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"Wie kleine geschlechtsspezifische Unterschiede zu großen, hartnäckigen Mythen werden"

Verfasst: So 10. Mai 2026, 13:38
von Jaddy
Lina machte unser "Reptilien-Hirn" für die den krassen Bedarf an eindeutiger Geschlechtserkennung anderer verantwortlich, bzw die teilweise über-emotionale Reaktion auf Zwei- oder Uneindeutigkeit. Ich bezweifle diesen biologistische Determinismus. Erstens: Würden wir derart durch unser Stammhirn gesteuert, gäbe es reichlich viel mehr Gewalt. Nachweislich hängt die Friedfertigkeit und Moralität einer Gesellschaft nicht an Strafandrohungen, irdischer oder göttlicher oder anderen äusseren Hinderungen. Zweitens: Gesellschaften können sich sehr schnell anpassen und vorher fremdes, ggf ängstigende Erscheinungen per Gewöhnung integrieren. Contact Theory usw. In Deutschland wurde Homosexualität innerhalb von zwei Generationen gesellschaftliche Normalität. Das Frauenbild der 50er wurde in der gleichen Zeit umgewandelt. So schnell wäre keine Hirn-Evolution.

Also falls überhaupt "reptilische Anteile" da wirken, werden die Impulse für die Aktivierung aus den sozialen Bereichen des Großhirns gegeben, nicht umgekehrt. Durch eine Diskrepanz der Erwartungen, der Inkompatibilität mit erlernten Skripten. Vereinfacht: "Ich kenn mich nicht aus, hab keine Rezepte und erlerntes Verhalten für diese Situation -> Angst".

Allerdings ist auch das kein unbedingter Reflex. Sehr viele, wenn nicht sogar die meisten Menschen haben zum Beispiel ausreichend Selbstsicherheit, auf neue Erfahrungen neutral, vielleicht sogar wohlwollend zu reagieren.

Weshalb wir gerade auf Gendermerkmale so reflexartig reagieren, lässt sich biologisch jedenfalls nicht klar belegen. Dazu passt nämlich ein Artikel von Medium zum Thema geschlechtsspezifische (soziale) Unterschiede - bzw warum es sie eigentlich nicht geben müsste.

[Disclaimer: Es ist Medium, also kein peer-reviewed Paper. Die Referenzen sind jedoch nach meinen Stichproben seriöse.]

In How Small Gender Differences Become Big, Stubborn Myths beschreibt Katie Jagielnicka Forschung darüber, wie AFAB und AMAB Babies - also solche, denen bereits ein Geschlecht zugewiesen wurden - sich kurz nach der Geburt und später angeblich geschlechterspezifisch unterschiedlich verhalten. Dazu zerlegt sie zunächst frühere Studien und zeigt deren methodische Mängel auf und beschreibt dann neuere, die systematisch die früheren Fehler ("biases") nicht wiederholen. Populär sind einige davon unter dem Titel "Baby X" geworden.

(Übersetzung weitgehend DeepL, die Referenzen sind im Originalartikel Links. Original kann ich als PDF liefern, falls Paywall)

Es geht ganz grundlegend los mit einer (wiss. fragwürdigen) Studie, die dennoch weit verbreitet wurde:
In einer Studie, die kurz vor der Jahrtausendwende durchgeführt wurde, standen 102 Neugeborene, von denen die meisten gerade einmal anderthalb Tage alt waren, vor der wahrscheinlich ersten Entscheidung ihres Lebens: Wollten sie lieber das Gesicht einer Studentin betrachten oder einen etwa gleich großen Ball, der auf einem Stab befestigt war?
Unter den 58 Mädchen hatte die größte Gruppe – 27 (46 %) – keine klare Präferenz. Weitere 21 (36 %) schauten mindestens 10 Sekunden länger auf das Gesicht als auf den Ball, während 10 (17 %) den Ball bevorzugten. Unter den Jungen bevorzugte jedoch die größte Gruppe – 19 von 44 (43 %) – den Ball, während 14 (31 %) keine Präferenz zeigten und 11 (25 %) das Gesicht bevorzugten. Insgesamt verbrachten sowohl weibliche als auch männliche Babys etwa die Hälfte der einminütigen Beobachtungszeit damit, das Gesicht anzuschauen.

Dennoch kam die Studie, die vom klinischen Psychologen Simon Baron-Cohen zusammen mit Jennifer Connellan (der betreffenden Doktorandin) und anderen Kollegen durchgeführt wurde, zu dem Schluss, dass sie "zweifelsfrei“ zeige, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Sozialität „zum Teil biologischen Ursprungs“ seien. Sie wurde daraufhin bald als Beweis dafür angeführt, dass Frauen von Natur aus zu Emotionen und Männer zu Dingen hingezogen sind, unter anderem von Leonard Sax in seinem populären Buch „Why Gender Matters“. Sie wurde jedoch wegen ihrer methodischen Mängel mindestens ebenso stark (wenn nicht sogar stärker) kritisiert, wie sie gelobt wurde.

