Nachtfee hat geschrieben: So 3. Mai 2026, 08:18
Somit wurde mir gestern offenbart, dass ich Crossdresserin bin und dazu stehen soll, meine männliche Seite auszuleben.
Fremdzuschreibungen, auch und gerade beiläufig fallengelassene, sind immer schwierig. Man "katalogisiert" auch niemanden so einfach. Die Gefahr ist groß, dass die gemeinte Person verunsichert ist. Von anderen anders wahrgenommen zu werden, als man das das selbst tut, kann tief treffen. Ich weiß jetzt nicht in welchem Kontext es passiert ist und mit welcher Absicht, aber du hast mein Mitgefühl.
Aber was ist nun Crossdressing?
Beim Crossdressing geht es primär um die
Arbeit mit dem Geschlechtsausdruck unter Überschreitung entsprechender gesellschaftlicher Normen. Geschlechtsausdruck ist nicht nur Kleidung, sondern kann auch Makeup, Bodyforming, Bewegung, Verhalten etc. mit einschliessen. Letztendlich ist Crossdressing aber nur die Beschreibung einer Tätigkeit, so wie Schwimmen oder Staubsaugen. Jemand tut etwas, aber über dessen Beweggründe können wir nur spekulieren - und diese sind hier sehr vielfältig. Ob es nun um Identität (z.B. "ich fühle mich weiblich/männlich"), Ästhetik("ich gefalle mir so") oder schlicht um Haptik("es fühlt sich gut an") geht, können Aussenstehende nicht wissen, und oft genug kann es auch der/die Betroffene nicht so genau sagen. Es kann aber eine Möglichkeit sein, seine Identität zu erkunden und zu entfalten - bewusst oder unbewusst.
Wenn aber nun keine gesellschaftliche Norm überschritten wurde und das auch nicht beabsichtigt war, so ist das Tragen einer Boyfriend Jeans heute kein Crossdressing. Bei dieser Gelegenheit will ich aber nochmal darauf hinweisen, dass es gerade mal gut 50 Jahre her ist, dass erstmals eine Frau bei einer Rede im Bundestag eine Hose trug und
dafür eine gewaltigen Shitstorm erlebte.
Nachtfee hat geschrieben: So 3. Mai 2026, 08:18
Für mich gibt es keine Männer- oder Frauenkleidung sondern nur Kleidung. Und so lebe ich auch schon immer.
Regina hat geschrieben: Di 5. Mai 2026, 15:25
es irritiert mich immer wenn ich hier von männlicher und weiblicher Kleidung lese. Die Kleidung an sich hat kein Geschlecht.
Mode trägt seit jeher dazu bei, eine Geschlechterdifferenz herzustellen. Es werden Schultern verbreitert oder Hüften betont, Stattlichkeit suggeriert und Fruchtbarkeit offeriert. Insofern ist es für Crossdresser sehr wichtig, dass eine gegengeschlechtliche Kodierung vorhanden ist. Die Aussage, Kleidung habe kein Geschlecht, ist daher ein zweischneidiges Schwert. Einerseits darf jeder alles tragen und einkaufen wo er will, andererseits will man als Crossdresser ja gezielt mit dem derzeitigen Geschlecht brechen. Ein Unisex-T-Shirt ist da nicht so zielführend. Der Verlauf der Bruchlinie ist aber unscharf und kulturellen Wandel unterworfen - und letzendlich auch sehr individuell. Für manche ist schon ein lackierter kleiner Fingernagel "too much", für andere sind Rock und High Heels schon geschlechtslos. Ist es Crossdressing wenn man sich zur Boyfriend-Jeans noch einen Bart anklebt, oder ist das schon Drag? Das mag jeder selbst beurteilen und jede*r ist frei sich selbst zu labeln.
Lillie hat geschrieben: Do 7. Mai 2026, 09:04
Bin ich mehr als Crossdresser? Ich denke, dass mir das von Euch wohl keiner beantworten kann.
Das ganze kippt in dem Moment, wenn es nicht mehr nur der Geschlechtsausdruck ist. Wenn Du morgens beim Zähneputzen in Boxershorts im Bad in den Spiegel schaust und eine Frau siehst. Wenn Du abends ganz selbstverständlich mit Freundinnen im Cocktailkleid an einer Bar stehst, aber der Gedanke sich surreal anfühlt, morgen früh wieder eine Krawatte anziehen zu müssen. Wenn Du über deine vermeintlich samtweichen Beine streichelst und Dir wegen der schon wieder fühlbaren Stoppeln die Tränen kommen. Dann kippt etwas. Ist aber auch kein Weltuntergang, nur weiß man dann, dass die Ursache deutlich tiefer wurzelt als ursprünglich vermutet. Auch dann gibt es noch viele (!) Wege, das in sein bestehendes Leben zu integrieren. Auch das muss man dann nicht labeln, aber wenn man unbedingt Schubladen braucht: Nichtbinär, Genderfluid, Genderflux, Bigender, subklinische Geschlechtsinkonkruenz. Lerne in Graustufen zu denken und trainiere dich und dein Umfeld in Ambiguitätstoleranz. Geschlecht ist kein Kippschalter, sondern besteht aus tausend kleinen Drehreglern.
LG
Liv