Herr oder Dame?
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Lebensplanung, Standorte
Amadé
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Herr oder Dame?

Post 1 im Thema

Beitrag von Amadé »

Hallo in die Runde,

dieser Tage bin ich sehr mit der Frage nach meiner eigenen Identität beschäftigt, nicht zuletzt angeregt durch die Beiträge in diesem wunderbaren, vielfältigen Forum. Dazu möchte ich einige Gedanken aufschreiben und vielleicht damit auch sortieren. Ich traue mich, weil ich sehe, dass auf persönliche Äußerungen hier in der Regel respektvoll reagiert wird.

Schon immer habe ich mich von anderen Jungen oder Männern abgegrenzt und mit Mädchen oder Frauen solidarisiert. Wenn Männer nicht mit Frauen gleich gesetzt werden wollen, erscheint es mir als Herrschaftsinstrument. Doch werden auch von Frauen häufig die Unterschiede der Geschlechter hervorgehoben statt Gemeinsamkeiten gesucht. Dabei fühle ich doch mit ihnen!

Ich sehe mich selbst in erster Linie als verletzlichen Menschen und in zweiter Linie als schwachen Mann. Dennoch habe ich meinen Stolz.

Von außen werde ich normalerweise als Mann betrachtet. Ich habe jedoch auch immer wieder Erlebnisse, bei denen meine Männlichkeit in Frage gestellt wird.

Als Mann werden gesellschaftliche oder familiäre Anforderungen an mich heran getragen. Längst nicht alle kann ich erfüllen. Ich fühle mich dann überfordert. Wenn ich (im vollen Männer-Modus!) als Frau angesprochen werde, was durchaus vorkommt, reagiere ich gekränkt, weil ich meinem Gefühl nach als Mann nicht genüge. Dabei habe ich Mann-Sein gelernt. In Gruppen nur mit Männern* fühle ich mich nicht wohl. In gemischten Gruppen kommuniziere ich eher mit den Frauen. Reine Frauengruppen sind für mich faszinierender. Von ihnen fühle ich mich wegen meines Geschlechts ausgeschlossen. Eine gewisse Einsamkeit ist die Folge.

Natürlich kann ich meine weichen Seiten auch als Mann nach außen kehren. Dafür reicht es, wenn ich auf rüstungsmäßige Kleidung verzichte. Damit unterlaufe ich das männliche Modell und grenze mich von der Gruppe der Männer weiter ab. Das macht mich jedoch nicht zur Frau.

Ich kann frauentypische Accessoires hinzu nehmen: Ohrringe, Nagellack, Handtasche, Schuhe mit Absatz. Dann erscheine ich als Tunte. Von Männern nicht ernst genommen. Von Frauen belächelt.

Wenn ich mich schminke, wirkt mein ohnehin wenig männlich-markantes Gesicht noch weiblicher. Abgesehen vom Bartschatten (den ich bestimmt auch überdecken könnte) kennzeichnet mich nur der etwas zurück gehende Haaransatz noch als Mann. Die Augenbrauen habe ich schon merklich in Form gebracht. Ich könnte sie noch schmaler ziehen, dann wären sie vollends weiblich. An meiner Stimme brauche ich kaum etwas zu ändern, sie wird schon immer als eher hell und weiblich wahrgenommen. Mein Adamsapfel ist optisch nicht wahrnehmbar.

Meine Figur ist ebenfalls wenig männlich ausgeprägt. Ich habe schmale, runde Schultern und ein starkes Gesäß, allerdings bin ich recht langgliedrig. Mit Schuhgröße 42 bei 180 cm Körpergröße würden die Proportionen auch für eine Frau passen.

Im Kontrast zu meiner übrigen Wirkung habe ich eine relativ starke Behaarung am gesamten Körper. Mir würde nichts fehlen, wenn sie nicht vorhanden wäre, aber bisher hat sie mich auch nicht übermäßig gestört. Alle Haare zu beseitigen, würde einen erheblichen Aufwand erfordern.

Und dann ist das noch das Ding zwischen den Beinen. Es ist gut und funktionstüchtig, und es hat mir schon manchen Lustgewinn bereitet. Ich glaube nicht, dass ich darauf verzichten wollte. Dass ich auf Männer stehe und auch einen an meiner Seite habe, habe ich schon an anderer Stelle erwähnt.


