Ende Januar diesen Jahres habe ich hier:
http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 15#p111739
in Aussicht gestellt, ggf. im Oktober in die USA zu reisen. Dies hat nun stattgefunden! Wie in dem verlinkten anderen Thread auch erwähnt, habe ich immernoch keine VÄ/PÄ. Aber ich habe einen neuen Pass mit aktuellem Bild und ich habe meinen Namen zumindest als Künstlernamen eintragen lassen - auch nicht einfach, aber damit habe ich jetzt wenigstens ein amtliches Papier, mit dem ich den Namen auf meinen Geld-Karten belegen kann.
Hier nun mein (ausführlicher) Bericht meiner USA Reise, Ende September / Anfang Oktober 2015:
Zuvor
Viel hat man gehört, über die USA. Da war erst kürzlich der schreckliche Selbstmord von Leelah Alcorn, der Fall von Gwen Arujo, die reparativen "Therapien" oder Heilungversuche an Trans*-Menschen und Homosexuellen, die Erzkonservativen in den zentralen Staaten und so weiter und so fort. Was würde also einem Trans*-Menschen wie mir wohl vor Ort tatsächlich entgegenschlagen?
Hinzu kommt die sehr unübersichtliche rechtliche Situation. Was in Philadelphia noch legal ist, muss es in Chicago, Detroit oder Orlando noch lange nicht sein. Die vereinigten Staaten sind viel föderaler aufgebaut, als es Deutschland ist. Viele ganz grundlegende Gesetze haben nur einen lokalen Geltungsbereich, weshalb es in manchen Counties schlicht illegal sein kann, als Trans*-Person ohne entsprechende amtliche Ausweispapiere die Toilette des Identitätsgeschlechts aufzusuchen - mit etwas Pech wird dies mit bis zu $3000 Strafe und/oder ein paar Nächte in einer Gefängniszelle geahndet. Wo nun welches Recht gilt, ist für Touristen nur schwer zu ermitteln. Gesetze wie diese werden nicht an jede Toilettentür geschrieben, was im Übrigen aber auch in Deutschland nicht viel anders ist, oder weißt Du sicher, wo Du nachsehen könntest, ob es in Deutschland ein Gesetz zum geschlechtsspezifsichen Aufsuchen der Toiletten gibt? Ich weiß es nicht.
An diesen Stellen und in der allgemeinen Öffentlichkeit kann man sich noch etwas darüber hinweg helfen, indem man sich sagt, solange ich nicht super uneindeutig auftrete, wird es hoffentlich niemand spontan in Frage stellen und dann wird schon alles gut gehen. Doch da gibt es auch noch die Situationen, in denen ich mich zu erkennen geben muss, bei Kontrollen jeder Art. Es beginnt beim Einchecken am Flughafen, Passkontrolle bei der Ausreise, Kontrolle von Ticket und Pass beim Einsteigen ins Flugzeug und dann natürlich der wohl kritischste Punkt, die strengen Einreisekontrollen der Amerikaner.
So habe ich mir doch einige Gedanken und Sorgen gemacht und dabei auch allerhand Erfahrungen, die ich bereits zuvor in den USA gemacht hatte, außer Acht gelassen.
Ab- & Reise
Ein Transatlantik Flug ist immer etwas unbequem und anstrengend, vor allem solange man nicht in der Businessclass oder ersten Klasse reist, was wir uns nicht leisten können. Also Touristenklasse, das bedeutet etwas beengte Beinfreiheit, was bei meinen 1,87m ein kleines Manko darstellt. Also trage ich an diesem Tag eine dunkle Stretch-Hose, einen seidenen Rollkragen Pulli und eine Cardigan Jacke - manchmal ist die Klimaanlage in den Fliegern blöd eingestellt und ich möchte nicht acht Stunden lang frieren oder zu leicht bekleidet an Zugluft sitzen. Als Schuhe habe ich bequeme Mokasins genommen, damit ich sie auch leicht im Flieger aus- und wieder anziehen kann. Da meine Schmink-Künste eher gering sind, trage ich meist kein Make-Up sondern nur etwas Kajal und Maskara. Alles in allem also ein allenfalls androgynes Outfit. Damit verband ich aber auch eine gewissen Hoffnung, dass mein noch auf das andere Geschlecht lautender Pass damit für weniger Aufsehen sorgen würde, man mich also je nachdem auch noch anders deuten könnte, wenn es die Situation erforderte.
