A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
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Anne-Mette
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A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Moin,
In dem gestern verlinkten Dokument
"Geschlechtliche Vielfalt - Begrifflichkeiten, Definitionen und disziplinäre Zugänge zu Trans- u. Intergeschlechtlichkeit":
http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 47&t=10685
fand ich einen interessanten Ansatz von Annette Güldenring. Allerdings macht die Konsequenz (mich) etwas ratlos.
Psychiatrische Diagnostik ist in eine Krise geraten und diese "Krise der psychiatrischen
Diagnostik ["¦] ist eine Grundlagenkrise" (Brücher 2013: 7). In der Kategorisierung
der sogenannten "šGeschlechtsidentitätsstörungen"™ ist die psychiatrische Diagnostik
an ihre Grenzen gekommen. Die Bemühungen von DSM und ICD über die Jahre, das Phänomen
Trans* zu "šfassen"™, sind ein Zeugnis von Hilflosigkeit, dem "šTranssexuellen"˜ den
Anstrich von Krankhaftigkeit zu geben, um den Zugang zum Gesundheitssystem gewährleisten
zu können. Denn ohne Diagnose keine Behandlung. Was aber, wenn eine ärztlich/
psychologische Diagnosestellung geschlechtlicher Identitäten aufgrund mangelhafter
Methodik nicht möglich wäre? "Die Konsequenz wäre, dass sich die Vertreter_innen
der Heilkünste von dem Gebot, dass vor jeder Therapie eine Diagnose zu stehen habe,
und von dem Anspruch, Definitions- und Bestimmungsinstanz zu sein, verabschieden
müssten" (Güldenring 2014: 156).
Gruß
Anne-Mette
In dem gestern verlinkten Dokument
"Geschlechtliche Vielfalt - Begrifflichkeiten, Definitionen und disziplinäre Zugänge zu Trans- u. Intergeschlechtlichkeit":
http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 47&t=10685
fand ich einen interessanten Ansatz von Annette Güldenring. Allerdings macht die Konsequenz (mich) etwas ratlos.
Psychiatrische Diagnostik ist in eine Krise geraten und diese "Krise der psychiatrischen
Diagnostik ["¦] ist eine Grundlagenkrise" (Brücher 2013: 7). In der Kategorisierung
der sogenannten "šGeschlechtsidentitätsstörungen"™ ist die psychiatrische Diagnostik
an ihre Grenzen gekommen. Die Bemühungen von DSM und ICD über die Jahre, das Phänomen
Trans* zu "šfassen"™, sind ein Zeugnis von Hilflosigkeit, dem "šTranssexuellen"˜ den
Anstrich von Krankhaftigkeit zu geben, um den Zugang zum Gesundheitssystem gewährleisten
zu können. Denn ohne Diagnose keine Behandlung. Was aber, wenn eine ärztlich/
psychologische Diagnosestellung geschlechtlicher Identitäten aufgrund mangelhafter
Methodik nicht möglich wäre? "Die Konsequenz wäre, dass sich die Vertreter_innen
der Heilkünste von dem Gebot, dass vor jeder Therapie eine Diagnose zu stehen habe,
und von dem Anspruch, Definitions- und Bestimmungsinstanz zu sein, verabschieden
müssten" (Güldenring 2014: 156).
Gruß
Anne-Mette
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Ulrike-Marisa
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Re: A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Moin,
..ja und in der Konsequenz hieße das doch eventuell, dass die medizinische Versorgung dann reine private Angelegenheit würde und damit viele Betroffene davon ausgeschlossen blieben - es sei denn politischer Wille täte Lösungen für alle Betroffenen gleichermaßen ermöglichen...
Da werden wir sehen, was kommt.
Gruß, Ulrike-Marisa
..ja und in der Konsequenz hieße das doch eventuell, dass die medizinische Versorgung dann reine private Angelegenheit würde und damit viele Betroffene davon ausgeschlossen blieben - es sei denn politischer Wille täte Lösungen für alle Betroffenen gleichermaßen ermöglichen...
Da werden wir sehen, was kommt.
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ExUserIn-2026-04-08
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Re: A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Müsste es denn nicht so sein, dass nicht T* das Problem ist, sondern das Leid, das damit verbunden ist. Man könnte es im weitesten Sinne als Prävention verbuchen. Dann müssten die Gutachten nicht mehr sein, denn es gilt ja, dem Leid vorzubeugen. Man macht ja auch regelmäßige Besuche beim Zahnarzt und Krebsvorsorge, damit es nicht zum großen Problem kommt.