Wenn ich meine Wünsche betrachte, dann möchte ich ein Mensch sein, der sich angenommen fühlt und geliebt wird. Der das Kämpfen eher anderen überlässt und dafür im Hintergrund aktiv ist. Von dem keine Gefahr ausgeht. Ein Mensch, dem man mit Hochachtung begegnet und für den man auch gerne mal etwas tut. Seltsamerweise sehne ich mich danach, dass ich von Frauen als ihresgleichen, als Mensch, akzeptiert werde. Vielleicht ist das in meinem anderen Thread schon deutlich geworden.

Mir kommen zwei mögliche Bilder in den Sinn (danach habe ich jetzt die Überschrift gesetzt): Das eine ist der distinguierte, meist ältere Herr. Um dem Bild zu entsprechen, fehlen mir aber vermutlich noch dreißig Lebensjahre. Das andere ist die Dame unbestimmten Alters. Kann ich die Rolle einer Dame einnehmen?

Oder beanspruche ich einfach nur eine Sonderrolle in unserer Gesellschaft? Welchen Einsatz muss ich dafür bringen?

Oder bin ich eine schwule Tunte und nicht mehr?

Danke fürs Zuhören/Lesen.

Liebe Grüße
Amadé

*) Ausnahme: Anders ist es, wenn ich weiß, dass alle homosexuell sind.
Doreen
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Re: Herr oder Dame?

Post 2 im Thema

Beitrag von Doreen »

Hi Amadé,
hier kann ich glaube ich eigentlich garnicht mitreden, ich weiß nur, für mich wird immer wenn es um die Anrede geht "Herr" maßgeblich sein da ich nicht als Frau gestylt an die Öffentlichkeit gehe.
Zwar habe auch ich ebenso wie Du in der Kindheit und Jugend eher zu Mädchen tendiert, mich auch in Rollenspielen immer als Mädchen gesehen. Fussballspielen, Raufen oder Mutproben bestehen war nichts für mich, habe mich stets gedrückt. Ich bin ein vollwertiger Mann und Vater eines erwachsenen
Sohne,s mit dem unwiderstehlichem Drang weibliche Kleidung anzulegen. Zwar führe ich aus meiner Sicht ein Doppelleben, und das schon unendlich viele Jahre. Nur zum Fasching schminke ich mich hin und wieder mal wenn ich Frau sein kann, ansonsten lebe ich das Leben eines Mannes rund um die Uhr und bin nur zu Hause im Kleid, Rock und Bluse und natürlich Seidenstrümpfe und Dessous. Ich habe mich oft mit der Thematik beschäftigt "was bin ich eigentlich"?
Herausgefunden habe ich daß ich ein hetereosexueller Transvestit oder Crossdresser oder auch Damenwäscheträger bin, wenn man so will.
Eine geschlechtsangleichende OP kam nie für mich in Frage.
Ich würde zwar gern auch mal als ganze Frau zurechtgemacht einen ganzen Tag verbringen wollen, doch ich weiß, das würde meine Frau nicht wollen, sie käme sich als Lesbe vor, hier im Haus kann ich anziehen was ich mag das stört sie nicht.
Also darum nur im stillem Kämmerlein in weiblichen Outfits.
Ich stelle mir schon lange nicht mehr die Frage wieso ich so bin wie ich bin, eine Antwort wird es nie geben, aber zumindest kann ich von mal zu mal, und nicht auch zuletzt durch dieses Forum, besser damit umgehen weil es viele Gleichgesinnte hier gibt.
Also Amadé, ich hoffe du bekommst noch reichlich Feedbacks hier im Forum, ich werde mitlesen weil mich alle Facetten zum Thema "TRANS" einfach interessieren und ich für jede Variante Verständnis habe,
sicherlich auch zum Eigennutz um vielleicht doch noch eine plausible Antwort für mich zu bekommen

LG

Doreen
Jalana
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Re: Herr oder Dame?

Post 3 im Thema

Beitrag von Jalana »

Hallo Amadé,

auch ich beschäftige mich mit der Frage nach meinem eigentlichen ICH. Früher habe ich gerne aktiv Fußball gespielt. Allerdings entsprach das danach obligatorische Zusammensein beim Bier nicht meinem Geschmack, da einige meiner Sportkollegen meinten, dann ihre "Männlichkeit" in Form von Zoten etc. gegenüber der Damenwelt vorkehren zu müssen. Ähnliches musste ich leider hin und wieder auch in anderen reinen Männerrunden erleben. Insofern waren mir gemischte oder reine Frauenrunden wesentlich sympathischer.

