Andrea — meine Erlebnisse
Andrea — meine Erlebnisse - # 21

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Andrea aus Sachsen
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 301 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen »

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11.4.2015
Vor einigen Tagen machte mich Anne-Mette mit ihrem Bericht über eine Ballettaufführung neugierig. Und welch ein Zufall — in wenigen Tagen erlebt das gleiche Ballett, nämlich "Giselle" von Adolphe Adam, im Chemnitzer Opernhaus seine Premiere. Klar, dass ich da dabei sein musste!
Da mich Ballett bisher nicht sonderlich interessierte und ich auch noch nie eine Aufführung sah, verstand ich nur wenig davon und entschloss mich die heute Vormittag stattfindende Ballettmatinee zu besuchen, eine Einführungsveranstaltung ähnlich dem "Opernfrühstück" bei ich ja schon fast Stammgast bin.
Ich machte mich also bereits frühmorgens als Andrea zurecht. Die nun langsam steigenden Temperaturen draußen, erlaubten mir erstmals in diesem Jahr einen Griff zu den Sommersachen: blauer knielanger enger Rock, weiße Bluse mit blauen Blumenmotiven, blaue Strumpfhose und schwarze Pumps. Das jedenfalls hatte ich mir am Vorabend zurechtgelegt, ohne es noch einmal anzuprobieren. Ich glaubte, ich hatte diese Zusammenstellung von einigen Wochen schon einmal für gut befunden. Nach dem Schminken gefiel mir jedoch der Farbton der Strumpfhose nicht mehr. Ich überlegte und probierte, ob schwarz oder hautfarben vielleicht besser passe und entschied mich für letzteres. Schließlich stellte ich auch die Auswahl des Schmuckes noch einmal in Frage. Bei der ganzen Probiererei hätte ich fast den Zug verpasst.
Noch rechtzeitig in Chemnitz angekommen, machte ich mich gleich auf den Weg ins Opernhaus. Die Ballettmatinee fand im Gegensatz zum "Opernfrühstück" nicht im Foyer, sondern auf der (noch leeren) Bühne statt. Die etwa 100 interessierten Gäste verteilten sich dementsprechend im Zuschauerraum.
Die Dramaturgin, der Choreograf sowie Masken- und Kostümbildner sprachen nacheinander über ihre Gedanken zu "Giselle" und wie sie diese in der Inszenierung umsetzen wollen.
Zwischendurch gab es bereits einige Ausschnitte zu sehen. Die Tänzer(innen) trugen dabei noch ihre individuelle Trainingskleidung und die Musik kam noch vom Band. Die richtigen Kostüme und das Orchester werden erst später in die Proben eingebunden.
Im Großen und Ganzen bestätigte sich mein positiver Eindruck aus Anne-Mettes Hinweis. Deshalb sehe ich jetzt mit großer Erwartung der Premiere entgegen.
Es war bereits Mittagszeit, aber ich hatte noch nicht allzu viel Hunger und begnügte mich deshalb mit einem Imbiss in einer Selbstbedienungsgaststätte. Da ich einmal in Chemnitz war, hatte ich mir noch etwas vorgenommen, was ich schon Jahre vor mir herschiebe: einen Besuch im Chemnitzer Straßenbahnmuseum. Es befindet sich in einer ehemaligen Wagenhalle am Rande der Innenstadt und ist deshalb auch gut mit der Straßenbahn zu erreichen.
Als ich die Halle betrat, machte diese zunächst einen verlassenen Eindruck. Ein Schild "Bitte klingeln" wies auf einen Fußtaster. Vorsichtig trat ich drauf und es machte "Kling". Ja, dieses Geräusch kam mir bekannt vor! So machen doch die alten Straßenbahnen auf sich aufmerksam, wenn davor noch Leute über die Gleise liefen. Da kam mir auch schon ein Mann entgegen, der den Eintritt kassierte und noch einige Hinweise zur Ausstellung gab.
Neben einer Reihe historischer Straßenbahnwagen können noch eine Vielzahl anderer Exponate aus über 100 Jahren Nahverkehrsgeschichte in Chemnitz besichtigt werden. Einige der Ausstellungsstücke kannte ich noch aus eigenem Erleben.
Straßenbahnmuseum.jpg
In die meisten Straßenbahnwagen konnte man bzw. frau auch hineingehen und probieren, wie es sich auf den harten Holzbänken sitzt. Schon der Einstieg war wegen der hohen Stufen mit meinem engen Rock gar nicht so einfach. Schlimmer noch waren die Holzlatten auf dem Fußboden, wo ich immer wieder mit dem Absatz in einer Lücke steckenblieb. Wenn ich mir überlege, dass die Uniformen der Schaffnerinnen vor 50 Jahren (auch Ausstellungsstück) eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Outfit hatten "¦ Damals wurde Dienstkleidung wohl nach anderen Kriterien ausgesucht als heute.
Von einem Besucheransturm konnte an diesem Tag bisher keine Rede sein. Gerade mal zwei männliche Besucher sah ich außer mir. Das sollte sich wohl noch ändern, denn als ich gerade ging, stand vor dem Tor eine etwa 10-köpfige gemischte Gruppe, die sich wohl gut kannten und viel Spaß miteinander hatten. Das Gaudi einer gemeinsamen "Fahrt" derer mit einer der alten Straßenbahnen habe ich nicht mehr mitbekommen.
Damit konnte ich diesen Tag durchaus schon als erlebnisreich einstufen. Ich fuhr wieder ins Stadtzentrum zurück und mir blieb noch ein wenig Zeit für einen kleinen Einkaufsbummel.
Seit längerer Zeit ging ich wieder mal zu Deichmann. Die wenigen Schachteln mit dem "XXL" drauf waren schnell gefunden, aber nichts davon gefiel mir. Ich hätte gleich wieder gehen können, wenn ich nicht für die kommende warme Jahreszeit noch ein Paar Sandaletten gebrauchen könnte und da passte mir meist Größe 42 am besten. Dadurch stand mir fast das gesamte Sortiment offen und davon gefiel mir ein Paar cremefarbene Sandaletten mit kleinen Glitzersteinen drauf am besten. Als die dann auch in der "42" vorrätig waren und hervorragend passten, war das Einkaufserlebnis perfekt. Warum kann das mit anderen Schuhen nicht genauso sein?
Jetzt konnte ich zufrieden nach Hause fahren. In meiner Heimatstadt musste ich dann schnell noch mal in einen Supermarkt, weil noch ein paar Kleinigkeiten fürs Wochenende fehlten. Danach konnte ich den Tag zu Hause gemütlich ausklingen lassen.
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Viele Grüße
Andrea aus Sachsen
Kerstin
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 302 im Thema

