Lana hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 23:43
Jaddy hat geschrieben: Fr 31. Okt 2025, 23:15
Das alles ist leider eine wirklich lang bekannte Strategie. In den 60ern in K-Gruppen geübt, inzwischen vor allem von Rechten perfektioniert. Es gibt viele Aufarbeitungen dieser Methode.
Hmm, ich sehe diese Phänomene inzwischen fast überall, auf allen Seiten. Daher kann ich auch deiner Antwort wenig abgewinnen, weil sie impliziert, dass allein deine Meinung fundiert und reflektiert ist, die andere jedoch keiner Auseinandersetzung würdig sei. Das behaupten die Anderen aber genau so.
Das Thema ist ja gerade, dass es hier zwei Ebenen gibt; die inhaltliche Diskussion und den Kontext, in dem sie stattfindet. Bei letzterem sind wir einfach nicht auf einem fairen Spielfeld, so dass auch eine Sach- und Fachdiskussion nicht fair sein kann.
Gegenüber einem (relativ) uninformiertem Publikum kommst du auch mit besten Studien nicht gegen scheinbar plausible (aber falsche) Behauptungen an - die auch mit "Studien" belegt sind. Beispiele sind "Social Contagion" / "ROGD" (Lisa Littman) und eben jene (seriös widerlegten) Thesen, die Amelung in seinem eigenen Artikel bringt: Trans sei bei Jugendlichen lediglich verkorkste Homosexualität und nichtbinäre Geschlechtsidentitäten verwirrte Menschen, die sich einfach nicht entscheiden könnten. Das klingt alles so kompatibel mit dem "gesunden Menschenverstand", dass es nicht mal die (leicht zerpflückbaren) Paper braucht, mit denen Amelung et.al. natürlich auch rumwedeln. (ich hab mir seine Quellenliste angesehen und brauche keine zwei Minuten, um sowohl deren Mängel aufzudecken, als auch Amelungs falsche Schlussfolgerungen bzw rethorische Tricks)
Eine Analogie: Albert Einstein hat zweifellos großes geleistet für die Physik. Ohne seine Erkenntnisse würde zB kein GPS funktionieren. Ohne Quantenmechanik aber auch nicht. Aber die konnte Einstein überhaupt nicht ertragen. Ebenso wie viele andere Physikys und große Teile der populärwissenchaftlichen Gemeinden. Die eher unwissenschaftliche Öffentlichkeit schon gar nicht. Die hatten schon ihre liebe Not mit Einstein. Einsteins "Gott würfelt nicht" ist legendär, obwohl der Satz gleich zwei Falschannahmen enthält und Quantenmechanik nachweislich korrekt funktioniert. Es widerstrebt einfach dem "gesunden Menschenverstand", dass das ganze Universum im Allerkleinsten nicht deterministisch und berechenbar ist, sondern Dinge unvorhersagbar ohne Ursache zufällig entstehen und vergehen. Daran lässt sich in öffentlichen Diskussionen prima anknüpfen und du "gewinnst" easy quasi jede
popular vote.
Kurz: Wenn du ein undifferenziertes Publikum mit pseudo-logischen, wissenschaftlich klingenden Thesen beschickst, haben echte Wissenschaft und komplexe Zusammenhänge keine Chance auf der Bühne. Deshalb ist das Spielfeld nicht fair und gerade die sachliche Auseinandersetzung die du möchtest gar nicht möglich.
Es wäre deshalb ganz zuerst mal nötig, eine gemeinsame emotions-reduzierte Basis zu schaffen, wo alle Teilnehmenden ihre Perspektiven darlegen können und alle anderen diese auch verstehen.