Zwischen den Beinen bin ein Mann, zwischen den Ohren eher nicht. Da fühle ich mich irgendwie zwischen Mann und Frau. Wenn ich meine sexuellen Neigungen mit einbeziehe, dann betrachte ich mich im Irgendwo zwischen einem heterosexuellen Mann und einer lesbischen Frau. Damit kann ich für meine Person auch ganz gut leben.

Auf Dich übertragen: Kannst Du Dich nicht einfach damit abfinden, irgendetwas zwischen einem homosexuellen Mann und einer heterosexuellen Frau zu sein? Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei! (moin)

Liebe Grüße
Jalana
Zuletzt geändert von Jalana am Sa 3. Okt 2015, 03:16, insgesamt 2-mal geändert.
Leben und leben lassen
Lina
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Re: Herr oder Dame?

Post 4 im Thema

Beitrag von Lina »

Was lässt euch eigentlich glauben, dass ihr so unter einem Hut euer sog. "ICH" definieren könnt und musst?

Wärt ihr dann wieviele Punkte auf der Glücklichkeits-Skala höher? Ich meine, was wenn die "alles-unter-einem-Hut-Definition" euch gar nicht gefällt? Dann könnte es kontrproduktiov sein.

Habt ihr euch überlegt, nicht nur EINE soziale Rolle zu wählen sondern mehrere und dann sehen, wie diese zusammenarbeiten können? Solltet ihr, denn so oder so ist das unvermeidlich, ob trans oder nicht.

Vielleicht gefällt dann die voll weibliche Identität in einigen Aspekten des Lebens - in anderen weniger. Und ihr sucht euch das Beste aus.

Das tun andere Leute ja auch - denken oft nicht weiter darüber nach. Niemand ist über den Tag in der gleichen sozialen Rolle oder Mindset - Morgens der Organisator, Familie duschen in der richtigen Reihenfolge, Kinder zur Schule, los zur Arbeit, Tagsüber der kühl denkende Manager, zu hause wieder Lieber Papi mit den Kindern, zweimal der Woche ein hauch von dem was er war als Teenager in irgendeinem Sportverein o.ä. Zumindest, wer versucht DAS über den Tag abzuziehen in der exakt gleichen geistigen Einsteillung, der hat WIRKLICH ein Problem. (Bau das Lego-Häuschen gefälligst ordentlich und denk an die Kosten-Nutzen-Berechnung ... OMG! Mach deine Schularbeiten ordentlich. Du MUSST die Nummer Eins werden! Armes Kind.)

Also spricht was dagegen, dass die verschiedenen Rollen und Funktionen die man erfüllt unterschiedliche levels von Männlichkeit und Weiblichkeit haben können - und alle Mischungen dazwischen? Wichtig ist nur, dass wenn man verstanden werden möchte, muss das was man optisch darstell auch mit dem übereinstimmen, was man tatsächlich will, das der Empfänger daraus versteht.
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Re: Herr oder Dame?

Post 5 im Thema

Beitrag von Franka »

Mit Genügend Selbstbewusstsein kann man eigentlich alles verkaufen, siehe Conchita Wurst. So ein Männer/Frauenbild gab es vorher kaum zu sehen.
Sich das nötige Selbstbewusstsein zu erarbeiten ist aber nicht einfach.
Wir bekommen mit unserer Geburt das Leben geschenkt, doch viele von uns haben noch nicht einmal das Geschenkpapier abgemacht.
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Re: Herr oder Dame?

Post 6 im Thema

Beitrag von Lina »

Kann stimmen - zu bedenken ist nur immer, dass die Antworten, die man bekommt, immer von den eigenen Aussagen abhängen. Was heißt, wenn man tatsächlich gereizte Reaktionen auslösen will und damit etwas bewegen, dann ist es super OK, so wie CW auszusehen.
Wenn man was anderes will, sollte man nach Möglichkeit anders aussehen ...
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Re: Herr oder Dame?