Beitrag von Kerstin »

Hallo Andrea
Vielen dank für deinen Bericht. Und das Outfit auf deinem Foto ist klasse.

Liebe Grüße
Kerstin
Ich brauche Informationen - eine Meinung bilde ich mir selbst.
steffiSH
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 303 im Thema

Beitrag von steffiSH »

Andrea aus Sachsen hat geschrieben:.
Genauso wenig weiß ich wieder einmal nicht, ob die beiden Damen oder die Familie bei mir am Tisch, das Personal der Gaststätte oder sonst jemand, dem ich an diesem Tag noch begegnet bin, gemerkt haben, dass ich nicht ganz "echt" bin.
kümmerts Dich? Keine Reaktion ist ja auf keinen Fall negativ.
sum sum sum - no Latein
Andrea aus Sachsen
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 304 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen »

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Kerstin hat geschrieben:Vielen dank für deinen Bericht. Und das Outfit auf deinem Foto ist klasse.
Danke Kerstin! Ich nehme an, du meinst das Foto vom Straßenbahnmuseum. Zu diesem Outfit fällt mir noch eine Begebenheit ein, die sich auf dem Nachhauseweg ereignete: Ein Pärchen kam mir entgegen und als die vorbei waren, sagte der junge Mann zu seiner Begleiterin: "Die Frau sieht aus wie eine Collegelehrerin."
Ich weiß zwar nicht genau, wie Collegelehrerinnen üblicherweise aussehen, habe das aber als Kompliment aufgefasst. Zumindest schien der junge Mann nicht gemerkt zu haben, wer hinter dem eleganten Outfit steckte.
steffiSH hat geschrieben:kümmerts Dich? Keine Reaktion ist ja auf keinen Fall negativ.
Ich genieße es einfach, wie selbstverständlich als das behandelt zu werden, als das ich mich auch fühle. Manchmal bin ich nur etwas neugierig und da würde mich schon mal interessieren, wer von den Leuten, denen ich begegne, mit meinem Anderssein nur professionell umgeht oder wer tatsächlich nichts merkt.