Ich möchte auf einen zentralen Knackpunkt eingehen, weshalb das bei bzw von Amelung nicht gewollt ist. Dazu muss ich etwas ausholen. Ca 300 Jahre in die Anfänge der modernen Wissenschaft, der vor allem eines fehlte: Wörter. Bezeichnungen. Sowohl für einzelne Dinge, die als solche entdeckt wurden, als auch für Phänomene, Gesetzmässigkeiten, Kategorien, usw. Eine wissenschaftliche Hauptbeschäftigung war lange Zeit, irgendwie Ordnung in den ganzen Wissenshaufen zu bringen. Und Ordnung heisst hier: Trennen, unterscheiden, einsortieren und benennen. In unterschiedliche Disziplinen und ihre Fachgebiete, die Kataloge erstellen, usw. In der Biologie gab bzw gibt es mehere Ansätze für Taxonomien, aber so richtig glücklich ist man da bis heute nicht, weil sich immer irgendwelche Wesen der eindeutigen Zuordnung entziehen. Das Schnabeltier (s. Abis "Social Contract" Video) ist ein bekanntes Beispiel. Es gibt viele andere, zum Beispiel Arten mit 3, 4, 5 "Geschlechtern". Ähnlich in der Physik, wo verschiedene Modelle (Gleichungssysteme) zwar innerhalb ihrer Definitionsbereiche funktionieren, aber nicht miteinander. Welle/Teilchen, Quantenmechanik/Relativität und die Schwerkraft, die irgendwie gar nicht rein passt.
Im Wiki-Artikel
Taxonomie ist auch ein Abschnitt zur Kritik an Taxonomien generell: Sie sind für einen bestimmten, begrenzten Zweck pragmatisch aber gleichzeitig willkürlich. Es gibt keine "natürlichen Regeln". Statt dieser könnte je nach Zweck auch jede andere Kategorienbildung sinnvoll sein. Ausserdem: "Anthropologische Untersuchungen zeigen, dass die in bestimmten Sprach- und Kulturräumen verwendeten Taxonomien in örtliche, kulturelle und soziale Systeme eingebettet sind und unterschiedlichen sozialen Zwecken dienen." - Fun fact: Alphabetische Sortierung für Wissen a'la Lexika ist eine ziemlich neue Idee. Selbst die Sortierung der Alphabete.
Gilt nicht nur für die Biologie, sondern für alle Fachgebiete.
Innerhalb der jeweiligen Fächer sind sich die meisten (hoffentlich!) der Willkürlichkeit, Unschärfe, Mehrdeutigkeit und begrenzten Gültigkeit der Begriffe bewusst. Sobald ich nicht "vom Fach" bin oder mehrere Fächer mische, wird es kompliziert. Nochmal Physik als Beispiel: Quarks haben eine "Farbladung" (rot, grün, blau und die "Anti-Farben" cyan, magenta und gelb). Das sind aber nur Bezeichnungen, die mit "Farbe" weder im physikalischen Sinn (Frequenz) noch in der Alltagswahrnehmung zu tun haben. Den Leuten, die das Verhalten beobachtet und mathematisch beschrieben haben, fiel einfach nichts besseres ein. Zitat Richard Feynman: "Diese Physiker-Idioten, unfähig sich irgendwelche wundervollen griechischen Wörter auszudenken, bezeichnen diese Art der Polarisation mit dem unglücklichen Begriff ‚Farbe‘, der nichts mit der Farbe im üblichen Sinn zu tun hat.“ Gleiches für die Eigenschaft "Spin", der nichts mit einer wirklichen Drehung zu tun hat, sondern lediglich mathematisch ähnlichen Gleichungen folgt.
So richtig heftig wird es aber, wenn Fachbegriffe mit einer ziemlich engen, nicht übertragbaren Bedeutung gleichzeitig für ganz andere Dinge in anderen Gebieten verwendet werden, oder gar in der Alltagssprache - und dies bei ideologischen Diskussionen unterschlagen wird. Es geht natürlich um das Wort "Geschlecht", sein vergeschlechtlichten Verwandten und deren vielfältige, ganz unterschiedliche Bedeutungen.
