du beschreibst da eine sehr schwierige Situation. Auch wenn wir wohl nicht das gemeinsam haben, was du gemeint hast, möchte ich dir doch meine Meinung dazu schreiben.
Was den Bezug zur Transsexualität angeht, kann ich nicht wirklich mitreden, da meine Süße Teilzeitfrau ist, aber nicht mehr plant. Allerdings habe ich den Schritt von der Fernbeziehung in die Lebensgemeinschaft gemacht, den du planst.
Meine Erfahrung hier ist, dass du in dem Moment, wo du wirklich weit von der Heimat wegziehst (in meinem Falle sind es 400 km) mit einer intakten Partnerschaft eine sehr viel bessere Basis hast, als ganz alleine:
Zwecks Ausbildung musste ich, 200 km weit weg ins Internat und habe dann im Anschluss dort in der Nähe Arbeit bekommen. Ich bin damals ganz auf mich allein gestellt in der Fremde gelandet, 250 km von der Heimat entfernt, und habe festgestellt, wie schwer es sein kann, sich ein soziales Leben aufzubauen, wenn der einzige regelmäßige Kontakt der mit den Kollegen ist. Natürlich tickt da jeder anders, aber ich denke mal, dass es für dich als Transsexuelle in der Angleichungsphase auch nicht unbedingt einfach wäre, neue Freundschaften zu schließen.
Im Vergleich dazu habe ich von dieser Arbeitsstelle aus, den Umzug um 400km zu meiner Süßen gewagt. Zu dem Zeitpunkt kannten wir uns bereits seit 3,5 Jahren und waren seit knapp 2 Jahren ein Paar mit Fernbeziehung. Ich war mir deshalb sehr sicher, als ich diesen Schritt getan habe und ohne diese Sicherheit hätte ich den Mut dazu bestimmt nicht gehabt.
Diesmal stellt sich meine Situation ganz anders da, weil ich in meinem neuen Wohnort von einem sozialen Netz empfangen und aufgefangen wurde. Ich habe mittlerweile (wohne seit Dezember hier) in eine Familie eingeheiratet, die mir jederzeit hilfreich zur Seite steht. Dazu kommt das soziale Netz meiner Frau (Freunde, Feuerwehr, Nachbarn...). Das macht mein privates Leben aus, auch wenn ich inzwischen Arbeit gefunden habe und mit meinen Kollegen durchaus gut auskomme.
Wenn ich das mit dem vergleiche, was ich bei meinem ersten großen Umzug erlebt habe, muss ich sagen, dass Welten dazwischen liegen. Darum kann ich dir nur anraten, den Umzug zu deiner Freundin, der ja sogar über Landesgrenzen hinaus stattfinden soll, erst anzugehen, wenn du dir auch wirklich sicher sein kannst, was dich erwartet.
Soweit ich mir das vorstellen kann und es auch hier in verschiedenen Tagebüchern und sonstigen Beiträgen mit Interesse nachgelesen habe, ist die Transition, also die Angleichung an dein gefühltes Geschlecht, eine sehr schwierige und harte Phase, die auch mit emotionalen Achterbahnfahrten verbunden ist. Wenn du die Möglichkeit dazu hast, wäre es für dich bestimmt besser, diese Phase in einem Umfeld zu verbringen, in dem du verlässliche Unterstützung hast und nicht in der Fremde mit der Befürchtung im Nacken jederzeit alleine da stehen zu können.
Einsamkeit kann in "normalen" Lebenssitutationen schon sehr stark runterziehen und depressiv machen, wenn dazu noch eine große psychische Belastung kommt, können viel zu leicht schwarze Löcher entstehen, die einen auffressen wollen, denke ich.
Das Wichtigste in deiner Situation wäre meiner Meinung nach, dass du offen mit deiner Freundin sprichst. Das Thema zu umgehen, bedeutet nur einen Aufschub, Zeit zum Überlegen, aber mehr wird es dir wohl nicht bringen.
Wenn deine Freundin so eine klare Ansage macht, dass sie einen richtigen Mann will, du dir aber sicher bist, dass du langfristig eine Transition anstrebst, sind offene Gespräche darüber, ob und wie ihr auf einen gemeinsamen Nenner kommen könnt aus meiner Sicht unumgänglich und zwar bevor du deine Heimat verlässt. Denn auch wenn es schmerzhaft für dich wäre, deine Freundin zu verlieren, wäre der Schmerz für dich doch noch viel größer, wenn du für sie dich selbst verlierst (indem du deine Angleichung ihrem Wunsch nach einem Mann opferst) oder wenn du für eure Beziehung so einen großen Schritt gegangen bist, nur um dann alleine dazustehen, weil sie nur mit dir als Mann klarkommt und die Frau, die du eigentlich bist im Stich lässt.
Du schreibst, du willst deine Beziehung nicht durch wilde Planungen versalzen... was denkst du denn, was deine Angleichung verhindern könnte? Du bist jung und soweit ich das bei dir rauslesen kann, sicher was dein gefühltes Geschlecht angeht. So lange gesundheitlich nichts im Wege steht, sehe ich keinen Grund, warum du nicht langfristig dein Leben als Frau verbringen können solltest. Dabei kann ich natürlich nur vom deutschen System ausgehen, da ich mich in der Schweiz nicht auskenne, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es dort nicht auch für dich realisierbar wäre, die Hormontherapie anzugehen.
Langer Rede, kurzer Sinn: Sei optimistisch, was dein zukünftiges Leben als Frau angeht und suche die notwendigen Gespräche um deine Zukunft abzuklären, bevor du andere wichtige weitreichende Entscheidungen für dein Leben triffst. Leb dein Leben, du hast nur das eine und es sollte sich an dir und deinem Glück orientieren und an niemand anderem.
Das ist mein Senf dazu
Liebe Grüße
Sunny (die ihren Nick daher hat, dass sie von dahlia auch Sonnenschein genannt wird
PS: Was mich noch interessieren würde: Wie lange bist du mit deiner Freundin denn schon zusammen, dass du solch einen Schritt planst? Wie ernst ist es ihr mit dir?