Liebe Katrin,
es ist nun recht genau ein Jahr her, dass Du Deine ursprünglich Frage gestellt hattest. Wie ist es Dir denn in der Zwischenzeit ergangen?
Ich lese aus Deiner gestrigen Frage, dass Du also weiterhin öffentlich als Mann aufgetreten bist. Wie hat sich das mit Deiner psychologischen Begleitung weiter entwickelt? Habt Ihr gemeinsam mal über Deine Zukunft gesprochen? Und was kam dabei heraus? Natürlich nur, wenn Du darüber reden / schrieben wolltest...
Was Deine aktuelle Frage bzgl. Stimmungsschwanken angeht, so ist das nur schwer zu beantworten. Die Auswirkungen sind sehr individuell und auch in den meisten Fällen nicht eindeutig auf Hormone zurückzuführen. In der Zeit der Transition, während dessen irgendwann oft mit Antiandrogenen und dann Östrogenen begonnen wird, finden noch soviele andere Sachen statt, sodass ein eindeutiger Zusammenhang kaum noch herstellbar ist. Anhand vieler Erfahrungsberichte ist es naheliegend, dass es da wohl einen Zusammenhang gibt, doch mit was genau und wie groß er ist, kann niemand eindeutig sagen. Nur eines weiß man wohl mit größerer Bestimmtheit, nämlich das Androcur (CPA) bei vielen Betroffenen depressive Verstimmungen bishin zu echten Depressionen auslöst. Aber auch nicht bei allen, daher wäre verfrühte Panikmache auch falsch. Viele berichten mit Beginn ihrer HRT in der Tat auch von einer gesteigerten Emotionalität. Doch das könnte auch eine psychische Folge der großen Erleichterung sein, dass es nun endlich los geht. Ursache und Wirkung sind hier nur schwer zu trennen.
Mein Werdegang in dieser Richtung ist vielleicht ungewöhnlich genug, um die Spannbreite etwas aufzuzeigen - andere werden sicherlich ganz Anderes zu berichten haben.
Du fragtest ganz konkret nach Emotionalität und speziell nach dem Weinen. Nun, ich konnte früher praktisch nicht weinen. Es ging einfach nicht, obwohl ich den Schmerz und den Druck mehr als eindringlich in mir spürte, doch es kam praktisch nie dazu. Auch andere tiefe Emotionen waren sehr problematisch für mich, ich konnte sie nicht wirklich zulassen. Das betraf ganz profane Dinge, wie etwas einfach nur als schön empfinden zu können und reichte bis zum Empfinden von Freundschaft und sogar Liebe. Alles war zwar irgendwie da, aber wie unter einer dicken Glocke, nicht zugänglich. Schwer zu beschreiben. Ich verließ mich mehr auf Rationalität und Verstand, nicht aber auf mein Gefühl, meine Emotionen. Etwas, das ich mit dem Verstand nicht erklären oder fassen konnte, war für mich nicht zulässig.
Als ich begann mich selbst zu hinterfragen und endlich den Gedanken akzeptierte und zuließ, dass ich doch viel mehr Frau als Mann bin, hob sich die Glocke und alle diese wunderbaren Emotionen kamen langsam hervor. Zwar noch scheu, aber sie waren auf einmal da und forderten immer mehr ihren Platz in meinem Leben. Ich ließ sie nur zu gerne gewähren, denn sie machen den Mensch erst zum Menschen. Sie machten aus der funktionalen Maschine einen vollständigen Menschen.
Das fand bereits Monate vor HET und Wochen vor Antiandrogenen (in meinem Fall Spironolacton) statt. Ich merkte es zuerst daran, dass mich auf einmal Musik in einer Art anrühren konnte, wie ich es zuvor nie verspürt und nichteinmal für möglich hielt. Es gab auf einmal Musikstücke die mich so bewegten, dass mir die Tränen nur so die Wangen herunter kullerten. Andere brachten mich regelrecht zum Heulen. Es war und ist einfach wunderbar! Ich genieße jede einzelne Regung und jede Träne, bis heute.
