und da blicke wahr und dass man hinter vorgehobener hand irgendwelche worte über meine erscheinung wechselt. das ist für mich ok. da muss ich nicht mehr toleranz reklamieren. eher umgekehrt würde ich weniger intoleranz fordern, sofern mir diese entgegen schlagen würde, was aber bislang nicht der fall war.

es gibt hier im forum beispiele, dass manche als "schwul" oder mit anderen bezeichnungen beleidigt wurden, wohl insbesondere von jugendlichen männern, wenn sie in gruppen auftreten. ich habe neulich joey kellys lauf durch deutschland gelesen, 900 km in 23 tagen, täglich quasi ein marathon, das ganze ohne viel gepäck. er übernachtete immer irgendwo draussen im wald, suchte sein essen in der natur. bei ihm fand ich die bemerkung, dass er um gruppen von jugendlichen einen grossen bogen gemacht hat, weil er nach hunderten von kilometern aussah wie ein penner und grobe beleidigungen fürchtete. man muss also kein cd, tg, ts oder sonstwas sein, um von diesen jugendlichen angegangen zu werden.

und müssen wir mehr dafür tun? wer ist denn WIR? ein paar einzelwesen, die sich hier und da mal auf den strassen zeigen? das ist kein WIR. ich selbst kann mich fragen, ob ich meine bedürfnisse und wünsche ausleben will, und kann es auch tun. ob ich durch meine erscheinung draussen auch nur irgendeinen dazu anrege, sich dann auch mal mit rock auf die strasse zu trauen, wage ich zu bezweifeln. mag vielleicht zu pessimistisch gedacht sein. aber wenn es ein WIR geben sollte, müssten meiner meinung nach werbung und medien einsteigen, so dass eine wirkliche welle ausgelöst wird, von der auch all die mitläufer erfasst und sich mehr trauen würden.

was ist denn für dich dieses WIR?

liebe grüsse
martina
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 14 im Thema

Beitrag von Franka »

Falsch, wir sind nicht allesamt eingeschränkt im Beruf. Wenn man will geht es auch im Beruf in weiblicher Kleidung. Zugegeben ich musste am Anfang auch einiges über mich erzählen und Überzeugungsarbeit leisten bei meinen Vorgesetzten. Sie hatten wohl Angst um den guten Ruf der Firma. Seit jetzt einem Jahr kennt man mich aber nicht mehr anders und alle haben sich daran gewöhnt.
Ich hätte das wohl zur Not auch gerichtlich klären lassen, wenn es nötig gewesen wäre, war es aber nicht. Ich bin eben so und kann und will nicht mehr anders.
Wenn es keine Dienstvorschriften gibt, z. B. zum tragen von Sicherheitskleidung, Kitteln oder ähnlichem, kannst du anziehen was du willst, solange es nicht gegen die guten Sitten verstößt.
Das du deswegen gleich als Arbeitslose(r) auf der Straße landest ist doch nur wieder so eine Schranke im Kopf.

LG Dahlia
Wir bekommen mit unserer Geburt das Leben geschenkt, doch viele von uns haben noch nicht einmal das Geschenkpapier abgemacht.
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Re: Emanzipation und Anonymität

Post 15 im Thema

Beitrag von Lina »

Vicky_Rose hat geschrieben:Wir haben also die komplette Spanne von "ich lasse mich einschränken" bis hin zu "Ich möchte mich nicht fundamental einschränken".

...

Anders gefragt: Reicht es Toleranz zu reklamieren oder müssen (nicht müssten) wir mehr dafür tun ?
Wobei konkret zwischen "ich lasse mich einschrängken" und "ich möchte mich nicht einschränken" in der konkreten Ist-Situation es keinen Unterschied gibt. Wenn du vor einem leeren Café-Tisch sitzttreffen beide Aussagen, "Ich habe keinen Kaffee auf dem Tisch" und "ich möchte gerne einen Kaffee" auch zu. In beiden Fällen ist die Situation nämlich, dass du keinen Kaffee auf den Tisch hast.

Ob sich dann was ändert, hängt davon ab, an wen man die Aussage richtet. Nur hier ausgesprochen ändert sich nicht. Also gibt es keinen Unterschied.

Du hast also Recht: Das IST ziemlich tragisch.

Toleranz einforndern? Mindestens.

Werden die es tun? Wahrscheinlich nicht. Zumindest die Meisten nicht.

Dazu gab es eine Frage von mir - so weit ich mitbekommen habe, hat sich niemand getraut, diese öffentlich zu beantworten:

Jemand hatte zugegeben, dass wer am meisten bremst und sagt "ich kann nicht dies, ich kann nicht das" ist die Betroffene selbst.

Dann habe ich gefragt:

Es scheinen zwei Möglichkeiten zu geben - entweder das zu tun, wovor ihr jetzt Angst habt.

oder

Irgendwann sterben und wissen, dass ihr nie das getan habt, was ihr meintet tun zu wollen.

Welches dieser beiden Szenarien ist erschreckender?


Ich hoffe, dass einige zumindest die Frage für sich selbst beantwortet haben. Wobei ich doch hinzufügen möchte: Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, die Ängste die euch stoppen, erst mal zu neutralisieren, sodass es ganz leicht geht. Angst ist nun mal eine der schlechteren Motivatoren.
Das setzt aber trotzdem voraus, dass ihr eine Entscheidung trifft: Dinge zu tun, wovor ihr jetzt Angst habt. Die Verantwortung einfach auf andere zu schieben, - meine Frau (ja, soll die verhindern, dass du lebst?), die Nachbarn könnten es mitbekommen (Ja, und ... was dann?), die Leute im Dorf würden nie mehr mit mir reden (sagt wer?Tun die das jetzt, oder tauschen sie Höflichkeitsfloskeln mit jemandem aus, den sie eigentlich gar nicht kennen - und was hast du davon?) usw.

Irgendwann mache ich euch ein Ausreden-Katalog basiert auf Posts in diesem Forum. Dann hat jeder was zur Auswahl, falls es mit der Kreativität hapert. Ich werde aber gnadenlos die entsprechenden Gegenfragen dran hängen, die ihr dann bitte beantwortet.


Und wie du fragst: Muss man Toleranz einfordern. Ich würde es anders benennen, aber natürlich.
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