12.4.2015
Es bot sich die Gelegenheit, gleich noch einen Andrea-Tag dranzuhängen, wenn auch nur einen bescheidenen "Hausarbeitstag". Der Einfachheit wegen blieb ich bei dem Outfit vom Vortag: blauer knielanger enger Rock, weiße Bluse mit blauen Blumenmotiven, hautfarbene Strumpfhose und meine weinroten Hausschuhe. Für zu Hause mag das zwar etwas zu elegant sein, aber für das was ich vorhatte, ging es.
Nachmittags habe ich meine schwarzen Pumps und den schwarzen Blazer drübergezogen und bin doch noch mal rausgegangen - in eine Eisdiele im Zentrum meiner Heimatstadt. Das frühlingshafte Wetter erlaubte mir, draußen zu sitzen. Da habe ich mir nicht nur das Eis schmecken lassen, sondern auch ein wenig die Leute beobachtet. Nähere Bekannte habe ich nicht gesehen, aber eine ganze Reihe von Leuten, die ich nur vom Sehen kannte. Dabei ging mir nur mal so der Gedanke durch den Kopf, wie viele Leute mich hier wohl als Andrea bereits vom Sehen kennen mögen.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen
conny
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 305 im Thema

Beitrag von conny »

Andrea aus Sachsen hat geschrieben: Manchmal bin ich nur etwas neugierig und da würde mich schon mal interessieren, wer von den Leuten, denen ich begegne, mit meinem Anderssein nur professionell umgeht oder wer tatsächlich nichts merkt.
genau das ist der punkt. keine reaktion heisst nicht unbedingt, dass man nicht aufgefallen ist.
Vivian Cologne
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 306 im Thema

Beitrag von Vivian Cologne »

Hallo Andrea,

du kennst ja meine Einstellung. Wenn du dir noch weniger einen Kopf darum machst, wer dich wie gerade sieht oder einordnet, ob echt oder unecht, als Frau (ja, was denn sonst?) oder nicht, dann würdest es auch noch mehr genießen, einfach du selbst zu sein.

Ich tue ja auch einiges dafür, "richtig" gesehen zu werden, aber wenn das mal nicht so ist, ist das jedenfalls nicht unsere Schuld. Wie du in Frankfurt erlebt hast, bin ich schwer beleidigt, wenn das mal vorkommt. Aber die anderen Menschen lernen auch noch dazu, da bin ich sicher.

Vivian
Andrea aus Sachsen
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 307 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen »

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Vivian Cologne hat geschrieben:Wenn du dir noch weniger einen Kopf darum machst, wer dich wie gerade sieht oder einordnet, ob echt oder unecht, als Frau (ja, was denn sonst?) oder nicht, dann würdest es auch noch mehr genießen, einfach du selbst zu sein.
Noch einmal, damit ich nicht missverstanden werde: Ich frage mich zwar immer wieder, ob jemand, dem ich draußen begegnet bin, gemerkt haben könnte, dass ich nicht "echt" bin, aber wie die Antwort auch ausfällt (sofern ich überhaupt mal eine bekomme), hat das keinerlei Einfluss darauf, wie ich meine Zeit als Andrea genieße. Zumindest die wenigen Male, da ich es mitbekommen habe, dass jemand mich erkannt hat, tat das meiner Stimmung keinen Abbruch. Und in den Fällen, in denen ich keine Reaktionen bemerke (also in den meisten), stelle ich mir die oben genannte Frage sowieso erst hinterher, wenn die schönen Stunden längst vorbei sind.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen
ReaGirl

Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 308 im Thema

Beitrag von ReaGirl »

So ists recht :)

Finde das Foto im Strassenbahnmuseeum auch sehr authentisch, und ohja die alten BIMs können für Rockträgerinnen schonmal anstrengend sein mit ihren "2 Meter" hohen Stufen :)
conny
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 309 im Thema

Beitrag von conny »

Andrea aus Sachsen hat geschrieben: Noch einmal, damit ich nicht missverstanden werde: Ich frage mich zwar immer wieder, ob jemand, dem ich draußen begegnet bin, gemerkt haben könnte, dass ich nicht "echt" bin, aber wie die Antwort auch ausfällt (sofern ich überhaupt mal eine bekomme), hat das keinerlei Einfluss darauf, wie ich meine Zeit als Andrea genieße. Zumindest die wenigen Male, da ich es mitbekommen habe, dass jemand mich erkannt hat, tat das meiner Stimmung keinen Abbruch. Und in den Fällen, in denen ich keine Reaktionen bemerke (also in den meisten), stelle ich mir die oben genannte Frage sowieso erst hinterher, wenn die schönen Stunden längst vorbei sind.
aber was bringt diese frage nach dem "bemerken"?

