Lina hat geschrieben: So 9. Nov 2025, 01:40
Angenommen wir würde die ganze Propaganda von der Website umarbeiten und "Mann" durch "Asylant" oder "Einwanderer" ersetzen. Da würdet ihr sehen, dann wäre die Hölle los!!! Aber streng genommen ist es ja das selbe, nur gegen eine andere Gruppe Menschen gerichtet.
Das ist, vor allem nach Daten und Zahlen durchaus nicht vergleichbar. Weder qualitativ, und schon gar nicht quantitativ. Die "gefühlte Wahrheit" (gegen Zugewanderte) spiegelt sich in den Zahlen nicht wider.
Die Forschung über spontane Gewalt gegen Frauen - also Zufallsbegegnungen -, sexualisiert oder nicht, zeigt ganz klar drei bestimmenden Faktoren (in absteigender Wichtigkeit) auf: Männlich, jung (-35), mieses soziales Umfeld (und_oder sozial enthemmt durch Alkohol o.ä.). Herkunft ist nicht signifikant.
Diese drei Faktoren sind also viel treffsicherer, was auch bei den eigenen Vorsichtsmassnahmen einen erheblichen Unterschied macht. Gleichzeitig sind viele Zugewanderte armutsbetroffen und leben - notgedrungen - in miesem sozialen Umfeld. Das ist also eine soziale Frage, keine nach Herkunft. Weniger Rassismus und weniger Klassismus wären Lösungen.
Es geht auch umgekehrt, aus Sicht der Opfer, Dunkelfeldstudien (also repräsentative Befragung in sicherer Umgebung), weil das jeweilige "Milieu" (aka sozioökonomische Faktoren) ja von Frauen und Männern geteilt wird. Ich zitiere aus dem "Monitor Gewalt gegen Frauen"(1), der sehr viele echte Daten enthält. Große Leseempfehlung; wenigsten die Kurzfassung
Die Aussagekraft der Kategorie „Migrationshintergrund“ (Definiert als Merkmal von Personen, die selbst oder von denen mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzen) als Merkmal von Betroffenen geschlechtsspezifischer Gewalt ist umstritten, da sie eine sehr heterogene Gruppe umfasst, etwa hinsichtlich des sozioökonomischen Status, der erfahrenen rassistischen Zuschreibungen sowie der möglichen Diskriminierungserfahrungen (...). Die Ergebnisse der SKiD-Studie mit Bezug zu Befragten mit und ohne Migrationshintergrund seien hier dennoch genannt. Sie beziehen sich nicht nur auf Frauen, sondern auf alle betrachteten Geschlechter. Die SkiD-Studie zeigt keine durchgängigen Unterschiede zwischen Befragten mit oder ohne Migrationshintergrund hinsichtlich der Belastung mit Sexualdelikten oder Partnerschaftsgewalt. Im Einzelnen heißt dies: In Hinblick auf Sexualdelikte zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Befragten ohne Migrationshintergrund und Befragten aus vier der insgesamt fünf betrachteten Gruppen unterschiedlicher familiärer Herkunftsländer; Befragte einer familiären Herkunftsgruppe (nämlich Afghanistan, Irak, Syrien, Eritrea) waren hingegen signifikant seltener von Sexualdelikten betroffen als Befragte ohne Zuwanderungsgeschichte. In Hinblick auf die Prävalenz von Partnerschaftsgewalt zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund. Hinsichtlich der Inzidenz hingegen waren Deutsche ohne Migrationshintergrund etwas häufiger von Partnerschaftsgewalt betroffen.
Gerade der letzte Satz enthält eine wichtige Info: Als "Deutsche ohne Migrationshintergrund" wirst du seltener Opfer von Zufallsbegegnungen als als migrantisierte Frau. Kann auch sozioökonomische Faktoren haben, siehe oben, kann auch rassistische Faktoren haben. Das Bild der "Deutschen Frau", die von "Fremdländischen Männern" angegriffen wird ist jedenfalls Unfug. "Mann, jung, prekäres soziales Umfeld" sind die Kriterien, die 90% der Täter (ohne *) ausmachen.
Lina hat geschrieben: So 9. Nov 2025, 01:40Wie sieht es überhaupt statistisch mit Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum aus? Der Löwenanteil passiert wohl eh zu Hause und wird von Tätern verübt, die sie schon kennen.