Viele Grüße
Vicky
Respekt ist nicht teilbar.
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Anke
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Re: A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Hallo,
interessant, dass gerade Güldenring so etwas schreibt. Die letzten Sätze finde ich besonders spannend. Sie stellt damit die Kette "Diagnose-Behandlung" in Frage.
Dass damit aus Transsexualität eine Privatsache wird, ist eine mögliche, wenn auch keine wahrscheinliche Folge. Ich verstehe ihre Schlusssätze mehr als Aufruf, neu nachzudenken.
Ich fände es auch sehr merkwürdig, wenn die Unfähigkeit der Psychiatrie und der Psychologie eine Diagnose stellen zu können zu negativen Konsequenzen für die Betroffenen führen würde.
Liebe Grüße
Anke
interessant, dass gerade Güldenring so etwas schreibt. Die letzten Sätze finde ich besonders spannend. Sie stellt damit die Kette "Diagnose-Behandlung" in Frage.
Dass damit aus Transsexualität eine Privatsache wird, ist eine mögliche, wenn auch keine wahrscheinliche Folge. Ich verstehe ihre Schlusssätze mehr als Aufruf, neu nachzudenken.
Ich fände es auch sehr merkwürdig, wenn die Unfähigkeit der Psychiatrie und der Psychologie eine Diagnose stellen zu können zu negativen Konsequenzen für die Betroffenen führen würde.
Liebe Grüße
Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.
Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)
https://www.transcuisine.com
Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCQc7XaiWBuzchBQTnGRv80g
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nicole.f
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Re: A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Vorsicht Vorsicht - es gibt einen Unterschied zwischen "krank" und "behandlungsbedürftig". Eine Schwangerschaft ist auch keine Krankheit, aber sie ist ärztlich behandlungsbedürftig.
Ich muss mal mit Annette sprechen, wie sie das meinte, so ganz verstehe ich das noch nicht. Es kann auch durchaus eine nicht krankhafte Diagnose geben, so wie eben bei einer Schwangerschaft auch. Dann wird eben festgestellt, dass eine Person eine von körperlichen Merkmalen abweichende geschlechtliche Identität hat. Was dann nur noch gewährleistet werden müsste ist, dass festgeschrieben wird, dass auch dies behandlungsbedürftig ist, um mit sich und der Umwelt in Einklang zu kommen. Was aber nicht mehr passieren darf ist, dass Trans* eine psychische _Störung_, also eine psychische Krankheit darstellt. Das ist schlicht falsch, wie wir alle wissen und wie es die Ärzte mittlerweile auch selbst wissen und wie es im ICD-11 auch schon umgesetzt ist.
Wie gesagt finde ich den Umkehrschluss von "nicht krankhaft" auf "nicht behandlungsbedürftig" nicht korrekt und damit sollten gerade wir sehr vorsichtig sein.
Den Begriff des "Leids" oder "Leidensdruck" halte ich auch für problematisch, da uns dies wieder in die Arme der Psycho*-Ärzte treiben könnte. Andererseits muss natürlich auch die Notwendigkeit irgendwie plausibel werden... nicht einfach.
Ich finde, dass wir diese ganze Diskussion noch weiter differenzieren müssen, denn wir haben dabei hier in Deutschland zwei Problemfelder, erstens die Ärzte selbst und zweitens die Kostenträger, also die Krankenversicherungen. Bei beiden muss man zur Zeit, stark reglementiert, mehrfach psychologisch bestätigt seine "Transsexualität" nachweisen, um an irgendwelche Maßnahmen zu kommen. Das halte ich für nicht richtig.
Von den Ärzten würde ich erwarten, dass sie nach einem informierten Einverständnis (engl. "informed consent") vorgehen, so wie es in einigen Ländern bereits Praxis ist. In diesem Modell werden die Patient_innen über die Folgen ihres Ansinnens aufgeklärt und, ggf. nach einer festgelegten (kurzen) Bedenkzeit und schriftlicher Erklärung der Patient_innen, dass die Aufklärung stattgefunden und sie sich über die Folgen im Klaren sind, die Behandlung durchgeführt. Genau so wird auch in anderen Bereichen vorgegangen, z.B. freiwillige kosmetische Operationen etc., die teils mindestens ebenso schwerwiegend sind, wie das, was Trans*-Personen von Ärzten erwarten. Dieses Vorgehen erfordert dann kein stereotypes Selbstbekenntnis bzw. Unterordnung zu einer bestimmten Kategorie oder psychiatrischen Diagnose.