Post 7 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Ich fühle mit Dir und ähnlich, Amadeé :) Es gibt noch keine eindeutige Schublade für "uns", aber vielleicht hat das auch Vorteile. Klar wäre es einfacher mit reichlich Vorbildern, von denen man einfach kopieren könnte. Auf der anderen Seite erzeugt das Ringen mit sich und der Umwelt auch Kreativität und Innovation. Bitte nicht falsch verstehen; niemand hat überflüssiges Leiden verdient. Aber allzu glatte Sozialisierung bewirkt, wie man bei Cis-Hetero-Normalos häufig sehen kann, oft mangelnde Sensibilität gegenüber anderen, die nicht mit den Standard-Lebensentwürfen klar kommen.

Für jetzt finde ich "genderqueer" bzw. "genderfluid" schon einen guten Ansatz, der aus dem binären System und der eindimensionalen Sicht auf "Geschlecht" ausbricht. Egel wie, wirst Du wie alle anderen kaum darum herum kommen, Dir nicht nur dauernd über Deine Gefühle klar zu werden, sondern sie auch eben jenen glatt sozialisierten gegenüber zu vertreten. Das liegt weniger an Dir als an ihnen, denn Du, wir, passen nun mal in keine einzige ihrer Schubladen.
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Re: Herr oder Dame?

Post 8 im Thema

Beitrag von lilijana »

Hallo,
Jaddy hat geschrieben:... Es gibt noch keine eindeutige Schublade für "uns", aber vielleicht hat das auch Vorteile. Klar wäre es einfacher mit reichlich Vorbildern, von denen man einfach kopieren könnte...
Ich weiß es ist schwer, aber man kann ja selbst ein Vorbild für andere sein. Wenn unserereins sein Verhalten bewusst danach ausrichtet und dabei authentisch bleibt.

Viele liebe Grüße
Lilijana
Manche Menschen brauchen lange, bis sie geboren wurden.
Amadé
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Re: Herr oder Dame?

Post 9 im Thema

Beitrag von Amadé »

Hallo,

Ihr habt mir jetzt wertvolle Anregungen erhalten.

Auf die Idee, ich könnte irgendwas zwischen homosexuellem Mann und heterosexueller Frau sein, war ich auch schon gekommen. Das erschien mir jedoch so irreal, dass ich den Gedanken wieder verworfen hatte. Es tut gut, das von einem anderen zu hören. Vielleicht sollte ich mich an diesen Gedanken gewöhnen. Dann gebe ich als Geschlecht künftig gt* (gay trans*) an. :wink:

Ich finde interessant, dass wirklich nur im vollen Frauen-Modus das Gespräch mit Bio-Frauen "unter Gleichen" gelingt. Auch wenn ich mir das eigentlich wünsche, besteht für mich eine Grenze, die ich nicht überspringen will. Also entscheide ich, als was ich von Frauen akzeptiert werden will, und ich bin nicht nur deren Wohlwollen ausgesetzt. Es ist meine Entscheidung, in welchem Geschlecht ich wahrgenommen werden will.

Die Frage, was ich erreichen möchte, ist sehr wichtig. Natürlich kann ich nicht nur durch eine Selbstdefinition mein Glück erzwingen. Und ich will auch nicht ausschließlich eine einzige soziale Rolle ausfüllen. Doch wenn ich mein Zentrum kenne, kann ich viel lockerer in alle Richtung schwingen und immer wieder in die Mitte zurück kehren. Anders ist es, wenn ich nicht weiß, wofür ich stehe. Dann klammere ich mich an der gerade gewählten Position fest, um nicht den Halt zu verlieren.

Conchita Wurst wirkt auf mich authentisch, obwohl es eine reine Kunstfigur ist. Eine Person, die zweifellos als Mann zu erkennen ist, aber überzeugend (nicht überzeichnet) als Frau auftritt. Ich habe von ihr das Plakat zum Wiener Life-Ball mit dem Text "Freiheit wächst, wo Regeln brechen" hängen. Ein Traum!

Ich habe nicht so viel Selbstbewusstsein. Ich möchte mich nicht um alles in der Welt anpassen müssen, aber ich möchte auch nicht zu sehr provozieren. Vielleicht ist es gerade das Lavieren, was dann andere irritiert. Trotzdem wünsche ich mir hin und wieder, dass ich anderen in vergleichbare Lage ein Beispiel geben könnte. Vielleicht füllt sich damit allmählich eine neue Schublade. :)

Jedenfalls tut es gut zu sehen, dass ich mit meinen Gedanken nicht ganz allein bin.

