Inga hat geschrieben:Ich selber singe gerne im Chor (Bariton) und habe gemerkt, dass ich mit bestimmten Techniken ziemlich hohe Töne erreiche. Aber ist das schon weiblicher Klang?!
Liebe Grüße
Inga
Dem ist sicher nicht so.
Hier ein Beispiel für stimmliche Möglichkeiten ohne OP, Hormone oder Ähnliches:
(Countertenor Andreas Scholl, hier in einer ausgesprochen "männlichen" Arie)
Den find ich einfach Klasse.
Es gibt sicher noch zahlreiche Beispiele für Countertenöre.
Und das hier ist mein Vorbild:
Milena Roudeva, Contra-Alt.
(zu sehen ab 0:32, die dritte von links, die am Schluß auf die 1. Sopranistin Milena Jeliazkova zugeht.)
(Les Balkanes à St Nectaire 31 oct 2010)
Bei YT gibts noch einige andere Videos mit ihr.
Ich habe selbstverständlich auch die CD der Gruppe - "ochté" von "Balkanes", welche ich vorbehaltslos nur allen empfehlen kann - wunderschöner 4-stimmiger a-capella-Gesang klassisscher bulgarischer Überlieferung vom Allerfeinsten.
Milena Jeliazkova (Sopran) schafft es sogar, einen einzigen hohen Bordunton völlig gleichbleibend und kraftvoll über ein ganzes Lied von fast 2 Minuten ohne irgendwelche Schwankungen oder gar Absetzen mit einem Atemzug zu halten. Beim alpenländischen Jodeln wird das "Gradhäben" genannt und normalerweise von mindestens 3 bis 4 Sängern "chörisch" gesungen. Das hat sogar die österreichischen Profi-Jodlerinnen vom Stuhl gehauen. Bewundernder Kommentar der Jodellehrerin Ingrid Hammer: "Gradhäben auf Bulgarisch!"
Jetzt aber wieder zurück zu Milena Roudeva:
Ich habe 2012 mal nach einem wunderbaren Konzert von Balkanes abgepaßt, als sie den Speisesaal zum Rauchen verlies. Ich wollte ohne Umgebungslärm mal hören, wie sich ihre normale Sprechstimme anhört. Sie spricht in der selben Stimmlage, wie sie singt. Es ist ungefähr in der selben Stimmlage und in einem ähnlichen Stimmfarbe, wie meine normale höhere Sprechstimme, also wenn ich erhöhte Bruststimme spreche. (Den Brummbass von früher verwende ich zur Zeit überhaupt nicht mehr. Will ich aber später mal für bestimmte Stücke beim Gesang wieder aufnehmen. Aber erst, wenn ich mich mal als Sängerin durchgesetzt habe.)
Sie hat mich am Abend zuvor auch gehört, wie ich ein langes Lied mit 4 Strophen + 5 x Kehrreim in gleicher Länge durchgängig mit Kopfstimme gesungen hatte. Ich sagte ihr vorne weg zur Erklärung, daß ich eine Transfrau bin und schilderte ihr kurz mein Problem als TS mit der Fremderkennung als Frau. (Meine Stimme ist wahrscheinlich noch mein schwächster Punkt bei der Passung, trotz aller Fortschritte und mittlerweile etlicher positiver Beurteilungen durch Fremde, die ich dazu ausdrücklich befragt hatte.)
Sie hat es ganz einfach nicht verstanden. Sie empfahl mir, grundsätzlich möglichst nur mit der Bruststimme zu singen - natürlich außer beim Jodeln (*), und selbstverständlich auch zu sprechen - was ich sowieso immer tue.
Zum Schluß hat sie einfach nur gesagt:
"M'écouter! Je suis toute femme!" (Höre mir zu! Ich bin ganz Frau!"
Natürlich hat wohl niemals jemand angezweifelt, nachdem er sie sprechen gehört hat, daß sie etwas anderes sein könnte als eine Frau. Daß das aber bei mir nicht immer so ist, hat sie nicht verstehen können. (Sie selber hat mich von Anfang an als Frau angeredet und behandelt. Ob ihr bewußt war, daß ich eine Transfrau bin, bevor ich es ihr gesagt hatte, weiß ich allerdings nicht. Bei Sängerinnen ist das in der Regel allerdings seit einiger Zeit meistens so.)
Für tiefergehende Erklärungen meiner Lage reichte mein Französisch allerdings nicht aus, und meine bulgarischen Brocken erst recht nicht.
(*)
Das Konzert war im Rahmen eines Jodelfestivals in der Schweiz.
Daß ich gerade das Jodeln so stark hervorhebe, liegt zum einen daran, daß ich selber eben vorwiegend Volksmusik singe, und zum andern, daß gerade das Jodeln gute Übungsmöglichkeiten bereitstellt, um zu erlernen, wie man ohne Anstrengung kontrolliert und bruchfrei von der Bruststimme in die Kopfstimme und zurück wechselt. Dies ermöglicht eine vernünftige und gut klingende Mischung der beiden Register, nicht nur beim Singen, sondern auch beim Sprechen.
Als weiteres Beispiel hier noch eine meiner Lieblingsschauspielerinnen:
(Interview mit Mechthild Großmann)
Sie hat in etwa die selbe Sprechstimmlage wie ich, wenn ich ausschließlich mit Bruststimme spreche. Ich könnte zwar noch etwas tiefer (wie früher), aber meine höhere Sprechstimme (unverkrampft und ohne Einbeziehung des Kopfregisters) - wie seit einigen Jahren gesprochen - ist sogar noch bisserl höher.
Der Unterschied, ob eine Stimme eher "männlich" oder eher "weiblich" klingt, liegt wohl weniger an der absoluten Tonhöhe, sondern an den Obertönen, die beim Singen oder Sprechen mitschwingen. Neben den körperlichen Voraussetzungen (Lungenvolumen usw) hat wohl auch die Artikulation der Worte, die Sprachmelodie und auch der verwendete Wortschatz bzw. der Inhalt des vorgetragenen Liedtexts einen großen Einfluß darauf, was am Ende gehört wird, und wie es beim Hörer ankommt und eingeordnet wird.
Vielleicht geben dir diese Beispiele ja ein paar Anregungen für deine zukünftigen Gesangsübungen. Ich wünsche dir dabei viel Erfolg und vor allem viel Freude.
liebe grüße
triona