Angenommen man würde alles selbst bezahlen, könnte es damit schon gut sein. Doch selbst wenn man alles selbst bezahlen wollte und könnte, würde man Stand heute dennoch nicht an die gewünschten Behandlungen kommen, da kein Arzt dazu bereit wäre. Dies ist eine nicht nachvollziehbare und nicht rational erklärbare Entmündigung der Betroffenen. Es ist ihr eigener Körper, über den sie selbst frei bestimmen können sollten — wie gesagt, zunächst unter der Prämisse, dass man für alles selbst aufkommt.
Kann man sich das alles nicht selbst leisten und ist auf die finanzielle Unterstützung der Solidargemeinschaft der Krankenkassen angewiesen, dann ist es nachvollziehbar und wie ich finde auch gerechtfertigt, dass man die Notwendigkeit der angestrebten Maßnahmen auch plausibel darlegen kann. Hier kommt der berühmte "Leidensdruck" ins Spiel, der im Übrigen genauso auch für andere bspw. kosmetische Operationen bei Cis-Menschen als Begründung völlig ausreicht, ohne gleich eine Körper-Dysphorische Störung nachweisen zu müssen. Auch Cis-Frauen bekommen z.B. Nadel Epilation im Gesicht ersetzt, wenn sie einen ungewöhnlich starken Haarwuchs im Gesicht haben und sie dieser belastet, Cis-Frauen bekommen eine Hormonersatztherapie verschrieben, wenn sie im Klimakterium sind und sie dies belastet etc. Die medizinische Notwendigkeit muss vorhanden sein.
Diese medizinische Notwendigkeit würde ich ebenfalls wiederum nicht von einem vor fast 100 Jahren zum ersten mal beschrieben Bild abhängig machen. Nicht jede Person ist gleich und die Lebensrealität und Gesellschaft ist heute völlig anders, also vor ca. 100 Jahren. Dennoch klammern sich viele immernoch an diese starren und teils extrem klischeehaften Bilder von Geschlecht. Ich verstehe nicht, warum ich einem Menschen die Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung absprechen soll oder kann. Wenn eine Person von sich sagt, sie leidet unter ihren männlichen Hormonen und möchte stattdessen lieber weibliche in sich haben (oder umgekehrt), mit all den daraus, im wahrsten Sinne, erwachsenden Folgen, warum sollte man das nicht respektieren? Wenn diese Person nach intensiver Aufklärung und vielleicht einer Wartezeit immernoch dieser Überzeugung ist, dann kann man nicht anders und ihr dies zugestehen, das Ansinnen respektieren und, in den Grenzen der Umsetzbarkeit, dieser Person helfen.
Genau dies spiegelt sich auch in den Weiterentwicklungen der Behandlungsrichtlinien wider — zwar noch nicht in den uralten in Deutschland, die von 2009 sind, aber in anderen, wie den Standards of Care V7 der WPATH. Darin ist zwar nach wie vor nicht alles 100%ig so, wie man es sich wünschen würde, aber zumindest das informierte Einverständnis ist darin als Vorgehen genauso verankert, wie der uneingeschränkte Respekt gegenüber der Selbsteinschätzung der Person. Es gibt keinen festgelegten Diagnose-Kanon mehr und entsprechend auch keine Festlegung von Vorgehen oder Möglichkeiten für bestimmte "Trans*-Formen", denn diese werden darin schlicht gar nicht beschrieben — gleiches gilt im Übrigen für die immer weicher werdende Diagnosestellung für das, was man einst als "Transsexualität" bezeichnete, was im ICD-10 bereits zu einer dysphorischen Störung wurde und im ICD-11 als gender incongruence, eine schlichte Normabweichung darstellt und ebenfalls nicht mehr mit einem konkreten Diagnose-Kanon beschrieben wird.