1. möglichkeit: keine bemerkung und vermutet, nicht aufgefallen zu sein = alles bestens,
2. keine bemerkung und vermutet, aufgefallen zu sein = höflichen, rücksichtsvollen menschen begegnet,
3. bemerkung, dass du ein mann bist und dann? sch... egal, oder? denn perfekteres passing geht nicht und die fremden leute können einem doch egal sein.
4. die frage nach dem bemerken einfach nicht stellen! ich weiss, das gelingt nicht so einfach :wink:
Andrea aus Sachsen
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 310 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen »

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conny hat geschrieben:aber was bringt diese frage nach dem "bemerken"?
In der Regel nichts. Im Idealfall könnten vielleicht aus einem gehäuften "Bemerken" in bestimmten Situationen Rückschlüsse zur Verbesserung des Passings abgeleitet werden. Ansonsten wäre es nur die Befriedigung der eigenen Neugier.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen
Katja-H
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 311 im Thema

Beitrag von Katja-H »

Hallo liebe Andrea,

zuerst mal wieder meinen Dank, dass Du uns an deinen erlebnissen teilnehmen läßt. Du bist eines meiner Vorbilder.

Ob jemand bemerkt, dass wir uns nicht in unserem Geburtsgeschlecht bewegen, ist m.E. zweitrangig. Die meisten Passanten achten auch nicht darauf, die Entscheidung trifft das Gehirrn unterbewusst in Sekundenbruchteilen.
Und selbst wenn irgendwelche Leute bemerken, dass unter der schönen Schale ein Mann steckt, so sind die meisten zu höflich, zu bequem, zu desinteressiert, um dieses nachzuverfolgen.
Also geh' auch ich, wenn ich die Gelegenheit habe, ganz normal als Frau raus, und fühle mich wohl (und normal) dabei.


Liebe Grüße

Katja
Natürlich hätte ich gerne eine Körpergröße von ca. 1,72 m, Kleidergröße max. 40, die Kurven an den richtigen Stellen, reine Haut und volles, langes, leichtfrisierbares Haupthaar - aber das hätten viele "Original"-Frauen auch gerne ;-).
Andrea aus Sachsen
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 312 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen »

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Danke Katja für das Kompliment! Und um noch einmal auf das "Bemerken" zurückzukommen: Zumindest wenn ich in meiner Heimatstadt unterwegs bin, kann es mir nicht ganz egal sein, wie ich auf andere wirke. Irgendwann fliegt meine "Tarnung" vielleicht mal auf und dann sollte schon ein positiver Gesamteindruck zurückbleiben.