Die erste Station am Morgen war dann nach der Autofahrt nach Frankfurt die Anmeldung auf dem Langzeitparkplatz. Mein morgendlicher Kaffee war bereits durchgelaufen, d.h. ich musste langsam recht dringend mal eine Toilette aufsuchen. Also ging ich mit in das Häuschen zur Anmeldung und fragte nach einer Toilette. Wie selbstverständlich wurde mir geantwortet: "Der Schlüssel zur Damentoilette liegt dort, die Toilette finden Sie auf der anderen Seite des Gebäudes...". Auf dem Weg zur Toilette muss ich gestrahlt haben! Trotz der eher nicht ganz so eindeutigen Aufmachung wurde ich also wie selbstverständlich als Frau gelesen. Schön!
Geflogen war ich, nach meiner Transition, nun auch schon ein paar mal, allerdings bisher nur innerhalb Europas und da sind die Kontrollen, dank Schengen, eher entspannt. Was nun für den Amerika Flug zusätzlich passieren könnte, machte mich wieder ein klein wenig nervös. Doch es war ebenso entspannt und unproblematisch, wie bei allen anderen Flügen auch, nur dass hier jetzt noch zusätzlich diese beknackten Sicherheitsfragen gestellt wurden. Wessen Koffer ist das? Haben Sie ihn gepackt? Wann? Wo war der Koffer seitdem? Und dergleichen mehr. Das es da eine Diskrepanz zwischen dem eingetragenen Geschlecht und amtlichem Namen und der sich vorstellenden Person gab, interessierte niemanden. Die Sicherheitskontrolle nach dem Einchecken war auch unspannend, wenn auch leider mit einem der sogenannten "Nacktscanner". Ich mag die Dinger nicht besonderlich, die Teraherz-Strahlung ist mir etwas suspekt, aber nun gut. Dennoch sollte ich nocheinmal abgetastet werden und dafür kam wie selbstverständlich die Beamtin auf mich zu, mit anderen Worten, auch hier wurde ich ohne Nachfrage als Frau gelesen.
So waren wir also nun zum Einsteigen bereit. Weiter kontrolliert wird ab diesem Punkt nichts mehr wirklich, nur noch beim Einsteigen der Barcode der Boardkarte, doch da interessiert sich niemand für den Namen oder gar die Anrede, die zum Namen mit aufgedruckt steht, bei mir also leider noch "MR" anstatt "MRS". An Board gab es dann ersteinmal nichts weiter Besonderes, bis zum ersten Service. Der Stuart, der für uns zuständig war, war wirklich niedlich. Bereits etwas älter, klein, dünn, keine Haare, aber einen sehr schön gestylten hellgrauen, fast weißen Bart, der zu schmalen Linien ausrasiert war. Sah wirklich sehr elegant und gut aus. Er kam also auf uns zu, wir saßen in einer zweier Reihe, und er fragte "Ladies, what would you like to drink?" (Deutsch: "Meine Damen, was darf es zu trinken sein?"). Also auch er, der von mir nur allenfalls vom Pulli aufwärts etwas sah, ordnete mich sofort als Frau ein. Auch dies war für mich natürlich wieder eine schöne Bestätigung. Das wiederholte sich dann während des Fluges noch ein paar mal.
Einreise
Nach knapp acht Stunden Flug und kaum Schlaf, waren wir dann doch etwas geschafft, aber noch lange nicht am Ziel. Erste Landung und damit Einreise war in Philadelphia mit Anschlussflug nach Chicago; wir hatten aber nur gut zwei Stunden Zeit für die Einreiseprozedur, Koffer abholen, Koffer wieder aufgeben (ja, das muss man leider) und zum neuen Gate zu kommen. Entsprechend nervös waren wir auch, ob wir es rechtzeitig zu unserem Anschluss schaffen würden. Hoffentlich würde ich an der Einreisekontrolle keine extra Schwierigkeiten machen!?
Doch alles verlief genau wie sonst auch, die gleichen Fragen, die gleiche Prozedur und schwups, war es auch schon erledigt, der Stempel im Pass und wir auf dem Weg zum Weiterflug nach Chicago - wir waren sogar noch zehn Minuten vor dem Einsteigen am Gate.