Der ICD-11 wird in dieser Form recht sicher kommen und dann auch in Deutschland als ICD-11-GM umgesetzt werden, die alte Diagnose F64.0 "Transsexualität" wird dann, das wird voraussichtlich 2017 sein, nicht mehr existieren. Schon alleine deshalb _müssen_ wir weg von diesen alten Bildern und diesen alten Diskussionen. Wir, als Betroffenengruppen, können doch schlecht der medizinischen Entwicklung hinterher hinken? Wir haben seit Jahrzehnten genau diese Entwicklung (ein-)gefordert? Und nun wollen wir selbst das Rad zurück drehen, aus vorauseilendem Gehorsam, es könnten ja vielleicht dann Personen Leistungen wünschen, die dazu nicht "berechtigt", nicht "krank genug" oder genug leidend sein könnten? Nein nein, so kann das nicht funktionieren. Ich bin hier ganz klar für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit den Hilfe suchenden Personen, egal wie und als was sie sich selbst bezeichnen oder definieren. Wer es ohne Leiden anstrebt, der_die soll zumindest die Möglichkeit dazu bekommen die angestrebten Ziele zu erreichen, muss aber dann auch selbst dafür aufkommen. Und wer darunter leidet, dem _muss_ ohne Frage geholfen werden, mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen und aus Mitteln der Solidargemeinschaft, denn genau dafür ist sie da.
Ich gebe völlig offen zu, dass es hier ein Spannungsfeld zwischen ärztlicher Behandlung und den Kostenträgern gibt. Doch ich plädiere sehr dafür, das wir dies in der Diskussion klar voneinander trennen.
Liebe Grüße
nicole
Ich muss mal mit Annette sprechen, wie sie das meinte, so ganz verstehe ich das noch nicht. Es kann auch durchaus eine nicht krankhafte Diagnose geben, so wie eben bei einer Schwangerschaft auch. Dann wird eben festgestellt, dass eine Person eine von körperlichen Merkmalen abweichende geschlechtliche Identität hat. Was dann nur noch gewährleistet werden müsste ist, dass festgeschrieben wird, dass auch dies behandlungsbedürftig ist, um mit sich und der Umwelt in Einklang zu kommen. Was aber nicht mehr passieren darf ist, dass Trans* eine psychische _Störung_, also eine psychische Krankheit darstellt. Das ist schlicht falsch, wie wir alle wissen und wie es die Ärzte mittlerweile auch selbst wissen und wie es im ICD-11 auch schon umgesetzt ist.
Wie gesagt finde ich den Umkehrschluss von "nicht krankhaft" auf "nicht behandlungsbedürftig" nicht korrekt und damit sollten gerade wir sehr vorsichtig sein.
Den Begriff des "Leids" oder "Leidensdruck" halte ich auch für problematisch, da uns dies wieder in die Arme der Psycho*-Ärzte treiben könnte. Andererseits muss natürlich auch die Notwendigkeit irgendwie plausibel werden... nicht einfach.
Ich finde, dass wir diese ganze Diskussion noch weiter differenzieren müssen, denn wir haben dabei hier in Deutschland zwei Problemfelder, erstens die Ärzte selbst und zweitens die Kostenträger, also die Krankenversicherungen. Bei beiden muss man zur Zeit, stark reglementiert, mehrfach psychologisch bestätigt seine "Transsexualität" nachweisen, um an irgendwelche Maßnahmen zu kommen. Das halte ich für nicht richtig.
Von den Ärzten würde ich erwarten, dass sie nach einem informierten Einverständnis (engl. "informed consent") vorgehen, so wie es in einigen Ländern bereits Praxis ist. In diesem Modell werden die Patient_innen über die Folgen ihres Ansinnens aufgeklärt und, ggf. nach einer festgelegten (kurzen) Bedenkzeit und schriftlicher Erklärung der Patient_innen, dass die Aufklärung stattgefunden und sie sich über die Folgen im Klaren sind, die Behandlung durchgeführt. Genau so wird auch in anderen Bereichen vorgegangen, z.B. freiwillige kosmetische Operationen etc., die teils mindestens ebenso schwerwiegend sind, wie das, was Trans*-Personen von Ärzten erwarten. Dieses Vorgehen erfordert dann kein stereotypes Selbstbekenntnis bzw. Unterordnung zu einer bestimmten Kategorie oder psychiatrischen Diagnose.
Angenommen man würde alles selbst bezahlen, könnte es damit schon gut sein. Doch selbst wenn man alles selbst bezahlen wollte und könnte, würde man Stand heute dennoch nicht an die gewünschten Behandlungen kommen, da kein Arzt dazu bereit wäre. Dies ist eine nicht nachvollziehbare und nicht rational erklärbare Entmündigung der Betroffenen. Es ist ihr eigener Körper, über den sie selbst frei bestimmen können sollten — wie gesagt, zunächst unter der Prämisse, dass man für alles selbst aufkommt.