22.4.2015
Die Mitglieder des Fördervereins der Chemnitzer Theater bekommen gelegentlich die Möglichkeit, bei den Proben zu einem neuen Stück zuzuschauen. Zur Zeit dreht sich hier alles um das Ballett "Giselle" und da ich auch zur Premiere gehen wollte, interessierten mich die Proben auch mal sehr. Da ließ ich mich nicht einmal durch den Bahnstreik abhalten, der die Fahrt nach Chemnitz und zurück für mich sehr erschwerte.
Doch zunächst galt es, mich als Andrea zurechtzumachen. Aufgrund des warmen Frühlingswetters der vergangenen Tage hatte ich mir schon ein Sommerkleid zurechtgelegt. Doch dann machte das Thermometer einen mächtigen Sturz nach unten und ich griff auf etwas eher Herbstliches zurück: knielanger schwarzer Rock, mehrfarbige Bluse, hautfarbene Strumpfhose schwarze Stiefeletten und darüber mein schwarzer Anorak.
Anstelle der bestreikten Züge fuhren Ersatzbusse nach Chemnitz, allerdings nur in größeren Zeitabständen. Bei der Hinfahrt passte es ganz gut: Eine reichliche Stunde vor Beginn der Proben war ich in Chemnitz. Da blieb noch Zeit für einen kurzen Bummel durch die Damenmodeabteilung eines Kaufhauses. Etwas Konkretes zu suchen und eventuell anzuprobieren, dazu war die Zeit aber doch zu knapp.
Am Eingang des Opernhauses durfte ich erstmals meinen Fördervereins-Mitgliedsausweis vorzeigen. Im Foyer gaben die Dramaturgin und die Ballettmeisterin noch eine kurze Einführung auf das, was die etwa 20 anwesenden Fördervereinsmitglieder zu sehen bekommen sollten. Danach durften wir im Rang Platz nehmen. Die Frau neben mir begrüßte mich freundlich und meinte, wir hätten schon mal zusammengesessen. Da ich mich daran nicht mehr recht erinnern konnte, musste ich nachfragen, bei welcher Vorstellung das gewesen sein soll. Bei einem Opernfrühstück — jetzt dämmerte es mir langsam, mein Personengedächtnis ist eben nicht das beste.
Im Gegensatz zu der Matinee vor 11 Tagen war diesmal bereits das Bühnenbild aufgebaut und die Musik kam vom Orchester. Die Tänzer(innen) auf der Bühne trugen aber nach wie vor ihre Trainingskleidung. An einem Tisch mitten im Parkett nahm der Regisseur bzw. Choreograf Platz. Es sollte der erste Akt komplett durchgespielt werden. Hundertprozentig klappte das aber noch nicht. Mehrere Unterbrechungen und Wiederholungen waren nötig. Angesichts der Tatsache, dass in drei Tagen die Premiere stattfinden soll, hätte ich da als Regisseur schon ein wenig Bauchschmerzen.
Eins ist mir heute schon klar geworden: Die Musik von "Giselle" ist wunderschön und steht der zahlreicher Opern des 19.Jahrhunderts in nichts nach. Kein Wunder, konnte der Komponist Adolphe Adam doch auch in diesem Metier seinerzeit achtbare Erfolge feiern. Mit zahlreichen neuen Eindrücken verließ ich das Opernhaus.
Jetzt blieben mir über zwei Stunden Zeit, bis der letzte Ersatzbus in meine Heimatstadt zurück fuhr. Das hatte ich vorausgesehen und deshalb vorher nichts gegessen. Nun knurrte mir entsprechend der Magen und ich konnte die Zeit nutzen, noch eine Gaststätte zu besuchen. Nachdem das erste Lokal, das ich aufsuchte gerade Küchenschluss hatte, fand ich an der nächsten "Ecke" eins, das noch länger geöffnet hatte. Darin ein recht gemischtes Publikum: An einem Tisch saßen zwei junge Herren, am nächsten ein Pärchen und an einem größeren Tisch 5 junge Damen. Ich nahm an einem noch freien Tisch Platz und musste verhältnismäßig lange auf das Essen warten. Das störte mich aber nicht; ich hatte ja genügend Zeit.
Obwohl ich als einzige Frau einen Rock trug, bin ich offenbar wieder einmal nicht sonderlich aufgefallen. Das Essen hatte dann aber recht gut geschmeckt. Ich bezahlte schließlich meine Rechnung und schlenderte durch die Chemnitzer Innenstadt zurück zu Hauptbahnhof, der wegen des Bahnstreiks allerdings menschenleer war. Die Zeit reichte noch, um mir am Automaten die Fahrkarte zum Forumstreffen nach Berlin zu holen. In drei Wochen ist es ja bereits soweit, dann wird hoffentlich nicht gestreikt!
Die Heimfahrt mit dem Ersatzbus verlief ohne Besonderheiten. Es war noch einmal deutlich kühler geworden als am Nachmittag. Gut dass ich das Outfit gewechselt hatte!

23.4.2015
Schön, dass ich gleich noch einen Andrea-Tag dranhängen konnte! Da brauchte ich keinen Nagellack entfernen, das Portemonnaie nicht umzupacken und alle anderen Damensachen gar nicht wegzuräumen.
Ich blieb größtenteils zu Hause und behielt dazu das Outfit vom Vortag bei. Nur für ein paar kleine Einkäufe musste ich umdisponieren, weil es draußen wieder deutlich wärmer war. Die Stiefeletten ersetzte ich durch Pumps und den Anorak durch meinen türkisen Blazer. Das sah dann etwa so aus: http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... ge_id=8139
Im Bistro des Einkaufsmarktes habe ich zum wiederholten Male gleich etwas zu Mittag gegessen. Ob man mich hier als Andrea bereits vom Sehen kennt wie im Chemnitzer Opernhaus?
Zu Hause hatte ich einiges vorzubereiten, weil ich am nächsten Tag Besuch erwartete. Das könnte durchaus spannend werden, da eine der beiden (Bio-)Frauen von Andrea weiß und die andere nicht. Sollten wir vielleicht auf meine Opernbesuche und andere Erlebnisse zu sprechen kommen, könnte ich irgendwann vor der Entscheidung stehen, entweder um den "heißen Brei" herumzureden, oder mich zu outen. Da bin ich selbst gespannt, wie das ausgeht.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen
Kerstin
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 313 im Thema

