"Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?
"Ab wann" zählt man als Crossdresser:in? - # 2

Lebensplanung, Standorte
Jaddy
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Re: "Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?

Post 16 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Nico hat geschrieben: Di 5. Mai 2026, 16:08Meiner Meinung nach ist Crossdresser:in eine Eigendefinition. Wer sich als Crossdresser:in sieht, ist eine:r.
Slothorpe hat geschrieben: Di 5. Mai 2026, 16:28Oder eben eine Fremdsicht, wenn andere Dich so bezeichnen.
Meines Erachtens nach ist es beides. Einmal für die Person selbst, einmal für "die anderen", und zwar aus dem gleichen Grund: Die allermeisten Menschen brauchen klare geschlechtliche Positionierungen; sowohl für sich, wie auch für ihre Mitmenschen. "Neutral" oder "unbestimmt" ist keine Option, sondern erzeugt Unbehagen. Und dann gibt es noch das Spektrum von liberal bis autoritär; sprich: ob ein Mensch die Selbstbeschreibung der Mitmenschen akzeptiert oder auf seiner eigenen Ansicht über sie beharrt. Bereits mit diesem schmalen Modell lässt sich ein Großteil des Aufruhrs rund um Gender erklären.
Slothorpe
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Re: "Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?

Post 17 im Thema

Beitrag von Slothorpe »

@Jaddy: sehr gut formuliert, danke!
Lillie
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Re: "Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?

Post 18 im Thema

Beitrag von Lillie »

Ich möchte einmal die Frage von der anderen Seite aus sehen. "Bis wann ist man noch Crossdresser" mit dem Gedanken wann ist man mehr.
Ich bin seit über 10 Jahren Crossdresser und liebe es sehr. Aber ich fühle mich als Mann und nicht als Frau im Mann . Aber kann es sein, dass ich mich da irre? Bin ich mehr als Crossdresser?
Ich denke, dass mir das von Euch wohl keiner beantworten kann.
Liebe Grüße Lillie
Jaddy
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Re: "Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?

Post 19 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lillie hat geschrieben: Do 7. Mai 2026, 09:04 Ich möchte einmal die Frage von der anderen Seite aus sehen. "Bis wann ist man noch Crossdresser" mit dem Gedanken wann ist man mehr.
Ich bin seit über 10 Jahren Crossdresser und liebe es sehr. Aber ich fühle mich als Mann und nicht als Frau im Mann . Aber kann es sein, dass ich mich da irre? Bin ich mehr als Crossdresser?
Ich denke, dass mir das von Euch wohl keiner beantworten kann.
Liebe Grüße Lillie
Die Frage würde ich(!) nicht von den Bezeichnungen her angehen oder in klar abgrenzbaren Kategorien denken, sondern vom Lebensgefühl.

Wie fühlen sich die weiblichen Zeiten an, wie die männlichen? Auszeit, Rückzug, "besseres selbst"? Ist da eine Trauer beim Zurück zum männlichen? Wie häufig/intensiv denkst du während einer männlichen Situation (Alltag, Job, Familie), dies lieber in der weiblichen Persona zu leben? Was ziehst du aus den männlichen Zeiten, was aus den weiblichen, bzw was würde für dich (schmerzhaft) fehlen, wenn eine wegfiele? Sind es überhaupt zwei ganz verschiedene Seiten, oder liesse sich deine männliche Persona auch weiblicher leben oder die weibliche mit den wichtigen männlichen Anteilen? Ist es für dich vorstellbar, die Trennung aufzuheben und je nach Stimmung, Tagesform und Aufgabe die Merkmale zu wechseln, also Präsentation bis inkl Mindset(1)?

Das sind ziemlich genau die Fragen, für die (einige) Trans-Beratungen und (gute, erfahrene) Therapeutys die besten Gesprächspartnys sind.


(1) Ich fand es ungeheuer anstrengend, bei jedem Detail drauf zu achten, ob es jetzt mehr männlich oder weiblich ist, weshalb ich mich ja schliesslich als so'n nichtbinäres Sternchen entpuppt habe.
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Re: "Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?

Post 20 im Thema

Beitrag von Liv »

Nachtfee hat geschrieben: So 3. Mai 2026, 08:18 Somit wurde mir gestern offenbart, dass ich Crossdresserin bin und dazu stehen soll, meine männliche Seite auszuleben.
Fremdzuschreibungen, auch und gerade beiläufig fallengelassene, sind immer schwierig. Man "katalogisiert" auch niemanden so einfach. Die Gefahr ist groß, dass die gemeinte Person verunsichert ist. Von anderen anders wahrgenommen zu werden, als man das das selbst tut, kann tief treffen. Ich weiß jetzt nicht in welchem Kontext es passiert ist und mit welcher Absicht, aber du hast mein Mitgefühl.

Aber was ist nun Crossdressing?

Beim Crossdressing geht es primär um die Arbeit mit dem Geschlechtsausdruck unter Überschreitung entsprechender gesellschaftlicher Normen. Geschlechtsausdruck ist nicht nur Kleidung, sondern kann auch Makeup, Bodyforming, Bewegung, Verhalten etc. mit einschliessen. Letztendlich ist Crossdressing aber nur die Beschreibung einer Tätigkeit, so wie Schwimmen oder Staubsaugen. Jemand tut etwas, aber über dessen Beweggründe können wir nur spekulieren - und diese sind hier sehr vielfältig. Ob es nun um Identität (z.B. "ich fühle mich weiblich/männlich"), Ästhetik("ich gefalle mir so") oder schlicht um Haptik("es fühlt sich gut an") geht, können Aussenstehende nicht wissen, und oft genug kann es auch der/die Betroffene nicht so genau sagen. Es kann aber eine Möglichkeit sein, seine Identität zu erkunden und zu entfalten - bewusst oder unbewusst.