Kann man sich das alles nicht selbst leisten und ist auf die finanzielle Unterstützung der Solidargemeinschaft der Krankenkassen angewiesen, dann ist es nachvollziehbar und wie ich finde auch gerechtfertigt, dass man die Notwendigkeit der angestrebten Maßnahmen auch plausibel darlegen kann. Hier kommt der berühmte "Leidensdruck" ins Spiel, der im Übrigen genauso auch für andere bspw. kosmetische Operationen bei Cis-Menschen als Begründung völlig ausreicht, ohne gleich eine Körper-Dysphorische Störung nachweisen zu müssen. Auch Cis-Frauen bekommen z.B. Nadel Epilation im Gesicht ersetzt, wenn sie einen ungewöhnlich starken Haarwuchs im Gesicht haben und sie dieser belastet, Cis-Frauen bekommen eine Hormonersatztherapie verschrieben, wenn sie im Klimakterium sind und sie dies belastet etc. Die medizinische Notwendigkeit muss vorhanden sein.
Diese medizinische Notwendigkeit würde ich ebenfalls wiederum nicht von einem vor fast 100 Jahren zum ersten mal beschrieben Bild abhängig machen. Nicht jede Person ist gleich und die Lebensrealität und Gesellschaft ist heute völlig anders, also vor ca. 100 Jahren. Dennoch klammern sich viele immernoch an diese starren und teils extrem klischeehaften Bilder von Geschlecht. Ich verstehe nicht, warum ich einem Menschen die Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung absprechen soll oder kann. Wenn eine Person von sich sagt, sie leidet unter ihren männlichen Hormonen und möchte stattdessen lieber weibliche in sich haben (oder umgekehrt), mit all den daraus, im wahrsten Sinne, erwachsenden Folgen, warum sollte man das nicht respektieren? Wenn diese Person nach intensiver Aufklärung und vielleicht einer Wartezeit immernoch dieser Überzeugung ist, dann kann man nicht anders und ihr dies zugestehen, das Ansinnen respektieren und, in den Grenzen der Umsetzbarkeit, dieser Person helfen.
Genau dies spiegelt sich auch in den Weiterentwicklungen der Behandlungsrichtlinien wider — zwar noch nicht in den uralten in Deutschland, die von 2009 sind, aber in anderen, wie den Standards of Care V7 der WPATH. Darin ist zwar nach wie vor nicht alles 100%ig so, wie man es sich wünschen würde, aber zumindest das informierte Einverständnis ist darin als Vorgehen genauso verankert, wie der uneingeschränkte Respekt gegenüber der Selbsteinschätzung der Person. Es gibt keinen festgelegten Diagnose-Kanon mehr und entsprechend auch keine Festlegung von Vorgehen oder Möglichkeiten für bestimmte "Trans*-Formen", denn diese werden darin schlicht gar nicht beschrieben — gleiches gilt im Übrigen für die immer weicher werdende Diagnosestellung für das, was man einst als "Transsexualität" bezeichnete, was im ICD-10 bereits zu einer dysphorischen Störung wurde und im ICD-11 als gender incongruence, eine schlichte Normabweichung darstellt und ebenfalls nicht mehr mit einem konkreten Diagnose-Kanon beschrieben wird.
Der ICD-11 wird in dieser Form recht sicher kommen und dann auch in Deutschland als ICD-11-GM umgesetzt werden, die alte Diagnose F64.0 "Transsexualität" wird dann, das wird voraussichtlich 2017 sein, nicht mehr existieren. Schon alleine deshalb _müssen_ wir weg von diesen alten Bildern und diesen alten Diskussionen. Wir, als Betroffenengruppen, können doch schlecht der medizinischen Entwicklung hinterher hinken? Wir haben seit Jahrzehnten genau diese Entwicklung (ein-)gefordert? Und nun wollen wir selbst das Rad zurück drehen, aus vorauseilendem Gehorsam, es könnten ja vielleicht dann Personen Leistungen wünschen, die dazu nicht "berechtigt", nicht "krank genug" oder genug leidend sein könnten? Nein nein, so kann das nicht funktionieren. Ich bin hier ganz klar für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit den Hilfe suchenden Personen, egal wie und als was sie sich selbst bezeichnen oder definieren. Wer es ohne Leiden anstrebt, der_die soll zumindest die Möglichkeit dazu bekommen die angestrebten Ziele zu erreichen, muss aber dann auch selbst dafür aufkommen. Und wer darunter leidet, dem _muss_ ohne Frage geholfen werden, mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen und aus Mitteln der Solidargemeinschaft, denn genau dafür ist sie da.