Doch selbst wenn wir annehmen, die Studie sei fehlerfrei durchgeführt worden, war die Effektstärke kaum groß genug, um zu rechtfertigen, dass sie zu einer derart pauschalen Behauptung aufgeblasen wurde, insbesondere zu der, dass Frauen sozialer orientiert seien. Außerdem zeigen viele andere Studien, dass Mädchen und Jungen sich nicht wirklich von den ersten Lebensstunden an durchgängig unterscheiden.
(Sie zitiert dann noch weitere "feste Überzeugungen)
Heute macht es das hartnäckige Erbe all dieser mehr oder weniger alten Überzeugungen Forschungen, die in die entgegengesetzte Richtung weisen, nicht gerade leicht, den Nebel der starren Geschlechterbinärität, in dem wir alle versunken sind, erfolgreich zu durchdringen. Doch solche Forschungen gibt es.
Ein aktuelles Beispiel ist eine in Social Development veröffentlichte systematische Übersicht, die jahrzehntelange Studien ab den 1960er Jahren sowie medizinische und psychologische Datenbanken durchforstete. Das Ziel der Forscher war es, jede noch so kleine Forschungsarbeit zu untersuchen, die die Aufmerksamkeit von Jungen und Mädchen auf Reize in ihrem allerersten Lebensmonat verglich, wobei sie ihre Suche bewusst nicht auf Begriffe wie „Geschlechtsunterschied“ oder „Geschlechtsdifferenz“ beschränkten, damit auch Studien einbezogen wurden, die keine Unterschiede feststellten.
Insgesamt identifizierten sie 40 Experimente aus 31 begutachteten Studien, an denen fast 2.000 Säuglinge teilnahmen. Das Ergebnis dieser Metaanalyse war ziemlich eindeutig: Es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern.
Bekannt ist, dass sich die Selbstbilder und Erwartungshaltungen erwachsener Männer und Frauen unterscheiden:
Es gibt viele Bereiche, in denen sich erwachsene Frauen und Männer tendenziell unterscheiden. Frauen entschuldigen sich im Durchschnitt häufiger als Männer. Männer hingegen glauben eher, dass sie ein Passagierflugzeug im Notfall sicher landen könnten. Es gibt sogar geschlechtsspezifische Unterschiede darin, wer mehr Emojis verwendet (Frauen), wer mehr Fleisch isst (Männer), wer eher anhand von Orientierungspunkten den Weg beschreibt (Frauen), wer es vermeidet, um Hilfe zu bitten (Männer) und wer eher unter dem Impostor-Syndrom leidet (Frauen).
Auch interkulturelle Persönlichkeitsstudien belegen dies. Eine der am häufigsten zitierten , die 2001 im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht wurde, umfasste über 23.000 Frauen und Männer aus 26 Kulturen. Sie ergab, dass Frauen sich über all diese unterschiedlichen Kulturen hinweg durchweg als herzlicher, freundlicher, ängstlicher und sensibler einschätzten als Männer. Männer hingegen sich selbst als selbstbewusster und offener für neue Ideen ein. Studien, in denen die Teilnehmer gebeten wurden, nicht sich selbst, sondern einen Mann oder eine Frau zu beschreiben, die sie sehr gut kannten, kamen zu demselben Ergebnis.
Ein bekanntes Ergebnis ist, dass Frauen in Gruppen als übermässig dominant wahrgenommen werden, selbst wenn sie sich nur 30% so viel äussern wie die Männer. Heisst: Es wird eher erwartet, dass Frauen still sind.
Implizite Messungen der Persönlichkeit – also solche, die die Eigenschaften und Einstellungen einer Person indirekt bewerten, ohne sich auf Selbstauskünfte zu stützen – zeigen jedoch viel geringere geschlechtsspezifische Unterschiede. Eine Studie aus dem Jahr 2013 mit über 14.000 Teilnehmern ergab, dass geschlechtsspezifische Persönlichkeitsunterschiede bei impliziter Messung dreimal geringer oder in manchen Fällen gar nicht vorhanden waren als bei der Messung mit Standardfragebögen.

Eine plausible Erklärung dafür ist, dass Menschen bei expliziten Fragebögen von unbewussten oder bewussten Vorurteilen und dem Wunsch beeinflusst werden, sich an das anzupassen, was sich sozial angemessen anfühlt, was zu übertriebenen geschlechtsspezifischen Unterschieden führt. Dieser Effekt kann sich noch verstärken, wenn die Teilnehmer vor oder während der Aufgabe – wenn auch nur subtil – an ihr Geschlecht erinnert werden (dies wird als „Gender Priming“ bezeichnet). Frauen schneiden beispielsweise bei Mathematiktests schlechter ab, wenn sie zuvor an ihr Geschlecht erinnert werden oder wenn sie wissenschaftlichen Behauptungen über die biologische Überlegenheit von Männern in Mathematik ausgesetzt sind.
Neuere neurologische Untersuchen unterstützen dies: Es gibt keine biologisch determinierten "Männer"- oder "Frauen"-Gehirne, sondern grundsätzlich gleiche Gehirne, die durch Training und Feedback-Schleifen auf die soziale Umgebung angepasst werden. Dadurch ist es auch kein Wunder, wenn fMRT-Untersuchungen finden, dass trans Personen eher ihrem selbst geäusserten Gender entsprechend "denken".