LG Rainer
Amadé
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Gestern

Post 10 im Thema

Beitrag von Amadé »

Gestern habe ich mir Zeit vor dem Spiegel genommen. Ich habe die Haare ein bisschen zu Locken geknetet und mit Haarspray fixiert. Dann habe ich mit den vorhandenen Mitteln ein einfaches Tages-Make-up aufgetragen. Nicht besonders viel, aber doch sichtbar und mit einem schönen Lippenstift. Trotz sorgfältiger Rasur ist der Bartschatten nicht vollständig verdeckt. Kleine silberne Kreolen (unisex) runden das Bild ab.

Dazu habe ich mir aus dem Kleiderschrank einen Pullover mit V-Ausschnitt in Pink, eine graue (Herren-)Hose aus Satin und schwarze Nylonstrümpfe genommen. Dazu passen die schwarzen Pumps mit Blockabsatz. Damenunterwäsche, BH usw. habe ich nicht. So angekleidet, blickt mich aus dem Spiegel eindeutig eine Frau an. Ich finde, dass sie gar nicht schlecht aussieht.

Einige Stunden habe ich dann im Haus verbracht. Immer wieder an mir herunter geschaut oder kurz zum Spiegel gehuscht. Habe ich mich wie eine Frau gefühlt? Ich weiß es nicht. Weil ich nicht weiß, wie eine Frau fühlt. Ich habe einfach mich selbst gesehen. Die Bewegungen, die diese Kleidung erfordert, mag ich. Und ich habe gemerkt: So wie ich mit der Frau im Spiegel umgehen würde, so möchte ich angesprochen werden. Daher würde ich gern so hinaus gehen.

Später habe ich mich vor dem großen Spiegel wieder abgeschminkt. Die Frau ist geblieben. Die Ohrringe rausgenommen. Die Frau bleibt. Dann habe ich die Pumps abgestreift. Die Frau ist weg! Pumps wieder angezogen: Ah, die Frau ist wieder da. Wie wenig ich brauche, um das Bild einer Frau zu erzeugen!

Ich spüre heute noch diesen Stunden nach. Es war einfach toll. Und doch machen mir die Gefühle Angst.
Regina
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Re: Herr oder Dame?

Post 11 im Thema

Beitrag von Regina »

Abby hat geschrieben:Liebe Amadeè,
...
Wäre es für dich denkbar, mal an einer Selbsthilfegruppe im Norden, z.B. in Hamburg, teilzunehmen? Du musst dazu nicht vollgestylt durch die Gegend rauschen, AnfängerInnen sind fast immer auch im männlichen Outfit willkommen, ...
Gute Idee.
Schau doch bei uns mal herein. Unser nächstes Treffen ist am 24.10.
Mehr Info auf: http://crossdressinghamburg.de/

Liebe Grüße,
Regina
Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit. (Erasmus von Rotterdam)
Amadé
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Re: Herr oder Dame?

Post 12 im Thema

Beitrag von Amadé »

Hallo Regina,
vielen Dank für Deine Einladung. Ich habe schon oft auf Eurer Website gestöbert. Gerade an den Wochenenden bin ich häufig auswärts, daher passen die Termine selten. Jedenfalls bis zum Jahresende kann ich an keinem Treffen teilnehmen. :(

Hallo Seth,
in einem Punkt hast Du mich vielleicht falsch verstanden: Ich habe mich nicht mit Pumps als Frau gefühlt (Ich weiß nicht, wie sich das anfühlen würde!), sondern ich habe mit Pumps im Spiegel das Abbild einer Frau gesehen. Dabei ging es nur um die Optik.

LG Amadé
firefly

Re: Herr oder Dame?