Ich hatte mich auf vieles vorbereitet und auch schon Sätze zurecht gelegt, um in kritischen Situationen zu wissen, was ich sagen könnte. So hat die "Travel Security Agency" (TSA) extra eine Web-Seite mit Hinweisen für Flugreisende Trans*-Personen - was ich schonmal großartig finde! Darin wird man z.B. aufgeklärt, dass keinsfalls zu beanstanden ist, als Trans*-Person mit abweichenden Papieren zu reisen. Und sollte es zu Problemen bei den Kontrollen kommen, so hat man stets das Recht erstens den Dienstleiter hinzuzuziehen und zweitens, im Zweifelsfall, ein "private screening" zu verlangen, also eine Sicherheitüberprüfung ohne Öffentlichkeit. Dies erspart es einem dann, langwierige Erklärungen in einer Schlange von lauter ungeduldigen Reisenden gegenüber einem Sciherheitsbeamten abgeben zu müssen. Auf alles das hatte ich mich eingestellt, doch nichts davon war schlussendlich nötig.
Die "US & A"
Beim Warten auf den Einsteig für den Weiterflug nach Chicago konnte ich die Menschen in der Wartehalle betrachten und so langsam fiel mir wieder ein, was ich offenbar über die USA vergessen hatte: Die Bevölkerung ist viel heterogener und unterschiedlicher, als die in Deutschland ist. Die US-Amerikanische Bevölkerung besteht aus Kaukasiern, die ihre Wurzeln in allen Teilen Europas haben. Sie besteht aus schwarzen, die ihre Wurzeln in den verschiedensten Regionen Afrikas haben. Aus Lateinamerikanern, von der Südspitze Süd-Amerikas bis hinauf nach Mexiko, aus Asiaten aller asiatischen Regionen. Und von Jahr zu Jahr mehr und mehr aus Mischungen von alledem. Und alle sind sie US-Amerikaner. Es ist in dem Sinne ein buntes Volk und ein äußerliches Anderssein wird hier anders bewertet; es muss anders bewertet werden. In diesem Schmelztiegel meinte ich also aufzufallen? No way
An US-Amerikanischen Flughäfen trifft man alles und jeden, vom Punk über Hippie zum Juppie, jung und alt, einfach alles. Dies vermischt mit den Dutzenden Herkunftsregionen irgendwelcher Vorfahren ergibt eine Mischung, die wir so in Deutschland nicht kennen. Noch nicht, leider. Denn wer mit dieser Art von Herausforderung noch nicht konfrontiert war, verharrt in seiner Engstirnigkeit. Einige derer, die gerade in Anbetracht der Fragen zu Migration und Flüchtlingen aus Angst vor Überfremdung eine Abschottung fordern, diesen sollten man mal eine Reise in die USA empfehlen. Unter der Voraussetzung der Integrationsbereitschaft ist Einwanderung aus allen Regionen der Erde ein Segen. Es kann die Sicht öffnen und befreit den Geist - zumindest ein Stück.
Hinzu kommt, glaube ich, eine grundsätzliche Offenheit und Grundfreundlichkeit der Amerikaner - solange mir mein Gegenüber nichts Böses tut, warum soll ich ihm dann nicht zuallererst so freundlich wie möglich begegnen? Es ist erfrischend, vor allem für uns eher zurückhaltenden und grummeligen Deutschen, überall schon fast überschwänglich mit einem "Hi! How are you today!?" begrüßt zu werden. Man fühlt sich zunächst einmal willkommen und dies wirkt sich automatisch auf die eigene Einstellung aus. Man ist entspannter und agiert und reagiert auch viel entspannter und freundlicher. Etwas, dass ich mir in Deutschland auch sehr wünschen würde. Gerade in Bezug auf die Situation von Trans* ist das natürlich auch sehr angenehm, wenn man überall zunächst freudig strahlend und freundlich begrüßt wird. Es nimmt sofort jede Art von Angst oder Befürchtung, fehl am Platz zu sein oder unangenehm aufzufallen.
I am fine, thank you!
Einchecken, Flug und Einreise waren also zunächst kein Problem. Die nächste kleinere Hürde könnte der Mietwagen mit meinem uralten Führerschein sein. Der Führerschein läuft noch auf den alten Namen und hat ein Bild von mir, dass nun bereits fast 30 Jahre alt ist. Völlig albern also. Innerhalb Europas hatte ich damit bisher noch nie Probleme und bei den vorherigen USA Reisen auch nicht. Würde sich dies nun ändern, wenn sich eine Frau mit diesem Führerschein vorstellt? Nein, völlig entspannt. Meine Partnerin hatte die Reservierungen auch auf ihren Namen gemacht und ich wurde nur als zweite Fahrerin eingetragen. Vielleicht war es das, was es vereinfachte? Kreditkarte, Ausweise, Führerscheine - fertig.
