Was ist daran gut, ein Mann zu sein?
Diese Frage stelle ich mir nun schon fast mein ganzes Leben. Und ich stelle immer mehr fest:
Relativ wenig.
Ich merke es in Gegenüberstellung zu meinem Frausein, das mittlerweile sehr breiten Raum in meinem Leben einnimmt. Und ich merke es noch stärker, wenn ich meine Vergangenheit bedenke. Viele Dinge, die ich früher einfach als Mißerfolg hingenommen habe, und die mich traurig gemacht haben, sehe ich heute in einem anderen Licht. Ich passe einfach nicht in die Männerhorde. Die verstehen mich nicht, und ich verstehe die nicht. Das ist soweit in Ordnung. Schade ist nur, daß ich in meinem Leben so viel Zeit damit vergeudet habe, dem alltäglichen Männlichkeitswahn irgendwie zu genügen.
Aus diesem Grund habe ich mich intensiv mit Genderforschung beschäftigt, und meine persönlich wichtigste Erkenntnis ist:
Männlichkeit ist eine Identifikation, die a priori instabil ist. Niemand kommt als Mann zur Welt. Der kleine Junge ist Bestandteil seiner Mutter, und er gehört zum Lager der Frauen und Kinder. Er muß sich dann irgendwann von allem absetzen, was einmal seine Mutter ausgemacht hat und seine Männlichkeit produzieren durch Taten, die bei der Männerhorde Eindruck schinden. Und außerdem ein Menge höchst absurder Vermeidungsvorschriften beachten.
Die Männerhorde ist die höchste Instanz für jeden "richtigen" Mann! Die Kombination "hoher (auf Frauen gerichteter) Sextrieb" mit extremer "Verachtung alles Weiblichen" kommt immer gut an. Das Schlimmste aber ist, die einmal erzeugte Männlichkeit besteht nicht einfach. Sie ist instabil, d.h. sie fällt sofort in sich zusammen, wenn sie nicht stabilisiert, also immer wieder neu aufgebaut wird. Mit einem Wort: Der Mann ist ein Leben lang dazu gezwungen, den größten Teil seiner Lebensenergie in die Produktion von Männlichkeit zu stecken. Und der kleinste Fehler zerstört alles. "Im Sitzen oder Stehen pinkeln?" ist für Männer keine Frage der urinalen Praktikabilität, sondern eine existentielle. Zum Glück kann man lügen.
So kann man einem Mann keine größere Anerkennung zollen, als ihn als "richtigen" Mann zu bezeichnen. Aber wenn nicht, was ist er dann? Ein Mann, der beruflich versagt, ist auch privat kein Mann mehr. Nun gibt es ja eine ganze Menge, die nicht sehr erfolgreich sind. Was bleibt denen? Der "Rettungsring der Männlichkeit" besteht in Gewaltanwendung (ersatzweise Gewalt- und Überlegenheitsphantasien) gegen alles, was anders ist - gern auch im Kollektiv. Sowas heißt Krieg. Wer einmal erlebt hat, wer an der Kinokasse für Filme ansteht, die nur aus Gewalt, Blut und Tod bestehen (z.B. Kettensägen-Massaker etc.), hat angesichts der Fratzen dieser ewig Zu-Kurz-Gekommenen keine Fragen mehr. Übrigens: Der IS in Syrien/Irak führt gerade live vor, worum es hier geht.
Weiblichkeit ist eine stabile Identifikation.
Das Mädchen wird (genauso wie der Junge) im Umfeld der Mutter groß. Mädchen brauchen sich davon aber nicht abzusetzen. Was müssen sie tun, um erwachsene Frauen zu werden? Garnichts (außer Abwarten). Der Übergang vom Mädchen zur Frau ist ein Automatismus, ein Geschenk der Natur, das durch das Einsetzen der Menstruation gekennzeichnet ist. Frau muß nichts tun, um "richtige" Frau zu sein (der Begriff existiert ja konsequenterweise auch nicht).
Frauen können keine Fehler machen, die geeignet sind, ihre Weiblichkeit zu zerstören.
Daß es unter Frauen dennoch Wettbewerbe gibt, bei denen manche gut, andere weniger gut abschneiden, hängt damit zusammen, daß Frauen seit Urzeiten ihren Sex an besonders leistungsfähige Männer verkaufen, um nicht selber arbeiten zu müssen. Es ist also vorteilhaft attraktiv zu sein. Die Unattraktiven sind aber immer noch "richtige" Frauen.
Ergänzend sei hier bemerkt: Der
Stabilitätsbegriff ist hier nicht landläufig gemeint, sondern entsprechend der Theorie der Dynamischen Systeme. Da heißt ein System "stabil", wenn es nach Störung wieder in seine alte Lage zurückkehrt (oder wenigsten in die Nähe davon). Ein "instabiles" System aber stürzt ab aufgrund beliebig kleiner Störungen. Man kann sich das bei einem Hubschrauber klarmachen: Wenn der Pilot einschläft, oder die automatische Flugregelung ausfällt, fällt das Ding sofort runter.
Die Vorstellung, daß man es als Mann besser habe in vielen Lebenslagen, beruht darauf, daß uns das von Kindesbeinen an eingetrichtert wird, und wir es gerne glauben. Bei näherem Hinsehen (was die meisten aus gutem Grund vermeiden) bleibt davon nicht viel übrig.
Ich bin froh und dankbar dafür, daß ich keinen Sohn habe. Was sollte ich dem erzählen vom Mannsein?
LG, Eure Lipstick-Lady