Post 13 im Thema

Beitrag von firefly »

Hallo,
es gibt soviel zwischen männlich und weiblich (Androgynität, Crossdresser, Intersexuelle, Metrosexuelle, Dragqueens/-kings, Weicheier/Mannsweiber, ...). Das kann man alles kaum abgrenzen. Frage ist, wie du dich selbst siehst. Wir alle reflektieren das was wir darstellen in den Köpfen anderer. Du glaubst garnicht wie oft ich zu hören bekomme "du bist ne Frau", wenn ich mich allerdings selbst im Spiegel sehe, dann schaut mich ein fremder Typ an, der ich nicht bin, obwohl ich weis, das der Spiegel wertfrei das reflektiert, was ich da rein werf. Anhand der oft auftretenden Heulausbrüche meide ich den Blick in Spiegel und weis wer ich bin. Ich fand Jungs damals auch voll doof und hab lieber mit mädels "Mamma und Pappa" gespielt, aber sowas hat nix zu sagen. Es ist immer ratsam, das du erstmal für dich dein ich entdeckst, tief in dich reinschaust. Das kann niemand anders. Experimentiere, was und wie du dich wirklich wohl fühlst. Hilfreich ist auch ein eigenes Emotionstagebuch, wo du vergleich für dich selber ziehst. Seitdem ich für mich die kleine Tussi 24/7 lebe die ich bin, bin ich so glücklich wie noch nie.
Amadé
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Update nach fast einem Jahr Aktivitäten

Post 14 im Thema

Beitrag von Amadé »

Hallo,

nach langer Zeit schreibe ich mal wieder etwas über mich:

Das Ringen um Zugehörigkeit und Identität begleitet mich mein ganzes Leben. Eigentlich weiß ich schon seit über drei Jahren, dass mein Selbst kein bisschen männlich ist und Weiblichkeit meine gesamte Persönlichkeit ausmacht. Seither informiere ich mich über Geschlechtervarianten und Genderthemen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kann ich inzwischen akzeptieren, dass ich eine als Junge geborene Frau bin. Zwischenschritte waren notwendig, aber nicht befriedigend.

Allmählich wird mir klar, dass ich mich nur aufgrund der äußeren Anforderungen in der Rolle als Mann zu behaupten versuchte. Um die Rolle auszufüllen, musste ich sie eng fassen und blieb in meinem Handeln starr. Jetzt lebe ich seit drei Monaten auch äußerlich überwiegend als Frau. Das ist für mich ein ganz spannender, befreiender Prozess. Von denen, die mich länger kennen, höre ich überwiegend, dass es sie gar nicht wundert. Ich werde die Transition weiter vorantreiben und auch die VÄ/PÄ beantragen.

Mein neues Lebensmotto habe ich im Urlaub beim Reykjavik Pride* gefunden: Be a unicorn! And if you are a unicorn, be proud to be a unicorn!, wurde von der Bühne gerufen, als der Mottowagen beim Abschluss der Parade vorbeifuhr.
Reykjavik Pride 2016.jpg
Liebe Grüße
Amadée

*) Der Reykjavik Pride (CSD) ist die größte Freiluftveranstaltung Islands mit rund 90.000 Teilnehmern bei einer Gesamtbevölkerung des Landes von 320.000.
Lina
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Re: Herr oder Dame?

Post 15 im Thema

Beitrag von Lina »

Amadée hat geschrieben:Hallo in die Runde,

..

Oder bin ich eine schwule Tunte und nicht mehr?

..

Liebe Grüße
Amadé

....

Was soll das heißen? Als wären schwule Tunten nicht genauso wertvoll wie alle andere in der Gesellschaft?

Was immer du tust oder bist, tue es oder sei es, weil du wirklich willst und sei stolz darauf. Und sei bereit nicht zu kriechen, sondern zurück zu schlagen, wenn jemand dich psychisch oder fysisch angreift.

Wenn du in der Opferrolle sein willst, geht das in allen denkabaren Verpackungen. Tunte, TG, alle Aspekte von LBGT überhaupt, straight, männlich weiblich, jung, medium, alt.

Wenn du ernst geonommen sein willst, dann verhalte dich so, dass man dich ernst nimmt. Ich könnte dir eine ganze Reihe "schwule Tunten" aus dem öffentlichen Leben nennen, die man ernst genommen hat (soweit verstorgen) oder ernst nimmt. Nicht dass ich viel von deim Austruck "schwule Tunten" halte, aber nur so um da anzufangen, wo du offensichtlich die unterste Schicht der Gesellschaft siehst.


(ach da hat auch jemand wieder was wiederbelebt - hatte ich erst gar nicht gesehen. Vielleicht sieht die Urheberin es inzwischen auch ganz anders-)
Antworten

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