Gleiches bei unserem ersten Hotel in Chicago, Reservierung vorgezeigt, Pass und fertig. Wir hatten noch etwas Probleme, nach dem Flug und der leichten Übermüdung daraus, die korrekten Daten für unser Auto einzutragen. Die wollten doch in der Tat wissen, was für ein Auto das sei? Ich habe keine Ahnung, es hatte vier Räder und war himmelblau metallic, keine Ahnung was für ein Hersteller das war? Die Dame bemerkte meine Verwirrung recht schnell und fragte dann "May I help you ma'am?" - oh ja gerne, bitte...
Vielleicht ist es auch nur Einbildung, aber ich habe schon den Eindruck, dass die Amerikaner im Allgemeinen höflicher sind - zumindest höflicher als die Deutschen. Das beginnt mit der fast überschwänglichen Begrüßung. Doch auch zufällige Begegnungen empfinde ich in den USA als deutlich angenehmer. Schon allein, wenn man zufällig den Weg kreuzt oder aus Versehen jemand anderem im Weg steht. Es wird sich stets höflich entschuldigt und das Gegenüber weicht zurück oder aus. In Deutschland wäre die erste Reaktion eher einen Schuldigen zu suchen und sich lautstark bei diesem zu beschweren. Letzteres ist dabei völlig sinnlos, denn es verändert gar nichts an der nun ohnehin schon aufgetretenen Situation, also warum dann nicht zur Abwechslung mal mit Höflichkeit einen Schritt zurück treten? Dazu eine freundlich Entschuldigung, ein entwaffnendes Lächeln und alles könnte gut sein. Ich mag das, sehr. Diese Freundlichkeit ist jetzt, so meine ich zumindest ein wenig, noch ein wenig stärker, da ich allgemein als Frau wahrgenommen werde - "Excuse me ma'am!" und ich werde freundlich vor gelassen, bekomme ab und an die Tür auf gehalten und ein paar ähnliche Aufmerksamkeiten mehr.
Wenn es denn "muss"...
Zu Anfang hatte ich die gewisse Lokalität, die, wenn es mal sein muss, also die Toiletten, besonders kritisch erwähnt. Ja, es gibt ganz offenbar in einigen Counties oder Bundesstaaten Regeln oder sogar Gesetze, die meinen Toilettenbesuch auf der richtigen Toilette illegal machen, ich verstoße dort also gegen Gesetze oder Regeln, alleine wenn ich eine Toilette entsprechend meines Identitätsgeschlechts aufsuche. Das macht natürlich schon etwas nervös. Entsprechend war ich auch ein wenig verunsichert, als ich dann eine öffentliche Toilette aufsuchen musste. In Deutschland hatte ich diesen Moment vor nicht all zu langer Zeit ja auch, jedoch bin ich mir der Gesetzeslage in Deutschland recht sicher, so sicher zumindest, dass ich weiß, dass mir nichts wirklich Schlimmes, wie eine Nacht im Knast oder mehrere hundert oder gar tausend Euro Strafe passieren würde.
In Deutschland hatte ich auch schon etwas, sagen wir mal, etwas unangenehme Momente dabei, genauer gesagt eigentlich nur einen, doch der hat mir schon gereicht, dass muss ich nicht öfter haben. Es war auch an einem Deutschen Flughafen, nach der Landung musste ich, dringend. Entsprechend verkniffen sah ich vielleicht auch aus, keine Ahnung. Auf jeden Fall trat ich in die Damentoilette und dort gab es dann, wie dies leider immer mal wieder bei den Damentoiletten passiert, eine Schlange. Die Dame vor mir sah sich zu mir um und guckte etwas irritiert. Ihr Blick sagte deutlich "Du gehörst hier nicht hin!". Das konnte mir in Deutschland aber noch recht egal sein, denn hier weiß ich, dass es keine rechtliche Handhabe gegen mich gibt, solange ich keinen Blödsinn mache. Doch in den USA?
Also war der erste Besuch etwas spannend. Auch hier, fast direkt nach der Landung in Philadelphia, größerer Andrang, Schlange hinter der Tür und — freundliches, fast mitleidiges Lächeln! Ihre Blicke sagten "Guck, da kommt noch eine Leidensgenossin.". Also völlig unproblematisch.