Beitrag von Kerstin »

Hallo Andrea
Andrea aus Sachsen hat geschrieben:.
........
Zu Hause hatte ich einiges vorzubereiten, weil ich am nächsten Tag Besuch erwartete. Das könnte durchaus spannend werden, da eine der beiden (Bio-)Frauen von Andrea weiß und die andere nicht. Sollten wir vielleicht auf meine Opernbesuche und andere Erlebnisse zu sprechen kommen, könnte ich irgendwann vor der Entscheidung stehen, entweder um den "heißen Brei" herumzureden, oder mich zu outen. Da bin ich selbst gespannt, wie das ausgeht.
Da drücke ich dir jetzt einmal ganz fest die Daumen das es gut geht. Wäre es für dich schlimm,,wenn es bekannt wird das es dich auch noch in einer A+ Fariante gibt statt nur A?

LG Kerstin
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Andrea aus Sachsen
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 314 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen »

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Zunächst einmal kann ich sagen, dass bei meinem Besuch vor wenigen Tagen kein Outing stattgefunden hat. Es gab einfach keine Situation, in der ich hätte etwas Falsches sagen müssen.
Und zur Frage von Kerstin: Grundsätzlich hätte ich kein Problem damit, wenn mein "Doppelleben" einem größeren Personenkreis bekannt würde. Mir wäre nur daran gelegen, dabei einen positiven Gesamteindruck zu hinterlassen. Deshalb ist mir auch meine Wirkung auf andere nicht ganz egal.