Das lässt sich durch Gegenprobe abschätzen, siehe unten. Gleichzeitig möchte ich noch mal das Ausmass deutlich machen, warum sich Frauen bedroht fühlen. Zahlen aus dem Monitor:
Laut einer repräsentativen Befragung der EU-Grundrechteagentur (FRA) aus dem Jahr 2012 haben 35 Prozent aller befragten Frauen in Deutschland (etwa 1.500 Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren) seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens eine Form von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt durch (ehemalige) Partner*innen oder durch andere Personen erfahren.
Psychische Gewalt erfuhr etwa die Hälfte der befragten Frauen seit dem 15. Lebensjahr und etwa 11 Prozent erlebten wirtschaftliche Gewalt.
Die im Jahr 2020 durchgeführte repräsentative Befragung „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD) des BKA und der Polizeien der Länder mit 45.350 Personen, darunter 23.290 Frauen, zeigt, dass 6 Prozent der Frauen ab 16 Jahren innerhalb von zwölf Monaten strafrechtlich relevante Sexualdelikte erlebten, 1,3 Prozent Körperverletzungen und 4,6 Prozent verbale Gewalt im Internet (Jahresprävalenz).
Nur ein Teil der erlebten Gewalt wird von den Betroffenen bei der Polizei angezeigt, wie die Befragung SKiD belegt, wobei die Anzeigequote bei Körperverletzungen generell höher ist als bei Sexualdelikten, wo sie erst mit zunehmender Schwere der Tat ebenfalls tendenziell steigt. Im Einzelnen bedeutet dies: Im Durchschnitt zeigen Frauen 66 Prozent der von ihnen erlebten Körperverletzungen, die mit einer Waffe und von einer einzelnen Person verübt wurden, an, 26,4 Prozent der erlittenen Körperverletzungen, die durch eine Person ohne Waffe begangen wurden, und nur 21,5 Prozent der durch mehrere Personen und ohne Waffe begangenen Körperverletzungen. Bei sexualisierter Gewalt ist die Anzeigeneigung der Betroffenen deutlich geringer: Durchschnittlich zeigen Frauen nur jede zehnte gegen sie gerichtete Straftat (9,6 %) im Bereich sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung an. Die Anzeigenquote für von Frauen erlebte körperliche sexuelle Belästigungen liegt bei lediglich 2,6 Prozent und für das unerwünschte Zeigen von Geschlechtsteilen bei 2,4 Prozent.
Sechs von hundert Frauen haben in den letzten zwölf Monaten strafrechtlich relevante Sexualdelikte erlebt!
Jede dritte Frau war schon mal Opfer!
Sprich: Jede Frau kennt mehrere Opfer oder hat das selbst schon erlebt.
Zur Gegenprobe, auch aus dem Monitor:
Geschlechtsspezifische Gewalt findet oft im sozialen Nahraum statt. Täter oder Tatverdächtige sind oft Partner, Angehörige oder Personen aus informellen
sozialen Beziehungen (Freunde, Bekannte, Kollegen usw.). Bei einem Großteil der Gewaltformen kannte die Mehrheit der Opfer den Tatverdächtigen:
− Stalking: 80,8 Prozent
− Vergewaltigung: 76 Prozent
− möglicher Femizid: 74,4 Prozent
− körperliche Gewalt (gesamt): 70,3 Prozent
− psychische Gewalt (gesamt): 60,8 Prozent
− digitale Dimension von Gewalt: 59,1 Prozent
Zusammengesetzt bedeutet das: Wenn ich als Frau selbst schon Opfer war, auf jeden Fall mehrere betroffene Frauen kenne, und weiss, dass die Täter aus meinem eigenen "Milieu" kamen, inklusive "informelle sozialen Beziehungen (Freunde, Bekannte, Kollegen usw.)", dann ist mein Vorsichtsfilter logischerweise auch auf jene Menschen gerichtet, die ich dauernd treffe. Also Menschen meiner sozialen Umgebung, meiner häufigen Aufenthaltsorte.
Anders gesagt: Die Männer und die Typen von Männern, die ich täglich sehe. Das ist nicht "männerfeindlich", sondern Selbstschutz und Vorsorge aus Erfahrung. Es gibt eben keine anderen Merkmale, um die "Guten" von den "Bösen" zu unterscheiden. Aber die "Guten" haben es in der Hand, nicht bedrohlich zu wirken, bzw aktiv den Stress für Frauen zu verringern.
(1) "Monitor Gewalt gegen Frauen, Umsetzung der Istanbul-Konvention in Deutschland, Erster Periodischer Bericht", 2024,
https://www.institut-fuer-menschenrecht ... gen-frauen