Es wäre
eigentlich vollkommen unproblematisch, "Geschlecht" oder "männlich"/"weiblich" in der Biologie zu verwenden, solange allen Beteiligten klar ist, über was im Detail gesprochen wird. Wir können "die großen Gameten" weiblich nennen zur Vereinfachung und die "die kleinen Gameten" männlich. In mikrobiologischen Fachdiskussionen ist klar, dass damit weder auf Chromosomen noch auf geno- oder phänotypische Details eines Individuums geschlossen werden kann - und schon gar nicht auf Kategorien ausserhalb der Mikrobiologie wie soziale Rollenkonzepte oder adlige Abstammung. Stattdessen könnten auch die Bezeichnungen "X-Typ" und "A"/"B" verwendet werden.
Unsere Hirne sind aber nicht so trennscharf, sondern arbeiten mit Assoziations-Netzwerken. Ein Wort aktiviert immer alle Kontexte, in dem wir es je gehört oder gedacht haben. Wir können uns deshalb bei der Sprache über "weibliche" Keimzellen den (unbewussten) Assoziationen zu "Frau", "Schwangerschaft", "Geburt", "Kind" und all den "weiblichen" Rollenbildern nicht entziehen. Alles davon wird mehr oder weniger automatisch mit dem Wort "weiblich" aktiviert (ja, dazu gibt es reichlich psycho-linguistische Fachliteratur mit priming Experimenten) und durch "fachfremde" Verwendung wie zum Beispiel bei elektrischen Steckverbindungen verfestigt.
Es ist deshalb gleichzeitig wahr, dass "wissenschaftlich nach wie vor nicht widerlegte Tatsachen um das biologische Geschlecht"
in der Biologie unstrittig sind, auch unter trans-aktivistischen Personen, aber gleichzeitig die Benennungen "weiblich"/"männlich" problematisch sein können, wenn sie in anderen Kontext transferiert werden, ohne sie einzuordnen.
Vereinfacht: Wenn trans Mann Till Amelung jetzt schwanger würde (keine Ahnung wie sein Fortpflanzungssystem real aussieht), wären seine Gameten dann "weiblich"? "Männlich"? Bzw in welchem Kontext ist welche Bezeichnung akkurat? Kommt wohl darauf an, worüber gerade geredet wird und dass die Kontexte sauber definiert werden.
Die tatsächlich wissenschaftliche Diskussion dazu läuft logischerweise in der dafür prädestinierten Wisschenschaft, in wie weit vergeschlechtlichte Wörter in Fachdisziplinen Auswirkungen auf gesellschaftliche Diskussionen haben und in wieweit sie hinterfragt und ersetzt werden sollten, um keine Falschassoziation und unzulässige Verknüpfungen zu schaffen. Kurz: Wo wir im Zusammenhang mit "Geschlecht" stehende Wörter vielleicht besser weglassen sollten, um tatsächlich sachlicher denken und reden zu können.
Das ist der ganze "Konflikt", den Amelung offenbar nicht verstanden hat oder nicht eingestehen will - "... wurden mit den Standardantworten erwidert: Wir seien in einem kapitalistischen System und alles ginge auf alte, weiße Männer zurück. Weshalb dies ein hinreichender Grund sein soll, um etwas als "unwahr" zu etikettieren, konnte nicht geklärt werden". Nicht biologische Phänomene werden als unwahr bezeichnet, sondern ihre althergebrachte ("alte, weisse Männer"), willkürliche Benennung als ungeeignet für übergreifende Diskussionen über die mikrobiologischen Details hinaus.
Ich sehe daher schon den Titel der Veranstaltung als bewusst provokant und irreführend; "Transgender Wars – Why Became Biological Facts a Controversy?" ("Transgender-Kriege – Warum wurden biologische Fakten zu einer Kontroverse?"). Er unterstellt - unzutreffend -, transaktivistische Leute würden biologische Wissenschaft in Frage stellen und_oder einen "Krieg gegen Fakten" führen.