Wenn aber nun keine gesellschaftliche Norm überschritten wurde und das auch nicht beabsichtigt war, so ist das Tragen einer Boyfriend Jeans heute kein Crossdressing. Bei dieser Gelegenheit will ich aber nochmal darauf hinweisen, dass es gerade mal gut 50 Jahre her ist, dass erstmals eine Frau bei einer Rede im Bundestag eine Hose trug und dafür eine gewaltigen Shitstorm erlebte.
Nachtfee hat geschrieben: So 3. Mai 2026, 08:18 Für mich gibt es keine Männer- oder Frauenkleidung sondern nur Kleidung. Und so lebe ich auch schon immer.
Regina hat geschrieben: Di 5. Mai 2026, 15:25 es irritiert mich immer wenn ich hier von männlicher und weiblicher Kleidung lese. Die Kleidung an sich hat kein Geschlecht.
Mode trägt seit jeher dazu bei, eine Geschlechterdifferenz herzustellen. Es werden Schultern verbreitert oder Hüften betont, Stattlichkeit suggeriert und Fruchtbarkeit offeriert. Insofern ist es für Crossdresser sehr wichtig, dass eine gegengeschlechtliche Kodierung vorhanden ist. Die Aussage, Kleidung habe kein Geschlecht, ist daher ein zweischneidiges Schwert. Einerseits darf jeder alles tragen und einkaufen wo er will, andererseits will man als Crossdresser ja gezielt mit dem derzeitigen Geschlecht brechen. Ein Unisex-T-Shirt ist da nicht so zielführend. Der Verlauf der Bruchlinie ist aber unscharf und kulturellen Wandel unterworfen - und letzendlich auch sehr individuell. Für manche ist schon ein lackierter kleiner Fingernagel "too much", für andere sind Rock und High Heels schon geschlechtslos. Ist es Crossdressing wenn man sich zur Boyfriend-Jeans noch einen Bart anklebt, oder ist das schon Drag? Das mag jeder selbst beurteilen und jede*r ist frei sich selbst zu labeln.
Lillie hat geschrieben: Do 7. Mai 2026, 09:04 Bin ich mehr als Crossdresser? Ich denke, dass mir das von Euch wohl keiner beantworten kann.
Das ganze kippt in dem Moment, wenn es nicht mehr nur der Geschlechtsausdruck ist. Wenn Du morgens beim Zähneputzen in Boxershorts im Bad in den Spiegel schaust und eine Frau siehst. Wenn Du abends ganz selbstverständlich mit Freundinnen im Cocktailkleid an einer Bar stehst, aber der Gedanke sich surreal anfühlt, morgen früh wieder eine Krawatte anziehen zu müssen. Wenn Du über deine vermeintlich samtweichen Beine streichelst und Dir wegen der schon wieder fühlbaren Stoppeln die Tränen kommen. Dann kippt etwas. Ist aber auch kein Weltuntergang, nur weiß man dann, dass die Ursache deutlich tiefer wurzelt als ursprünglich vermutet. Auch dann gibt es noch viele (!) Wege, das in sein bestehendes Leben zu integrieren. Auch das muss man dann nicht labeln, aber wenn man unbedingt Schubladen braucht: Nichtbinär, Genderfluid, Genderflux, Bigender, subklinische Geschlechtsinkonkruenz. Lerne in Graustufen zu denken und trainiere dich und dein Umfeld in Ambiguitätstoleranz. Geschlecht ist kein Kippschalter, sondern besteht aus tausend kleinen Drehreglern.

LG
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Re: "Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?

Post 21 im Thema

Beitrag von Lina »

Jaddy hat recht -ich habe es auch of erwähnt. Die aller primitivste Teile des Hirns - von manchen "Reptilien Hirn" reagiert schneller als man rationell denken kann. Eine der Funktionen neben Gefahrenabwehr ist die zwei Fragen zu beantworten: Kann ich Sex haben und erhöht es meinen Status. Dieses Teil ist meistens konditioniert die physiologischen und kulturellen Merkmale der Geschlechter genauso schnell zu identifizieren, wie es Flucht- oder Kampfmodus beim Anblick einer Klapperschlange einschaltet.
Und wenn die Merkmale unmittelbar nicht eindeutig sind schlägt es Alarm. Wenn sie eindeutig genug sind ist es egal ob die Entscheidung dem physiologischen Geschlecht entsprach oder nicht - das rationelle Denken, das hinterher einsetzt, wird immer einen Grund finden.
Jaddy
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Re: "Ab wann" zählt man als Crossdresser:in?

Post 22 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lina hat geschrieben: So 10. Mai 2026, 04:52 Jaddy hat recht -ich habe es auch of erwähnt. Die aller primitivste Teile des Hirns - von manchen "Reptilien Hirn" reagiert schneller als man rationell denken kann. Eine der Funktionen neben Gefahrenabwehr ist die zwei Fragen zu beantworten: Kann ich Sex haben und erhöht es meinen Status. Dieses Teil ist meistens konditioniert die physiologischen und kulturellen Merkmale der Geschlechter genauso schnell zu identifizieren, wie es Flucht- oder Kampfmodus beim Anblick einer Klapperschlange einschaltet.
Mmmm, i beg to differ. Die Frage, woher dieser Reflex kommt, falls überhaupt, ist mE nicht biologisch zu erklären. Jedenfalls nicht ohne massiven (like "80%plus") sozialen Kontext: viewtopic.php?t=33337#p422795
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