25.4.2015
Heute nun war es soweit: Im Chemnitzer Opernhaus fand die Premiere des Balletts "Giselle" von Adolphe Adam statt. Nach dem Mittagessen machte ich mich als Andrea zurecht. Ich zog mein "kleines Grünes" an, also ein dunkelgrünes figurbetontes knielanges Kleid, hautfarbene Strumpfhosen, weiße Pumps und noch einige andere weiße Accessoires. Das hatte ich in der Vergangenheit schon bei anderen Theaterbesuchen getragen. Noch meinen grau melierten Blazer darüber und es konnte losgehen!
In Chemnitz angekommen, reichte die Zeit noch, ein Café aufzusuchen und mich mit etwas Kaffee und Kuchen auf den kulturellen Höhepunkt des Abends einzustimmen. Danach machte ich mich auf den Weg ins Opernhaus.
Groß war die Nachfrage zu der heutigen Vorstellung nicht. Nur schätzungsweise 75% der Karten konnten verkauft werden. Ich hatte deshalb keine Karte im Vorverkauf erworben und stellte mich erst einmal an der Abendkasse an. Als ich sagte, dass ich noch eine Karte bräuchte, meldete sich eine Frau hinter mir zu Wort: Sie hätte eine übrig, weil jemand krank geworden sei und fragte, ob sie diese zurückgeben könne oder ob ich die gleich nehmen würde. Als ich sah, dass es genau die Preisklasse war, die mir vorschwebte, wurden wir uns schnell einig. Ich hoffe nur, ich habe die Frau an der Kasse durch diese Aktion nicht verärgert.
Mein fast schon obligatorischer Blick auf die Kleidung der anderen Besucher(innen) hat mich nicht enttäuscht. Wie ich es von Opernpremieren in Chemnitz gewohnt bin, kleideten sich die meisten dem festlichen Charakter der Veranstaltung angemessen. Positiv überrascht war ich, dass auch zahlreiche junge Damen den Weg hierher gefunden hatten und denen gilt mein besonderes Kompliment. Sie zeigten bei der Wahl ihrer Kleidung deutlich mehr Mut zur Farbe als die etwas reiferen Damen (und Herren sowieso). In meiner Altersgruppe dominierten dann eher das "kleine Schwarze" oder schicke Hosenanzüge. Jüngere Männer waren dagegen eher Mangelware. Hatten die kein Interesse am Ballett oder kleidungsmäßig nichts Ebenbürtiges gefunden?
Ein (etwas älterer) Mann, der sich später neben mich setzte, sagte, nachdem wohl seine Frau auf seiner anderen Seite Platz genommen hatte: "Hab"˜ ich ein Glück, zwischen zwei so charmanten Damen sitzen zu dürfen!" Ob ihm dabei klar war, dass eine davon nicht ganz "echt" war? Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich finde es immer wieder faszinierend, diese Frage stellen zu dürfen.
Mit Spannung erwartete ich den Beginn der Aufführung. Im Vergleich zur Probe vor drei Tagen waren jetzt auch die richtige Beleuchtung und die richtigen Kostüme dabei. Die Handlung wurde in die Gegenwart versetzt und das ganze spielte im 1. Akt in einem Ballsaal. Da waren allein die bunten Kleider der Tänzerinnen eine Augenweide. Die männlich Tänzer dagegen, wie könnte es anders sein, alles in grau, braun, schwarz, dunkelblau "¦ Dem Kostümbildner ist es wenigstens gelungen, durch Kombinationen daraus, jedem ein geringfügig anderes Aussehen zu geben.
Die wunderschöne Musik erwähnte ich ja schon. Im 2. Akt wechselte diese von der fröhlichen in eine eher melancholische Stimmung und die Damen trugen dazu weiße Kleider. Was es damit auf sich hat, können Interessent(inn)en hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Giselle
Ich glaube, die anderen Besucher(innen) waren genauso begeistert wie ich. Der Beifall am Schluss wollte einfach nicht enden! Meine Befürchtungen nach der Probe, es könne etwas schiefgehen, waren unbegründet. Nur das Öffnen und Schließen des Vorhanges während des Schlussapplauses ging, glaube ich, nicht wie geplant vonstatten. Das muss wohl noch mal geübt werden.
Nach der Aufführung gab es im Foyer auch diesmal eine Premierenfeier, zu der aber deutlich weniger Leute kamen, als ich es von Opernpremieren gewohnt bin. Dort sprach mich die Dramaturgin an. Sie hatte mich schon bei der Matinee oder den Proben (ich war sogar bei beiden) gesehen und wollte wissen, wie es mir gefallen hat. Was sollte ich da sagen: Ich war das erste Mal in einem Ballett und hätte nie gedacht, wie faszinierend so etwas sein kann.
Als ich nach einer halben Stunde auf die Uhr sah, bekam ich einen Schreck. Beinahe hätte ich meinen Zug verpasst. Auf die letzte Minute schaffte ich es aber doch, am Bahnhof zu sein.
In meiner Heimatstadt musste ich noch an einer kleinen Gruppe Männer vorbei, von denen einer mir hinterherpfiff. Ich aber tat so, als hätte ich nichts gehört und ging unbeirrt weiter.
Zu Abschluss möchte ich noch einmal daran erinnern, dass ich erst durch diesen Beitrag von Anne-Mette darauf gekommen bin, dass auch ein Ballett schön anzusehen ist, wenn die Musik dazu passt: http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 45#p115901
Danke Anne-Mette!
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen
Nadi
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Registriert: Mo 30. Mär 2015, 15:57
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Re: Andrea — meine Erlebnisse

Post 315 im Thema

Beitrag von Nadi »

Liebe Andrea!
Danke für den wunderschönen Bericht über Deinen tollen Ballettabend! Das war sicher ein großartiger Kunstgenuss und das noch dazu als Frau zu genießen, ist fantastisch.
Ich finde es auch sehr begrüßenswert, dass die Besucher(innen) dem Anlass entsprechend festlich gekleidet waren. Bei einer Premiere wird darauf vielleicht doch noch ein wenig mehr Wert gelegt. Ich bin überzeugt, dass Du mit Deinem Look eine sehr gute Figur gemacht hast, wofür auch die positiven Reaktionen sprechen und Dein Sitznachbar hat sicher nichts bemerkt. Besonders spannend finde ich, dass Dich die Dramaturgin angesprochen hat. Glaubst Du, dass sie etwas bemerkt hat?

Liebe Grüße aus Wien, Nadine
Wenn Ihr mehr von mir erfahren wollt, besucht doch meinen Blog: http://nadinecd.blogspot.co.at
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