In den folgenden zwei Wochen fiel mir noch etwas anderes auf. Dazu muss ich sagen, dass ich normalerweise nicht viel raus komme. Ich pendele von zu Hause, ins Büro und am Abend wieder zurück. Es kommt nicht oft vor, dass ich mal in die größere Öffentlichkeit komme — leider. Daher sind auch meine Erfahrungen hier eher begrenzt. Auf der jetzigen Reise musste ich aber zwangsläufig jeden Tag unter Leute und das war auch kein Problem, eher im Gegenteil ganz angenehm. Endlich mal Freiheit! Aber so fiel mir eben erst jetzt etwas auf, dessen ich mir vorher nicht wirklich bewusst war. Vor meiner Transition habe ich den Besuch von öffentlichen Herrentoiletten, in Restaurants oder anderswo, nicht gemocht. Nicht nur das es in der Regel schmuddeliger und ekeliger darin ist. Nein, das war es nicht, nicht alleine. Es war mir schlicht unangenehm, ich fühlte mich darin nicht wohl, hatte fast ein wenig Angst, wenn ich anderen Männern darin begegnete. Aber vor allem fühlte ich mich immer ein wenig wie am falschen Ort, deplatziert und mit einer latenten Angst entdeckt zu werden. Aber entdeckt als was denn!? Zu dem Zeitpunkt hätte von außen ja niemand etwas zu entdecken gehabt, ich hätte also eigentlich völlig entspannt sein können. War ich aber nicht.
Das ist nun spannenderweise anders. Auf der Damentoilette fühle ich mich nun richtig und entspannt. Und das liegt nicht nur daran, dass es meistens sauberer ist, denn das ist es auch dort nicht immer. Aber es passt jetzt, es stimmt, hier gehöre ich hin. Schon seltsam, denn rational ist das alles nicht wirklich. Ein kleines Stückchen Blech, Plastik oder gar nur ein Papierschildchen an einer Tür oder Wand soll darüber entscheiden, ob ich mich in einem Raum wohlfühle?
Security — Die berüchtigte TSA
Kurz vor unserer Abreise machte eine tragische Geschichte einer Trans-Frau aus den USA im Netz die Runde. Sie war ganz offensichtlich als Frau zu erkennen und hatte vermutlich auch bereits entsprechende Ausweispapiere. Allem äußeren Anschein also ganz Frau. Nur hatte sie offenbar noch keine geschlechtsangleichende Operation, was in den USA auch nicht weiter verwunderlich ist, da man diese dort in aller Regel selbst bezahlen muss und sich dies nicht jede_r leisten kann. Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen Orlando fiel den TSA Mitarbeitern dann im sogenannten "Nacktscanner" eine "Anomalie" im Schritt der Frau auf, weshalb sie zu einer genaueren Untersuchung zur Seite gezogen wurde. Was sich dann abspielte ist nicht wirklich klar, aber auf Twitter gibt es von ihr eine recht dramatische Schilderung der Ereignisse. Kurz gesagt, sie verpasste ihren Flieger und alles war ganz schön schrecklich. In Orlando würde ich aber nun auch bald einchecken müssen!? Das war keine schöne Aussicht.
Doch alles halb so wild. Es gibt, wie zuvor bereits erwähnt, von der Travel Security Agency (TSA) eine extra Web-Seite mit Reiseinformationen für Transgender — wie großartig ist das denn! Darin wird explizit empfohlen, sollte etwas unangenehm werden, soll man zunächst den Supervisor (also den Vorgesetzten) und am besten dann, wenn es nicht schnell zu klären ist, ein "private screening" verlangen. Damit findet alles Weitere dann in einem geschützten Raum statt und man ist nicht genötigt, vor Dutzenden anderen Passagieren, die darauf warten auch durch die Kontrolle zu gehen, Trans* zu erklären und warum da jetzt was auch immer gerade komisch wirken könnte. Also legte ich mir auch die passenden Sätze, für den Fall der Fälle, parat.