Ich gebe völlig offen zu, dass es hier ein Spannungsfeld zwischen ärztlicher Behandlung und den Kostenträgern gibt. Doch ich plädiere sehr dafür, das wir dies in der Diskussion klar voneinander trennen.
Liebe Grüße
nicole
Ich bin trans* - und das ist gut so!
Homepage: http://www.dpin.de/nf
Blog: http://www.dpin.de/nf/category/trans/
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ExUserIn-2026-04-08
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Re: A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Mir ging es nicht um den Begriff "Leid". Mir geht es um ein Umdenken, was die Ursache betrifft. Nicht TG ist die Ursache, dass der Betroffene sich nicht wohl fühlt, sondern es ist die Situation, in der er lebt.
Mit der Kostenanerkennung ist dann aber so eine Sache. Aus Sicht der KK wäre die Abgrenzung zwischen "kosmetischer Chirurgie" und "medizinisch erforderlichen Eingriffen" neu zu ziehen. KK wollen sicher nicht jedes Gesichtslifting bezahlen, nur weil die Person mit einem alternden Gesicht sich nicht wohl fühlt. Heute gibt diese Grenze für TG, aber wie soll die künftig aussehen. Nicoles Vorschlag geht schon in eine gute Richtung, wie ich finde.
Ein bischen erinnert mich die Situation an die Diskussion um den -§218 vor etwa 40 Jahren. Damals hieß es Selbstbestimmung vs. Gesetzeslage.
Mit der Kostenanerkennung ist dann aber so eine Sache. Aus Sicht der KK wäre die Abgrenzung zwischen "kosmetischer Chirurgie" und "medizinisch erforderlichen Eingriffen" neu zu ziehen. KK wollen sicher nicht jedes Gesichtslifting bezahlen, nur weil die Person mit einem alternden Gesicht sich nicht wohl fühlt. Heute gibt diese Grenze für TG, aber wie soll die künftig aussehen. Nicoles Vorschlag geht schon in eine gute Richtung, wie ich finde.
Ein bischen erinnert mich die Situation an die Diskussion um den -§218 vor etwa 40 Jahren. Damals hieß es Selbstbestimmung vs. Gesetzeslage.
Viele Grüße
Vicky
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ab08
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Re: A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Hallo,
zur Zeit geht es ja um Zugang zu ungefilterten Informationen https://netzpolitik.org/
An obiger keineswegs "neuen" Diskussion möchte ich mich nicht beteiligen, sondern nur darauf hinweisen,
dass Frau Güldenring hier "Partei ist" also nicht wirklich neutral Stellung nimmt.
Liebe Grüße
Andrea
zur Zeit geht es ja um Zugang zu ungefilterten Informationen https://netzpolitik.org/
An obiger keineswegs "neuen" Diskussion möchte ich mich nicht beteiligen, sondern nur darauf hinweisen,
dass Frau Güldenring hier "Partei ist" also nicht wirklich neutral Stellung nimmt.
Liebe Grüße
Andrea
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
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Anne-Mette
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Re: A. Güldenring: Psychiatrische Diagnostik in der Krise
Moin,
sicherlich ist Frau Güldenring irgendwie auch "Partei" - so wie alle/viele von uns
Sie schreibt auf Basis ihres in langer Arbeit erworbenen Wissens als Aktivistin und als Psychologin. Ich habe höchsten Respekt vor ihrer Lebensleistung
Es geht mir darum, Menschen nicht in eine Partei/Gruppe einzusortieren oder wie es viele Gruppen gerade machen, "auszusortieren" - und zwar herauszunehmen aus dem Umfeld, "mit dem man spricht, um neue Entwicklungen zu erarbeiten".
Wir sollten hören, was die Menschen zu sagen haben, auch wenn sie irgendwie auch "Partei sind"
Gruß
Anne-Mette
sicherlich ist Frau Güldenring irgendwie auch "Partei" - so wie alle/viele von uns
Sie schreibt auf Basis ihres in langer Arbeit erworbenen Wissens als Aktivistin und als Psychologin. Ich habe höchsten Respekt vor ihrer Lebensleistung
Es geht mir darum, Menschen nicht in eine Partei/Gruppe einzusortieren oder wie es viele Gruppen gerade machen, "auszusortieren" - und zwar herauszunehmen aus dem Umfeld, "mit dem man spricht, um neue Entwicklungen zu erarbeiten".
Wir sollten hören, was die Menschen zu sagen haben, auch wenn sie irgendwie auch "Partei sind"
Gruß
Anne-Mette