Warum das so ist liegt nahe (muss aber noch gründlicher als bisher erforscht werden):
[Fünf Jahre] ist das Alter, in dem Mädchen und Jungen bereits beginnen, sich Sorgen zu machen, wenn sie das Gefühl haben, kein „normales“ oder „ordentliches“ Mitglied ihrer
Geschlechtsgruppe zu sein. Was oft folgt, ist ein Drang, sich diesen Erwartungen anzupassen, die sie praktisch von dem Moment an gelernt haben, als sie aus dem Mutterleib in das Labyrinth subtiler oder sogar unsichtbarer sozialer Normen kamen, die vorschreiben, wie sie sich verhalten, sprechen, spielen, kleiden und benehmen sollen.

Und es kann beängstigend sein, gegen diese Normen zu verstoßen, besonders wenn man jung ist. Man passt sich an, oder man gilt als Sonderling. Für Jungen sind diese Regeln wohl noch strenger – Weiblichkeit muss um jeden Preis vermieden werden, während Männlichkeit aktiv bewiesen und verteidigt werden muss, daher die Vorstellung, dass Männlichkeit „prekär“ ist. Als ehemaliges „Sonderling“-Mädchen kann ich bestätigen, dass meine „Jungenhaftigkeit“ andererseits nicht unbedingt als negativ wahrgenommen wurde, zumindest nicht immer.

Auch im Erwachsenenalter wird [die Anpassung an Geschlechterrollen] durch so viele Dinge in unserem Umfeld weiter verstärkt – von der Trennung der Geschlechter am Arbeitsplatz über die Erwartungen an Haus- und Pflegearbeit bis hin zu unzähligen anderen alltäglichen Hinweisen, die uns alle daran erinnern, zu welchem „Geschlechterteam“ wir gehören, und uns dazu drängen, uns diesem anzuschließen – oder die Konsequenzen zu tragen, wenn wir dies nicht tun. Es ist sicherlich auch nicht hilfreich, dass unser Gehirn so verdrahtet ist, dass es stereotype Informationen bevorzugt. Wir erinnern uns leichter an das, was zur Geschichte passt (emotionales Mädchen, aktiver Junge), als an das, was nicht dazu passt (emotionaler Junge, aktives
Mädchen).
Sprich: Nein, die Männchen und Weibchen von Homo Sapiens (mehr oder weniger sapient) sind von Hirn und sozialen Fähigkeiten und Verhaltensformen nicht prinzipiell verschieden, aber wir passen uns unserer Umwelt an, um unsere sozialen Bedürfnisse zu befriedigen - bis auf jene, die aus einer Laune (=gewisser Wahrscheinlichkeit) evolutionärer Varianz heraus damit nicht können. Ähnlich zu anderen Formen von Neurodivergenz. Wir könnten unserer Gesellschaft auch völlig anders strukturieren. Zum Beispiel Rollen unabhängig von der körperlichen Erscheinung her (mindestens ein Volk macht das so; Artikel müsste ich raussuchen).

Bezüglich der Hartnäckigkeit der alten biologistischen Mythen gibt es auch ein strukturelles Problem im akademischen Betrieb und Medien:
Darüber hinaus ist es, wie sowohl Eliot als auch viele andere Forscher festgestellt haben, meist die Forschung, die Geschlechtsunterschiede aufzeigt, die eher veröffentlicht wird, eher die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit auf sich zieht und infolgedessen eher die Geschichten beeinflusst, die wir über Frauen und Männer erzählen. Unterschiede sorgen für bessere Schlagzeilen als Gemeinsamkeiten.
Sie schliesst mit:
Es ist bemerkenswert, wie leicht kleine oder mehrdeutige Unterschiede zu großen, essentialistischen Narrativen aufgeblasen werden, die selbstbewusst behaupten, Frauen und Männer seien Welten oder Universen voneinander entfernt – nur weil sie mit dem übereinstimmen, was wir bereits glauben, und weil sie (praktischerweise) bestehende Ungleichheiten rechtfertigen. Doch es gibt viele Studien – darunter zahlreiche groß angelegte Übersichtsarbeiten –, die zeigen, dass dies nicht unbedingt der Fall ist.

Kratzt man an der Oberfläche dieser oft oberflächlichen Geschlechtsunterschiede, findet man einen Spiegel, der einen anblickt. Die Mythen halten sich nur, weil wir weiterhin so tun, als wäre das Spiegelbild nicht da.