Hallo Konstanze, Guten Tag zusammen,
ich hab die Fragestellung von Konstanze eine Weile im Kopf hin und her gedreht, nachdem ich erst dachte, dass das gar nicht mein Thema ist und ich dazu nichts sagen kann, weil ich seit langem weiss, dass ich keine Frau bin und auch nie eine werden werde. Jetzt schreib' ich aber doch noch was dazu. Das Dilemma auflösen kann ich damit leider auch nicht, eine Lösung habe ich nicht im Angebot, eine (meine) Sichtweise will ich aber gerne beisteuern.
Viele hier, ich auch, haben sich irgendwann ein paar Fragen gestellt oder sie aus irgendeinem Teil ihrer Persönlichkeit heraus gestellt bekommen: "Was bin ich?", "Was will ich sein?". Man kann diese Fragen auch andersherum stellen: Was bin ich nicht?, Was will ich nicht sein? Meiner Ansicht nach sind die Antworten auf die umgekehrte Fragestellung viel indifferenter, ungenauer, als diejenigen, die man auf die direkte Fragen geben könnte bzw. müsste. Für mich war und ist diese Unschärfe, die Ungenauigkeit aber sehr wichtig. Sie eröffnet (mir) in gewisser Weise das ganze Spektrum zwischen den Polen "Frau" und "Mann". Es ist viel leichter sich darin wiederzufinden, als ein klar definiertes Ziel anstreben zu müssen (wollen).
Eine ganz wesentliche Rolle spielt dabei (für mich) das binäre Geschlechtermodell, dass imho nur in einem einzigen Bereich wirklich zutreffend ist: Frauen können Kinder gebären, Männer nicht; Frauenkörper sind mit den dazu wichtigen Merkmalen versehen, Männerkörper nicht.
Diejenigen, die eben diesen Unterschied als Mangel fühlen, dürfen und sollen diesen Text jetzt vergessen, nicht weiterlesen. Zu diesem Empfinden kann und will ich nichts sagen, davon verstehe ich überhaupt nichts. Ich kann es mir selbst nur begrenzt vorstellen, wie es ist, dies zu empfinden.
Wenn man es aber als unabänderlich hinnehmen kann, dass ein biologischer Mann keine Kinder gebären kann und eine biologische Frau (allein) keine Kinder zeugen kann: Was bleibt dann noch an "echten" Unterschieden? Meiner Meinung nach: Nichts. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich kritischen Kommentaren aussetze (gegen die ich nichts habe): Eine grosse Schwierigkeit bereitet man sich selbst, wenn man von dem binären Geschlechtermodell als allumfassend und allein gültig ausgeht.
Wenn man sagt (empfindet) "Ich bin kein Mann", dann führt das in einem binären Geschlechter-Modell zu der Feststellung "Ich bin eine Frau". Umgekehrt natürlich genauso. Darin eingeschlossen ist für "Nicht-Mann" dann aber sofort das Problem eben keine Kinder gebären zu können, keine "echte" Frau zu sein. Ohne das binäre Geschlechterverständnis und mit der "umgedrehten" Fragestellung "Was will ich nicht sein?" stellt sich die Sache wesentlich offener dar. "Nie eine echte Frau werden" zu können bedeutet dann nicht gleichzeitig "immer ein echter Mann bleiben" zu müssen.
Meine ganz persönliche Meinung: Das binäre Modell taugt grade noch zur Beschreibung der oben schon genannten biologischen Unterschiede betreffend die Fortpflanzung. Alles andere, einschliesslich diverser körperlicher Äusserlichkeiten wie lange oder kurze Haare, weiche oder harte Gesichtszüge, kleine oder grosse Füsse, sind Statistik, Durchschnittswerte, nichts weiter. Daraus eine Geschlechtsdefinition ableiten zu wollen, halte ich für unsinnig*. Gleiches gilt m.E. für die zugeschriebenen Eigenschaften im jeweiligen Sozialverhalten. Spätestens dann, wenn daraus ein Frauenbild abgeleitet wird, das ein (entschuldigung) blondes Dummchen, das zu unselbständig ist um allein eine Tütensuppe über die Strasse zu tragen, als anzustrebendes Ideal abgebildet wird, wird die Unsinnigkeit doch sehr deutlich.
Ich will hier keine Rezepte angeben, das kann ich auch gar nicht. Ich glaube nur, dass es für viele etwas leichter wäre, wenn das ganze weite Feld zwischen "Frau" und "Mann" als Standort des eigenen Ichs zugelassen werden könnte. Und ich glaube, das wir aufpassen sollten, nicht hinter den "Stand der Dinge" zurückzufallen. Emphatiefähige "nichtgebärende Menschen" und zupackende "gebärende Menschen" (jaja, ich weiss, die Stereotypen

) sind was tolles!
einen Gruß von der Ostsee schickt
Marielle
*) unsinnig in der Bedeutung von "nicht sinnvoll" (nicht von "blöd")
Disclaimer: Das vorstehend Geschriebene beruht auf meinen Erfahrungen; Mit mir selbst und ein paar Leuten die kennengelernt habe. Es ist kein Fachaufsatz, sondern nur die Beschreibung meiner beschränkten, empirisch gewonnenen Eindrücke und Ansichten.