Beim Checkin in Chicago war es dann auch schon soweit und auch noch mit dem berüchtigten "Nackscanner". Davor saß noch ein TSA Beamter, der nocheinmal Ausweis und Ticket prüfte. Ich ging also auf ihn zu, er sagte "Your ticket and passport please, ma'am." und beim Zurückgeben wieder "Thank you ma'am.". Oh, schön, dachte ich. Zuerst natürlich, dass er mich richtig gelesen hat. Aber in meinem Pass steht leider noch ein "M" statt eine "W" und auf dem Ticket steht hinter dem auch für amerikanische Verhältnisse recht eindeutig männlichem Namen und dann stand da ja auch noch ein "Mr.", also "Mister". Trotzdem sprach er mich mich "ma'am" an, schön! Im Nacḱtscanner wurde es dann noch kurz etwas spannend, aber auch hier glücklicherweise kein Problem. Zwei Wochen später in Orlando wollte nach dem Scanner noch eine Sicherheitsbeamtin mein Bein abtasten — ich hatte ein Haargummi in meiner Hosentasche vergessen! Ein Haargummi! Der wichtige Punkt war allerdings, dass es die Beamtin war, die auf mich zu kam.
Immer wieder Schönes
Es gab dann noch einige schöne bestätigende Erlebnisse, die ich nicht mehr alle so ausführlich schildern möchte, das würe etwas langweilig. Also nur noch ein paar Highlights, ganz kurz.
Es begann mit einem Treffen zum Abendessen mit einer Freundin meiner Frau, die in Chicago lebt. Wir hatten sie vor etwa zweieinhalb Jahren bereits einmal besucht, d.h. sie kannte meinen "Mann", also mein männliches alter-ego, aber noch nicht Nicole. Sie wusste zudem, dass wir noch eine weitere Freundin, Michelle, von uns mitbringen würden. Auf dem Weg zum Lokal rief es dann auf einmal hinter uns, sie hatte meine Frau bereits erkannt und kam auf uns zu, die beiden begrüßten sich und dann begrüßte sie mich - "Hallo, also Du musst Michelle sein?". Ich musste ihr dann kurz erklären, dann ich nicht Michelle bin und das wir uns vor gut zwei Jahren schonmal gesehen hatten — naja, also fast. Sie war kurz etwas durcheinander wir hatten danach aber viel Spaß zusammen.
Ein paar Tage später saßen wir bei meinem amerikanischen Cousin und seiner Frau zu Hause. Nach ein paar Gläsern Wein kamen wir dann doch noch auf das Trans* Thema und auf mich — was aber die Tage zuvor nie ein Thema war. Seine Frau sagte dann "You look natural, just as it was ought to be that way." - "Du siehst natürlich aus, ganz so, als wenn es eben so sein sollte.". Das geht natürlich runter wie Öl.
Die kleine Tochter einer anderen Freundin, die wir in Florida besuchten und die wir auch vor zweieinhalb Jahren besucht hatten fragte ihre Mama "Why did she turn him into a girl?" - "Warum hat sie aus ihm ein Mädchen gemacht?". Süß!
In dem Motel, in dem wir in Florida wohnten, trafen wir ein paar andere Touristen auf dem Gang. In US amerikanischer Small Talk Freundlichkeit wurde sich darüber erkundigt wo wir denn her kämen. Ah, Deutschland, da hätte er auch Verwandte, er hieß mit Nachnamen sogar Schneider! Und ich sähe seine Tante ja so ähnlich - "You look exactly like my aunt!"
Ein paar Tage später holten wir uns bei Pizza-Hut eine richtig fiese Barbecue Pan-Pizza, uh! Wir mussten dann auf die Bestellung warten und saßen also auf einer Bank. In der Zwischenzeit wurden noch andere Bestellungen fertig und anhand der Namen aufgerufen — "John?" wir schauten beide hoch "No, you don't look like John."
Also kurzum, es war alles in allen drei Bundesstaaten und drei US Flughäfen völlig unspektakulär, ja sogar sehr entspannt, fast entspannter als in Deutschland. Diese erste Grundfreundlichkeit, die manchmal schon fast etwas übertrieben erscheint, ist unglaublich angenehm, finde ich. Es verändert sofort auch die eigene Einstellung und Grundstimmung. Begegnet mir mein Gegenüber mit dem Deutschen Grummel-Flunsch, dann fällt natürlich auch mir das Lächeln und Freundlichkeit viel schwerer. Begrüßt mich jemand breit lächelnd und mit fröhlicher Ansprache, dann habe auch ich sofort Lust, dies freundlich und lächelnd zu beantworten. Das ist ist wirklich schön und ich wünschte, wir könnten das in Deutschland auch mal einführen.
Liebe Grüße
nicole