Die späteren Hormone haben daran nichts verändert, es also weder verstärkt noch gemindert. Für mich verändern die Hormone aktuell "nur" meinen Körper. Muskeln lassen nach, die Fettverteilung ist subtil anders, die Haut wird etwas feiner und natürlich ein moderates Brustwachstum. Doch mental? Eigentlich nein. Was ich allerdings meine zu spüren ist der Verlust des Testosterons. Das begann bereits mit den Antiandrogenen und ist seit der Entfernung der Hoden natürlich noch ein klein wenig stärker. Was damit zurück ging, ist der "Biss", also der Nachdruck und die Aggressivität und Hartnäckigkeit des Mannes. Das Energische und auch ein wenig der Elan. Ich bin ruhiger geworden, gelassener. Ich kann leichter Dinge auch mal liegenlassen. Das ist auf der einen Seite natürlich ganz schön, denn es lebt sich deutlich entspannter

Doch ich laufe auch Gefahr, nicht mehr die gleiche Leistung wie früher zu bringen. Es ist eben ein wenig der Biss weg. Doch das ist auch zu stemmen, ich muss jetzt eben etwas bewusster an meine Aufgaben denken.
Alles in allem kann und muss ich aber sagen, hat sich meine Lebensqualität deutlich verbessert. Emotionen leben zu können und nicht mehr zu unterdrücken, ist wohl eines der größten Geschenke, dass ich auf diesem Weg bekam. Auf einmal machen soviele Sachen im täglichen zwischenmenschlichen Leben soviel mehr Sinn für mich

Ich genieße es jetzt, einen emotionalen Film anzusehen und davon angerührt zu sein - das Gefühl, wenn es beginnt warm ums Herz zu werden, die Augen feucht werden, alles um einen herum ganz unwichtig und klein erscheint und man sich der Welt entrückt fühlt, man eintaucht in eine andere Welt und in andere Situationen und andere Menschen schlüpft - ein wahrhaftiges Mitfühlen. Völlig ohne Klischess, dem alten Männerkram, dem Krach-Bumm-Peng, kann ich immer weniger abgewinnen. Ich weiß noch, was ich früher gerne mochte und heute ist mir das schon fast peinlich, weil es oberflächlich und schon fast primitiv erscheint. Wir waren vor kurzem mal wieder DVDs einkaufen und zum Erstaunen von mir selbst und meiner Frau blieb ich fast ausschließlich in der "rosa" Abteilung. So kann es sich verändern.
Was davon nun alles eine Wirkung der Hormone und was davon eine Auswirkung meiner Psyche ist? Ich kann es nicht sagen. Und ganz ehrlich, es interessiert mich auch nicht. Was mich einzig interessiert ist, dass ich mich nun so deutlich besser fühle. Das ist alles, was für mich zählt.
In diesem Sinne kann ich Dir, liebe Katrin, eigentlich auch nur das raten, worauf wir letztes Jahr bereits kamen. Entdecke Dich selbst und finde *Deinen* ganz eigenen Weg. Verfolge das, wovon Du entdeckst, dass es Dir gut tut. Sei Dir dabei aber auch bewusst, dass Veränderungen auch Nebenwirkungen haben. Nicht nur direkt an Dir, sondern auch in Deinem Umfeld. Sei darauf gefasst und gehe Dinge, die in Dein Umfeld strahlen könnten, erst an, wenn Du Dir recht sicher darin bist, damit auch in allen Aspekten umgehen zu können. Wenn es noch Unsicherheiten in diesem Umgang gibt, dann kläre es zuvor und lasse Dir dabei ggf. helfen. Ein_e begleitende_r Psychologe_in kann auch dabei helfen und unterstützen.
Leider habe ich gerade in meinem engeren Freundeskreis mehrere Fälle gehabt, die einige sehr herbe Schläge aus ihrem Umfeld im Rahmen ihrer Transition einstecken mussten. Leider ist es auch so, dass in meine Beratung praktisch nur solche Fälle kommen. Ich möchte damit nicht schwarz malen. Doch zur Zeit muss ich leider sagen ist meine Erfahrung, dass die (sehr) problematischen Transitionen die Positiven doch stark überwiegen - und ich kenne nicht nur Menschen aus der Beratung.
Man kann sicherlich nicht alles zuvor bedenken und für alles einen Plan-B haben. Doch man sollte zumindest darauf gefasst sein, mental vorbereitet, damit es einen dann im Fall der Fälle nicht aus der Spur wirft.
In diesem Sinne, alles Gute!
Liebe Grüße
nicole